Gespräch mit Sabine Herzig und Regine Derr (Informationszentrum Kindesmisshandlung/Kindesvernachlässigung – IzKK)

Frau Derr, Frau Herzig, dem möglichen positiven Nutzen des Internets als umfassendem Informations- und Kommunikationsmedium stehen auch Risiken gegenüber, die erst kürzlich wieder durch das Datenleck beim sozialen Netzwerk Facebook sichtbar wurden. Welche Gefahren lauern gerade im Internet für Kinder und Jugendliche?

Es kommt vor, dass Informationen oder Fotos, die Kinder und Jugendliche selbst hergestellt oder im Internet veröffentlicht haben, plötzlich ungewollt in einem anderen Kontext erscheinen. Dies ist zum Beispiel der Fall, wenn ein Porträtfoto auf eine pornografische Darstellung montiert wird oder wenn ein Mädchen nackt für ihren Freund posiert und dieser das Foto nach einer Trennung im Streit aus Rache ins Netz stellt. Zudem werden Aufnahmen von Schlägereien oder heimlich gefilmten intimen Situationen, etwa auf der Toilette, im Internet oder per Handy verbreitet. Diese Form der medienvermittelten Demütigung wird auch als Cyberbullying bezeichnet.

In Chats werden Kinder und Jugendliche zum Teil verbal sexuell belästigt, bekommen pornografische Darstellungen zugesandt und werden nach intimen Informationen und Aufnahmen von sich gefragt. Durch die zunehmende Verbreitung von Webcams geschieht es häufiger, dass Minderjährige ungewollt exhibitionistische Handlungen live übertragen bekommen oder dazu aufgefordert werden, sich vor laufender Kamera selbst zu befriedigen. Kindern und Jugendlichen, die einer solchen Aufforderung nachkommen, ist häufig nicht bewusst, dass diese Bilder und Filmaufnahmen als Kinderpornografie verbreitet und vermarktet werden.

Besonders problematisch ist die Kontaktanbahnung mit dem Ziel sexueller Ausbeutung, das sogenannte „Grooming“. Hierbei bauen Täter in Chats Kontakte zu Minderjährigen auf, um bei einem persönlichen Treffen sexuelle Gewalt gegen sie auszuüben. Die Täter zeigen Verständnis für die Sorgen und Nöte der Kinder und Jugendlichen. Sie geben ihnen Aufmerksamkeit, scheinbare Zuneigung, Geschenke und Geld, bis ihr Widerstand gegen sexuelle Handlungen abnimmt. Diese Art der Vorbereitung einer sexuellen Gewalttat verläuft aufgrund der Besonderheiten der Online-Kommunikation schneller als offline: Kinder und Jugendliche bauen schneller Vertrauen zu ihrem Online-„Freund“ auf und haben weniger Hemmungen bezüglich dessen, was sie von sich preisgeben und wie sie kommunizieren. Anhaltspunkte für die Einschätzung des Gegenübers wie Mimik und Gestik fehlen, was dazu führt, dass das Bild des anderen stark von den Projektionen und Sehnsüchten der Nutzerin/des Nutzers bestimmt wird, die/der dadurch sehr verletzbar wird.

Die Täter haben im Vergleich zur „realen“ Welt einen leichteren und unauffälligeren Zugang zum Opfer. So haben sie genügend Zeit, viele Informationen über ihr potenzielles Opfer einzuholen, etwas über das soziale Netzwerk des Kindes/Jugendlichen zu erfahren und die Wahrscheinlichkeit einzuschätzen, dass das Opfer sich jemandem anvertrauen wird. So können sie eine Beziehung zum Kind/Jugendlichen aufbauen, die zu einem persönlichen Treffen führt.

Zu den Gefahren des Internets kann man auch die unerwünschte Konfrontation Kinder und Jugendlicher mit Pornografie zählen. Abgesehen davon, dass Jugendliche im Internet gezielt nach Pornografie suchen, sei es aus Neugier, dem Wunsch nach Aufklärung, Befriedigung oder als Mutprobe, geraten Minderjährige jedoch auch ungewollt an entwicklungsbeeinträchtigende, jugendgefährdende oder verbotene Pornografie oder Gewaltdarstellungen.

