Gespräch mit Dr. Jens Pothmann (Forschungsverbund DJI – TU Dortmund, AKJStat)

 

Die Hilfen zur Erziehung (HzE) gehören zu den zentralen Aufgaben der Kinder- und Jugendhilfe. Dazu zählen Beratung, kurzzeitige Unterstützung für Familien wie längerfristige Unterbringung von Kindern außerhalb der Familie. Nicht zuletzt wegen der rasant steigenden Fallzahlen und Ausgaben gerieten die HzE zuletzt in die Schlagzeilen. Eine Untersuchung der Arbeitsstelle Kinder- und Jugendhilfestatistik (AKJStat) zeigt eklatante regionale Unterschiede bei den Fremdunterbringungsquoten. Dazu hat DJI Online Dr. Jens Pothmann von der Arbeitsstelle Kinder- und Jugendhilfestatistik einige Fragen gestellt.

Abbildung: Fremdunterbringungsquote in Landkreisen und kreisfreien Städten

Herr Dr. Pothmann, die Karte macht erhebliche regionale Unterschiede bei der Unterbringung von Kindern und Jugendlichen in Heimen und Pflegefamilien im Rahmen der Hilfen zur Erziehung deutlich. Als Laie hätte man vielleicht eher Stadt-Land-Divergenzen vermutet. Stattdessen fallen die großen roten Flecken im Nordosten Deutschlands ins Auge, während der Süden fast durchgängig grün gefärbt ist. Welche Regionen verbergen sich hinter den rot Gekennzeichneten im Einzelnen?

In der Tat fallen zunächst einmal die Differenzen zwischen Nord und Süd ins Auge, wenngleich auch Stadt-Land-Unterschiede bei der Fremdunterbringungsquote feststellbar sind. Bei den Kommunen mit den höchsten Fremdunterbringungsquoten reden wir von 26 kreisfreien Städten und Landkreisen. Das entspricht einem Anteil von sechs Prozent der insgesamt über 400 Gebietskörperschaften. Die Kommunen mit den höchsten Quoten sind schon vor allem kreisfreie Städte in insgesamt sechs Bundesländern wie z.B. Frankfurt an der Oder (Brandenburg), Schwerin (Mecklenburg-Vorpommern), Gera (Thüringen), Duisburg (Nordrhein-Westfalen), Trier (Rheinland-Pfalz) oder der Stadtverband Saarbrücken (Saarland). Aber auch einige ostdeutsche Landkreise sind mit dabei, beispielsweise Güstrow (Mecklenburg-Vorpommern) oder Ostprignitz-Ruppin (Brandenburg).

Nehmen wir einmal Duisburg, den Landkreis Ostprignitz-Ruppin und Schwerin, die zu dieser mit 6 Prozent relativ kleinen Gruppe der Landkreise und kreisfreien Städte mit hohen Fallzahlen gehören. Hier waren im Laufe des Jahres 2009 mehr als 200 von 10.000 Jugendlichen unter 18 Jahren in einem Heim oder einer Pflegefamilie untergebracht. Das sind immerhin mehr als 2 Prozent. Was aber heißt das für diese Kommunen konkret – in absoluten Zahlen ausgedrückt?

Angesichts der unterschiedlichen Einwohnerzahl dieser beiden Städte und des Landkreises etwas völlig Anderes. Während für Schwerin ein absolutes Fallzahlenvolumen von etwas mehr als 200 ausgewiesen wird, sind es im Landkreis Ostprignitz-Ruppin rund 320 und in Duisburg über 2.000 Fälle. Für die Stadt Berlin mit einer nur etwas überdurchschnittlichen Fremdunterbringungsquote weist die Statistik im Übrigen sogar über 6.700 Fälle aus. Deutlich wird an diesen absoluten Zahlen, wie wichtig es ist, diese Angaben ins Verhältnis zur altersentsprechenden Bevölkerung zu setzen. Ansonsten sind die Fallzahlen überhaupt nicht vergleichbar.

Vergleichen wir also einmal die drei genannten Beispiele mit den Resultaten aus einer Kleinstadt im „grünen“ Baden-Württemberg wie beispielsweise Tübingen.

