Gespräch mit Christiane Bopp, Deutscher Caritasverband

 Frau Bopp, der 13. Kinder- und Jugendbericht hat die Gesundheitsförderung der Jugendlichen in der Kinder- und Jugendhilfe zum Thema. Finden Sie die Belange der Jugendlichen mit Behinderungen darin ausreichend berücksichtigt?

Christiane Bopp: Mit dem 13. JKB – einem Bericht über die Lebenssituation junger Menschen – liegt ja nun zum ersten Mal ein Bericht vor, der durchgängig die Lebenslagen aller Kinder und Jugendlicher in Deutschland mit in den Blick nimmt, d.h. auch die der Kinder und Jugendlichen mit Behinderungen. Allein dies ist ein Novum und für uns daher von großem Interesse.

Unserer Ansicht nach sind Kinder und Jugendliche mit Behinderung in erster Linie Kinder und Jugendliche mit ganz normalen Entwicklungsbedürfnissen. Sie sind Jungen und Mädchen, haben unterschiedliche Interessen und Vorlieben, unterschiedliche familiäre Hintergründe, unterschiedliche kulturelle Erfahrungen und kommen aus verschiedenen Milieus. Auch das, was wir als Behinderung bezeichnen, ergibt sich aus sehr verschiedenen Ausgangslagen bzw. verschiedenen Beeinträchtigungen, die in Wechselwirkung zu den Umgebungsbedingungen stehen und einen ganz individuellen (behinderungsspezifischen) Förderungs- und Unterstützungsbedarf zur Folge haben.

Die Umsetzung dieses besonderen Unterstützungsbedarfs hat bei uns jedoch auch zu der Entwicklung eines differenzierten Hilfe- und Versorgungssystems geführt, das strukturell nur eine geringfügige oder keine Verknüpfung mit der Lebenswelt gleichaltriger Kinder und Jugendlicher ohne Behinderung aufweist und als Folge eine gesellschaftliche Teilhabe nur schwer ermöglicht.

Der Bericht zeigt genau diese Entwicklung noch einmal auf und beschreibt die Möglichkeit zur gesellschaftlichen Teilhabe und Partizipation mit dem Konzept der Inklusion. Aktuell diskutiert werden nun die Grundkonzepte von Prävention und Gesundheitsförderung in der Form, dass sie ohne Einschränkung auf Kinder und Jugendliche mit Behinderungen Anwendung finden und einbezogen werden können. Dies entspricht auch unserer Haltung.

Dass Kinder und Jugendliche mit Behinderungen so konsequent im Blickfeld eines Kinder- und Jugendberichtes – und auch im Fokus der Stellungnahme der Bundesregierung – sind, ist ein wichtiges politisches Signal. Es bedeutet gleichzeitig aber auch eine Herausforderung für Verbände, Einrichtungen und Dienste, an der Zielvorgabe der Inklusion mitzuwirken.

Wie sind die Angebote der Behindertenhilfe, der Gesundheitshilfe und der Jugendhilfe derzeit auf einander bezogen?

Die Situation von Kindern und Jugendlichen mit Behinderrungen und ihren Familien ist auch heute immer noch nicht selten von einer Trennung der Lebenswelten von Kindern und Jugendlichen ohne Behinderungen gekennzeichnet ist. Über vorhandene Informationsdefizite über das je andere Handlungsfeld ist es dann auch entsprechend schwierig, die Hilfen aufeinander zu beziehen. So werden behinderte Kinder und ihre Familien nur selten als Adressaten von Angeboten der Kinder- und Jugendhilfe wahrgenommen. Und oftmals werden nicht die positiven Gestaltungsmöglichkeiten der unterschiedlichen Hilfen gesehen, sondern zunächst Fragen der Zuständigkeit, der Abgrenzungsproblematik und der Leistungsfinanzierung diskutiert und entschieden. Kinder mit Behinderungen geraten daher oft auf Verschiebebahnhöfe zwischen Jugendhilfe, Behindertenhilfe und Gesundheitshilfe.

Allgemein stellt der Bericht aber auch fest, dass es nicht an guten Konzepten und Angeboten mangelt, diese jedoch nur unzureichend miteinander koordiniert, aufeinander bezogen und vernetzt sind. Das zeigt sich vor allem für Kinder und Jugendliche mit Behinderungen, für die unterschiedliche Leistungssysteme verantwortlich sind. An den Schnittstellen zwischen den Systemen Kinder- und Jugendhilfe, Behindertenhilfe und Gesundheitsförderung mit ihrer je eigenen Finanzierungsstrukturen gibt es in der Praxis erhebliche Zuordnungsprobleme und auch Reibungsverluste.

