Gespräch mit Regine Derr und Helga Menne (Informationszentrum Kindesmisshandlung/Kindesvernachlässigung IzKK)

Seit über zehn Jahren bietet das am DJI angesiedelte Informationszentrum Kindesmisshandlung/Kindesvernachlässigung (IzKK) bundesweit und interdisziplinär Unterstützung bei der Prävention. Als Schnittstelle zwischen Forschung, Praxis und Politik dient das IzKK zudem der Vernetzung und dem Austausch auf nationaler wie internationaler Basis. Die Aufarbeitung von sexueller Gewalt gegen Kinder in Institutionen ist für das IzKK schon länger ein Thema. DJI Online hat mit Regine Derr und Helga Menne über die aktuelle Arbeit des IzKK gesprochen.

Frau Derr, sexuelle Gewalt in Institutionen wird derzeit vorrangig diskutiert. Wie häufig ist dies denn ein Problem in Familien?

R.D.: Auch wenn die aufgedeckten Fälle sexueller Gewalt gegen Minderjährige in Institutionen zu Recht ein hohes Maß an Bestürzung ausgelöst haben, sollte sexuelle Gewalt innerhalb der Familie nicht in Vergessenheit geraten. Wie sich das Verhältnis von Institutionen und Familie oder auch dem familiärem Umfeld bei sexueller Gewalt genau in Zahlen ausdrückt, hängt allerdings von den Definitionen ab, die zu Grunde gelegt werden. Bei Personen, die einmaligen sexuellen Missbrauch mit Körperkontakt vor dem 16. Lebensjahr erlebt haben, fand dies zu 18 Prozent innerhalb und zu 60 Prozent außerhalb der Familie statt (Wetzels 1997)[1]. Betrachtet man jedoch diejenigen, die von mehrmaligem sexuellen Missbrauch mit Körperkontakt betroffen sind, kehrt sich das Verhältnis um: 82 Prozent erlebten dies im familiären, 40 Prozent im außerfamiliären Kontext.

Dies ist ein Hinweis darauf, dass es bei sexueller Gewalt innerhalb der Familie häufig nicht bei einer Einzelhandlung bleibt. Auch die „Unabhängige Beauftragte zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs“ und der „Runde Tisch Sexueller Kindesmissbrauch in Abhängigkeits- und Machtverhältnissen in privaten und öffentlichen Einrichtungen und im familiären Bereich“ beschäftigen sich daher sowohl mit sexueller Gewalt in Institutionen als auch in der Familie.

Im Jahr 2010 wurde Dr. Christine Bergmann zur Unabhängigen Beauftragten für die Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs in Institutionen ernannt. Bereits 2007 hatte sich das IzKK in einer Ausgabe der IzKK-Nachrichten ausführlich des Themas angenommen. Mit welchen Schwerpunkten?

R.D.: Ein Artikel widmet sich zum Beispiel den Strategien von Tätern und Täterinnen in Einrichtungen. Denn um wirksame Präventionskonzepte zu entwickeln, ist das Wissen um das Vorgehen von Tätern unerlässlich. Wenn Täter/innen nach einem Mädchen oder Jungen suchen, um ihre sexuellen Bedürfnisse zu befriedigen, gehen sie sehr planvoll vor. Sie manipulieren sowohl das Kind als auch die Kollegen und Kolleginnen, die Vorgesetzten sowie die familiären Bezugspersonen des Kindes.

Wie muss man sich das vorstellen?

R.D.: Zuerst einmal testen sie die Abwehrfähigkeit des Kindes z.B. durch anzügliche Bemerkungen, scheinbar zufällige Berührungen oder Gespräche über Sexualität. Durch den engen Kontakt in Bildungs- und Betreuungseinrichtungen oder in Freizeitangeboten kennen sie das Kind und seine eventuelle Bedürftigkeit und Probleme gut. Dadurch können sie beim Kind durch besondere Zuwendungen und Aufmerksamkeit leicht ein Gefühl von Schuld und Abhängigkeit erzeugen. Zusätzliche Drohungen erschweren es dem betroffenen Kind oder Jugendlichen, sich im Missbrauchsfall jemandem anzuvertrauen.

