Auf einen Blick

Mit großer Regelmäßigkeit erschüttern Berichte von gewalttätigen Ausschreitungen junger Menschen die Öffentlichkeit: Amokläufer, U-Bahn-Schläger oder prügelnde Fußballfans prägen in der Wahrnehmung Vieler das Bild einer immer gewalttätiger werdenden Jugend. Empirisch lässt sich dies nicht untermauern. Die folgenden elf Befunde fassen wesentliche Daten und Fakten zur Gewaltdelinquenz von jungen Menschen übersichtlich zusammen:

Aussage 1: Jugendliche werden zumeist wegen leichter Straftaten auffällig.
Die Straftaten Jugendlicher sind im Vergleich zu Erwachsenen meist weniger schwer und umfassen insbesondere Ladendiebstahl, Schwarzfahren, leichte Körperverletzung und Sachbeschädigung. Gewalttaten (vor allem schwere Körperverletzung und Raub) machen nur einen kleinen Teil der gesamten Jugendkriminali­tät aus.

Aussage 2: Jugenddelinquenz ist meist ein vorübergehendes Phänomen im Lebenslauf.
Jugenddelinquenz ist in der Mehrheit episodenhaft und gilt sowohl im statistischen Sinn als auch entwicklungspsychologisch als „üblich“. Wenn Jugendliche beim Diebstahl erwischt werden, sie mutwillig Dinge beschädigen oder einmal in eine körperliche Auseinandersetzung verwickelt sind, gehört dies vielfach zu alterstypischen Risikoverhaltensweisen im Jugendalter, einer Lebensphase, die  durch  Austesten von Grenzen oder Mutproben gekennzeichnet ist.

Aussage 3: 14- bis 21-Jährige stellen ein Drittel der Tatverdächtigen bei Gewaltstraftaten junger Menschen.
Die Statistik zeigt, dass Jugendliche und Heranwachsende im Alter zwischen 14 und 21 Jahren bei etwas mehr als einem Drittel aller Gewaltstraftaten, die polizeilich im Jahre 2011 erfasst wurden, tatverdächtig waren. Die größte Gruppe der Tatverdächtigen stellen mit 62 Prozent die über 21-Jährigen. Rund 9.000 jugendliche Tatverdächtige waren jünger als 14 Jahre (5%).

Abb. 1: Gewaltkriminalität nach Altersgruppen 2011 in Prozent und absoluten Zahlen (PKS-Schlüssel 892000 = vor allem schwere und gefährliche Körperverletzung, Raub, Vergewaltigung, Tötungsdelikte)

 

Quelle: Eigene Grafik nach BKA: PKS Zeitreihen, Tabelle 20 – insgesamt, S. 173.

Aussage 4: Die Zahl der tatverdächtigen Jugendlichen sinkt seit einigen Jahren kontinuierlich.
Statistiken und vor allem empirische Studien zeigen, dass junge Menschen in den letzten Jahren weder krimineller noch gefährlicher geworden sind. Wenngleich auf einem hohen Niveau verzeichnet auch die aktuelle Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS; Bundeskriminalamt 2012) eine weitere Abnahme der Jugendkriminalität sowie der Jugendgewalt. Im Jahr 2011 wurden insgesamt 678.286 Jugendliche, Heranwachsende und junge Erwachsene zwischen 14 und unter 25 Jahren einer Straftat verdächtigt. Da die absolute Zahl der jugendlichen Tatverdächtigen erst im Verhältnis zur Gesamtzahl der Jugendlichen aussagekräftig ist, zeigt das folgende Diagramm eine Veränderung der sogenannten Tatverdächtigenbelastungszahlen (TVBZ) im Deliktbereich gefährliche und schwere Körperverletzung seit 1987. ( TVBZ = deutsche Tatverdächtige ab 8 Jahre der jeweiligen Personengruppe auf je 100.000 Einwohner derselben Altersgruppe). 

