Gespräch mit Dr. Karin Jampert, DJI

 Frau Dr. Jampert, Sie haben zusammen mit Anne Zehnbauer, Dr. Kerstin Leuckefeld, Petra Best, Mechthild Laier, Cornelia Ott und Andrea Sens ein Sprachförderkonzept entwickelt. Warum?

Wir haben in unserem früheren Forschungsprojekt Schlüsselkompetenz Sprache gesehen, dass die vorliegenden sprachlichen Förderkonzepte überwiegend kompensatorisch ausgerichtet sind. Das heißt: sie konzentrieren sich auf Kinder im letzten Kindergartenjahr und die Behebung von sprachlichen Defiziten in bestimmten ausgewählten Bereichen.

 

Und welchen Ansatz verfolgen Sie?

Ganz wichtig ist für unser interdisziplinär besetztes Team der ganzheitliche Blick auf die Sprache. Kinder lernen nicht nach Wortlisten oder Bildkärtchen. Für sie findet Sprache überall statt. Sie singen, toben, malen, spielen, handeln neue Spielregeln aus und entdecken in Büchern und Geschichten neue Welten von Dinosauriern und das Weltall. Sprachliches Wissen setzt sich aus vielen Mosaiksteinen zusammen und umfasst sehr weite Bereiche. Unser Ansatz versucht, dieser Tatsache gerecht zu werden und legt das Augenmerk nicht nur auf sprachliche Strukturen wie Wortschatz, Grammatik oder Aussprache, sondern auch auf kognitive und kommunikative Aspekte.

 

Wann bzw. wo setzt das Konzept an?

Im Kindergarten, weil Kinder in der Kindergartenzeit in genau diesen drei Bereichen, die eng miteinander verwoben sind, ganz entscheidende Entwicklungsschritte machen. Sprachliche Förderung muss schon am ersten Kita-Tag beginnen und die Kinder kontinuierlich bis zur Vorbereitung auf die Schule begleiten.

 

Hält das Konzept Module für die jeweiligen Entwicklungsphasen bereit?

Natürlich, wir verfolgen einen progressiven Ansatz. Das heißt: wir gehen davon aus, dass sich die kindlichen Lernprozesse in dieser Altersspanne entscheidend verändern. Für jüngere Kinder hat Sprache eher eine nachgeordnete Funktion. Sie ist stärker handlungsgebleitend. Bei den älteren Kindergartenkindern zeigt sich dann ein immer stärker hinterfragendes und erklärendes Sprachverhalten.

 

Geht das Konzept auf Kinder mit besonderen Förderungsbedarf ein?

Ja, auch aber eben nicht nur. Dieses Konzept ist nicht zur Behebung von Defiziten bei bestimmten Kindern gedacht. Wir wollen das Handwerkszeug Sprache mit all seinen Facetten für alle Kinder wahrnehmbarer machen.

 

Und wie gehen Sie mit zweisprachig aufwachsenden Kindern um?

Die Welt hat nicht nur eine Sprache. Sind in der Kita Kinder oder Erzieherinnen, die eine Fremdsprache beherrschen, kann dies als Chance genutzt werden. Kinder, die in der Kita zum ersten Mal mit der deutschen Sprache in Kontakt kommen, fangen nicht bei null an. In ihrer Muttersprache haben sie schon wesentliche Entwicklungsschritte gemeistert und ihr kognitiver Entwicklungsstand ist ihren Deutschfähigkeiten weit überlegen. Aufgabe der Kita muss es sein, die sprachlichen Anforderungen sorgsam an ihre Fähigkeiten anzupassen und ihnen adäquate Handlungsmöglichkeiten unabhängig von ihren Deutschkenntnissen zur Verfügung zu stellen. Kinder mit Deutsch als Zweitsprache können ihr muttersprachliches Wissen und Können einbringen und die Kinder können Sprachen miteinander vergleichen. Dabei abstrahieren sie vom Inhalt, indem sie über die Form von Sprache nachdenken. Das weckt eine Sprachbewusstheit, die förderlich ist für die sprachlich-kognitive Entwicklung aller Kinder auch im Hinblick auf den späteren Schriftspracherwerb.

 

Schlagen Sie wie in einigen Kitas üblich Sprachförderung als spezielles Angebot vor?

Nein, auf keinen Fall! Unser Grundgedanke ist ja gerade, sprachliche Aspekte nicht als zusätzliche Aktivitäten einzuführen, sondern sie im Bildungskanon der Kita zu entdecken. Das heißt wir haben versucht, Sprachförderung in die vier Bildungsbereiche Musik, Bewegung, Naturwissenschaften und Medienarbeit zu integrieren.

 

Können Sie uns ein Beispiel dafür geben?

Gern, nehmen wir mal die Naturwissenschaften. Ein beliebtes Thema ist der Körper". Hier können die Kinder erforschen, wie sich ihre körperlichen Eigenschaften voneinander unterscheiden. Sie messen ihre Körpergröße, die Länge ihrer Füße, Beine und Arme. Sie messen das Volumen, das sie mit ihren Händen fassen können, z. B. anhand von kleinen Murmeln, die sie greifen können. Sie beschreiben und vergleichen die Farbe ihrer Haare, Augen und Haut. Die Ergebnisse der Messungen werden in Grafiken festgehalten.

Der naturwissenschaftliche Anteil besteht dabei aus dem Beobachten und Beschreiben von Ähnlichkeiten und Unterschieden, objektiviert durch Messen und Wiegen. Dazu kommen die Zahlen und die bildliche Darstellung. Der sprachliche Anteil besteht hauptsächlich aus Wörtern zum Thema Körper" wie Hand, Fuß, Arm, Bein, Haar, Haut, Augen, Nase usw. Zur Beschreibung sind verschiedene Adjektive notwendig: dick, dünn, groß, klein, lang, kurz und verschiedene Farben. Neben dem Wortschatz sind Aspekte der Wortbildung von Bedeutung: zum Vergleichen brauchen die Kinder Steigerungsformen der Adjektive, nämlich Komparative (länger) und Superlative (am längsten). Ferner tauchen fast alle Namenwörter in Ein- und Mehrzahl auf: Meine Hand ist größer als alle anderen Hände"; Hebt einmal eure Arme hoch! Wer hat wohl den längsten Arm?". Außerdem wird der Sinn von geschriebener Sprache, der Schrift deutlich. Denn damit können die Ergebnisse festgehalten und den Eltern oder anderen Kindern mitgeteilt werden.


Das Konzept wird im Laufe des Juli in Buchform erscheinen. Was geschieht dann als nächstes?

Momentan bereiten wir die Erprobungsphase vor. Denn in den nächsten zwei Jahren wird das Konzept in zehn verschiedenen Modelleinrichtungen in die Praxis umgesetzt. Ziel dieses Projekts ist es, bis 2008 anschauliches und handhabbares Praxismaterial zu erstellen, das sowohl Grandlagenwissen zur Sprachentwicklung vermittelt als auch beispielhaft zeigt, wie Sprachförderung in die Bildungsbereiche im Kindergraten integriert werden kann.


Frau Dr. Jampert, wir danken Ihnen für dieses Gespräch!

(Die Fragen stellte Susanne John.)

Das Buch erscheint demnächst im Verlag Das Netz

DJI-Projekt Sprachliche Förderung in der Kita

DJI Online Thema Sprachliche Bildung in der Kita

Kontakt: Dr. Karin Jampert


DJI Online / Stand: 1. Juli 2006