Gespräch mit Dr. Matthias Schilling, Forschungsverbund DJI/TU Dortmund

 

Dr. Matthias Schilling, TU Dortmund Foto:privatHerr Dr. Schilling, laut Bildungsbericht ist die Gesamtzahl der Bildungsteilnehmer/innen insgesamt rückläufig. Wird sich das Problem des heute von vielen Eltern beklagten Lehrermangels an den Schulen also mittelfristig von selbst lösen?

Zur Beantwortung dieser Frage müssen zwei Entwicklungstendenzen berücksichtigt werden. Es ist richtig, dass die Anzahl der Kinder in den allgemeinbildenden Schulen zurückgehen wird. In der Grundschule wird die Anzahl der Schüler/innen bis zum Schuljahr 2019/2020 um bis zu 15% und in der Sekundarstufe II um bis zu 22% zurückgehen. Die Statistischen Ämter des Bundes und der Länder haben ausgerechnet, dass aufgrund dieser Entwicklung bis zum Jahr 2025 etwas mehr als 100.000 Vollzeitstellen weniger benötigt werden. Somit liegt der Schluss nahe, dass die Stellen z.B. zur Verbesserung der Schüler-Lehrer-Relation eingesetzt werden könnten.

Gleichzeitig muss aber beachtet werden, dass die Lehrer/innenkollegien inzwischen erheblich überaltert sind. Fast die Hälfte aller Lehrer/innen ist aktuell über 50 Jahre alt. Dies bedeutet, dass in den nächsten zehn bis 15 Jahren die Hälfte der 665.000 Lehrer/innen in den Ruhestand wechseln wird. Somit müssen in einem relativ kurzen Zeitraum über 300.000 neue Lehrer/innen ausgebildet werden, damit die aktuell vorhandenen Personalkapazitäten gehalten werden können. Aufgrund dieses erheblichen Ersatzbedarfs ist eher damit zu rechnen, dass der aufgrund des demografischen Rückgangs geringere Lehrer/innenbedarf nicht für Qualitätsverbesserungen eingesetzt wird. Der Lehrer/innenmangel der nächsten zehn Jahre wird voraussichtlich die demografisch bedingt frei werdenden Personalkapazitäten „verschlucken“.

Die frühe Förderung und Betreuung der unter Dreijährigen ist mittlerweile ein wichtiger Bestandteil der deutschen Bildungsstrategie. Der Bildungsbericht vermeldet einen deutlichen Anstieg der Bildungsbeteiligung bei den Kleinsten. Der bis 2013 angestrebte Ausbau der Betreuungseinrichtungen mit Platz für 35 Prozent dieser Altersgruppe stellt allerdings hinsichtlich des Personalbedarfs eine große Herausforderung dar. Schafft es das Bildungssystem, die zusätzlich benötigten 40.000 Fachkräfte bis 2013 bereit zu stellen?

Beim Personalbedarf müssen wir zunächst zwischen dem Bedarf an Fachkräften in Tageseinrichtungen und den Tagespflegepersonen, also den Tagesmüttern und Tagesvätern unterscheiden. Zunächst zu den Tagespflegepersonen: Wenn die Vorschläge des Bundes umgesetzt werden, dass 30% der zusätzlich benötigten Plätze für unter Dreijährige in Form der Tagespflege bereitgestellt werden, müssen – bei dem Gesamtziel einer Versorgungsquote von bundesdurchschnittlich 35 Prozent – noch ca. 29.000 Tagespflegepersonen angeworben und qualifiziert werden. Bei dieser Berechnung wird davon ausgegangen, dass jede Tagespflegeperson durchschnittlich fast drei unter Dreijährige betreut. Die große Herausforderung liegt dabei nicht so sehr in der Bereitstellung von guten Qualifizierungskursen, sondern darin, ausreichend motivierte und fähige Personen zu finden, die bereit sind, die Aufgabe der Tagesmutter, des Tagesvaters zu übernehmen.

Für den Fall, dass es gelingen sollte, die berechnete Anzahl an Tagesmütter/-vätern zu rekrutieren, wurde von den Statistischen Ämtern des Bundes und der Länder ein Personalbedarf berechnet, der sich auf fast 40.000 Personen beläuft.

Im Bildungsbericht wird dieser zusätzliche Bedarf zwar aufgezeigt, allerdings wird nicht dargestellt, ob die vorhandenen Ausbildungskapazitäten ausreichen werden, um diesem Bedarf zu decken.

Dieser Frage wurde in einer weitergehenden Untersuchung für das Projekt Weiterbildungsinitiative Frühpädagogische Fachkräfte (WiFF) für alle Bundesländer nachgegangen. Ohne auf die Details des Berechnungs- und Abschätzungsverfahrens einzugehen, kommt die Untersuchung zum Ergebnis, dass die vorhandenen Ausbildungskapazitäten zwar nicht vollständig ausreichen werden, dass sie aber im jeweiligen Landesdurchschnitt nicht dramatisch ausfallen werden. Es bleibt ein Fehlbedarf in Westdeutschland von ca. 8.000 Fachkräften. Die Studie macht insbesondere darauf aufmerksam, dass dieser Fehlbedarf nicht in allen Bundesländern gleich ist. Es gibt Bundesländer wie Schleswig-Holstein, Niedersachsen oder Hessen, die mit relativ hohen Fehlbedarfen rechnen müssen und Länder wie z.B. Bayern, wo es wahrscheinlich – im Landesdurchschnitt – keinen Fehlbedarf geben wird.

Wie wäre diese noch bestehende Lücke von rund 8.000 Fachkräften zu füllen?