Kolleginnen, Vorgesetzten gegenüber verhalten sich die Täter/innen so, dass sie besonders geschätzt werden, um einem möglicherweise aufkommenden Verdacht vorzubeugen. Gegenüber Eltern zeigen sie sich als hilfreiche Ansprechpartner/innen für deren Sorgen und Nöte und erfinden zuweilen Gründe, die veränderte Verhaltensweisen des Kindes erklären sollen. Wie Konzepte zur Prävention und Intervention bei sexueller Gewalt aussehen können und welche Elemente sie enthalten sollten, wird in weiteren Artikeln in diesem Heft behandelt.

Ein weiteres Thema in diesem Heft ist die sorgfältige Personalauswahl, bei der auch die Umsetzung des §72a SGB VIII zur persönlichen Eignung eine wichtige Rolle spielt.

Seit wann ist das erweiterte Führungszeugnis für Fachkräfte in Einrichtungen der Jugendhilfe Pflicht?

R.D.: Diese Regelung gilt seit 2010. Gegenüber dem normalen Führungszeugnis gibt das erweiterte Führungszeugnis auch Auskunft über minderschwere Verurteilungen wegen bestimmter Sexualdelikte an Mädchen und Jungen oder anderer kinderschutzrelevanter Vorstrafen wie z.B. Misshandlung von Schutzbefohlenen. So soll bereits durch die Personalauswahl ein verbesserter Schutz von Kindern und Jugendlichen in Einrichtungen der öffentlichen oder freien Jugendhilfe erreicht werden.

Auch von Ehrenamtlichen können Einrichtungen schon jetzt ein erweitertes Führungszeugnis verlangen, wenn sie es für notwendig halten. Der Kabinettsentwurf zum Bundeskinderschutzgesetz sieht vor, dass die Träger der öffentlichen Jugendhilfe mit den Trägern der freien Jugendhilfe vereinbaren, bei welchen Tätigkeiten von ehrenamtlich tätigen Personen die Vorlage eines erweiterten Führungszeugnisses notwendig ist. Dies setzt also eine Auseinandersetzung mit der Frage voraus, wie hoch das Risiko sexueller Übergriffe in einzelnen Bereichen und Situationen einzuschätzen ist, in denen Kinder und Jugendliche beaufsichtigt, betreut, erzogen oder ausgebildet werden. Über eine Verpflichtung dazu wird derzeit am Runden Tisch kontrovers diskutiert.

Das ist doch eine gute Idee. Was spricht dagegen?

R.D.: Viele Freizeitaktivitäten oder andere Angebote für Mädchen und Jungen werden nur durch das Engagement von Ehrenamtlichen überhaupt erst ermöglicht. Manche Verbände und Vereine befürchten, dass diese Menschen durch die Pflicht zur Vorlage eines erweiterten Führungszeugnisses abgeschreckt werden könnten, obwohl sie ihre Tätigkeit sehr gut machen und persönlich dafür geeignet sind. Denn die Vorlage eines solchen Führungszeugnisses ist mit einem gewissen bürokratischen Aufwand und mit Kosten verbunden.

Zudem wird argumentiert, dass die Pflicht zur Vorlage des erweiterten Führungszeugnisses zu falschen Gewissheiten verleiten könnte, da es für sich genommen keine ausreichende Schutzmaßnahme ist. Andere Einrichtungen erhoffen sich von der Anforderung eines erweiterten Führungszeugnisses einen Abschreckungseffekt potenzieller Täter/innen und betrachten die Sensibilisierung für die Problematik der sexuellen Gewalt, die durch die Diskussion über das erweiterte Führungszeugnis entsteht, als positiv und förderlich für die Entwicklung weiterer Präventionsmaßnahmen.

Frau Dr. Bergmann hat im Mai dem Runden Tisch, an dem auch Vertreter/innen der drei Bundesministerien für Justiz, Familie und Forschung sitzen, ihre abschließenden Empfehlungen unterbreitet. Ist die Expertise des IzKK in die Arbeit des Aufklärungsteams eingeflossen?

