Gespräch mit DJI-Direktor Prof. Dr. Thomas Rauschenbach

Prof. Dr. Thomas Rauschenbach, Direktor des Deutschen Jugendinstituts und Professor an der Universität Dortmund, ist Mitautor des vierten nationalen Bildungsberichts, der gerade von der Kultusministerkonferenz und dem Bundesbildungsministerium vorgestellt wurde. Im Gespräch mit DJI Online nimmt er Stellung zu den Ergebnissen des Berichts und erläutert die Hintergründe.

Herr Prof. Rauschenbach: Schwerpunkt des vierten nationalen Bildungsberichts war – nach der Migration 2006, den Übergängen 2008 und dem demografischen Wandel 2010 – die kulturelle/musisch-ästhetische Bildung im Lebenslauf. Warum?

Die Auftraggeber, die Kultusministerkonferenz und das Bundesbildungsministerium, wollten mit diesem Schwerpunktthema einen bewussten Gegenakzent setzen zu einem Bildungsverständnis, das in der Öffentlichkeit oft mit PISA und den schulischen Hauptfächern, Deutsch, Mathe, Englisch, gleichgesetzt wird. Wichtig war allen Beteiligten das Signal, dass zur Bildung auch die kulturelle und die musisch-ästhetische Bildung gehören.

Die musische Bildung ist ein Thema, bei dem die neuen Ganztagsschulen über die Kooperation mit den Jugendmusikschulen durchaus punkten könnten. Ist dies bereits der Fall?

Es gibt zwar Hinweise – etwa in der StEG-Studie, an der das DJI beteiligt ist –, dass es in der Ganztagsschule musisch-kulturelle Angebote gibt. Aber das war in diesem Bildungsbericht gar nicht Gegenstand der Betrachtung; dafür ist es vielleicht auch noch ein bisschen zu früh.

Allerdings: Man muss zudem immer wieder daran erinnern, dass wir im Bericht gehalten sind, nach Möglichkeit vorhandenes amtliches Datenmaterial aufzubereiten oder – soweit diese nicht vorhanden sind – ersatzweise auf repräsentative Studien zurückzugreifen. Und in dieser Hinsicht sieht es bei dem Schwerpunktthema 2012 ausgesprochen schlecht aus. Anschauliche, beeindruckende Einzelbeispiele, das wird oft übersehen, helfen uns da nicht weiter. Das gilt auch für die Frage der kulturellen Bildung in der Ganztagsschule.

Im Bildungsbericht heißt es nun, dass die musischen Angebote in den Schulen von Schüler/innen, die in dieser Hinsicht zu Hause wenig Anregung erfahren, vielfach ungenutzt bleiben. Vielmehr zeige sich, dass das Elternhaus prägender für die künstlerischen Aktivitäten der Jugendlichen sei als der schulische Rahmen. Wie erklären Sie sich diese etwas ernüchternde Einsicht im Hinblick auf eine mögliche Kompensationswirkung der Schulen?

Nun, das mag vielleicht daran liegen, dass der herkömmliche Musikunterricht in den Schulen weitaus stärker genau die Art von Musik anbietet, die in bildungsbürgerlichen Elternhäusern gepflegt wird. In diesem Fall wird ein klassischer Zugang zur Musik für einen Schüler, der sich eher für Hip-Hop-Musik oder Rap begeistert, kaum ein attraktives Angebot darstellen. Vielleicht ist aber auch die Abwesenheit der schulischen Zwänge – Unterricht, Lehrplan, Klausuren, Noten – ein positives Stimulans, um seinen eigenen Neigungen und Hobbys sehr viel intensiver nachzugehen.

Diesbezüglich könnte die Ganztagsschule eine Chance sein. Möglicherweise gelingt es in den ganztägigen Angeboten, jenseits des Unterrichts, sehr viel besser in der Kooperation mit außerschulischen Akteuren am Nachmittag diese Limitierungen aufzubrechen und so die Lebenswelten der Jugendlichen auch in einem schulischen Kontext zu erreichen. Es darf einfach nicht passieren – wie wir es in einem Projekt erlebt haben –, dass ein Jugendlicher, der im Deutschunterricht schlechte Noten hatte, in seiner Freizeit mit großer Hingabe Rap-Texte schreibt, der Lehrer dieses Interesse aber nicht aufgreifen kann, da er das überhaupt nicht weiß. An derartige Potenziale gilt es besser anzuknüpfen.

