Gespräch mit Dr. Donata Elschenbroich, Expertin für Bildung in frühen Jahren und Autorin des Bestsellers "Weltwissen der Siebenjährigen", DJI

In den Jahren vor der Schule werden Kinder in Deutschland oft unterschätzt. Ihre Wissbegier, ihr natürlicher Forscher- und Erfindungsdrang laufen ins Leere, finden keinen Widerhall, werden sogar gebremst. Donata Elschenbroich vom DJI setzt sich seit vielen Jahren ein für die kindgerechte Vermittlung naturwissenschaftlichen Wissens in den Kindergärten und Grundschulen.

 Frau Elschenbroich, Wissen hat Konjunktur: die Universitäten veranstalten Wissenschaftsnächte für Erwachsene und öffnen ihre Tore für Kinder. Neue Wissenschafts-Magazine schießen wie Pilze aus dem Boden. Heißt das, unser Interesse an naturwissenschaftlichen Phänomenen ist tatsächlich gewachsen? Oder liegt es nur daran, dass moderne Technik die sehr anschauliche Vermittlung auch komplizierter Materie erlaubt?

"Naturwissenschaften liegen mir nicht", haben viele von uns nach den Schulerfahrungen gesagt. Und die Fächer abgewählt. Waren wir danach erleichtert? Nur kurz. Da blieb Enttäuschung, und das Gefühl, ausgeschlossen zu sein, oder sich selbst abgeschnitten zu haben von den Ideen und dem Wissen, das unsere Erfahrungen mit der Natur hätte ausdehnen können. Unser Leben ist ein physisches Leben, und wenn wir davon so wenig wissen, wie haben wir dann gelebt?

Jetzt, wie Sie sagen, hat Wissen Konjunktur, und viele suchen nach einer zweiten Chance. Und die gibt es. Gerade im Umgang mit Kindern kann man wieder neu anschließen ans elementare Naturforschen. Leben lernen heißt ja, elementare Physik zu betreiben. Mithilfe der Kinder - sie ZEIGEN auf alles ! - kann man die aus dem Alltag der Erwachsenen verschwundenen Fragen an die Natur wieder reaktivieren.

Früher hatten die Kinder in Werkstatt und Küche, Feld, Wald und Wiese natürliche Experimentierfelder. Sind die heute ausreichend ersetzt durch die zugegeben sehr ansprechend gestalteten Wissensreihen der Buchverlage oder 3-D-animierte Erklärungen in Fernsehsendungen oder am Computer?

Kinder müssen reale Erfahrungen mit der realen Welt machen können. "Physik ist Handwerk, das sich besinnt". Sie müssen sich wundern können über die Lebenskraft einer Margerite zwischen zwei Pflastersteinen mitten in der Stadt. Auf dem Bildschirm kann es ja eine Montage sein. Aber Natur ist nicht nur Wald. Obwohl es dort besonders viel zu erfahren und zu forschen gibt. Naturwissenschaftliche Elemente hat z.B. auch das Putzen: Materialkunde, Chemie, Physik der Haushaltsgeräte … und kleine Kinder putzen oft leidenschaftlich gern.

Kinder stellen uns sehr gute Fragen: Mami, warum ist der Himmel blau? Woher kommen die Wellen? Wie gehen Eltern, Erzieher- und LehrerInnen damit um?

Wir weichen oft verlegen aus, weil wir meinen, wir müssten korrekte Fakten vermitteln können. Aber wichtiger ist es, erst einmal dem Kind die Freude über die Frage mitzuteilen. Und dann zusammen aufmerksam werden, sich mit den Kindern ins Offene begeben. Gesprächspausen dabei sind Kindern übrigens nicht peinlich, eher den Erwachsenen. Wenn man so einsteigt, merkt man oft als Erwachsener, dass man mehr weiß, als man gedacht hätte. Sogar das eine oder andere Element von Schulwissen ist plötzlich wieder da. Und, ein Motto: Das Suchen ist ansteckender als das Wissen !

