Gespräch mit Jens Lipski und Nadine Pautz, DJI

Frau Pautz, Herr Lipski, im Frühjahr 2005 haben Sie 19 Schulen und deren außerschulische Partner zu ihren Kooperationen und zur Realisierung von Angeboten befragt. Wie viele Gespräche haben Sie im Einzelnen geführt, und wie sind Sie in der weiteren Auswertung des Materials vorgegangen?

Wir haben 19 Schulen in verschiedenen Bundesländern besucht und insgesamt 99 leitfadengestützte Interviews mit Schulleitungen, Lehrkräften, VertreterInnen der Kooperationspartner und SchülerInnen geführt. Bei der Schulauswahl sind unterschiedliche Schultypen sowie regionale und milieuspezifische Bedingungen berücksichtigt worden, um ein breites Spektrum an Erfahrungen über Kooperationsbeziehungen, aber auch über die Realisierung von verschiedenen bedürfnisorientierten Angeboten erfassen zu können.

Die Interviews sind aufgezeichnet und anschließend transkribiert worden, um die weitere Auswertung computergestützt vornehmen zu können. Ohne ein solches elektronisches Textanalysesystem hätten wir die 3.000 Seiten Textmaterial nicht differenziert erfassen und auswerten können. Das weitere Vorgehen bestand überwiegend aus systematischer Aufarbeitung, Kategorisierung und Interpretation der Aussagen anhand zentraler Fragestellungen.

Was war für Sie das überraschendste Ergebnis?

Weniger überraschend war, dass es im Grunde genommen keine Schule gibt, die trotz der extrem schlechten Rahmenbedingungen nicht in irgendeiner Form Kooperationsbeziehungen nutzt, sei es als Ergänzung zum Unterricht oder zur Gestaltung von Nachmittagsangeboten.

Interessant war jedoch, dass es, obwohl alle Schulen zum Teil langjährige Kooperationserfahrungen haben, an einer Systematisierung dieser Kooperationsformen und -beziehungen mangelt. D.h. es fehlt an klar definierten Strukturen, Abläufen, Verantwortlichkeiten und Kommunikationsformen zwischen den Beteiligten, aber auch an ausreichend entwickelten Evaluierungsmethoden. Das haben die Schulen und ihre Partner mittlerweile erkannt und in ihren Entwicklungsplan aufgenommen.

Bei welchen Schulen lief es denn besonders gut?

Das lässt sich schwer verallgemeinern. Die 19 Schulen, die wir befragt haben, handhaben ihre Kooperationsbeziehungen sehr schulspezifisch. Außerdem muss differenziert werden zwischen unterrichtsbezogenen Angeboten, die weniger regelmäßig und mehr situationsbezogen stattfinden und Angeboten die z.B. als AG im Nachmittagsbereich über einen längeren Zeitraum laufen. Die finanziellen und personellen Ressourcen und Rahmenbedingungen für Kooperationen sind an den Schulen sehr unterschiedlich, aber auch sehr entscheidend für gelingende Zusammenarbeit.

Sie haben sowohl die förderlichen als auch die hinderlichen Bedingungen für die Zusammenarbeit untersucht. Welche Faktoren haben sich aus Ihrer Sicht als erfolgversprechend erwiesen?

Da sind einige zu nennen. Grundsätzlich ist erst einmal eine gesicherte Angebotsfinanzierung mit ausreichend Entscheidungs- und Handlungsspielraum für die Schule wichtig, um die Kooperationsangebote spezifisch ausgestalten zu können; nämlich abhängig von ihrer Rolle und Aufgabe im Stadtteil und orientiert am Bedarf der SchülerInnen, die ja aus unterschiedlichen sozialen Milieus kommen.

Zweitens ist ein Kooperationskonzept erfolgversprechend, das flexibel auf die jeweiligen Bedürfnisse der Beteiligten reagieren kann. Vor allem bei zeitlichen Regelungen aber auch in Bezug auf die Interessen- und Bedürfnislage der SchülerInnen.