Ähnlich wie jetzt beim Schwerpunkt musisch-kulturelle Bildung wurde beim ersten Bericht 2006 das in Teilen noch unzureichende Datenmaterial vor allem zu den Schnittstellen im Bildungssystem wie z.B. beim Übergang vom Kindergarten in die Schule moniert. Sind wir nun – vier Berichte später – in Deutschland statistisch besser aufgestellt?

Ja und nein. Lassen Sie mich die Antwort an ausgewählten Bildungsstationen festmachen. Gut sieht es aus bei den Daten zur frühkindlichen Bildung, da wir seit 2006 das neue Datenerhebungskonzept nutzen können. Heute lassen sich relativ differenzierte Aussagen treffen zu Themen wie Gruppengröße, Betreuungsschlüssel, Kindern mit Migrationshintergrund oder zum gesamten Themenkomplex wie etwa der Kindertagespflege. Das war vor knapp 10 Jahren noch deutlich anders.

Ebenfalls verbessert hat sich die Lage in der beruflichen Bildung. Hier können wir inzwischen tendenziell auf Individualdaten zurückgreifen, wodurch beispielsweise erkennbar wird, ob ein Jugendlicher, der eine Lehrstelle annimmt, diese Lehre wieder abbricht oder zu Ende führt.

Die Hauptdefizite liegen nach wie vor in den Schulstatistiken. Dies ist der einzige Bereich, der für den Bildungsbericht überhaupt keine Individualdaten liefert, wodurch das – natürlich anonymisierte – Verfolgen von einzelnen Bildungsbiografien unmöglich wird. Eine reine Quote von Klassenwiederholungen lässt sich so ohne den Blick auf die einzelnen Werdegänge nicht wirklich interpretieren, weil wir noch nicht einmal wissen, wann ein Kind die Schule begonnen und ob bzw. wann es sie später auch beendet hat. Auch zum Migrationshintergrund lässt sich bis heute nichts sagen, da in der Schulstatistik lediglich die Staatsangehörigkeit erfasst wird. Das ist für eine differenzierte Berichterstattung, wie sie dem Grund nach unabdingbar ist, ein ebenso unbefriedigender wie inakzeptabler Zustand.

Auf der anderen Seite scheint der Bildungsbericht aber Schule zu machen, denn sogar einzelne Kommunen beginnen, dem Monitoring-Beispiel auf lokaler Ebene zu folgen.

Das ist richtig. Das Instrument der Bildungsberichterstattung gewinnt immer mehr an Bedeutung, auf der Bundesebene, in den Ländern und neuerdings auch vermehrt in den Kommunen. Aber diese Berichte sind doch von nicht zu unterschätzender unterschiedlicher Qualität. Einerseits können Kommunen auf zusätzliche lokale Daten und Informationen zurückgreifen, die so auf der Bundesebene nicht vorliegen; bei der Schulstatistik stoßen sie aber auf vergleichbare Grenzen wie der nationale Bildungsbericht, es sei denn, es liegen kommunale Zusatzinformationen vor.

Andererseits habe ich den Eindruck, dass sich die kommunale Berichterstattung manchmal doch inhaltlich und konzeptionell etwas zu stark am nationalen Bildungsbericht orientiert, ohne die Möglichkeiten der kleinräumigen Analysen gezielt zu nutzen. Man muss abwarten, wie sich diese Berichtskultur in den nächsten zehn Jahren entwickelt.

Die meisten Reformen, insbesondere wenn es sich um Ausbaumaßnahmen wie bei den Kitas oder den Ganztagsschulen handelt, kosten Geld. Woher soll das kommen? Das Gros der Kommunen ist notorisch klamm, die Länder wollen sich nicht hineinreden lassen und die Mittel vom Bund fließen wegen des 2006 beschlossenen Kooperationsverbots nur begrenzt und zukünftig wohl nur an die Hochschulen.