Abb. 2: Tatverdächtigenbelastungszahl (TVBZ) der deutschen Tatverdächtigen ab 8 Jahren nach Alter - Gefährliche und schwere Körperverletzung 1987-2011 (PKS-Schlüssel 222000)

Quellen: BKA PKS Zeitreihen Tabelle 40 – insgesamt und getrennt nach männlich/weiblich (1987-2011). Eigene Zusammenstellung der Arbeitsstelle Kinder- und Jugendkriminalitätsprävention, München. Hinweis: TVBZ sind ab 2009 aufgrund der "echten" Tatverdächtigenzählung nicht mit den Vorjahren vergleichbar. 1987-1990: alte Bundesländer; 1987-1992: alte Bundesländer mit Gesamt-Berlin; ab 1993: Bundesgebiet insgesamt (einschl. der fünf neuen Länder).

Aussage 5: Raufereien unter Jugendlichen an den Schulen sind rückläufig.
Als Vollerhebung ist die Raufunfallstatistik der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung besonders aussagekräftig. Diese nimmt alle Vorfälle schwerer Gewalttaten, die der Versicherung von den Schulen gemeldet wurden, auf. Die Entwicklung zwischen 1993 und 2010 zeigt ein relativ stabiles Aufkommen mit nur leichten Schwankungen an Grundschulen, Gymnasien und Sonderschulen sowie leicht sinkende Zahlen an den Realschulen und eine starke Abnahme von Raufunfällen an Hauptschulen. Die Anzahl der erfassten Frakturen bei Raufunfällen an Schulen befindet sich seit Jahren auf einem gleichbleibend niedrigen Niveau. Eine zunehmende Brutalisierung des Schüler/innenlebens ist anhand dieser Daten nicht zu erkennen.

Abb. 3: Raufunfälle an Schulen und Raufunfälle mit Frakturen je 1.000 Schüler/innen (1993 – 2010)

Quellen: Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung – Statistik – Makrodaten, Schülerunfälle; http://www.dguv.de/inhalt/zahlen/documents/Gewalt_an_Schulen.pdf (Zugriff: 6.6.2011); http://www.8ung-schule.de/media/pdf/Achtung-in-der-Schule_Statistik.pdf (Zugriff: 6.6.2011); http://www.dguv.de/inhalt/zahlen/documents/schueler/gewalt_2010.pdf (Zugriff: 6.12.2012)

Aussage 6: Mehrfachauffällige Jugendliche stellen eine kleine Gruppe mit Multiproblemlagen dar.
Nur ein kleiner Teil von etwa 5 Prozent aller straffälligen Jugendlichen (bezogen auf alle Jugendlichen also eine ausgesprochen kleine Gruppe im Promillebereich) wird wiederholt und mit schwerwiegenderen Delikten auffällig. Diese Personengruppe ist in der Regel durch komplexe Problemlagen belastet - von sozialer Randständigkeit über Gewalterfahrungen in der Familie und Schulproblemen bis hin zu Alkohol- und Drogenmissbrauch und devianten Cliquenbezügen.

Aussage 7: Jugendgewalt betrifft überwiegend junge Menschen.
Ein Charakteristikum der Jugendgewalt ist, dass sowohl als Täter als auch als Opfer vor allem junge Menschen der gleichen Alters- und Geschlechtergruppe betroffen sind. In der Fachdiskussion wird in diesem Zusammenhang von dem durchaus nicht seltenen Täter-Opfer-Statuswechsel gesprochen. Gemeint ist damit, dass die gleichen Jugendlichen häufig in der einen Situation als Täter auftreten und in der anderen Situation Opfer von Gewalttaten werden. Da sich Jugendgewalt im öffentlichen Raum meist unter männlichen Jugendlichen ereignet, trägt diese Gruppe das höchste Risiko, Opfer einer Gewalttat zu werden. Über die Geschlechter hinweg betrachtet sind insgesamt über drei Viertel aller Opfer jugendlicher Gewalthandlungen selbst Jugendliche.

Aussage 8: Schwere Jugendgewalt ist männlich.
Sowohl polizeiliche Daten als auch Dunkelfelduntersuchungen zeigen, dass männliche Jugendliche mehrfach stärker mit Gewalt belastet sind als weibliche Jugendliche. Eine deutliche Überrepräsentanz männlicher Jugendlicher gibt es vor allem bei der Beteiligung an schwerwiegenden Gewaltdelikten, die zumeist in der Gruppe spontan durch eskalierende Konflikte entstehen. Über 85 Prozent aller Tatverdächtigen im Bereich der Gewaltkriminalität waren im Jahr 2011 männlich. In der Altersgruppe der 14- bis unter 16-Jährigen wurde der vergleichsweise höchste Mädchenanteil mit einem knappen Drittel verzeichnet.