Können Sie uns das an einem konkreten Beispiel erläutern?

Ein sehr gutes Beispiel hierfür ist die Versorgung von Kindern mit einer (drohenden) Behinderung im Rahmen der Früherkennung und Frühförderung. Hier sollen medizinische, medizinisch-therapeutische, psychologische, pädagogische und soziale Leistungen in einem interdisziplinären Prozess – unter Berücksichtigung der Lebenssituation der Familie und des sozialen Umfeldes und in Abstimmung aller beteiligten Berufsgruppen – erbracht werden. Im Rahmen der sogenannten „Komplexleistung“ (§30 SGB IX) sollen diese unterschiedlichen Leistungen konzeptionell integriert, organisatorisch zusammengeführt und koordiniert werden und durch eine integrierte und einheitliche Leistungserbringung der Rehabilitationsträger, hier in erster Linie die Krankenkassen und Sozialhilfeträger, aber auch der Jugendhilfe zustande kommen. Leitender Gedanke war, dass Kinder, die Anspruch auf diese Leistung haben, diese auch unverzüglich „aus einer Hand“ erhalten.

Doch leider gibt es auch acht Jahre nach Verabschiedung des entsprechenden Gesetzes (SGB IX) und fünf Jahre nach Verabschiedung einer Frühförderverordnung in den meisten Bundesländern noch keine klare und eindeutige Definition und Interpretation zur „Komplexleistung“.

In einem Forschungsbericht des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales (Datenerhebung zu Leistungs- und Vergütungsstrukturen in der Frühförderung behinderter und von Behinderung bedrohter Kinder – Abschlußbericht; Köln 2008) wurde dann auch festgestellt, dass – bei allen Unterschieden im Detail – die Umsetzungsprobleme in den einzelnen Bundesländern weitgehend vergleichbar sind und im Wesentlichen zurückzuführen sind auf die gegensätzlichen Interessenslagen der unterschiedlichen Kostenträger. Der Bericht führt ja hierzu ein Beispiel auf, wonach ein Kind mit einer Behinderung, das einen integrativen Kindergarten besucht und dort von Fachkräften (die aber nicht Mitarbeiter der Frühförderungsteller sind) betreut wird, seinen Anspruch auf heilpädagogische Leistungen im Rahmen der Frühförderung verliert.

Auch wenn das Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) und das Bundesministerium für Gesundheit (BMG) aktuell noch einmal aktiv geworden sind und in einem gemeinsamen Schreiben an die Leistungsträger auf eine entsprechende Handhabung des Rechtsanspruchs zur Komplexleistung hingewiesen haben, bleibt abzuwarten, ob sich die Situation der betroffenen Familien tatsächlich ändern wird. Dies würde bedeuten, dass Kinder, die eine umfassende Hilfe im Rahmen einer Komplexleistung benötigen, diese auch umgehend erhalten.

Ein anderes Beispiel dafür, wie schnell Kinder und Jugendliche mit Behinderungen in den toten Winkel der Gesetzgebung geraten können zeigt sich am Beispiel des Kinderschutzes: Nicht zuletzt durch die in den Medien bekannt gewordenen Fälle von Kindesvernachlässigung und -misshandlung wurden mit den §§8a und 72a SGB VIII (Verabschiedung des „KICK“ im Oktober 2005) ein legislatives Instrument geschaffen, welches insbesondere den Schutz der Kinder beabsichtigte. Zum Schutz der Kinder vor Kindesmisshandlungen wurden hier Träger von Einrichtungen und Diensten zu verschiedenen Maßnahmen (Hinzuziehung einer Fachkraft, Vorlage von Führungszeugnissen) verpflichtet.

Schaut man sich aber nun den Gesetzestext und die dazugehörigen Ausführungen näher an, so stellt man fest, dass sich entsprechende Vereinbarungen jedoch nur auf Einrichtungen und Dienste der Kinder- und Jugendhilfe beziehen – und somit z.B. der Träger eines Sonderkindergartens nicht an die Vorgabe gebunden ist.