Beim Thema Finanzierung ist ein differenzierter und unaufgeregter Blick notwendig. Wie wir schon im letzten Bericht gezeigt haben, wird die Demografie dazu beitragen, dass wir – mit Ausnahme des frühkindlichen Bereichs und des Hochschulbereichs – insgesamt weniger Plätze und Personal in den Bildungseinrichtungen benötigen. Die darauf basierenden Berechnungen kommen zu dem Schluss, dass in Deutschland bis 2025, grob geschätzt, im gesamten Bildungssystem bis zu 20 Milliarden eingespart werden könnten.

Natürlich werden diese Mittel nicht Eins-zu-Eins frei verfügbar sein. Aber dennoch bedeutet das: Im Bildungssystem werden Mittel frei. Daher wird es entscheidend darauf ankommen, dass dieses Geld im System bleibt und sinnvoll reinvestiert wird. So nutzen zum Beispiel schon heute einzelne Hauptschulen, die immer weniger Schüler/innen haben, das freiwerdende Stundendeputat der Lehrkräfte für deren stärkere Beteiligung an den nicht-unterrichtlichen Angeboten im Ganztagesbetrieb.

Nichtsdestotrotz werden wir auch in Zukunft mit dem föderalen Problem zu kämpfen haben, sprich: dass der frühkindliche Bereich in die Verantwortung der Kommunen fällt und diese den Großteil der Kosten tragen müssen, faktisch dafür aber keine stabilen Rahmenbedingungen haben. Hier sind Bund und Länder gefordert. Denn: Dies trifft vor allem diejenigen Kommunen besonders hart, die ohnehin geringe Steuereinnahmen haben, ungünstige Bevölkerungsstrukturen und überproportional viele soziale Brennpunkte aufweisen – wie derzeit viele Städte im Ruhrgebiet.

Schlägt dann die Stunde der freien Träger, die über Spenden und Elternbeiträge finanzierte Kitas oder Privatschulen gründen, wie die Schlagersängerin Nena 2007 in Hamburg? Die Zahl der Einrichtungen in privater Hand ist laut Bericht ja dramatisch gestiegen.

Vorsicht. Da muss man differenzieren. Bei diesem Punkt sehe ich keinen Grund der Beunruhigung. Man darf nicht vergessen, dass die Geschichte des Kindergartens immer eine Geschichte der privaten Initiativen gewesen ist. Der Kindergarten war ja, anders als die Schule, nie ein staatliches Unterfangen, sondern mehrheitlich immer in den Händen der Zivilgesellschaft. Ein Beleg dafür ist die bis heute gültige Bezeichnung „staatlich anerkannte Erzieher/in“, da dem Staat das System der Kindertagesbetreuung gewissermaßen aufgenötigt wurde, und dieser dann – zögerlich – entsprechende Gesetze und Verordnungen dafür entwickelt hat. Bis heute sind im Kita-Bereich zwei Drittel der Einrichtungen in nicht-staatlicher Hand.

Sind es denn die Privatinitiativen zur Kleinkindbetreuung, die der Auslöser für den überproportional starken Zuwachs der freien Träger sind?

Im Prinzip ja. Aber das ist ja nicht besonders verwunderlich, wenn man bedenkt, dass im Osten Deutschlands in den vergangenen 20 Jahren ein einst zu 100 Prozent staatlich organisierter Bereich wie der der Kinderbetreuung nach und nach in nicht-staatliche Hände übergeben wurde. Heute sind die Träger ehemals kommunaler Einrichtungen in Chemnitz oder Cottbus eben der Deutsche Paritätische Wohlfahrtsverband oder die Arbeiterwohlfahrt.

