Gespräch mit Prof. Dr. Hans Döbert, DIPF

Professor Döbert, die zentralen Erkenntnisse des Bildungsberichts sind in den letzten Wochen ausführlich diskutiert worden. Welcher Befund ist für Sie der wichtigste?

Hervorheben möchte ich vor allem zwei Gruppen von Befunden: Eine Reihe von Befunden zeigt, in welchen Bereichen es im Bildungswesen in den letzten beiden Jahren deutliche Fortschritte und positive Entwicklungen gegeben hat. Eine andere Gruppe an Befunden macht auf bekannte, aber bisher ungelöste sowie auf neue Problemlagen aufmerksam. Dafür möchte ich einige Beispiele nennen:

Positive Befunde stellen z.B. die Erfolgsgeschichte der Mädchen und jungen Frauen in Schule und beruflicher Ausbildung, der stabile Trend zu vorzeitigen Einschulungen gegenüber den Zurückstellungen, der Ausbau der Ganztagsangebote, die Entwicklung der Schülerkompetenzen oder die Verringerung der Studiendauer und der Abbrecherquote beim Studium dar. Bekannte Problemlagen sind etwa die geringe Durchlässigkeit im Sekundarbereich I, die relativ hohe Förderschulquote, die Abhängigkeit außerschulischer Aktivitäten vom Bildungsniveau (Schulabschluss) der Jugendlichen, die Schwierigkeiten gering qualifizierter Jugendlicher beim Übergang in die berufliche Ausbildung oder die nach wie vor zu geringe Studienanfängerquote.

Als neue Problemlagen wurden in unseren Analysen die zunehmenden Schwierigkeiten von Jungen – insbesondere solchen mit Migrationshintergrund – im Bildungswesen, die Effektivität und Effizienz des Übergangssystems in der beruflichen Ausbildung sowie der große Personalbedarf im Bereich der frühkindlichen Bildung, Betreuung und Erziehung sowie der Ersatzbedarf an pädagogisch qualifiziertem Personal an Schulen sichtbar.

Überrascht hat mich vor allem die Personalsituation im Sekundarbereich I: ca. 60 Prozent der LehrerInnen sind älter als 50 Jahre! Damit entsteht in den nächsten 10 bis 15 Jahren ein enormer Einstellungsbedarf, der allein mit den Lehramtsstudierenden nicht gedeckt werden kann, jedenfalls nicht in den Fächern Mathematik, Naturwissenschaften und Technik. Bildungsverwaltungen werden zunehmend auf so genannte Seiteneinsteiger zurück greifen müssen. Die pädagogische und fachdidaktische Professionalisierung dieser Seiteneinsteiger wird eine der zentralen Herausforderungen im Bildungswesen der nächsten Jahre werden.

Dem Armut- und Reichtumsbericht wurde vorgeworfen, er arbeite mit veraltetem und nicht immer kompatiblem Datenmaterial. Läuft der Bildungsbericht Gefahr, ähnlicher Kritik ausgesetzt zu sein?

Nein! Für den Bildungsbericht 2008 wurden alle aktuellen Daten aufgearbeitet, die bis zum 30. Mai 2008 vorlagen, und die die erforderliche Qualität für die Berechnung und Darstellung von Indikatoren aufwiesen bzw. die zum jeweiligen Schwerpunktthema wissenschaftlich begründet berichtet werden konnten. Dabei muss man einfach sehen, dass Daten der amtlichen Statistik mit einer zeitlichen Verzögerung von ein- bis eineinhalb Jahren nach dem Erhebungszeitraum verfügbar sind.

Der Bildungsbericht, wie jeder andere Bericht auch, ist darüber hinaus mit der Situation konfrontiert, dass es ständig neue Daten gibt. So wird im September die neue Ausgabe des OECD-Berichts „Bildung auf einen Blick“ kommen. Für den Spätherbst werden die nationalen Ergänzungsstudien zu IGLU 2006 und PISA 2006 sowie der internationale Vergleich TIMSS Primarstufe erwartet. Möglicherweise werden diese neuen Daten die im Bildungsbericht dargestellten Befunde modifizieren oder auch relativieren, aber sie werden sie nicht in Frage stellen.

Entwicklungen im Bildungswesen vollziehen sich eher langsam. Wir haben daher ganz bewusst dem Bericht relativ stabile Befunde voran gestellt und aus ihnen die Herausforderungen der nächsten Jahre abgeleitet. Gleichwohl gilt es auch für den Bildungsbericht, stets die Balance zwischen Kontinuität, im Sinne der Fortschreibung zentraler Indikatoren, und Aktualität (im Sinne der Aufnahme jeweils neuer Daten) neu zu prüfen.

Sie sind ausgewiesener Kenner der internationalen Bildungslandschaft. Sind die hiesigen föderalen Strukturen der Hauptgrund, warum es so lange dauert, bis die zum Teil seit Jahrzehnten vorliegenden wissenschaftlichen Erkenntnisse in schulische Reformen und vor allem in die Praxis übersetzt werden?