In der Praxis bedeutet dies, dass der gesetzliche Schutz für Kinder und Jugendliche in den Einrichtungen und Diensten der Behindertenhilfe nicht mit einbezogen und verpflichtend ist. Provokant auf die Spitze getrieben könnte es also sein, dass ein/e vorbestrafte/r Erzieher/in, der/die in einer Einrichtung der Kinder- und Jugendhilfe aufgrund des in Abständen vorzulegenden Führungszeugnisses nicht mehr weiter beschäftigt wird, dann jedoch in einer Einrichtung der Behindertenhilfe, in der Kinder und Jugendliche betreut werden, eine Beschäftigung finden könnte, da hier kein Führungszeugnis vorgelegt werden muss.

Da man sich über die Bedeutung und die Konsequenzen einer solchen Anwendung im Klaren ist, gestalten sich Handhabungen in der Praxis zwar vielfach anders und auch auf politischer Ebene ist man mittlerweile auf das Problem aufmerksam geworden. Aber es ist doch ein weiteres Beispiel dafür, wie durch die Zuordnung in unterschiedliche Hilfesysteme die Belange und Rechte von Kindern und Jugendlichen leicht aus dem Blick geraten.

Was wäre aus Sicht der Wohlfahrtsverbände notwendig, um die Teilhabe von Kindern und Jugendlichen mit Behinderungen zu verbessern?

Eine wesentliche Grundlage stellt die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung dar, die seit 2009 auch für Deutschland verbindlich ist. Mit der Anerkennung der Konvention wird auch ein Paradigmenwechsel deutlich: sie formuliert die Rechte behinderter Menschen und fasst Forderungen zur gleichberechtigten Teilhabe benachteiligter Menschen zusammen. Eindeutig legt sie z.B. fest (Art. 7), dass bei allen Maßnahmen, die Kinder und Jugendliche mit Behinderungen betreffen, das Wohl des Kindes ein Gesichtspunkt ist, den es voranging zu berücksichtigen gilt. Ziel ist es, zu mehr Einbindung, Befähigung, selbstbestimmter, diskriminierungsfreier Teilhabe und Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen zu kommen. Obgleich der deutsche Gesetzgeber schon viel zur Stärkung der Rechte von Menschen mit Behinderungen beigetragen hat, sind durch die UN-Konvention noch einmal wichtige und innovative Impulse zur Weiterentwicklung der Behindertenhilfe, gerade mit der Perspektive der Teilhabe, ausgegangen.

Nun gilt es, die Umsetzung dieser Rechte zu realisieren und deutsches Recht entsprechend anzupassen. Darüber hinaus müssen aber auch Dienste und Einrichtungen mit ihren Angeboten diesen Vorgaben entsprechen. Ist z.B. die Forderung nach Barrierefreiheit noch relativ eindeutig, so gibt es zur Umsetzung des Rechtes auf Bildung und dem „Zugang zu einem integrativen, hochwertigen und unentgeltlichen Grundschulunterricht und einer entsprechenden Sekundarbildung“ (Artikel 24 der UN-Konvention) noch erheblicher Diskussions- und Klärungsbedarf. So wird z.B. noch darüber gestritten ob ein/e Schüler/in mit einem sonderpädagogischen Förderbedarf ein Anrecht auf den Besuch der örtlichen Grundschule hat, oder ob die Zuweisung an eine Schwerpunktschule mit integrativem Unterricht gegen die UN-Konvention verstößt.

Gleichzeitig muss aber auch mit Nachdruck daran gearbeitet werden, dass nun endlich bestehende gesetzliche Regelungen, die schon längst vorliegen und auf die Kinder mit Behinderungen einen Rechtsanspruch haben, wie z.B. die Komplexleistung Frühförderung, umgesetzt werden und in Anspruch genommen werden können.

Neben der Umsetzung der in der UN-Konvention dargelegten Rechte, die eine wesentliche Grundlage und Voraussetzung der gesellschaftlichen Teilhabe darstellen, müssen wir zu einem Verständnis kommen, dass Unterstützungsleistungen für Kinder und Jugendliche mit Behinderungen nicht mehr nur als alleinige Aufgabe von Einrichtungen und Diensten der Behindertenhilfe zu sehen sind, sondern als Querschnittsaufgabe aller Akteure in den Handlungsfeldern der Kinder- und Jugendhilfe und der Gesundheitshilfe.

Worin sehen Sie die größten Hindernisse auf dem Weg dorthin?