R.D.: Das IzKK hat in der Konstitutionsphase Frau Dr. Bergmann auf Forschungsbedarfe aufmerksam gemacht und am Prozess der Entwicklung des DJI-Forschungsprojekts „Sexuelle Gewalt gegen Mädchen und Jungen in Institutionen“ mitgewirkt. Meine Kollegin, Sabine Herzig, war in der Folge auch im wissenschaftlichen Beirat dieses Projekts vertreten.

Zur Vorbereitung des Runden Tisches hat das IzKK für das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) Forschungsergebnisse zu verschiedenen Aspekten aufbereitet und eine Zusammenstellung bestehender Verhaltenskodizes, Selbstverpflichtungen bzw. Standards zum Schutz von Mädchen und Jungen vor sexueller Gewalt in Institutionen erarbeitet. An den Sitzungen des Runden Tisches nehmen wir als Beobachterinnen teil, um aktuelle Diskussionen und Entwicklungen zu verfolgen.

Frau Menne, Sie betreuen am IzKK als Dokumentarin die Literaturdatenbank. Wer kann dort nach einschlägigen Titeln suchen?

H.M.: Die Literaturdatenbank ist ein zentrales Informations- und Serviceportal, das prinzipiell für alle Interessierten über das Internet kostenlos zugänglich ist. Wir haben seit dem Jahr 2000 kontinuierlich den Sammlungsschwerpunkt „Gewalt gegen Kinder und Jugendliche“ erweitert und auch immer wieder bedarfsorientiert ergänzt. 2008 wurde z.B. das Themenfeld der „Frühen Hilfen“ systematisch ausgebaut. Auf Grund dieser spezifischen thematischen Ausrichtung ist die Datenbank – zumal sie auch bundesweit einzigartig ist – sicherlich für Nutzer/innen aus den unterschiedlichsten Disziplinen und Tätigkeitsfeldern (wie z.B. Fachpersonal der Jugendhilfe, Mitarbeiter/innen von spezialisierten Beratungsstellen oder Wissenschaftler/innen an Forschungseinrichtungen) ein sehr interessantes und hilfreiches Auskunftsinstrument.

Wie viel Bände sind denn in der Datenbank insgesamt dokumentiert?

H.M.: Unser derzeitiger Bestand umfasst ca. 17.000 deutsch- und englischsprachige Literaturnachweise und wird natürlich ständig aktualisiert. Wir erfassen u.a. Monografien, Sammelbände, Graue Materialien, Buchaufsätze, Zeitschriftenartikel, Tagungsdokumentationen und audiovisuelle Materialien zu dem erwähnten Themenfeld.

Mir ist es sehr wichtig, ein qualitativ hochwertiges  Angebot von Literaturinformationen in der Datenbank zugänglich zu machen. Um das zu ermöglichen, sind umfangreiche Recherchen zur Ermittlung relevanter Fachliteratur und deren komplexe inhaltliche Erschließung mittels Vergabe von Schlagworten erforderlich.

Die zeitnahe Bereitstellung in der Datenbank ist natürlich ebenfalls wichtig, um einen möglichst aktuellen Literaturbestand anzubieten. Sie finden z.B. den bereits erwähnten Abschlussbericht der Unabhängigen Beauftragten, Dr. Christine Bergmann, zur Aufarbeitung des sexuellen Kindesmissbrauchs als Literaturnachweis in der Datenbank, wie auch die Expertisen und Ergebnisberichte des Forschungsprojektes „Sexuelle Gewalt gegen Mädchen und Jungen in Institutionen“, versehen mit einem Link auf die PDF-Dateien, die zur persönlichen Verwendung ausgedruckt werden können.

Müssen Fachkräfte grundsätzlich selbst recherchieren – oder stellen Sie für Interessierte auch Literaturlisten zusammen?

