DJI Online Gespräch Juli 2005 mit mit Beate Pedrals, Stipendiatin am DJI

Das StipendiatInnen-Programm des DJI bietet jüngeren WissenschaftlerInnen aus dem In- und Ausland Gelegenheit zur wissenschaftlichen Forschung in München. Wir haben mit der Stipendiatin Beate Pedrals (31) aus Valparaiso/Chile gesprochen, die gerade ihre Forschungsarbeiten in München beendet hat.

Frau Pedrals, Sie sind im September letzten Jahres als Stipendiatin ans DJI nach München gekommen. Wie sind Sie auf das StipendiatInnen-Programm aufmerksam geworden?
Ich wollte auf jeden Fall im Rahmen meiner Forschungsarbeiten auch einige Zeit in Deutschland verbringen, um etwas für meine Weiterbildung als Sozialwissenschaftlerin zu tun. Auf München kam ich unter anderem durch Dr. René Bendit, der in Argentinien und Chile häufiger als Gastdozent an den Universitäten FlACSO und Diego Portales unterrichtet und durch Professor Keupp, der mir das Deutsche Jugendinstitut als erstklassige Anlaufstelle für internationale Forschungsprojekte zum Thema Jugend genannt hat. Auf den Internetseiten des DJI hab ich dann das Stipendiaten-Programm und die Möglichkeit, ein Praktikum am DJI zu machen, entdeckt. Ich hab erst einmal ein 5-monatiges Praktikum am DJI absolviert und mich anschließend für ein Stipendium beworben.

Welches Thema haben Sie während Ihres Stipendiums erforscht?
Das Forschungsthema der Stipendiaten muss ja immer an ein bestehendes DJI-Projekt angelehnt sein. Während des Praktikums hatte ich im FATE-Projekt ("Families and Transitions in Europe") mitgearbeitet ...

Was ist das für ein Projekt?
Das ist ein EU-Projekt, in dem die Rolle der Familie im Übergangsprozess junger Menschen zum Erwachsensein in verschiedenen europäischen Regionen untersucht wird, unter besonderer Berücksichtigung der Übergangsprozesse von der Bildungs- und Ausbildungsphase in den Arbeitsmarkt.

Und welchen Teilaspekt haben Sie genauer erforscht?
Die subjektive Wahrnehmung des "Erwachsenen-Begriffs" bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen - in Deutschland, Italien und Chile. So konnte ich zwei Länder aus dem FATE-Projekt - ein mittel- und ein südeuropäisches Land - mit meinem Heimatland vergleichen.

Sie haben als Zielgruppe Ihrer Untersuchung Jugendliche und junge Erwachsene genannt. Welche Altersgruppe ist das genau gewesen?
Das ist unterschiedlich, weil das Kriterium war: Jugendliche am Ende ihrer Ausbildungszeit bzw. in der Übergangsphase zwischen Ausbildung und Berufseinstieg. Und da steht das Alter natürlich im Zusammenhang mit dem jeweiligen Ausbildungsniveau.
Im FATE-Projekt und auch bei meiner Untersuchung haben wir Personen aus drei verschiedenen Bildungsniveaus einbezogen. So kommt es, dass zum Teil 18-Jährige dabei waren, wie in Chile, weil es dort kein duales Ausbildungssystem gibt wie in Deutschland, und junge Menschen häufig direkt von der Schule in den Beruf wechseln. Zum Teil sind die befragten jungen Erwachsenen schon Ende 20 gewesen, wenn sie lange studiert haben, was in Deutschland häufiger vorkommt. Das Alter an sich war also kein Kriterium für die Auswahl der Stichprobe.

Wie sind Sie methodisch vorgegangen?
Meine Untersuchung ist eine qualitative Studie. Ich habe Ergebnisse aus dem FATE-Projekt zu den zwei europäischen Ländern neu ausgewertet und zusätzlich neue Interviews in Chile durchgeführt, bzw. durchführen lassen. Dafür hab ich einen Leitfaden entwickelt, der an den FATE-Leitfaden angelehnt ist und spezifiziert wurde.
Insgesamt waren es 83 Interviews, die ich analysiert habe. Ursprünglich wollte ich die Befragungen anhand eines aus der Theorie kommenden Modells auswerten. Als ich die Interviews aber durchgearbeitet habe, habe ich mich dazu entschlossen, eher Kategorien aus den Texten heraus zu entwickeln. Dann wurden die Interviews codiert und gemeinsam mit den Kurzzusammenfassungen der einzelnen Interviews mit Hilfe des qualitativen Q-Nudist-Programms ausgewertet.