Mit der Fremdunterbringungsquote lässt sich zumindest sagen, dass im Verhältnis zur minderjährigen Bevölkerung im Landkreis Tübingen anteilig deutlich weniger Kinder und Jugendliche in Pflegefamilien und Heimen leben als im Landkreis Güstrow in Mecklenburg-Vorpommern. Hier ist die Fremdunterbringungsquote viermal höher. Dies lässt sich aufgrund dieser Daten zunächst einmal genauso feststellen wie das Ergebnis, dass im Bundesvergleich in Gebietskörperschaften wie dem Landkreis Fürstenfeldbruck oder auch dem Bodenseekreis die niedrigsten Werte ausgewiesen werden. Diese Vergleichsbefunde sind Ausgangspunkt für Forschungsfragen zu möglichen Einflussfaktoren und Wechselwirkungen, aber auch eine gute Möglichkeit für Praxis- und Qualitätsentwicklung für das kommunale Unterstützungssystem Hilfen zur Erziehung.

Bevor wir auf mögliche Einflussfaktoren kommen, vorab noch die Frage: Wie viele Minderjährige waren 2009 in Deutschland insgesamt in Heimen oder Pflegefamilien untergebracht? 

Insgesamt wurden über die Kinder- und Jugendhilfestatistik im besagten Jahr knapp 140.000 gezählt, davon nicht ganz 64.000 in Pflegefamilien sowie etwa 76.000 in Heimen und betreuten Wohnformen.

Aus welchen Milieus stammen diese Kinder und Jugendlichen? 

Hierbei handelt es sich in etwa jedem zweiten Fall um ein Kind oder einen Jugendlichen aus einer Alleinerziehendenfamilie. In 70 Prozent der Fälle ist die Herkunftsfamilie des Minderjährigen auf Transferleistungen wie ALG II oder Sozialhilfe angewiesen.

Diese Angaben zeigen: Unterbringungen bei Pflegefamilien sowie in Heimen sind also ganz offenkundig notwendige Unterstützungsleistungen bei Familien in schwierigen Lebenskonstellationen. Der Ausfall eines oder beider Elternteile, die Trennung und Scheidung, aber auch die Folgen von fehlenden materiellen Ressourcen sowie damit verbundene Ausgrenzungsprozesse stellen Lebenslagen dar, in denen eine Hilfe zur Erziehung häufiger als in anderen Lebenskonstellationen die familiäre Erziehung ersetzen muss.

Angesichts dieser Ergebnisse fällt es schwer, die Notwendigkeit einer Fremdunterbringung lediglich als Konsequenz einer im Einzelfall nicht gelingenden familiären Erziehung zu begreifen. Vielmehr muss die sozialpolitische Seite dieser Ergebnisse auch in der aktuellen Debatte dringend zur Kenntnis genommen werden.

Damit haben Sie schon einige der Gründe genannt, die zur Herausnahme eines Kindes aus der Familie führen. In wie vielen Fällen ist diese denn wegen eines Verdachts auf Missbrauch und/oder Vernachlässigung notwendig geworden? 

Voraussetzung für eine Hilfe zur Erziehung ist laut Kinder- und Jugendhilfegesetz, dass eine dem Wohl des Kindes entsprechende Erziehung nicht mehr gewährleistet ist. Dass es dazu kommt und im Anschluss daran eine Fremdunterbringung notwendig wird, kann unterschiedliche Gründe haben. In fast 45 Prozent ist es vor allem eine unzureichende Versorgung, manchmal auch die mangelnde Förderung des Minderjährigen.

Bei knapp einem Drittel der erzieherischen Hilfen spielt in der Hilfeplanung eine Gefährdung des Kindeswohls durch Vernachlässigung bzw. eine physische oder psychische Misshandlung zumindest mit eine Rolle bei der Entscheidung für eine Fremdunterbringung. Bei den unter Sechsjährigen liegt diese Quote bei über 50 Prozent und auch bei den Sechs- bis Achtjährigen wird immerhin noch ein Anteil von weit über 40 Prozent ausgewiesen.

Inwieweit handelt es sich um gewalttätige Jugendliche, mit denen die Eltern überfordert sind?