Diese für mich wenig dramatische Entwicklung ist anders zu bewerten als im Hochschulbereich, wo wir in der Tat eine auffällige Zahl echter Neugründungen kleinerer, vorzugsweise anwendungsorientierter Hochschulen beobachten, die – vielfach von Stiftungen – privat betrieben werden, bei einer insgesamt allerdings sehr kleinen Zahl an Studierenden. Die größte „Privatisierungs-Dynamik“ stellen wir jedoch im U3-Bereich fest, einfach deswegen, weil es dort einen starken Mangel an Plätzen gibt, demnächst ein Rechtsanspruch in Kraft tritt und Eltern oder große Unternehmen infolgedessen selbst initiativ werden.

Die doch sehr unterschiedlichen Motivlagen und Entwicklungen in diesen Bildungsbereichen müssen wir in den nächsten Jahren genau verfolgen. Aber wir sind weit davon entfernt, uns dem anglo-amerikanischen Modell mit einem hohen Anteil an privaten und teuren Elite-Einrichtungen anzunähern.

Nicht nur die Trägerlandschaft, sondern auch die Bildungswege, die junge Menschen heute nehmen, weisen einen Trend in Richtung Individualisierung, Flexibilisierung, Modularisierung auf. Angesichts der Ausdifferenzierung von Bildungsgängen empfiehlt der Bericht nun sogenannte „Bildungsplanmanager“ speziell für benachteiligte Gruppen. Ist das nicht ein Armutszeugnis für das deutsche System?

Ich denke nicht, sondern es ist ein erster möglicher Versuch, auf eine Entwicklung zu antworten, die wir im Bildungssystem momentan beobachten. Ich nenne dieses Phänomen gern „Optionsanreicherung“. Was es heute immer weniger gibt, ist ein einheitliches Eintrittsalter in die Schule, das Mitte der 1990er Jahre von der Kultusministerkonferenz (KMK) aufgehoben wurde. Vorher war klar, dass alle Kinder in Deutschland mit sechs Jahren eingeschult werden und nach einer vierjährigen Grundschulzeit eine der drei weiterführenden Schulformen Hauptschule/Realschule/Gymnasium besuchen. Anschließend gab es noch zwei weitere Optionen, nämlich entweder eine Lehre oder ein Studium zu absolvieren – und alles in wohl dosierten Formen.

Diese klare Sortierung und Standardisierung gibt es heute vielfach nicht mehr. In den letzten zehn, zwanzig Jahren hat sich eine schwer überschaubare Vielfalt an möglichen Bildungswegen entwickelt. Neben dem unterschiedlichen Alter der Kinder gibt es eine Fülle neuer Schulformen und möglicher Alternativen, um zu einem Schulabschluss zu gelangen. So ist es heute keinesfalls mehr selbstverständlich, einen Hauptschulabschluss auch wirklich an einer Hauptschule abzulegen oder etwa die Hochschulzugangsberechtigung ausschließlich an allgemeinbildenden Gymnasien zu erwerben. Mögliche andere Wege führen dann eben auch dazu, dass das durchschnittliche Eintrittsalter in der dualen beruflichen Ausbildung heute bei unglaublichen 19,5 Jahren liegt. Ein Befund, der einen schon nachdenklich macht und fragen lässt, was da schief läuft.

Inwiefern?

Nun, es gibt die Befürchtung, dass aus der gewachsenen Unübersichtlichkeit des gesamten Bildungssystems eine neue Benachteiligung oder Chancenungleichheit für diejenigen entsteht, die in dieser Hinsicht nicht auf das Wissen und die Unterstützung eines Elternhauses zurückgreifen können, die sich also in dieser optionalen Vielfalt nicht zurecht finden, Umwege machen, Bildungsverzögerungen in Kauf nehmen. Dies könnte ein Anlass sein, über die Idee eines entsprechenden Bildungsplanmanagements nachzudenken, etwas übrigens, was es in der Berufsberatung völlig selbstverständlich gibt.

Eine neue Aufgabe für Lehrkräfte oder neue Arbeitsfelder für sozialpädagogische Fachkräfte?

Wie man das im Einzelnen organisiert, sei momentan noch dahin gestellt. Es ging uns nicht um eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme oder die Einrichtung eines neuen Berufsfeldes, sondern darum, die Aufmerksamkeit auf die Bewältigung der möglichen Nebenwirkungen der wachsenden Optionsvielfalt zu lenken.