Inwieweit müssen und können Eltern, Politik und andere Stellen darauf reagieren?

In den letzten Jahren ist das Thema der „Chancen und Risiken bei der Nutzung neuer Medien“ verstärkt von Fachkräften aufgegriffen worden, die mit Kindern und Jugendlichen arbeiten. Zunehmend erfolgt eine Sensibilisierung von Sozialpädagog/inn/en, Mitarbeiter/inne/n in Beratungseinrichtungen etc. dafür, wie auf Veranstaltungen zum Thema deutlich wird, dennoch stehen wir bei diesem Sensibilisierungsprozess noch am Anfang. Es ist wichtig, dass alle Personen, die mit Kindern und Jugendlichen haupt- oder ehrenamtlich arbeiten, Kenntnisse über die Nutzungsmöglichkeiten von neuen Medien haben und darüber, wie Mädchen und Jungen vor Gefahren geschützt werden können. Die Erkenntnis, dass dieses Wissen in die Fläche getragen werden muss, also wirklich hin zu jeder Fachkraft, ist vorhanden. Nun geht es darum, die daraus folgenden Handlungsschritte umzusetzen.

Auch auf politischer Ebene ist das Thema angekommen. Es war ein Schwerpunkt auf dem III. Weltkongress gegen sexuelle Ausbeutung von Kindern und Jugendlichen vom 25. bis 28. November 2008 in Rio de Janeiro und in den Vor- und Nachbereitungsveranstaltungen in Deutschland dazu, die im Auftrag oder mit finanzieller Unterstützung politischer Akteure, insbesondere dem Bundesfamilienministerium, durchgeführt wurden. In der in diesem Jahr erfolgenden Weiterentwicklung des 2003 verabschiedeten „Aktionsplans der Bundesregierung zum Schutz von Kindern und Jugendlichen vor sexueller Gewalt und Ausbeutung“ wird das Thema ebenfalls entsprechend aufgegriffen.

Auch die Innenministerkonferenz hat sich dem Thema „Medienkompetenz“ angenommen und die „Polizeiliche Kriminalprävention der Länder und des Bundes“ beauftragt, im Rahmen eines Expert/inn/engremiums eine entsprechende Handlungsempfehlung zu entwickeln.

Es ist zum einen wichtig, Kinder und Jugendliche darüber aufzuklären, welche Art der Nutzung von Internet oder Mobiltelefonen welche Folgen hat. Dies hat beispielsweise die Kampagne „Watch your web“ sehr anschaulich aufgegriffen.

Zum anderen brauchen natürlich auch Eltern mehr Informationen darüber, wie Kinder und Jugendliche Internet und Mobiltelefone nutzen (können). Sie benötigen Kenntnisse darüber, welche Gefahren Mädchen oder Jungen mit den neuen Medien begegnen können und müssen ihren Kindern Regeln an die Hand geben, um sich bspw. im Internet kompetent und möglichst gefahrlos zu bewegen. Denn ähnlich wie vom Straßenverkehr kann man Kinder nicht davon fernhalten, sie müssen nur wissen, wie man sich darin richtig bewegt und Risiken aus dem Weg geht. Ein hundertprozentiger Schutz, etwa vor Belästigungen, ist leider nicht möglich. Hier geht es eher darum, dass Kinder und Jugendliche Strategien zum Umgang damit entwickeln und erproben. Wichtig ist außerdem, dass Eltern einen guten Kontakt zu ihren Kindern haben. Denn es wird schwierig für Mädchen und Jungen, wenn sie z.B. unangenehme Begegnungen im Internet hatten und sich nicht trauen, sich damit an die Eltern zu wenden. Das kann aus einem Schamgefühl heraus sein oder weil sie „unerlaubterweise“ im Internet gesurft bzw. die Hausaufgaben vernachlässigt haben etc. Das belastet die Kinder dann noch zusätzlich.

