Gespräch mit Prof. Dr. Angelika Diezinger (Hochschule Esslingen)

Das in den 1980er Jahren entworfene soziologische Konzept der „Alltäglichen Lebensführung“ gründet darauf, dass Menschen ihr Leben heute weitaus aktiver gestalten müssen als früher. Vor allem Familien stellt dies immer wieder vor die Herausforderung des „Doing Family“, also alle Bedürfnisse und Aktivitäten der einzelnen Mitglieder in den verschiedensten Lebensbereichen konstruktiv aufeinander abzustimmen. Angelika Diezinger hat einen Forschungsaufenthalt als Gastwissenschaftlerin am DJI genutzt, um ihre Arbeiten zum Thema „Alltägliche Lebensführung“ fortzusetzen.


Frau Prof. Diezinger, das Konzept der „Alltäglichen Lebensführung“ hat vor nun fast 30 Jahren Eingang in die soziologische Terminologie gefunden. Bedarf es einer Neufassung des Ansatzes, oder ist die damit erfolgte Beschreibung der alltagspraktischen Zusammenhänge nach wie vor aktuell?

Eine grundsätzliche Neufassung ist meines Erachtens nicht notwendig, denn das Konzept ist darauf angelegt, die praktische Vermittlung und Abstimmung der Tätigkeiten und Aufgaben, die wir in verschiedenen Lebensbereichen erfüllen, zu thematisieren. Insgesamt werden praktische Kompetenzen der Selbststeuerung im Umgang mit zunehmend unsicheren und offenen Rahmenbedingungen bedeutsamer. Durch die Umstellung von einem eher sorgenden zu einem fordernden Sozialstaat steigt der Zwang zu einer aktiven, eigenverantwortlichen Lebensführung. Das Konzept der „Alltäglichen Lebensführung“ ist daher aktueller denn je.

Lässt sich das Konzept der „Alltäglichen Lebensführung“ mit der Idee von der Familie als Herstellungsleistung, dem „Doing Family“, verknüpfen?

Alltägliche Lebensführung ist ein Konzept, das zunächst von einem individuellen Akteur ausgeht. „Doing family“ begreife ich als Teil der alltäglichen Lebensführung von Menschen, die in Familien leben und ihre individuelle Lebensführung mit der der anderen Familienmitglieder verschränken, abstimmen, koordinieren müssen, damit so etwas wie Gemeinsamkeit gelebt und erlebt werden kann.

Die dazu notwendigen Abstimmungsprozesse sind komplexer und komplizierter geworden. Das liegt zum einen daran, dass sich im Erwerbsbereich Anforderungen und Arbeitsbedingungen verändert haben. Zum anderen hat sich Familie in ihrer Form und Verlässlichkeit verändert, und gleichzeitig sind die Erwartungen an Familie gestiegen, die Erwartungen der Mitglieder, aber auch der Gesellschaft. Die Veränderungen im Geschlechterverhältnis verweisen darauf, dass es keine fraglosen Zuständigkeiten für die Belange von Familie mehr gibt, daher müssen die Aktivitäten aller Familienmitglieder für Gemeinsamkeit berücksichtigt werden.

In diesem Fall ginge es also darum, die Frage der Verknüpfung von einzelnen Lebensführungen konzeptionell zu fassen. „No man is an island“, d.h. wir sind alle im Alltag mit den Lebensführungen anderer verbandelt, mal weniger eng, mal sehr eng, vor allem, wenn es um die konkrete Praxis von familialer Verantwortung geht. Ich war schon immer skeptisch, was das Argument der „Herauslösung aus familialen Bindungen“ angeht, das im Individualisierungstheorem so prominent ist. Ich konnte empirisch zeigen, dass zumindest für Frauen eher der Wunsch und die Notwendigkeit der „Individualisierung in Bindungen“ eine große Rolle spielen. Wie Menschen dies konkret und tagtäglich tun, ein eigenes Leben in der Gemeinschaft mit anderen zu führen, muss jedoch erst noch genauer ge- und erfasst werden. 

Kommt das Konzept auch in anderen Gebieten zur Anwendung?

Für zwei Schwerpunkte meiner Lehr- und Forschungstätigkeit hat das Konzept eine große Bedeutung: zum einen bei Fragen der sozialen Ungleichheit und im Bereich der Geschlechterforschung beim Thema: Care/Fürsorgearbeit.

Was soziale Ungleichheit anbelangt, bietet das Konzept zwei Vorteile: Es konzentriert sich weder auf den Markt, wie es etwa Klassen- und Schichttheorien tun, noch richtet es den Fokus ausschließlich auf die Freizeit wie das Konzept der Erlebnismilieus. Alle Menschen, unabhängig von ihrer Position im gesellschaftlichen Raum, müssen sich mit alltäglicher Lebensführung auseinandersetzen. Das Konzept lässt sich auf privilegierte wie benachteiligte, auch „exkludierte“ Lebenslagen anwenden. Damit kann vor allem vermieden werden, die Betroffenen von Exklusionsprozessen als „Überflüssige“ (Bude) quasi in ein schwarzes Loch der Gesellschaftsanalyse zu expedieren. Und es hat insbesondere dann Vorteile gegenüber stärker ressourcenorientierten Konzepten Sozialer Ungleichheit, wenn Kenntnisse von Handlungssituationen benötigt werden, um analysieren zu können, wie sich Menschen etwa mit Armut auseinandersetzen. 