H.M.: Im Prinzip sollen die Nutzer/innen eigenständig recherchieren. Ich stehe natürlich bei Problemen oder Schwierigkeiten gerne als Ansprechpartnerin zur Verfügung. Dank einer neuen Bibliotheks-Software, die wir im September vergangenen Jahres eingeführt haben, steht für die Online-Recherchen eine verbesserte, übersichtliche Benutzeroberfläche mit komfortablen Navigationsmöglichkeiten und erweiterten Suchaspekten zur Verfügung, die eine selbstständige Recherche sicherlich sehr erleichtert. Man kann nach verschiedensten bibliografischen Angaben (wie z.B. Autor, Titel, etc.) oder auch nach inhaltlichen Kriterien (Schlagwörtern) suchen. Sofern urheberrechtlich zulässig, besteht bei einer Reihe von Literaturnachweisen auch die Möglichkeit, externe PDF-Dateien herunterzuladen und auszudrucken. Außerdem findet sich eine ausführliche Anleitung zur Nutzung der Datenbank unterhalb der jeweiligen Suchmasken. Für englischsprachige Nutzer/innen stehen die Suchmasken auch in englischer Sprache zur Verfügung.

Darüber hinaus bieten wir seit Juni 2011 zusätzlich auf unserer Homepage einen neuen Service an: Literaturlisten zu Schwerpunktthemen im PDF-Format. Die erste Literaturliste zum Thema: „Prävention sexueller Gewalt durch Professionelle in Institutionen“ ist soeben erschienen. Die Liste kann heruntergeladen und ausgedruckt werden. Weitere themengebundene Literaturlisten werden in unregelmäßigen Abständen erscheinen. Wir möchten damit einen komprimierten Überblick zu relevanter Fachliteratur zu einem bestimmten Aspekt der Problematik „Gewalt gegen Kinder und Jugendliche“ geben.

Der Vertrag von Frau Bergmann endet im Oktober, auch der Runde Tisch wird zum Jahresende ein letztes Mal tagen. Das IzKK macht weiter. Was steht als nächstes auf dem Programm?

R.D.: Derzeit unterstützen wir das BMFSFJ bei der Erarbeitung des neuen Aktionsplans zum Schutz von Kindern und Jugendlichen vor sexueller Gewalt und Ausbeutung, der den Aktionsplan aus dem Jahr 2003 ablösen wird. Diese Form der wissensbasierten Beratung gehört zu den Kernaufgaben des IzKK, wie auch die Aufbereitung und Vermittlung wissenschaftlicher Erkenntnisse an die Fachkräfte im Kinderschutz.

Ein weiterer Schwerpunkt ist die Vermittlung von Forschungsfragen, die sich aus der Praxis ergeben, an Wissenschaft und Politik. Der Aktionsplan umfasst sowohl die Problematik sexueller Gewalt in der Familie als auch in Institutionen. Wichtig ist auch der Schutz vor sexueller Gewalt in den neuen Medien und vor kommerzieller Ausbeutung, z.B. durch die Herstellung und Verbreitung von Darstellungen sexueller Gewalt an Kindern. Die Umsetzung der Maßnahmen des Aktionsplans soll durch ein Monitoringverfahren begleitet werden, das das IzKK maßgeblich unterstützen wird.

Wann erscheint die nächste Ausgabe der IzKK-Nachrichten und zu welchem Thema?

H.M.: Die diesjährigen IzKK-Nachrichten erscheinen voraussichtlich im Dezember 2011 und werden sich mit Gefährdungen im Jugendalter befassen. Zum einen werden in dieser Ausgabe Entstehungsbedingungen und Erscheinungsformen von Gefährdungslagen im Jugendalter beschrieben, und zum anderen werden Wege zur Beurteilung sowie erfolgversprechende Hilfeansätze vorgestellt.

Frau Derr, Frau Menne, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

(Interview: DJI Online Redakteurin Susanne John)

Literatur

[1] Wetzels, Peter (1997): Gewalterfahrungen in der Kindheit. Sexueller Missbrauch, körperliche Misshandlung und deren langfristige Konsequenzen. Baden-Baden

Links
Informationszentrum Kindesmisshandlung/Kindesvernachlässigung (IzKK)
IzKK-Literaturdatenbank
Prävention von sexueller Gewalt durch Professionelle in Institutionen (Literaturliste)
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Kontakt
Regine Derr, IzKK
Helga Menne, IzKK

DJI Online / Stand: 1. Juli 2011