Fragen der Kinder: das sind ja nicht nur verbale Warum-Fragen. Kinder fragen in hundert Sprachen. Säuglinge runzeln die Stirn und manchmal gibt es dieses Erfolgslächeln nach einem gelösten Problem. Einjährige schubsen x-mal den Saftbecher vom Hochstuhl. Die Zweijährige spielt mit ihrem Schatten an der Hauswand. Der Dreijährige nimmt den Wecker auseinander … Solches Verhalten als Fragen lesen zu lernen, das müssen wir selbst erst lernen. Aber wir sollten uns nicht zu sehr fixieren auf das Quiz-Schema, auf das verbale Frage/Antwort-Muster.

Warum beklagen die meisten Erwachsenen im Rückblick auf ihre Schulzeit gerade bei den Mathe-, Physik- und ChemielehrerInnen das mangelnde didaktische Geschick?

Bei meinen Interviews mit renommierten NaturwissenschaftlerInnen habe ich mich immer wieder gewundert, wie wenig sie über ihre frühen Eingänge ins Naturforschen erzählen konnten. Sie haben diese "unwissenschaftlichen" Erinnerungen zurückgelassen, sie abgeworfen wie den Ballast der Rakete nach dem Start.

Der wunderbare Naturwissenschaftsdidaktiker Martin Wagenschein (1896-1988) hatte das Ziel, das (menschenleere) Hochplateau der professionellen Naturwissenschaften dem elementaren Naturforschen in der Kindheit anzunähern. Ziemlich erfolglos, bisher, muss man sagen. Es ist aber auch alles andere als leicht. Die Naturwissenschaften verlangen ja, dass man abstrahieren kann von sich selbst. Dieser Weg zum Begriff, zur Sprache der Mathematik im Umgang mit Naturgesetzen - da braucht es langen Atem, um nicht abzuspringen.

In den Hörsälen für Physik und Chemie sind Hörerinnen eine verschwindende Minderheit. In den Krippen, Kindergärten und Grundschulen liegt die Erziehung und Bildung unserer Kinder vorwiegend in den Händen von Frauen. Sehen Sie da einen Zusammenhang?

Kinder lernen von Menschen. Das Bildungssystem eines Landes begegnet ihnen in den Personen, mit denen sie vor der Schule am meisten Kontakt haben. Erzieherinnen im Kindergarten hat man fürs Soziale ausgebildet, das traut man ihnen zu, da fühlen sie sich dann auch zuständig. Auch vielleicht noch für die Künste, und fürs Lebenspraktische … und das gibt durchaus viel Stoff im Umgang mit den Kindern.

Aber der Domäne des naturwissenschaftlichen Wissens, die sich, aus welchen Gründen auch immer, als eine männliche etabliert hat, wichen die Erzieherinnen bisher meist aus. Warum jemand WEINT, da gehen ihnen die Hypothesen leicht von den Lippen. Aber wie das Wasser in den vierten Stock kommt … um solche Fragen schlagen Mütter und Erzieherinnen einen Bogen. Das Kind lernt dabei: diese wichtigen Erwachsenen kommen gut durchs Leben ohne dieses Wissen, ohne überhaupt danach zu FRAGEN.

Wir haben übrigens bei unseren Dreharbeiten zu "Die Befragung der Welt. Kinder als Naturforscher" immer wieder beobachtet, dass Mädchen im vorschulischen Alter deutlich sicherer, aufmerksamer, artikulierter beim Forschen und Experimentieren sind als die Jungen. Die Entfremdung kommt später. Vielleicht können Mädchen sich schwerer damit abfinden, dass die frühen Erfahrungen mit den Naturgesetzen - die Kissenschlacht, der Gegenwind auf der Schaukel, die auf der Hand aufsetzende Schneeflocke - sich so gar nicht mehr im "aufgefächerten" naturwissenschaftlichen Schulunterricht wiederfinden lassen. Wenn vom Mond der Kindheit kein Weg zum Mond der Physik führt - das scheint Mädchen mehr zu demotivieren.