Nun, der 13. KJB hat ja gezeigt, dass eine ganze Menge sehr unterschiedlicher Hilfen für Kinder und Familien vorhanden sind. Gleichwohl sind diese Hilfen aber nur ungenügend miteinander vernetzt und koordiniert und erreichen somit manchmal nicht die betroffenen Familien, Kinder und Jugendlichen. Hier gibt es sicherlich in allen Feldern von Gesundheitshilfe, Kinder- und Jugendhilfe und der Behindertenhilfe ein Informationsdefizit über die Angebote der anderen Arbeitsfelder.

Nicht selten werden die verschiedenen Hilfsangebote – wie es die Umsetzung der Komplexleistung Frühförderung gezeigt hat – aber auch durch verschiedene Leistungsträger erbracht. In der Konsequenz werden Zuständigkeitsprobleme diskutiert mit der Folge, dass das Kind die ihm zustehende Leistung nur zeitverzögert erhält. Da ein umfassender komplexer Hilfebedarf von Kind und Familie nur durch ein umfassendes komplexes Hilfsangebot geleistet werden kann, besteht hier an einigen Stellen Handlungsbedarf.

Neben der Vermittlung und Weitergabe von Informationen gilt es auch, gemeinsam ein interdisziplinäres Handlungskonzept mit passgenauen Hilfen zu entwickeln. Noch viel zu oft folgen die Arbeitsfelder der Medizin, der Pädagogik, der Heil- und Sonderpädagogik eigenen Handlungslogiken, einem je eigenen Denkstil und haben fast schon so etwas wie einen je eigenen Sprachcode. Da gilt es erst einmal – unabhängig von irgendwelchen Veränderungen von Rahmenbedingungen – gemeinsam ins Gespräch zu kommen und sich zu verständigen.

Sie haben auf der AGJ-Tagung Ende Juni die Ergebnisse des 13. KJB in der Arbeitsgruppe unter dem Stichwort „Behinderung und Teilhabe“ diskutiert. Welcher Unterstützungsbedarf wurde dort von den TeilnehmerInnen aus der Praxis formuliert?

Auch das Gespräch und die Diskussion in der Arbeitsgruppe hat gezeigt, dass es erforderlich ist, dass sich die „Systeme“ (Gesundheitshilfe, Behindertenhilfe, Kinder- und Jugendhilfe) noch stärker für eine gemeinsame Zusammenarbeit öffnen und vor allem auch gemeinsam eine inklusive Handlungsstrategie entwickeln müssen. Priorität müssen dabei die individuellen (passgenauen) Hilfen für Kind und Familie haben, mit der Wahl zwischen Geld - oder Sachleistung.

Zur Entlastung der Familien wurde ein deutlicher Handlungsbedarf in dem Ausbau der Angebotspalette von teilstationären Hilfen wie z.B. Familienzentren, integrativen Kinderkrippen, Tageseinrichtungen, Horten gesehen. Auf der Ebene der Einrichtungen und Dienste wurde vor allem für die Mitarbeiter/innen Bedarf im Rahmen von gemeinsamer Fort- und Weiterbildung angemeldet. Sehr deutlich wurde auch, dass vor allem entsprechende fachliche, personelle und sachliche Rahmenbedingungen zur Verfügung stehen müssen.

Die Umsetzung der UN-Konvention kann sich nicht nach fiskalischen Gesichtspunkten ausrichten, sondern bei allen Maßnahmen und Angeboten muss das Wohl des Kindes mit seinem Recht, gleichberechtigt mit anderen Kindern alle Menschenrechte und Grundfreiheiten genießen zu können, im Mittelpunkt stehen.

Was werden Sie als Referentin des Caritasverbandes konkret in dieser Richtung unternehmen (können)?

Die Aussagen und Ergebnisse des 13. Kinder- und Jugendberichtes stellen für uns eine wichtige Ergänzung im Kontext der Umsetzung der UN-Konvention über die Rechte behinderter Menschen und die UN-Kinderrechtskonvention dar und verankern den Paradigmenwechsel in der Behindertenhilfe. Hieraus ergeben sich für den Deutschen Caritasverband eine Fülle von Verpflichtungen und Aufgaben.

Zentrales Ziel der anwaltschaftlichen Lobbyarbeit des deutschen Caritasverbandes ist es, die selbstbestimmte Teilhabe aller Menschen zu ermöglichen. Teilhabe bedeutet für uns, dass alle Mitglieder unserer Gesellschaft Zugang zu sozialen, kulturellen, wirtschaftlichen und politischen Möglichkeiten der Gesellschaft haben. Durch die Mitgestaltung von Rahmenbedingungen können wir Einfluss auf sozialpolitische Gestaltungsprozesse nehmen und versuchen, Rahmenbedingungen zu gestalten, die eine Teilhabe von Kindern und Jugendlichen mit Behinderungen ermöglichen.