Die außerschulischen Partner müssen fest institutionalisierte Mitsprache- und Entscheidungsmöglichkeiten in schulischen Gremien haben. Und ihr Lehrpersonal sollte über ausreichende pädagogische Qualifikationen verfügen, um an den individuellen Fähigkeiten und Bedürfnissen der Kinder in den oft großen und heterogenen Schülergruppen (z.B. AGs, Unterrichtsklassen) ansetzen zu können. Daher sollte das externe Personal nicht ausschließlich aus Ehrenamtlich Tätigen rekrutiert werden, sondern auch angemessen bezahlt werden.

Außerdem hat sich gezeigt, dass die Bereitschaft der Schulleitung, persönlich Verantwortung zu übernehmen, die Initiative zu ergreifen, sich auch einmal über zu eng gefasste Berufsrollen hinwegzusetzen und Entscheidungen "auf die eigene Kappe" zu nehmen ganz entscheidend dazu beiträgt, dass die Entwicklung voran getrieben wird.

Und was stellt das größte Hindernis dar?

Neben den mangelhaften strukturellen Rahmenbedingungen wie unsichere Finanzlage und zu wenig Zeit müssen die Beteiligten die Zusammenarbeit wollen und die Sichtweisen der unterschiedlichen Professionen und Qualifikationen gegenseitig respektieren und für sich als fruchtbar und anregend einordnen. Vorurteile und Skepsis gegenüber neuen oder fremden Arbeitsmethoden und Ansätzen, aber auch verkrustete Denkstrukturen sorgen in hohem Maße dafür, dass Kooperationsprozesse sich gar nicht oder negativ entwickeln.

Wo sehen Sie in erster Linie Schwächen auf Seiten der Schulpartner?

Zum Beispiel in der mangelnden Fähigkeit, individuell auf die Bedürfnisse von SchülerInnen einzugehen. Hier fehlt es oft an Erfahrung im Umgang mit SchülerInnen aus bildungsbenachteiligten Sozialgruppen und erforderlichen differenzierten Arbeitsmethoden und Fördermöglichkeiten. Denn die Musikschule und das Kreativstudio besuchen üblicherweise solche Kinder, die nicht aus bildungsbenachteiligten Familien kommen und die soziale und kognitive Kompetenzen mitbringen, die das Erreichen von Lernzielen leichter machen.

Wie bewerten Sie die Haltung der Schulen?

Allzu häufig denken die Schulen noch zu sehr unterrichtszentriert und sehen außerschulische Kooperationspartner eher als Dienstleister, die den Schulen zuarbeiten sollen.

Viele Lehrkräfte tun sich auch generell schwer, Schule und Unterricht zu öffnen. Hinter dieser mangelnden Bereitschaft, sich auf neue Situationen, Aufgaben oder Verantwortung einzulassen, verbergen sich oft Ängste, den Anforderungen von Schulentwicklung und Öffnung zum Lebensraum hin nicht gewachsen zu sein. Aber auch die Angst, dass die eigene fachliche Kompetenz negativ bewertet wird.

Sind die Schulleitungen überhaupt auf derartige Kooperationen vorbereitet?

Eher gar nicht bis wenig. Die Schulen stehen zwar nicht mehr ganz am Anfang, was die Entwicklung der Öffnung von Schule hinsichtlich Kooperationen betrifft. Es gibt schon ein wachsendes Bewusstsein dafür, dass für Kooperationsbeziehungen Kompetenzen erforderlich sind, die bislang nicht in dem Maße notwendig waren. Dazu zählen auf jeden Fall Führungs- und Managementkompetenzen von Schulleitungen.