Bei Jugendlichen im Alter von 15 bis 17 Jahren sind neben den familiären Konflikten vor allem auch Verhaltens- und Entwicklungsauffälligkeiten der Grund für eine familienersetzende Hilfe. Man kann also sagen: Je älter der Minderjährige ist, desto stärker definiert sich der Bedarf an einer Unterbringung über Tag und Nacht bei Pflegeeltern, aber vor allem in stationären Hilfesettings auch über individuelle Problemlagen. Dies gilt im Übrigen insbesondere für die Jungen. Inwiefern allerdings nun gewalttätige Jugendliche, vor denen die Eltern kapitulieren, hinter diesen Zahlen stecken, lässt sich über die Kinder- und Jugendhilfestatistik nicht beantworten.

Kommen wir zurück zu den regionalen Unterschieden bei der Fremdunterbringungsquote. Wenn man Ihre Deutschlandkarte neben eine Karte zur Arbeitslosen- bzw. Armutsquotenverteilung legt, wie groß sind da die Übereinstimmungen?

Es zeigen sich bei den Verteilungen große Übereinstimmungen. Der Ende letzten Jahres vorgelegte Armutsatlas des Paritätischen hat beispielsweise gezeigt, dass die so genannten „Armutsgefährdungsquoten“ im Nordosten Deutschlands am höchsten sind, dass aber auch Regionen im Nordwesten – wie z.B. das Ruhrgebiet – mitunter von ähnlich prekären sozioökonomischen Lebenslagen betroffen sind, während im Süden der Republik die wenigsten Menschen von Armut bedroht sind. Das erinnert doch stark an die regionalen Unterschiede bei der Fremdunterbringung.

In mehreren Bundesländern werden zu diesen Zusammenhängen seit einigen Jahren immer wieder entsprechende Untersuchungen durchgeführt, und die Ergebnisse stimmen weitgehend überein. Für Nordrhein-Westfalen haben wir das im letzten Jahr auf der Basis von Daten der amtlichen Statistik sowie der Bundesagentur für Arbeit im Rahmen des so genannten „HzE Berichts“ analysiert. Hier hat sich gezeigt, dass die Höhe der Fallzahlen bei den familienersetzenden Hilfen statistisch mit einer räumlichen Verdichtung und eben auch der Belastung sozioökonomischer Lebenslagen korreliert. Dieser Befund korrespondiert mit Ergebnissen der Surveyforschung. Hier wird ebenfalls von einem grundsätzlichen Zusammenhang zwischen sozioökonomisch prekären Lebenslagen auf der einen sowie Schwierigkeiten für die Persönlichkeitsentwicklung junger Menschen oder auch zusätzliche Belastungen familiärer Beziehungen auf der anderen Seite ausgegangen.

Wenn das so ist, kann man als Jugendamt die regionalen Unterschiede bei der Fremdunterbringung doch eigentlich nur zur Kenntnis nehmen, um entsprechend mit einem Angebot an Pflegefamilien und Heimplätzen zu reagieren. Was bedeuten diese Zusammenhänge denn mit Blick auf die kommunalpolitische Handlungsfähigkeit in den Hilfen zur Erziehung?

Die regionalen Unterschiede bei den Hilfen zur Erziehung im Allgemeinen sowie bei Vollzeitpflege und Heimerziehung im Besonderen sind nicht monokausal erklärbar. Vielmehr wissen wir in der Kinder- und Jugendhilfeforschung von einem ganzen Bündel von Einflussfaktoren wie zuletzt auch Beiträge der Arbeitsstelle sowie des DJI gezeigt haben. Das sind neben der Sozialstruktur insbesondere noch die jeweiligen rechtlichen Grundlagen, die fiskal- und sozialpolitischen Rahmenbedingungen, die jeweilige kommunale Infrastruktur und das damit vorhandene Angebotsspektrum der Kinder- und Jugendhilfe, aber auch der anderen Agenturen des Bildungs-, Erziehungs-, Gesundheits- und Sozialwesens sowie nicht zuletzt die Arbeitsweisen der Sozialen Dienste und hier im Besonderen die Wahrnehmungs-, Definitions- und Entscheidungsprozesse der auf dem Weg zur Einzelfallhilfe beteiligten Fachkräfte.