Und bezogen auf die Fürsorge-Thematik?

Was das Thema Care/Fürsorge anbelangt, scheinen mir zwei Anschlussmöglichkeiten wichtig: Aus der Perspektive des Alltags kann nicht nur untersucht werden, wer für wen sorgt, sondern wie diese praktische Aufgabe überhaupt noch unter den entgrenzten  Anforderungen des Erwerbs vollbracht werden kann. Außerdem verlangt Care eine spezifische Handlungslogik: Sie ist auf nicht aufschiebbare leib-seelische Bedürfnisse gerichtet, verlangt tätige Zuwendung, Beachtung spezifischer Bedürfnisse, auch einmal die Fähigkeit, Zeit verlieren zu können. Das steht dem Zwang zu Optimierung und Verdichtung, der im Beruf herrscht, entgegen. Wie Menschen mit diesem Widerspruch umgehen, lässt sich nur erkennen, wenn auch die fürsorgende Praxis nicht getrennt vom „übrigen“ Alltag analysiert wird.

In den 1980er Jahren gab es empirische Untersuchungen zur Alltagsgestaltung diverser Berufsgruppen, auf deren Grundlage verschiedene Lebensführungsmuster herausgearbeitet werden konnten. Auf welche Daten würden Sie für die Überprüfung  neuer Milieukonzepte zurückgreifen?

Die auch externen Forschern und Forscherinnen zugänglichen Daten des DJI-Surveys AID:A (Aufwachsen in Deutschland: Alltagswelten) sind hier ein großer empirischer Fundus. Deswegen kam ich mit der Idee an das DJI, in den AID:A-Datensätzen der ersten Welle nach milieuspezifischen Formen alltäglicher Lebensführung zu suchen. In der Abteilung Z (Zentrum für Dauerbeobachtung und Methoden) habe ich bei der Suche nach entsprechenden Verteilungsmustern große Unterstützung erfahren. Ein neues Modell der Berufsgliederung (von Vester nach Oesch) ist auf die Daten aufgespielt worden. Ich will zunächst eine deskriptive Analyse versuchen, werde dies aber als „Hausaufgabe“ mit nach Esslingen nehmen. Es ist mir klar geworden, dass hierzu eine nochmalige und sehr genaue Operationalisierung des Begriffs „Milieu“ Voraussetzung ist.

Und welcher konkreten Fragestellung sind Sie dann während Ihres Gastaufenthaltes am DJI nachgegangen?

Ich erhielt die Gelegenheit, im Kompetenzteam Familie bei der Operationalisierung des Konzepts „familiale Lebensführung“ für die zweite Welle von AID:A mitzuwirken. Es ist eine wirklich große Herausforderung, ein qualitatives Konzept für eine quantitative Surveyforschung aufzubereiten. 

Zu den zentralen Gestaltungsaufgaben von Familie sind am DJI wichtige qualitative Studien durchgeführt worden, die ich aus dieser Perspektive in den letzten Monaten rezipiert habe. Jetzt steht die Frage im Mittelpunkt, wie Menschen die Aufgaben der Verknüpfung praktisch lösen, an welchen konkreten Alltagsaufgaben sich dies empirisch besonders deutlich ablesen lässt und welche Antwortkategorien notwendig und hinreichend sind, um die Bandbreite unterschiedlicher Strategien abbilden zu können. Die Diskussionen und Erfahrungen sind für mich sehr wertvoll, ich kann sie unmittelbar in die Methodenausbildung unserer Masterstudiengänge einbringen.

Sie kehren nun nach fünf Monaten am DJI zurück an die Hochschule Esslingen, wo Sie unter anderem angehende Sozialpädagoginnen und -pädagogen ausbilden. Wo sehen Sie konkrete Anschlussmöglichkeiten für das Konzept der „Alltäglichen Lebensführung“ in der Sozialen Arbeit?

Alltägliche Lebensführung ist ein Konzept, das aufgrund seiner „Alltagsnähe“ große Bedeutung für alle Handlungswissenschaften hat, nicht nur für die Soziale Arbeit, sondern auch für die Gesundheitswissenschaft, teilweise auch die Pflegewissenschaft. Wenn man allein die Definition der Weltgesundheitsorganisation (WHO) für Gesundheit ansieht, wo es sinngemäß heißt: „Gesundheit wird von Menschen in ihrer alltäglichen Umgebung erzeugt und gelebt, dort wo sie lernen, arbeiten, spielen und sich lieben, für einander und andere sorgen und Entscheidungen treffen“, dann wird das sehr augenfällig.

