Vier Fragen an Prof. Dr. Thomas Rauschenbach, Direktor und Vorstand des Deutschen Jugendinstituts e.V., München

In Folge der Diskussion um die PISA-Ergebnisse ist - quasi als Nebeneffekt - auch die Aufmerksamkeit für die Phase der ersten Lebensjahre stark gestiegen. Immer wieder war hier vom "unausgeschöpften Potenzial der ersten Jahre" die Rede, und soeben hat uns der Nationale Bildungsbericht noch einmal die Schwächen des deutschen Bildungssystems vor Augen geführt. Vor diesem Hintergrund ist auch das Thema Erzieherinnenausbildung aktueller denn je, muss es in Zukunft doch darum gehen, "Bildung von Anfang an" zu ermöglichen.

Herr Prof. Rauschenbach, in der aktuellen DJI-Publikation "Reform oder Ende der Erzieherinnenausbildung?", haben Sie gemeinsam mit Angelika Diller kontroverse Beiträge zur Fachdebatte um die deutsche Erzieherinnenausbildung zusammengetragen. Was machen denn andere Länder im Vergleich zu Deutschland in der Erzieherinnenausbildung besser?

Im Vergleich zu fast allen anderen europäischen Ländern ist die Ausbildung von Fachkräften für die Bildung, Betreuung und Erziehung im frühen Kindesalter formal auf einem geringeren Niveau. Die meisten anderen Länder bilden in diesem Bereich inzwischen auf Hochschulebene aus. Eine Akademisierung der Erzieherinnenausbildung in Deutschland würde somit zu einer Angleichung der Ausbildungsniveaus führen. Allerdings muss auch beachtet werden, dass das Ausbildungsniveau nicht automatisch mit der realen Personalstruktur in den Kindertageseinrichtungen gleichzusetzen ist.

Brauchen wir nun also eine Akademisierung der Erzieherinnenausbildung, um das bei kleinen Kindern vorhandene Potenzial besser ausschöpfen zu können?

Wir brauchen vor allem eine inhaltliche Neubestimmung der Erzieherinnenausbildung im Sinne einer Intensivierung der bildungsbezogenen Aspekte einerseits und einer familienbezogenen Dienstleistungsorientierung andererseits. Die Anhebung der Ausbildung auf Hochschulniveau wäre ein Erfolg versprechender Weg dazu, und als Folge würde auch eine deutliche Professionalisierung des Qualifikationsprofils der Erzieherinnen erreicht. Daneben würden die Fachkräfte in diesem Bereich endlich auf gleiche Augenhöhe mit anderen pädagogischen Berufen gestellt. Dadurch würde das bestehende Statusgefälle mit seinen nicht zu unterschätzenden Nebenwirkungen ausgeglichen.

Dieses Plädoyer für eine Neuformatierung darf aber nicht pauschal mit einer Kritik und Abwertung des bestehenden Personals und der tagtäglichen Arbeit in den Fachschulen und den Kindertageseinrichtungen gleichgesetzt werden. Auch dort ist die Bereitschaft Reformimpulse aufzugreifen und die Lage aus eigener Kraft und mit eigenen Mitteln zu verbessern, vorhanden. Im Interesse der sich abzeichnenden inhaltlichen Herausforderungen, die Förderung und Bildung von Kindern in den ersten Lebensjahren sowie das Dienstleistungsangebot für Familien zu verbessern, braucht es aber eine Neuausrichtung der Erzieherinnenausbildung.

Was sind die Grundvoraussetzungen dafür, die Erzieherinnenausbildung in Deutschland zukunftsfähig (und das Bildungswesen wettbewerbsfähig) zu machen?

Es darf nicht nur um Statusfragen oder Imageverbesserung einer bestimmten Be-rufsgruppe gehen. Vielmehr müssen die Anforderungen an moderne Kindertageseinrichtungen als Bildungs-, Betreuungs- und Erziehungsangebote und als familienzentrierte Dienstleistungsanbieter das inhaltliche Kriterium, der Maßstab aller Reformen sein. Kern der Bemühungen muss sein, die Bildungsprozesse in früher Kindheit nachhaltig zu unterstützen und damit das Aufwachsen in Deutschland in zunehmend öffentlicher Mitverantwortung qualifiziert zu fördern. Damit könnte es auch gelingen die individuellen Startchancen aller Kinder im Lichte gegebener sozialer Ungleichheiten zumindest ein Stück weit auszugleichen.

Ist eine solche Reform angesichts der knappen öffentlichen Kassen überhaupt zu finanzieren?

Die vermeintlich hohen Folgekosten einer Anhebung auf Hochschulniveau wären keineswegs ein so starker Hinderungsgrund, wie oft der Eindruck erweckt wird. Eine im Auftrag des 12. Kinder- und Jugendberichts erstellte Expertise kommt zu dem Schluss, dass mit vergleichsweise geringen Kostensteigerungen pro Ausbildungsplatz zu rechnen wäre und die aufgrund der Akademisierung steigenden Personalkosten durch den aus demographischen Gründen sinkenden Personalbedarf in der Gesamtsumme fast ausgeglichen werden könnten - zumal das neu ausgebildete Personal auch erst nach und nach in die Einrichtungen strömen würde. Wir sehen also: Eine Reform wäre möglich, sie muss nur auch politisch gewollt sein. Es bleibt nur zu hoffen, dass Deutschland endlich mit offenem Visier diese Debatte und dieses Reformprojekt aufgreift. Um in diesen Zeilen ein Bild des Sports aufzugreifen: Wer Fußballspiele gewinnen will, erkennbar jedoch keine Tore schießt, diesen Befund allerdings penetrant ignoriert - und nichts an der Sturmmisere ändert -, darf sich am Ende nicht wundern, wenn er sein Ziel nicht erreicht.


DJI Online / Stand: 20. Juli 2006