Aussage 9: Migrationshintergrund wird in der Polizeilichen Kriminalstatistik nicht erfasst.
In der öffentlichen Diskussion wird im Zusammenhang mit Jugendgewalt auch immer wieder die Gruppe der Jugendlichen mit Migrationshintergrund hervorgehoben. In der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) wird jedoch nur die Gruppe der deutschen und der nichtdeutschen Tatverdächtigen auf der Basis der Staatsangehörigkeit unterschieden. Ein Vergleich der beiden Gruppen ist nicht sinnvoll, da zum Gruppenvergleich Verhältniszahlen berechnet werden müssen, die z.B. die Belastung auf 100.000 einer bestimmten Personengruppe angeben (TVBZ). Da aber aufgrund von nicht gemeldeten und durchreisenden Menschen ohne deutschen Pass (etwa Fans bei Fußballspielen) die Gesamtzahl der ausländischen Personen, die potenziell Straftaten begehen könnten, nicht bekannt ist, kann die TVBZ nur für die deutsche Wohnbevölkerung berechnet werden. Eine häufigere Registrierung ausländischer Jugendlicher in den polizeilichen und justiziellen Statistiken kann an zahlreichen Faktoren liegen: z.B. einer höheren Anzeigewahrscheinlichkeit, einer höheren Kontrollintensität oder Verstößen gegen das Ausländergesetz. Außerdem muss auch die weitere sozialstrukturelle Zusammensetzung der Gruppe (geringeres Einkommen, geringeres Bildungsniveau, Stadt-Land-Verhältnis) berücksichtigt werden.

Aussage 10: Politisch motivierte Gewalttaten werden anders erfasst.
Während ein Großteil des Gewalthandelns Jugendlicher nicht politisch, rassistisch oder fremdenfeindlich motiviert ist, gibt es darüber hinaus immer wieder Gewalttaten junger Menschen, bei denen entsprechende Motive im Hintergrund eine Rolle spielen. Politisch motivierte Gewalt fällt in den Bereich des polizeilichen Staatsschutzes und wird nicht in der Polizeilichen Kriminalstatistik, sondern in einer eigenen Statistik mit spezifischen Definitionssystem (PMK) geführt. Für diese Statistik gibt es keine öffentliche altersbezogene Auswertung. Die Anzahl der als politisch rechtsextrem motivierten registrierten Gewalttaten (PMK-rechts) verzeichnet im Zeitraum von 2001 bis 2011 sowohl leichte Anstiege als auch moderate Rückgänge. Große Trends lassen sich aus der PMK nicht ablesen. In der PMK ebenfalls erfasst werden Straf- und Gewalttaten mit linksextremistischem Hintergrund (PMK-links) und die politisch extremistische Ausländerkriminalität (PMAK).

Abb. 4: Entwicklung der politisch motivierten Gewalt insgesamt sowie der einzelnen Phänomenbereiche (2001-2011)

Quelle: Bundesministerium des Innern. http://www.bmi.bund.de/SharedDocs/Pressemitteilungen/DE/2012/05/politisch-motivierte-kriminalitaet-2011.html?nn=106342 (Zugriff: 12.12.2012)

Aussage 11: Eine Gruppe von über 100.000 jungen Menschen wurde 2011 nach Jugendstrafrecht verurteilt.
Nach dem Jugendstrafrecht wurden in Deutschland im Jahr 2011 etwa 102.000 Jugendliche wegen Gewalt- oder anderer Straftaten verurteilt, die zum Tatzeitpunkt zwischen 14 und unter 18 Jahren alt waren oder nach Entscheidung des Gerichts als Heranwachsende zwischen 18 und unter 21 Jahren unter das Jugendstrafrecht fielen. Davon wurden 31.966 zu einer Erziehungsmaßregel (z.B. sozialer Trainingskurs oder Täter-Opfer-Ausgleich) verurteilt, 76.048 zu Zuchtmitteln (z.B. Arbeitsleistungen oder Jugendarrest; teilweise werden Zuchtmittel in Kombination mit Erziehungsmaßregeln verhängt) und 16.168 zu einer Jugendstrafe, die überwiegend zur Bewährung (9.948) ausgesetzt wurde. Die Verurteiltenziffer der deutschen Jugendlichen (nur für diese Gruppe kann eine Verhältniszahl berechnet werden) lag im Jahr 2011 bei 1.446, d.h. etwa 1,5 Prozent der Jugendlichen wurden verurteilt, wobei die männlichen Jugendlichen über viermal stärker belastet waren.