Der professionelle Auftrag dieser Disziplinen besteht in der Regel darin, beratend und unterstützend im Alltag zu intervenieren, Verhaltensänderungen bzw. Veränderungen der Rahmenbedingungen einzuführen. Dabei ist es notwendig, alltägliche Lebensführung als personales Regelsystem ernst zu nehmen, das eine Eigenlogik und eine gewisse Trägheit und Verhaltensresistenz besitzt. Nur so kann es von der Notwendigkeit permanenter Neuentscheidungen entlasten. Diese Gewohnheiten können Menschen jedoch im Weg stehen, wenn Veränderungen sinnvoll, notwendig und auch aus der Sicht der Personen wünschenswert wären. Wenn sozialpädagogische Fachkräfte diesen Widerstand  bemerken, neigen sie häufig dazu, zu psychologisieren. Menschen sind aber durchaus zu Verhaltensänderungen bereit, wenn dies für sie im Alltag bewältigbar und nicht als zusätzliche Belastung erscheint.

Schließlich hat das Konzept den Vorteil, dass es keine gesellschaftliche Gruppe ausschließt, nicht an einen beruflichen Status gebunden ist: Auch der Alltag von Langzeitarbeitslosen, Obdachlosen oder illegalen Einwanderern muss gestaltet werden. Und: Lebensführung kann auch scheitern, durch Armut oder chronische Krankheiten beeinträchtigt werden. Auch hier hilft das Konzept, zu identifizieren, wo überhaupt Unterstützungsbedarf besteht: bei den Ressourcen, den Strategien oder Kompetenzen der Menschen.

Frau Prof. Diezinger, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

(Interview: DJI Online Redakteurin Susanne John)

Angelika Diezinger (Jg. 1951), Prof. Dr. phil., Dipl.-Soziologin, lehrt seit 1994 an der Fakultät Soziale Arbeit, Gesundheit und Pflege der Hochschule Esslingen. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Soziale Ungleichheit, Frauen- und Geschlechterforschung sowie die Soziologie privater Lebensformen.

Literatur

Ergebnispapier:
Bührmann, Andrea/Diezinger Angelika/Metz-Göckel, Sigrid (Hrsg.) (2007): Arbeit, Sozialisation, Sexualität. Zentrale Felder der Frauen- und Geschlechterforschung. Lehrbuch zur sozialwissenschaftlichen Frauen- und Geschlechterforschung , Band 1, 2. überarb. und erweiterte Auflage. Wiesbaden: VS-Verlag

Diezinger, Angelika (2008): Alltägliche Lebensführung: Die Eigenlogik alltäglichen Handelns. In: Becker, Ruth/Kortendiek, Beate (Hrsg.): Handbuch Frauen- und Geschlechterforschung. 2. erweiterte und aktualisierte Auflage. Wiesbaden: VS Verlag, S. 221-226

Diezinger, Angelika/Mayr-Kleffel, Verena (2009): Soziale Ungleichheit. Eine Einführung für soziale Berufe. 2. erweiterte und aktualisierte Auflage. Freiburg: Lambertus

Links
DJI Online Thema 2012/08
AID:A-Befunde zur Lebenssituation allein­erziehender Mütter weiter

DJI Online Thema 2012/06
Erwerbsarrangements und das Wohlbefinden von Eltern in Ost- und Westdeutschland  weiter

DJI Online Thema 2012/03
Wege in die Selbstständigkeit im Geschlechtervergleich weiter

DJI Online Thema 2011/12
Wenn Eltern sich trennen: Familienleben an mehreren Orten weiter

DJI Online Thema 2010/12
Karriere im Doppelpack weiter

DJI Online Thema 2010/10
Aufwertung von Familienarbeit - FamCompass macht informell erworbene Kompetenzen sichtbar weiter

DJI Online Thema 2010/08
Aufwachsen in Deutschland mit fremden Wurzeln – Alltagswelten von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund weiter

DJI Online Thema 2010/06
Stark und stabil – Familie als Solidargemeinschaft weiter

DJI Online Thema 2010/03
Der Alltag von Mehrkinderfamilien – Ressourcen und Bedarfe weiter

DJI Online Thema 2009/12
Doing Family – den Alltag von Familien ernst nehmen weiter

DJI Online Gespräch September 2007 mit Dr. Karin Jurczyk, DJI Leiterin der Abteilung Familie und Familienpolitik

„Doing Family – Familie als Herstellungsleistung“ weiter

Kontakt
Prof. Dr. Angelika Diezinger
Hochschule Esslingen
Fakultät Soziale Arbeit, Gesundheit und Pflege

Flandernstraße 101
73732 Esslingen

Angelika.Diezinger(at)hs-esslingen.de


DJI Online / Stand: Februar 2013