Es ist schwer zu sagen, ob unsere föderalen Strukturen der Hauptgrund sind. Ich kenne keine Vergleichsuntersuchung, die darauf eine wissenschaftlich begründete Antwort geben könnte. Aus der Beobachterperspektive spricht allerdings einiges dafür, dass wichtige inhaltliche Fragen und Reformvorhaben hin und wieder vom „Kompetenzgerangel“ zwischen Bund und Ländern überlagert werden. Das kann man jedoch nicht unmittelbar auf die föderalen Strukturen zurückführen, wie ein Vergleich zu Schulleistungen und Steuerung in den Schulsystemen in Deutschland und Kanada zeigt, den wir kürzlich veröffentlicht haben. Entscheidend sind nicht die föderalen Strukturen, sondern vielmehr die Frage, wie man damit umgeht.

Bundesbildungsministerin Annette Schavan forderte kürzlich einen Modernisierungsschub für unser Bildungssystem und eine nationale Bildungsstrategie. Ist der Leidensdruck schon groß genug, um bundesweit wirkliche Veränderungen in Gang zu setzen?

Das wird abzuwarten sein. Wünschenswert wäre es, dass der für den 22. Oktober geplante nationale Bildungsgipfel als Chance für eine echte Bildungsoffensive genutzt wird und nachhaltige Wirkungen zeitigt. Die Befürchtung, dass die bekannten Kompetenzprobleme dies verhindern, ist jedoch nicht abwegig.

Mit Blick auf das Spannungsfeld zwischen den Polen „Mehr Autonomie für einzelne Schulen/Abkehr von bürokratischen Steuerungsmodellen“ einerseits und der „Einführung bundesweiter empirischer Vergleichsstudien“ andererseits stellen sich die Fragen: Gibt es das eine ohne das andere? Bedingen sie sich gegenseitig? Oder verhindert sogar letzteres die Autonomieforderung?

Ja, das sind zwei Seiten der selben Medaille. Bildungseinrichtungen benötigen einerseits die Freiheit und die Verantwortung, selbstständig und eigenverantwortlich über ihre Entwicklungsschwerpunkte und die damit verbundenen Rahmenbedingungen, soweit das möglich ist, zu entscheiden. Andererseits müssen sie darüber auch Rechenschaft ablegen.

Eines von mehreren Instrumenten, die dabei seitens Politik und Verwaltung genutzt werden, sind empirische Vergleichsstudien. Diese Schulleistungsstudien für sich genommen behindern die „Autonomie“ der Schulen nicht. Problematisch wird es erst, wenn das Verhältnis zwischen Selbstständigkeit der Einzelschule und ständiger äußerer Kontrolle durch den Einsatz vieler Evaluationsinstrumente zu sehr in Richtung Kontrolle verschoben wird.

Sind bundesweite Leistungsmessungen auch als eine Art Qualitätskontrolle für den Unterricht zu verstehen oder einzusetzen?

Eher nicht. In der Regel sind sie nicht als ein solches diagnostisches Instrument konzipiert, auch wenn sie entsprechende Aufschlüsse ermöglichen. Solche interessanten Aufschlüsse über die Art und Weise der Unterrichtsgestaltung finden sich beispielsweise in IGLU (Internationale Grundschul-Lese-Untersuchung) mit der Darstellung der fünf Typen von Lehrkräften oder in DESI (Deutsch-Englisch-Schülerlleistungen International) mit den Strukturmerkmalen für einen guten Unterricht.

Unabhängig vom Schulsystem ist jede Schule immer nur so gut wie ihre Lehrkräfte. Ist die zweistufige Ausbildung unserer Bildungsvermittler in Deutschland noch zeitgemäß und ausreichend, um die vielfachen Herausforderungen, denen sich die Schulen neben der Bildungsvermittlung gegenüber sehen, adäquat zu bewältigen?

Die Qualität der Ausbildung der Lehrkräfte ist nicht in erster Linie eine Frage der Zweistufigkeit der Ausbildung, sondern der dort vermittelten Inhalte und ihrer Praxisbezogenheit. Auch der Bildungsbericht macht nochmals deutlich, dass die akademische Ausbildung der Lehrkräfte ein Vorzug ist.

Handlungsbedarf sehe ich vor allem hinsichtlich der oft zu geringen Anteile der erziehungswissenschaftlichen Ausbildung, der besseren Vorbereitung der LehramtsanwärterInnen auf solche sich täglich stellenden Herausforderungen wie Förderung von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund, Umgang mit der zunehmenden Heterogenität der Lernenden, Reduzierung der sozialen Benachteiligungen im Bildungswesen usw. Hier muss die Ausbildung problemorientierter und praxisbezogener werden.

Dieser nationale Bildungsbericht mit dem Schwerpunktthema „Übergang von der Schule in die Ausbildung“ ist der zweite. Der erste mit dem Schwerpunkt „Migration/Integration“ erschien 2006. Wann wird es den dritten geben und mit welchem Fokus?

Der dritte Bildungsbericht wird im Juni 2010 erscheinen. Über das Schwerpunktthema des Berichts gibt es in den nächsten Monaten noch erforderliche Abstimmungen zwischen den Auftraggebern und der Autorengruppe. Derzeit wird seitens der Autorengruppe das Thema „Bildung und Demografie“ favorisiert.

Werden Sie wieder daran mitarbeiten?

Ja, ich bleibe Mitglied der Autorengruppe.

Professor Döbert, wir danken Ihnen für dieses Gespräch!


Links
Deutsches Institut für Internationale Pädagogische Forschung
Bildungsbericht

 

Kontakt
Prof. Dr. Hans Döbert

Deutsches Institut für Pädagogische Forschung
Arbeitseinheit Steuerung und Finanzierung des Bildungswesens


DJI Online / Stand: 1. Juli 2008

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