Wäre es anders, wenn wir mehr männliche Erzieher hätten? Würden dann mehr Baumhäuser geplant, gezeichnet und gebaut? Würden Forscherecken mit Regenwürmern, Steinen, Wasser und Schlamm entstehen?

Zweifellos. Aber die Erzieherinnen sind auch nicht gegen die Wand gelaufen. In den vergangenen zwei Jahren sind in vielen Kindergärten Erfinderclubs, Forscherecken, Wasserprojekte angelaufen. In Hamburg hat ein Kita-Wettbewerb "Wer fliegt am besten?" faszinierende Resultate aus über hundert Kindergärten erbracht. Und in Bayern ist gerade ein Kindergarten-Wettbewerb "Es funktioniert!" ausgelobt, auf dessen Resultate ich auch schon sehr gespannt bin.

100 bayerische Kitas testen derzeit einen "Entwurf des Bayerischen Bildungs- und Erziehungsplans für Kinder in Tageseinrichtungen bis zur Einschulung", den das Institut für Frühpädagogik entwickelt hat. Wird unser Zweijähriger durch das einmalige Wasserspiel im letzten Oktober nun ein engagierter Wissenschaftler?

Ihre Zweifel höre ich schon in der Frage! Diese naturforscherischen Projekte können immer nur Anstöße sein für die Kinder, in der Familie wie im Kindergarten. Was sich den Kindern dauerhafter mitteilt, ist der Blick der Erwachsenen, ihre Erwartungen, ihre Zuschreibungen. "Wir hätten Schweinerei sagen können. Aber wir haben es Experiment genannt". Da kann ein Kind das positive Konzept aufbauen: Ich bin ein Forscher. Pathetisch formuliert!

Schon in Ihrem Bestseller "Weltwissen der Siebenjährigen" (2001) haben Sie sich gemeinsam mit Ihren Interviewpartnern Gedanken darüber gemacht, wie man den natürlichen Forscherdrang der Kinder stärken und erhalten könnte. Weiterentwickelt haben Sie diese Ideen in dem einstündigen Film "Die Befragung der Welt. Kinder als Naturforscher" (2004). Er soll Experten und Praktikern Tipps für eine bessere naturwissenschaftliche Bildung geben. Wie rege ist denn das Interesse der Fachleute?

Ich bin beeindruckt von der Experimentierfreude vieler ErzieherInnen. Ein Rückmeldebogen über diesen Film brachte das Ergebnis, dass fast alle ErzieherInnen finden, dass das Thema Naturwissenschaften in den Kindergarten gehört, weil die Kinder spontan an Naturforschung interessiert sind, weil die Bedingungen im Kindergarten - keine Noten, mehr Zeit im Alltag - besser sind als in der Schule. Und weil es die ErzieherInnen selbst auch interessiert. (zur Fragebogenauswertung)

Als abschließende Frage: woran arbeiten Sie gerade?

Mit meinem Co-Autor Otto Schweitzer arbeite ich gerade an der Endproduktion des Films "Im Frühlicht. Die ersten drei Lebensjahre als Bildungszeit" (45 Minuten, im Auftrag des BMFSFJ). Im Juni 2005 soll er ausgeliefert werden.

Und auf unseren Regalen liegt viel Material aus China: Beobachtungen in privaten und staatlichen Kindergärten, in Familien, im Alltagsleben der Großstadt Peking, 2004. Hoffentlich können wir das bald in einem Film auswerten. Man sollte hier mehr wissen darüber, wie die chinesischen Zeitgenossen unserer Zwei- und Fünfjährigen aufwachsen. Sie werden in Zukunft einiges mit einander zu tun haben.

Frau Elschenbroich, wir danken Ihnen für dieses Gespräch!

Haben Sie Fragen oder Anregungen zum Thema "Kinder als Naturforscher": Schreiben Sie an donata.elschenbroich@t-online.de

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