Hierzu ist ein ganzes Bündel an Maßnahmen denkbar. Eine der effektivsten Maßnahmen ist sicherlich die Ausweitung der Ausbildungskapazitäten für Erzieher/innen an Fachschulen bzw. Fachakademien. Ergänzend hierzu könnten auch die neu geschaffenen Studiengänge für den frühkindlichen Bereich an den Hochschulen einen kleinen Beitrag leisten. Da dieser Bereich aber erst im Aufbau begriffen ist, darf hier jedoch nicht zu viel erwartet werden. Da in manchen Bundesländern voraussichtlich über dem Bedarf ausgebildet wird, könnten auch Bedarfsausgleiche über Landesgrenzen hinweg erfolgen.

Die Statistik der Bundesagentur für Arbeit zeigt uns auf, dass zurzeit noch mehrere Tausend arbeitslos gemeldete Personen eine Beschäftigung in Tageseinrichtungen suchen. Hier könnten die Vermittlungsaktivitäten und ggf. ergänzende Qualifizierungen dazu führen, dass dieses Potenzial noch stärker genutzt werden kann.

Und darüber hinaus?

Eine weitere Möglichkeit besteht darin, die in den letzten Jahren stark angestiegene Teilzeitbeschäftigung bei den Fachkräften in Kindertageseinrichtungen zu reduzieren. In Westdeutschland arbeiteten Anfang 2009 insgesamt 54 Prozent der pädagogisch Tätigen in Teilzeit. Jedoch erlauben die Öffnungszeiten der Einrichtungen und die gebuchten Betreuungszeiten häufig keine Ausweitung der persönlichen Arbeitszeit. Darüber hinaus wünschen in Westdeutschland drei Viertel der Teilzeitbeschäftigten in Kindertageseinrichtungen diese Beschäftigungsform, in Ostdeutschland sind es lediglich 40 Prozent. Aus diesen Gründen darf das damit verbundene Ausweitungspotenzial – insbesondere für Westdeutschland – aber nicht zu hoch eingeschätzt werden.

Zusätzlich könnte angestrebt werden Personen wieder zu gewinnen, die vor längerer Zeit das Arbeitsfeld verlassen haben, z.B. weil sie sich um die eigenen Kinder kümmern wollten oder seinerzeit keine Beschäftigung in Kindertageseinrichtungen gefunden haben und in anderen Bereichen untergekommen sind.

Wie steht es mit der Tagespflege?

Ja, die Anwerbung und Qualifizierung von Tagesmüttern und -vätern ist eine weitere wichtige Maßnahme. Förderlich wäre hierbei sicherlich, wenn die Rahmenbedingungen vereinheitlicht würden und sichergestellt wäre, dass Tagespflegepersonen, die vier bis fünf Kinder regelmäßig betreuen, auf einen vergleichbaren Verdienst wie ein/e Kinderpfleger/in kommen.

Das hört sich nach insgesamt erfreulichen Aussichten für junge Menschen in diesem Berufsfeld an. Allerdings weist der Bildungsbericht regional stark unterschiedlichen Bedarf hinsichtlich der Bildungseinrichtungen von den Kinderkrippen bis hin zu den Hochschulen aus. Werden Erziehungsfachkräfte zukünftig mehr Mobilität zeigen müssen?

Ich habe ja schon angedeutet, dass die landesspezifischen Ausbildungskapazitäten nicht immer mit den landesspezifischen Personalbedarfen zusammenpassen, so dass die Mobilität für einige junge Fachkräfte voraussichtlich die einzige Möglichkeit sein wird, eine Beschäftigung zu finden.

Erste regionale Untersuchungen z.B. für Rheinland-Pfalz (vgl. Sell/Kersting 2010) zeigen auf, dass die bisherige Mobilitätsbereitschaft von Erzieher/inne/n sehr gering ist. Wenn in den nächsten Jahren fast alle Absolvent/inn/en in Kindertageseinrichtungen benötigt werden, wird es zunehmend zu Passungsproblemen kommen, die auch den Erzieher/inne/n eine höhere Mobilität abverlangen werden. Erfahrungsberichte aus einzelnen Regionen, in denen es jetzt schon schwierig ist, ausreichend Fachkräfte zu finden, unterstützen die These der zukünftig erhöhten Mobilitätsanforderungen für Erzieher/innen.

Herr Dr. Schilling, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Links
DJI Projekt: Weiterbildungsinitiative Frühpädagogische Fachkräfte (WiFF)
Bildung in Deutschland 2010
Forschungsverbund DJI/TU Dortmund
Dortmunder Arbeitsstelle für Kinder- und Jugendhilfestatistik

Dr. Matthias Schilling im Profil


Literatur
Weiterbildungsinitiative Frühpädagogische Fachkräfte (2010): Droht ein Personalnotstand? Der U3-Ausbau und seine personellen Folgen. Empirische Analysen und Modellrechnungen. Zusammenfassung einer im Auftrag der „Weiterbildungsinitiative Frühpädagogische Fachkräfte“ (WiFF) erstellten Expertise von Thomas Rauschenbach und Matthias Schilling. München  Download

Die Langfassung dieser Expertise steht voraussichtlich ab Ende Juli auf der Internetseite des DJI-Projekts Weiterbildungsinitiative Frühpädagogische Fachkräfte zur Verfügung.

 

Kontakt
Dr. Matthias Schilling
Arbeitsstelle Kinder- und Jugendhilfestatistik (AKJStat)

Telefon: 0231/755-5556

E-Mail: Matthias Schilling

 

DJI Online / Stand: 15. Juli 2010