Ich kann mir vorstellen, dass Sie da zu sehr heterogenen Ergebnissen gekommen sind ...
Nicht nur - es gibt auch viele Gemeinsamkeiten. Zum Beispiel tun sich alle Befragten grundsätzlich schwer, das Erwachsensein zu definieren. Es ist eben keine einfache Frage. Das Alter kommt zwar als Thema vor, ist aber kein wirklich entscheidendes Kriterium.
Das wichtigste Merkmal, um das Erwachsensein zu definieren, ist in allen drei Ländern: Verantwortung zu übernehmen. Darunter verstehen die jungen Befragten die Übernahme von beruflichen Pflichten, Verantwortung für das eigene Verhalten und seine Konsequenzen, Verantwortung für das eigene Leben und Verantwortung für andere Menschen (wenn man Kinder bekommt).
Ein anderer wichtiger Aspekt, den die Interviewpartner mit "Erwachsensein" verbinden, ist, Selbstständigkeit in verschiedenen Bereichen zu erreichen: das Leben selbst zu finanzieren, selbstständige Entscheidungen treffen zu können und einen eigenen Haushalt zu gründen.
Besonders interessant fand ich, dass fast alle auch aus der Sicht ihres "inneren Kindes" her argumentiert haben. Unter dem "inneren Kind" versteht man in meiner Forschung die kindliche Seite, die die Befragten in sich wahrnehmen. Viele Befragte waren wenig gewillt, dieses Stadium des Kindseins hinter sich zu lassen. Das äußert sich darin, dass sie sich noch als Kind fühlen, oder dass sie kindliches Verhalten in sich selbst erkennen, wie zum Beispiel noch in die Disco gehen oder mit der Schwester "spielen" oder das Festhalten an kindlichen Zügen. Mit dem Kindsein verbinden die Interviewpartner Humor, Flexibilität und u. a. das Leben nicht so ernst zu nehmen. Als positiv an der kindlichen Seite nennen die Befragten zum Beispiel "die Beziehungen des Herzens".

Wurde Erwachsensein von den Befragten eher positiv oder negativ empfunden?
Beides. Es ist in jedem Fall ein zwiespältiges Gefühl. Auf der einen Seite wird die größere Freiheit positiv bewertet, aber gleichzeitig die Kehrseite der Medaille, nämlich die größere Verantwortung, als belastend angesehen. Auch die Unabhängigkeit von den Eltern wird konterkariert durch eine stärkere Abhängigkeit von anderen Faktoren, dem Arbeitgeber, vom Partner oder einer eigenen Familie.

In allen drei Ländern sind die jungen Leute offiziell mit 18 Jahren erwachsen. Wie viele der von Ihnen Befragten schätzten sich selbst als "erwachsen" ein?
In der Tendenz fühlen sich in allen Ländern eher diejenigen mit einem höheren Bildungsniveau erwachsen, was natürlich auch mit dem tatsächlichen Alter korreliert. Denn die mit einer einfacheren Ausbildung sind im Schnitt auch wesentlich jünger, wohnen noch zuhause bei den Eltern usw.
Übrigens sind es die jungen Männer in Italien, die sich am stärksten gegen das Erwachsenwerden sträuben. Langweilig, anstrengend, starr und vor allem ernst - das sind die Attribute, die sie mit dem Erwachsensein verbinden.

Und wie würden Sie persönlich "Erwachsensein" definieren?
Auf jeden Fall ist für mich "Erwachsensein" kein Zustand, sondern ein Prozess. Abgesehen von der juristischen Definition der Volljährigkeit, die ja sehr klar umrissen ist, wird aus soziologischer Perspektive das Erwachsensein als eine soziale Konstruktion betrachtet, die in unterschiedlichen kulturellen und sozialen Kontexten anders sein wird. Man kann es als Ergebnis der Bewältigung von manchen Statuspassagen sehen wie Berufsausbildung, eigenes Einkommen, Auszug aus dem Elternhaus, feste Partnerschaft, usw. Die Zeitdauer der einzelnen Statuspassagen kann sehr unterschiedlich sein und die Reihenfolge, in der sie gelebt werden, ist nicht immer dieselbe.
Ich persönlich denke, dass es keine allgemeingültige Definition von Erwachsensein geben kann. Wir müssen uns für einzelne Studien immer wieder auf neue Vereinbarungen für die Begriffsdefinition verständigen. Das Ziel meiner Forschung ist, den Begriff "Erwachsen-Sein" von den jungen Befragten zu erhalten, ohne ihn durch die eigenen Vorstellungen zu beeinflussen.