 

Was tun?

1. Prävention von Delinquenz im Kindes- und Jugendalter ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.
In Deutschland erfolgte in den letzten zwei Jahrzehnten ein stetiger Ausbau der Kriminalitätsprävention, insbesondere in den Handlungsfeldern Schule, Kinder- und Jugendhilfe, Polizei, Justiz und Familie. Dabei wurden zahlreiche Strategien der Kriminalitätsprävention im Allgemeinen und der Gewaltprävention im Speziellen entwickelt und umgesetzt (vgl. die DJI-Publikation „Strategien der Gewaltprävention“). Die Ausbildung dieses breiten und differenzierten Spektrums von überwiegend erzieherischen Maßnahmen hat sicherlich einen Beitrag zur Verhinderung von Straftaten geleistet.

2. Kriminalitätsprävention im Kindes- und Jugendalter ist ein langfristiger und in erster Linie erzieherischer Prozess.
Straftaten junger Menschen stellen oftmals Reaktionen auf Entwicklungsherausforderungen dar, die an Heranwachsende gestellt werden und die sie nicht adäquat bewältigen können. Zur Bewältigung dieser Herausforderungen sind Hilfestellungen notwendig: Hilfestellungen zu alternativen Möglichkeiten der Konfliktlösung und zur Positionierung im Leben, in Partnerschaft, Schule und Beruf - bis hin zur Familienplanung. Jugendgewalt wird vielfach durch männliche Jugendliche ausgeübt, in der Präventionsarbeit ist deshalb auch die Reflexion von Geschlechterrollen ein wichtiges Thema. Die Prävention von Delinquenz im Kindes- und Jugendalter ist ein langfristiger Prozess und muss auf die Lebenslagen, Ressourcen und Risikofaktoren auf der lokalen Ebene eingehen können. Das Augenmerk sollte dabei immer auf den zukünftigen sozialen Integrationsbedingungen vor Ort liegen.

3. Das Wissen um Wirkungen setzt die Evaluation kriminalpräventiver Projekte voraus.
Eine zentrale Herausforderung zur Weiterentwicklung des Handlungsfeldes der Kinder- und Jugendkriminalitätsprävention besteht in der Evaluation der Präventionsstrategien. Wenn Ergebnisse bewertet und Wirksamkeiten überprüft werden sollen, sind auch neue methodische Wege erforderlich. Ein Beispiel für ein interessantes Instrument der Evaluation ist das Logische Modell. In den wenig formalisierten Praxissettings der Kriminalitätsprävention im Kindes- und Jugendalter können mithilfe des Logischen Modells Wirkungsannahmen sowie Zusammenhänge zwischen pädagogischem Handeln und intendierten Effekten plausibilisiert werden (vgl. DJI-Projekt: Das Logische Modell als Instrument der Evaluation in der Kriminalitätsprävention im Kindes- und Jugendalter).

Quellen/Literatur:
Die Daten und Fakten wurden zusammengestellt von der Arbeitsstelle Kinder- und Jugendkriminalitätsprävention am DJI.

Die Arbeitsstelle begleitet seit 1997 begleitet die Entwicklung der Jugenddelinquenz und informiert Praxis, Politik, Medien und Forschung über Konzepte und Handlungsstrategien der Kinder- und Jugendkriminalitätsprävention.
Die in der Kinder- und Jugendhilfe, in den Schulen, in der Polizei und Justiz vorhandenen kriminalpräventiven Ansätze werden konzeptionell verglichen, auf ihre Voraussetzungen und Erfolgsbedingungen geprüft, ihre Zielgruppen und Zielsetzungen beschrieben und - soweit möglich - hinsichtlich ihrer Erfolge bewertet. Ziel ist die Weiterentwicklung und Qualifizierung der Fachdebatte und Fachpraxis.
Die Arbeitsstelle versteht dabei Delinquenz im Kindes- und Jugendalter vor allem als pädagogische Aufgabe.

DJI Online / Stand: 1. Februar 2013