So wird eine große Herausforderung – aber nicht nur für den Caritasverband, sondern für alle Wohlfahrts- und Selbsthilfeverbände –in den nächsten Jahren sicherlich darin bestehen, die in dem 13. Kinder- und Jugendbericht von der Bundesregierung vorgeschlagene Neugestaltung der Verantwortungsbereiche von Kinder- und Jugendhilfe und Sozialhilfe mit zu gestalten. Diese Aufgabe wird der Deutsche Caritasverband im Sinne einer Lobbyvertretung für die betroffenen Kinder und Jugendlichen und ihrer Familien wahrnehmen. Aber neben der Mitgestaltung von Rahmenbedingungen gilt es auch die Praxis vor Ort zu bewegen aufeinander zuzugehen und gemeinsame Konzepte zu entwickeln. Da der Caritasverband Träger von Einrichtungen und Diensten in der Kinder- und Jugendhilfe, der Behindertenhilfe und der Gesundheitsförderung ist, sieht er hierfür eine gute Ausgangsposition.

Ein weiteres praktisches Beispiel ist die zur Zeit noch unbefriedigende Regelung von Pflegefamilien für Kinder mit Behinderungen. Sozialhilfeträger, die für Kinder mit Behinderungen zuständig sind, prüfen meist nicht, ob betroffene Kinder alternativ zu einer stationären Unterbringung auch in einer Pflegefamilie aufwachsen können. Dies wird bei Kindern ohne Behinderungen in entsprechenden Fällen, für die der Jugendhilfeträger zuständig ist, anders gehandhabt. Der Gesetzgeber hat im sogenannten Assistenzpflegebedarfsgesetz, das letzte Woche den Bundestag passiert hat, einen Lösungsvorschlag vorgegeben, den wir jedoch für korrekturbedürftig halten, weil er die Kosten für Erziehung in Pflegefamilien nicht als Bestandteil der Lebensunterhaltskosten erfasst. Geistig und körperlich behinderte Kinder sind jedoch in erster Linie Kinder. Daher sollten ihre Bedarfe gleichberechtigt zu den Bedarfen seelisch behinderter Kinder im SGB VIII und nicht im SGB XII geregelt werden. Hier versucht der Deutsche Caritasverband, ganz konkret auf politischer Ebene dahingehend zu intervenieren, dass die betroffenen Kinder und Jugendlichen mit Behinderungen bei dieser momentanen gesetzlichen Regelung nicht benachteiligt werden und ohne Überprüfung von Alternativlösungen umgehend stationär in einem Heim untergebracht werden.

Verbandsintern sehen wir den Bedarf – insbesondere noch einmal bestärkt durch die Ergebnisse es 13. KJB – die interdisziplinäre Diskussion zwischen den Feldern von Kinder- und Jugendhilfe, Behindertenhilfe und Gesundheitsförderung mit dem Ziel der Erarbeitung eines gemeinsam erarbeiteten lebenslagenorientierten Konzepts für bedarfsorientierte Hilfen für Kinder und Jugendliche mit Behinderungen und deren Familien fortzuführen und die Umsetzung in die Praxis zu gestalten.

Frau Bopp, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

 

Christiane Bopp (Jg. 1958); Diplom-Pädagogin, ist als Referentin beim Deutschen Caritasverband tätig. Sie ist zuständig für Kinder und Jugendliche mit Behinderungen.

Links
Deutscher Caritasverband

Veranstaltungen
Der Deutsche Caritasverband bietet zwei Fachtagungen zum 13. KJB an:
Am 22. Juli 2009 in Mannheim und am 9. September 2009 in Kassel.
Informationen: Brigitte Jakob (Tel. 0861/200-225)

Kontakt
Christiane Bopp
Referentin
Deutscher Caritasverband
Abteilung Gesundheit und Soziales
Referat Altenhilfe, Behindertenhilfe, Gesundheitsförderung
Karlstr. 40
79104 Freiburg

Tel.: 0761 / 200-319
Fax: 0761 / 200-192
christiane.bopp@caritas.de


DJI Online / Stand: 1. Juli 2009