Wo sind die jungen Leute selbstständiger: in Chile, Deutschland oder Italien?
Eindeutig in Deutschland. Das hat kulturelle und historische Gründe. In Deutschland wird schon bei den Kleinstkindern immer auf eine Erziehung zur Selbstständigkeit geachtet. Außerdem ist es gesellschaftlich akzeptiert, dass Kinder relativ früh von zu Hause ausziehen - auch wenn sie noch gar nicht ökonomisch selbstständig sind. Jan Marbach vom DJI hat in einem unserer Experten-Interviews von einer Scherenbewegung gesprochen, die in Deutschland beobachtet werden kann: Während die Jugendlichen soziokulturell immer früher selbstständig werden, verschiebt es sich immer mehr nach hinten, dass sie ihr eigenes Geld verdienen.
In Italien und Chile hingegen bleiben die Kinder so lange bei den Eltern, bis es einen triftigen Grund gibt auszuziehen: ein Arbeitsplatz in einer anderen Stadt, Heirat oder Familiengründung. Das ändert sich erst sehr langsam.

Konnten Sie auch geschlechtsspezifische Unterschiede ausmachen?
So große Unterschiede hab ich da nicht gefunden. Auffällig war am ehesten, dass die jungen Frauen in Chile weniger selbstbewusst sind. Sie ziehen selten allein in eine eigene Wohnung, sondern meist mit einem Mann zusammen. Und an dessen Karriereplanung passen sie sich in der Folge auch an.

Wie könnte man die Verselbstständigungsprozesse von Jugendlichen unterstützen - vorausgesetzt, dass das politisch überhaupt gewünscht ist?
Für Deutschland war ein Vorschlag der von mir interviewten Experten, dass das Kindergeld, das vom Staat ja bis zum Ende der Ausbildung an die Eltern ausgezahlt wird, eher den jungen Erwachsenen direkt zur Verfügung gestellt wird - ähnlich wie in Frankreich - , damit sie früher lernen, ökonomisch verantwortlich zu handeln.
In Chile gibt es bislang fast keine staatlichen Hilfen oder Förderungen -noch weniger als in Italien. In Chile müsste ein System für konkrete Hilfen erst einmal aufgebaut werden. Zielgruppe wären für mich vor allem junge Erwachsene mit niedrigem und mittlerem Bildungsniveau. Hinzu kommt, dass der chilenische Staat eigentlich nicht daran interessiert ist, dass junge Leute ohne eine Ausbildung zu früh in den Arbeitsmarkt kommen. Die Arbeitslosenquote ist in Chile ja ähnlich hoch wie in Deutschland. Deswegen sollen von Staats wegen die Jugendlichen erst möglichst spät ins Erwerbsleben eintreten.

Wie geht es für Sie nun weiter?
Wenn ich meinen Abschlussbericht für das DJI fertiggestellt habe, kehre ich an die Universität Técnica Federico Santa María zurück, wo ich eine Stelle als Wissenschaftliche Mitarbeiterin habe. Vielleicht kann ich in dem Rahmen auch einen kleinen Forschungsschwerpunkt zu meinem Thema einrichten. Und natürlich würde ich auch gern promovieren. Aber genaues steht noch nicht fest.

Und was werden Sie am meisten vermissen, wenn Sie nicht mehr in Deutschland sind?
Vor allem das Fahrradfahren wird mir fehlen. Ich fand es schön, wie man in München, aber auch in anderen deutschen Großstädten mit dem Rad Kultur und Natur genießen kann.
Am meisten aber werde ich die idealen Arbeitsbedingungen vermissen. Institute wie das DJI kennen wir in Chile nicht: Die tolle Bibliothek, Computer, Experten-Netzwerke, Zeit und Geld, um wirklich konzentrierte Forschungsarbeit zu leisten - in Chile fehlt immer irgendetwas, entweder die Infrastruktur, die Zeit oder das Geld.

Ich habe mich am DJI sehr wohl gefühlt. Man kann hier wirklich etwas lernen. Vor allem hat mich mein Betreuer am DJI, Dr. Rene Bendit immer unterstützt. Auch der Einstieg über das Praktikum war prima, weil ich da Einblicke in das FATE Projekt bekommen habe und in der Stipendienzeit dann auf eigene Faust weiter forschen konnte.

Frau Pedrals, wir danken Ihnen für das Gespräch!

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Beate Pedrals ist Psychologin. Bevor Sie als Stipendiatin ans DJI kam, hat sie an der Universität Técnica Federico Santa María in Valparaíso- Chile in einem Sucht- und Aidspräventionsprogramm für Studenten gearbeitet, geforscht und Programme koordiniert.


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