In Deutschland werden mittlerweile von verschiedenen Trägern zahlreiche Kurse, Schulungen etc. angeboten, um Eltern mehr Wissen zu vermitteln und sie zu ermuntern, mit ihren Kindern darüber häufiger ins Gespräch zu kommen. Zudem gibt es eine Reihe hilfreicher Broschüren und Internetseiten für Eltern. Das heißt, für Sorgeberechtigte, die nach Informationen suchen und sich für derartige Bildungsangebote interessieren, gibt es etliche Angebote, wenn auch noch nicht flächendeckend in allen Regionen. Für Eltern, die sich nicht von sich aus mit dem Thema befassen, braucht es spezifischere Zugangswege, um auch diese Eltern zu erreichen. Auch hier gibt es schon einzelne Projekte wie z.B. „Elterntalk“ der Aktion Jugendschutz in Bayern, die aber noch weiter ausgebaut werden müssen. Auf verschiedenen Fachkonferenzen, die sich speziell dem Thema „Sexuelle Gewalt und die Rolle der neuen Medien“ widmeten, wurde von Fachkräften angeregt, den Umgang mit (neuen) Medien auch im Rahmen von Unterstützungsmaßnahmen für Familien wie bspw. der Sozialpädagogischen Familienhilfe (SPFH) zu thematisieren.

Inwieweit stehen diesen Schutzbestrebungen die selbst ernannten „Hüter der Freiheit im Netz“ (z.B. der Piratenpartei) entgegen?

In Art. 3 der UN-Kinderrechtskonvention, die völkerrechtlich verbindlich ist, ist klar benannt, dass bei allen Maßnahmen, die Kinder betreffen, das Wohl des Kindes vorrangig zu berücksichtigen ist.

In erster Linie geht es bei der hier zu erörternden Thematik aber darum, Kinder und Jugendliche dabei zu unterstützen, neue Medien wie das Internet und Mobiltelefone kompetent zu nutzen und sie vor Gefahren zu schützen. Neben der Politik ist hier natürlich die Wirtschaft in Form der jeweiligen Medienanbieter gefragt, für Kinder und Jugendliche wirksame Schutzmaßnahmen zu ergreifen. Auch diesbezüglich hat es in den letzten Jahren viele Entwicklungen gegeben: Jugendschutzbeauftragte bei Mobilfunkanbietern, moderierte Chaträume, Filtersoftware, die Möglichkeit der Voreinstellung an Computern, die Veranstaltung des jährlichen „Safer Internet Days“, an dem sich viele Akteure und Institutionen beteiligen etc.

Wie engagiert sich das IzKK aktuell bei diesen Aufklärungsbemühungen?

Wir sind beide für das IzKK Mitglied der Bund-Länder-Arbeitsgruppe „Schutz von Kindern und Jugendlichen vor sexueller Gewalt und Ausbeutung“, die die Umsetzung des o.g. Aktionsplans begleitet bzw. ihn weiterentwickelt. Im Rahmen dessen beraten wir das Bundesfamilienministerium wissenschaftlich zum Thema „Sexuelle Gewalt und die Rolle der neuen Medien“. Aber das Angebot des IzKK richtet sich nicht nur an die Politik, sondern auch an Fachkräfte in Wissenschaft und Praxis. Wir bereiten den aktuellen Forschungsstand auf, informieren über Entwicklungen in der Fachpraxis, erarbeiten auf dieser Grundlage Handlungsempfehlungen etc. So waren wir bspw. auch an der AG Medienkompetenz beteiligt, die im Auftrag der Innenministerkonferenz tätig war.

Über unsere Internetseite sind allen interessierten Fachkräften, die im Bereich des Schutzes von Kindern und Jugendlichen vor Gewalt tätig sind und darüber hinaus, vielfältige Informationen zugänglich: inhaltliche Informationen zu verschiedenen Themenbereichen, eine Literaturdatenbank, ein Veranstaltungskalender, eine Zusammenstellung anderer relevanter Organisationen/Institutionen sowie eine Datenbank zu Praxisprojekten.