Denn die Schule wird zunehmend zu einem Unternehmen, in dem viele unterschiedliche Professionen unter einem Dach gemeinsam am Bildungsauftrag arbeiten, an dem insbesondere auch die SchülerInnen partizipieren müssen. Da müssen neue Formen des gemeinsamen Miteinanders ausprobiert werden, neue Gestaltungsräume für gemeinsames Lernen, Lehren und Kommunizieren geschaffen werden. Schulleitungen müssen u.a. dafür innerschulisch und außerschulisch Kooperationsbeziehungen initiieren und koordinieren, die Beteiligten motivieren, Aufgaben delegieren, Gelder beantragen und verwalten, Sponsoren werben, Bewerbungsgespräche führen, Kompetenzen im Vertragsrecht erwerben und Schulentwicklungsprozesse evaluieren.

Was heißt das für die LehrerInnen?

Die Aufgabe einer Lehrkraft ist es zukünftig, stärker als Begleiter und Unterstützer in Lernprozessen zu agieren und zusammen mit außerschulischen Akteuren individuelles und eigenverantwortliches Lernen in verschiedenen Lernkontexten zu ermöglichen. Lehrkräfte sollten die konkreten Leistungen des Kooperationspartners für die gemeinsame Gestaltung von Angeboten inner- und außerhalb des Unterrichts aushandeln können, um eine sinnvolle Arbeitsteilung zwischen Lehrkraft und Kooperationspartner zu ermöglichen. Dafür sind u.a. Projektmanagementkompetenzen der Lehrkräfte erforderlich.

Die weiterführenden Schulen benötigen Lehrkräfte, die praktische Erfahrungen und Kenntnisse in Betrieben oder Institutionen erworben haben, um einerseits den Unterricht realitätsnah und praxisorientiert gestalten zu können, andererseits um Wissen vermitteln zu können, das den Anforderungen von Ausbildung und Beruf entspricht. Und zudem, um die SchülerInnen angemessener während der Praktika begleiten und beraten zu können. Das sind neue Aufgabenfelder für Lehrkräfte, für die die Rahmenbedingungen erst noch geschaffen werden müssen.

In welchen Bereichen besteht ein gemeinsamer Fortbildungsbedarf?

Ein Bedarf an gemeinsamer Fort- und Weiterbildung für Lehrkräfte und Kooperationspartner wird auf jeden Fall gesehen und gewünscht. Insbesondere in Bereichen, in denen Lehrkräfte und außerschulische Akteure sehr eng miteinander arbeiten. Zum Beispiel in der gemeinsamen Gestaltung eines Nachmittagsangebotes oder im Unterricht und wenn Kooperationspartner aus Berufsfeldern kommen, in denen die pädagogische Arbeit ebenfalls im Mittelpunkt steht, z.B. in der Schulsozialarbeit.

Hier ist ein institutionalisierter und regelmäßiger Austausch über Arbeitsmethoden und Erfahrungen dringend erforderlich. Das gegenseitige Kennenlernen von Berufsbildern und Arbeitsweisen trägt auch zum Abbau von Vorurteilen und Missverständnissen bei.

Wo und von wem werden gemeinsame Fortbildungsveranstaltungen durchgeführt?

Die Realität sieht eher so aus, dass die Träger der Kooperationspartner für die Fort- und Weiterbildung ihrer Mitarbeiter sorgen und diese finanzieren. Die Lehrkräfte besuchen Weiterbildungen, die von der Kommune getragen werden. Fortbildungsveranstaltungen für die Zusammenarbeit von Lehrkräften externem Personal an der Schule gibt es selten.

Es kommt vor, dass größere Wirtschaftsbetriebe, die mit weiterführenden Schulen kooperieren, Lehrkräfte auf Fortbildungsveranstaltungen einladen, um die Vor- und Nachbereitung von Berufspraktika im Unterricht projektorientiert mit zu gestalten. Aber auch, um Lehrkräften realistisch zu vermitteln, welche Anforderungen auf SchülerInnen zukommen, wenn sie nach der Schule eine Ausbildung in wirtschaftlichen Unternehmen anstreben.