Die Flexibilität der Bildungswege erfordert im Umkehrschluss auch die Kompatibilität und Anschlussfähigkeit der Systemkomponenten. D.h. in der Konsequenz, dass die Zeit für institutionelle Abschottungen von einzelnen Bildungsbereichen gegeneinander oder politisch-ideologischen wie auch regionalen Grenzziehungen abgelaufen ist. Man denke nur an kuriose Blüten wie die „Mittelschulflüchtlinge“ an Bayerns Grenzen, die baden-württembergische Realschulen besuchen. Ist die Kultusministerkonferenz das richtige Gremium, um mit diesen Herausforderungen fertig zu werden?

Ganz, ganz langsam wächst in Deutschland das Bewusstsein, dass wir die föderalen Grenzen einerseits, die Ressortgrenzen andererseits und darüber hinaus noch die Trennung von Bildung in öffentliche und privat-familiäre Angebote nicht mehr lange aufrechterhalten können und sollten. Diese Grenzziehungen beeinträchtigen die Bildungsbiografien der Kinder über Gebühr.

In meinen Augen setzen wir mit dem Instrument des Bildungsberichts durch das beharrliche Aufzeigen von Entwicklungen über die Bildungsstationen und -orte hinweg ein ganz wichtiges Signal. Denn mit dem Bericht schauen wir ja über die Systemgrenzen hinweg und haben viele Bildungsorte zugleich im Blick: den Kindergarten, die Schule, die berufliche Bildung, die Hochschule, die außerschulischen Lernorte, die Weiterbildung und neuerdings auch die Familie. Im Übrigen ist es auch kein Zufall, dass der Bildungsbericht von einer Steuerungsgruppe verantwortet wird, in der neben der KMK sowohl das Bundesbildungsministerium als auch das Bundesjugendministerium sitzen.

Ich glaube, die Zeichen der Zeit sind erkannt, was übrigens auch in dem aktuell formulierten Plädoyer für die Einrichtung eines Nationalen Bildungsrats zum Ausdruck kommt, ein Vorschlag, um so endlich eine adäquate Antwort auf die vielschichtigen gesellschaftlichen Herausforderungen zu finden, anstatt uns dauerhaft im Zuständigkeitswirrwarr des Bildungsföderalismus zu verheddern.

Über welche Kanäle muss oder kann der notwendige Austausch denn effektiv und nachhaltig laufen?

In jedem Fall müssen alle Akteure an einen Tisch. Insofern ist der Bildungsbericht selbst ein ermutigendes Beispiel, weil die Mitglieder der Autorengruppe über ihre Spezialwissen hinaus miteinander im Austausch sind, enorm viel voneinander lernen und ihren Blickwinkel weiten. Möglicherweise ist die Arbeit an lokalen und regionalen Bildungsberichten ebenso der Anfang für eine grenzübergreifende Zusammenarbeit der Beteiligten auf kommunaler Ebene, mit der die in Deutschland stark ausgeprägte Selbstrefentialität der einzelnen Bildungsinstanzen allmählich aufgebrochen wird.

Der innerdeutsche Reformdrang oder -zwang wird zusätzlich befeuert durch die Internationalisierung – insbesondere des Hochschulwesens. Der Bologna-Prozess hat dazu geführt, dass es in Deutschland nun mehr Bachelor-Abschlüsse gibt. Haben wir hier einen Reformerfolg qua Europäisierung, der Vorbildcharakter für weitere Reformen haben könnte?

Ich bin in dieser Frage ein ausgesprochener Skeptiker, weil ich von Anfang an gesagt habe, dass diese Transformation unvermeidlich Nebenwirkungen erzeugen wird, die wir nicht in den Griff bekommen. Und dies zeigt sich jetzt mehr denn je. Nur drei Beispiele. So hat – erstens – die Einführung des Bachelor-Abschlusses (BA) beispielsweise nicht in dem Sinne zu einer besseren Anschlussfähigkeit geführt, dass die Studiengänge inzwischen kompatibler geworden sind. Genau das Gegenteil ist der Fall, da jede Hochschule in Deutschland nun ihren eigenen Bachelor-Studiengang entwirft. Die ehemals einheitlichen Regelungen der Rahmenordnungen sind weggefallen und ersetzt worden durch Akkreditierungsagenturen, die nun über die Zulassung der Studiengänge befinden.