Während die Jugendhilfeakteure vor Ort auf Verschlechterungen der sozioökonomischen Lebenslagen oder auch auf demografische Veränderungen nur reagieren können und die rechtlichen Vorgaben anzuwenden haben, sind sie bei der Frage nach der Gestaltung von Angebotsstrukturen insbesondere innerhalb der Felder der Kinder- und Jugendhilfe, aber auch beim Thema Wahrnehmungs-, Definitions- und Entscheidungsprozesse dazu in der Lage, Entwicklungen zu initiieren und zu gestalten.

Kann der Norden bei dieser Gestaltung und Steuerung vom Süden lernen oder doch der Süden vom Norden, weil hier die sozioökonomischen Rahmenbedingungen schwieriger sind? Gibt es hierzu einen bundesweiten Austausch?

Sieht man einmal davon ab, dass das Ausmaß der regionalen Unterschiede bei den Hilfen zur Erziehung im Allgemeinen ein irritierend hohes und damit auch kritisch zu hinterfragendes Ausmaß erreicht hat, sind diese Unterschiede lange Zeit weitgehend folgenlos zur Kenntnis genommen worden, ohne die sich darin verbergenden Anregungspotenziale für Praxis- und Qualitätsentwicklung zu nutzen. Gerade in den letzten Jahren hat sich in vielen Bundesländern ein Berichtswesen zu den Hilfen zur Erziehung und angrenzenden Arbeitsfeldern der Kinder- und Jugendhilfe entwickelt und etabliert. Diese Formen einer überörtlichen Berichterstattung und die damit einhergehenden interkommunalen Vergleiche finden in der Tat mehr oder weniger über ganz Deutschland verteilt statt.

Ist hier die Arbeitsstelle Kinder- und Jugendhilfestatistik auch aktiv?

Ja, wir führen für Nordrhein-Westfalen (NRW) ein solches landesweites Berichtswesen zu den Hilfen zur Erziehung mit einem Auswertungsschwerpunkt auf regionalen Disparitäten zur Inanspruchnahme und Gewährungspraxis in den Hilfen zur Erziehung durch – seit nunmehr zehn Jahren in Kooperation mit dem Land, den beiden Landesjugendämtern, den Jugendämtern sowie dem Statistischen Landesamt.

Am 8. Februar 2012 haben wir im Rahmen eines Fachtags eine Zwischenbilanz zu diesem für den politischen Raum und die kommunale Planung und Qualitätsentwicklung bestimmten Instrument gezogen. An diesen Tag standen natürlich auch die Daten zu steigenden Fallzahlen und Ausgaben für NRW im Mittelpunkt. Thematisiert wurden aber auch die Zusammenhänge von prekären Lebenslagen der Familien und dem Hilfebedarf, die Aufgaben des Kinderschutzes rund um die Hilfen zur Erziehung und den Allgemeinen Sozialen Dienst (ASD) oder auch die oft noch zu wenig ausgeleuchteten Schnittstellen der Erziehungshilfen zu den Regeleinrichtungen Kita und Schule. Und nicht zuletzt haben wir uns die regionalen Disparitäten zwischen den Jugendämtern im Land näher angeschaut sowie die sich daraus ergebenden Herausforderungen diskutiert. Die Beiträge zu dieser Veranstaltung haben wir mittlerweile auch im Netz veröffentlicht.

Herr Dr. Pothmann, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Gespräch: DJI Online Redakteurin Susanne John

Links

Datenanalyse AKJStat: Regionale Unterschiede bei der Fremdunterbringung von Kindern und Jugendlichen

Inputs im Rahmen der Fachtagung „Hilfen zur Erziehung – Karussellfahrt zwischen Kindeswohlgefährdung, Kompetenzentwicklung und knappen Kassen“

Arbeitsstelle Kinder- und Jugendhilfestatistik

KomDat Ausgabe 3/2011

Forschungsverbund DJI – TU Dortmund

DJI Online Thema: Hilflos und überfordert? Wenn Erziehung scheitert und Kinder ins Heim kommen

Kontakt

Dr. Jens Pothmann (Forschungsverbund DJI – TU Dortmund, AKJStat)
Technische Universität Dortmund
Fakultät Erziehungswissenschaft und Soziologie
Forschungsverbund
CDI-Gebäude, Vogelpothsweg 78
44227 Dortmund

Telefon: 0231/755-5420
E-Mail: jpothmann@fk12.tu-dortmund.de

 

DJI Online / Stand: 27. Februar 2012