Gemeinsame Fortbildung findet eher in Form eines „learning by doing“ – Prozesses an der Schule statt. So werden in der gemeinsamen Gestaltung von Projekten oder Angeboten, Teammodelle und Kommunikationsmethoden erarbeitet, Arbeitsmethoden und Techniken erprobt.

Was wünschen sich die Partner von den Schulen?

Kooperationspartner sehen sich nicht als reine Dienstleister der Schule, sondern als Partner auf gleicher Augenhöhe, die mit den Schulen gemeinsam den Bildungsauftrag erfüllen wollen. Und so möchten sie auch gesehen, eingebunden und anerkannt werden.

Und was ist für Schulen besonders wichtig?

Eine ganz neue Definition der Rolle von Schule, ein neues Selbstverständnis des Lehrpersonals, mehr Spielraum bei der Angebotsgestaltung und der Auswahl des Fachpersonals und vor allem Planungssicherheit, d.h. feste Budgets, um für die notwendige Kontinuität und Qualität zu sorgen.

Aber das Geld ist immer wieder ein großes Problem. Welche Finanzierungsmodelle gibt es an den untersuchten Schulen?

Im Wesentlichen gibt es drei Möglichkeiten. Erstens: die Schule ist an bestimmten Dienstleistungen durch externe Kräfte interessiert und kauft diese Dienstleistungen ein, z.B. Freizeitangebote für Schülerinnen und Schüler. Die Finanzierung erfolgt in der Regel durch Kapitalisierung von Lehrerstunden und teilweise auch durch Elternbeiträge.

Zweitens: Der Kooperationspartner verfolgt bestimmte Interessen und finanziert entsprechende Maßnahmen. Zum Beispiel möchte das Jugendamt in einem sozialen Brennpunkt präventiv vorgehen, und da es fast alle Kinder und Jugendlichen in der Schule erreicht, finanziert es das so genannte soziale Training durch Schulsozialarbeiter. Dieses Training wird dann in Zusammenarbeit zwischen Klassenlehrer und Schulsozialarbeiter in einer Unterrichtsstunde durchgeführt. Es handelte sich im konkreten Fall nur um eine Projektfinanzierung für ein Jahr, keine Dauerfinanzierung. Oder ein Betrieb ist daran interessiert, talentierte und willige Azubis zu gewinnen, und finanziert entsprechende Maßnahmen wie Praktika, Projekte usw.

Die dritte Variante entspricht am ehesten dem Anspruch nach gleichberechtigter Kooperation. Hierbei entwickeln und realisieren Schule und Jugendhilfe gemeinsam das Konzept eines Ganztagszentrums. Beide Seiten zahlen in einen gemeinsamen Topf ein, aus dem das außerunterrichtliche Gesamtangebot finanziert wird.

Im November 2006 haben Sie Schulen, Kooperationspartner, Wissenschaftler und Vertreter der Jugendverbände, die am Projekt beteiligt waren, zu einem Abschlussgespräch nach München eingeladen. Ging es da eher friedlich oder kontrovers zu?

Eher friedlich, denn es waren sich alle Beteiligten einig, dass nun die Politik dringend gefordert ist, die strukturellen Rahmenbedingungen zu verbessern. Es kann nicht angehen, dass positive Entwicklungen nur durch das übergroße Engagement Einzelner entstehen. Der Beginn eines Wandels, eines Umdenkens ist deutlich spürbar. Vorurteile und Vorbehalte werden durch gemeinsame Tagungen, Fortbildungen und Hospitationen langsam abgebaut. Aber dies alles reicht nicht, wenn der Rahmen nicht stimmt.

Frau Pautz, Herr Lipski, wir danken Ihnen für dieses Gespräch!

DJI Projekt: Kooperation von Schule mit außerschulischen Akteuren

Thema 9/06 Ganztagsschule; ein Ziel – viele Wege

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DJI Online / Stand: 1. Januar 2007