Den möglichen Vorteilen einer Pluralisierung, eines gewachsenen Wettbewerbs und einer Internationalisierung steht das Unvermögen gegenüber, selbst zwischen benachbarten Universitäten in den Ingenieurswissenschaften so etwas wie Kompatibilität herzustellen, um Studierenden den problemlosen Wechsel zu eröffnen. Das kann man nicht gerade als eine gelungene Internationalisierung bezeichnen. Mit anderen Worten: Wir haben im Hochschulsystem die Steuerung – etwa durch die Wissenschaftsministerien – aufgegeben und sie an so etwas wie „akademische TÜV-Agenturen“ übergeben, was in manchen Bereichen zum Chaos geführt hat. Prototypisches Beispiel ist für mich die mangelhafte Koordination der vielen neuen Studiengänge zur frühkindlichen Bildung.

Außerdem wurden – zweitens – die BA-Studiengänge eingeführt, um die Studienzeiten zu verkürzen. Nun wird aber im neuen Bildungsbericht sichtbar, dass 80 Prozent der Uni-Studierenden nach dem BA noch einen Master dranhängen. Nicht zuletzt, weil sich abzeichnet, dass ein BA-Abschluss zu einem Downgrading der Einstiegseinkommen auf dem Arbeitsmarkt führt.

Darüber hinaus deutet – drittens – die doch sehr hohe Abbrecherquote darauf hin, dass die kompakte Lehr- und Prüfungsstruktur des BA-Studiums möglicherweise einige Studierende überfordert. Steigende Abbrecherzahlen, im Jahr 2010 waren es 28 Prozent, sind schon ein deutlicher Hinweis. Und interessant ist doch zugleich, dass es zwei sehr traditionsstarke Universitätsfächer gibt, die sich der Bachelor-Idee gegenüber nie aufgeschlossen gezeigt haben: die medizinischen und die juristischen Fakultäten. An ihnen sind die Bologna-Reformen weitestgehend abgeprallt.

Die Bildungsberichte sollen programmatisch den Finger in die Wunden des Bildungssystems legen. Es gibt über alle Berichte hinweg neuralgische Punkte, die chronisch weh tun: die geringe Bildungsbeteiligung von Jugendlichen mit türkischen Wurzeln oder der konstant hohe Anteil von jungen Menschen, die im sogenannten Übergangssystem landen anstatt in Schulen, Ausbildung oder Beruf sowie der hohe Anteil von Schülerinnen und Schülern mit schwach ausgebildeter Lesekompetenz. Gibt es über die Jahre im Verlauf auch positive Entwicklungen?

Ja, positive Effekte gibt es durchaus. Erstens ist der U3-Ausbau zwar (noch) nicht befriedigend, aber er ist zuletzt deutlich vorangegangen. Und zwar mit einer Dynamik, die sich vor zehn Jahren noch niemand hätte vorstellen können. Zweitens ist die Zahl der Jugendlichen, die die Schule ohne Abschluss verlassen, von einst zehn bis auf zuletzt unter sieben Prozent zurückgegangen. Auch das ist eine erfreuliche Entwicklung. Allerdings muss man dabei einschränkend sehen, dass die PISA-Ergebnisse darauf hindeuten, dass die Heranwachsenden trotz des Hauptschulzertifikates erhebliche Mängel bei der Lesekompetenz aufweisen. Und drittens ist einer der spektakulärsten Befunde des aktuellen Berichts die stark gestiegene Zahl junger Menschen mit einer Hochschulzugangsberechtigung. Jedes zweite Kind verlässt heute das Bildungssystem mit einer Hochschulreife. Das ist für Deutschland ein erstaunlicher Befund und eine wichtige Entwicklung, da ja auch die Anforderungen in ehemals „einfachen“ Berufen stetig steigen.