Mit eigenen Veröffentlichungen und Veranstaltungen oder Vorträgen bringen wir unser aufbereitetes Wissen im Kinderschutz auch auf direktem Wege an die Menschen, die in diesem Themenbereich tätig sind.

 

Links

Informationszentrum Kindesmisshandlung/Kindesvernachlässigung (IzKK) am DJI
/izkk/

Chatten ohne Risiko – Tipps für Kinder, Jugendliche und Erwachsene
www.chatten-ohne-risiko.net

Jugendschutz.net
Beschwerdestelle
http://www.jugendschutz.net/hotline/index.html

Ein Netz für Kinder – Leitfaden für Eltern und Pädagogen
www.jugendschutz.net/pdf/Surfen_ohne_Risiko_2008.pdf__

Leitfaden für Kinder
www.jugendschutz.net/pdf/Surfen_ohne_Risiko_2008_Kinderteil.pdf

Kinder sicher im Netz – Gemeinsames Angebot der Polizeilichen Kriminalprävention der Länder und des Bundes (ProPK), der Freiwilligen Selbstkontrolle Multimedia (FSM) und der Deutschen Telekom
AG zur Förderung der Internetkompetenz von Eltern
www.kinder-sicher-im-netz.de

SexnSurf – Fachgruppe des pro familia-Landesverbandes Hessen e.V. u.a. Chat-Tipps, Veranstaltungen
www.sexnsurf.de

Websites für Kinder
Datenbank für Pädagoginnen und Pädagogen, Eltern und andere Interessierte
www.schulen-ans-netz.de/waswirbieten/datenbanken/websitesfuerkinder.php  


Literatur
Derr, Regine (2009): Sexuelle Gewalt in den neuen Medien. Herausforderung für den Kinder- und Jugendschutz. In: Monatsschrift Kinderheilkunde, Jg. 157, H. 5, S. 449-455

Gomolzig, Kathrin/Karolczak, Martin/Gericke, Thomas/Aktion Kinder- und Jugendschutz; Landesarbeitsstelle Schleswig-Holstein e.V. (Hrsg.) (2008): Handy-Scouts. Peer-Projekt zur Gewaltprävention und Förderung von Medienkompetenz an Schulen - Handbuch für pädagogische Fachkräfte. 1. Aufl. Kiel: Aktion Kinder- und Jugendschutz; Landesarbeitsstelle Schleswig-Holstein e.V.

Grimm, Petra/Rhein, Stefanie/Clausen-Muradian, Elisabeth/Niedersächsische Landesmedienanstalt (NLM) (Hrsg.) (2008): Gewalt im Web 2.0. Der Umgang Jugendlicher mit gewalthaltigen Inhalten und Cyber-Mobbing sowie die rechtliche Einordnung der Problematik. Berlin: Vistas (Schriftenreihe der NLM ; 23)

Kindler, Heinz/Derr, Regine/Herzig, Sabine (2009): Kinderschutz und neue Medien bzw. Kommunikationstechnologien. Teil 1: Ein Forschungsüberblick. In: Kindesmisshandlung und -vernachlässigung, Jg. 12, H. 1, S. 5-22

Wolak Janis/Mitchell, Kimberly/Finkelhor, David (2006): Online victimization of youth: five years later. Crimes Against Children Research Center, Durham www.unh.edu/ccrc/pdf/CV138.pdf,

Bei der hier aufgeführten Literatur handelt es sich um eine Auswahl von publizierten Büchern und Artikeln im Themenbereich „Sexuelle Gewalt in den neuen Medien“. Weitere Literatur zum Thema ist unter dem DJI Online Thema des Monats August 2007 zu finden sowie auf dem Themenschwerpunkt des IzKK „Sexuelle Gewalt in den neuen Medien“. Grundlagenliteratur sowie weitere Publikationen im gesamten Feld „Gewalt gegen Kinder“ finden sie in der Literaturdatenbank des IzKK im Internet, die ab Mitte März 2010 mit neuer Software zugänglich ist.

 

Kontakt
Informationszentrum Kindesmisshandlung/Kindesvernachlässigung (IzKK)
Regine Derr
Sabine Herzig


DJI Online / Stand: 1. Februar 2010