Insgesamt scheint sich für Deutschland eine interessante Trendwende anzudeuten. Denn das jahrzehntelange Übergewicht der beruflichen Bildung verschiebt sich derzeit stark zugunsten der akademischen Bildung. Es kann also durchaus sein, dass die Unternehmen in einigen Jahren händeringend nach Auszubildenden suchen bei gleichzeitig zu vollen Universitäten – vor allem im Westen.

Hierauf reagiert die Wirtschaft aber offensichtlich durch das Anstoßen der Einrichtung erster dualer Studiengänge, die ein akademisches Hochschulstudium mit einer Ausbildung im Betrieb kombinieren.

Genau. Das könnten durchaus zukunftsweisende Wege sein.

Apropos Zukunft. In Technikunternehmen werden gern futuristische Szenarien entworfen, um die Arbeit in den Entwicklungsabteilungen anzuregen. In Deutschland gibt es keine zentrale Bildungsstrategie-Abteilung. Daher an Sie persönlich die Frage: In welche Bildungswelt wird ein Kind mit dem Jahrgang 2020 hineingeboren werden?

Meine Prognose ist: Die Bildungswelt wird in etwa zehn Jahren eine sehr stark öffentlich bestimmte Welt sein. Eine Standardbiografie wird so aussehen, dass diese „institutionelle Bildungskarriere“ mit dem zweiten oder dritten Lebensjahr beginnt, und stärker und gezielter als bislang die Potenziale der Kinder zu nutzen versucht. Im schulischen Bereich werden wir einen weitreichenden Ausbau der Ganztagsschulangebote haben – in welcher Form auch immer. Die schulischen Bildungslandschaften werden durch die Kooperation mit Musikschulen, Sportvereinen und anderen Einrichtungen sicherlich bunter werden. Und in der nachschulischen Zeit werden wir eine stärkere Verwobenheit der akademischen und nicht-akademischen Ausbildung erleben – wie beispielsweise mit den eben angesprochenen dualen Hochschulgängen.

Neben all diesen Transformationen werden wir erleben, dass Bildungsbiografien aufgrund der Optionserweiterung in zwei verschiedenen Geschwindigkeiten ablaufen werden. Auf der einen Seite mit Kindern, die im Turbotempo das System durchlaufen und mit Anfang Zwanzig nach einem akademischen Abschluss auf den Arbeitsmarkt kommen. Auf der anderen Seite wird es diejenigen geben, die im vergleichbaren Alter vielleicht gerade die Schule abgeschlossen haben und eine Ausbildung beginnen. Diese Schere zwischen Bildungsgewinnern und möglichen -verlierern wird sich somit weiter öffnen.

Insofern ist es wichtig, dass wir auch die Familie als Bildungsort stärken. In den Frühen Hilfen ist hier über die Jugendhilfe und Akteure des Gesundheitswesens ein Trend in die Familien hinein bereits deutlich. Umgekehrt müssen wir die Familien zum aktiven Part in den Bildungseinrichtungen machen, die die Anstrengungen der Kinder – natürlich im Rahmen ihrer Möglichkeiten – unterstützen. Die Schulen ihrerseits beginnen ganz allmählich, sich in den Sozialraum hinein zu öffnen, um hier Zugänge zu erleichtern.

Und der Bildungsplanmanager?

Den wird es vielleicht auch geben, auch wenn dies nicht so ganz nach meinem Geschmack wäre. Aber wenn wir, um ein Bild zu gebrauchen, das Bildungssystem zu einem Supermarkt mit einem schier unüberschaubaren Angebot machen, in dem nicht jeder die Kompetenz hat, die Qualität der Waren sofort zu erkennen, wäre es schon nicht schlecht, so etwas wie eine Instanz für den Verbraucherschutz in Sachen Bildungsfragen zu haben.

Herr Prof. Rauschenbach, haben Sie vielen Dank für dieses Gespräch.

(Interview: DJI Online Redakteurin Susanne John)

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