Gespräch mit Boris Geier, DJI

Herr Geier, im Kindergarten lernen schon die Kleinen den Umgang mit dem Computer, in weiterführenden Schulen werden für die Aktionäre in spe Börsenspiele veranstaltet, aber wann und wo lernen nachwachsende Generationen eigentlich, wie man Kinder erzieht?

Hier könnte man etwas ketzerisch fragen: Müssen sie das überhaupt lernen? Kommt die Erziehungskompetenz denn nicht automatisch mit dem Kind? Mir ist wichtig gleich vorweg festzustellen: Nein, das tut sie nicht.

Zwar besitzen Eltern eine gewisse intuitive Erziehungskompetenz – hier spielt beispielsweise die natürliche Bindung zwischen Mutter und Kind eine Rolle. Diese intuitiven Kompetenzen reichen aber bei Weitem nicht aus, um den heutigen Anforderungen und (eigenen) Ansprüchen an Erziehung zu genügen. Das wissen auch die Eltern. Mehr als die Hälfte der in Deutschland wohnenden Eltern fühlt sich unsicher in Erziehungsfragen und wünscht sich Information und Orientierungshilfe. Dabei geht es auf der einen Seite um Informationen und Wissen, z.B. über schulische Belange, kindliche Entwicklungsphasen, Gesundheit und Ernährung. Auf der anderen Seite wünschen sich Eltern praktische und strategische Verhaltenstipps.

Wo und wann können Eltern das lernen?

Eigentlich schon als Kind. Befragt man Eltern, wie sie selbst erzogen wurden, findet man Parallelen zu ihrem eigenen Erziehungsstil – allerdings nicht in dem Maße, dass man von einer Übernahme des elterlichen Erziehungsstils sprechen könnte. Das wäre angesichts veränderter Voraussetzungen auch verwunderlich. Viele allein erziehende Mütter, die selbst aus traditionellen, vollständigen Familien stammen, können ihre eigene Erfahrung nicht 1:1 umsetzen. Themen, wie die frühe Förderung kindlicher Kompetenz oder Bildungskarrieren besitzen heute eine ganz andere – bisweilen existenzielle – Bedeutung.

Um die aktuellen Anforderungen an Erziehung zu meistern, brauchen die Eltern dementsprechende Modelle, an denen sie sich orientieren können. Die sind aber immer schwerer zu finden. Früher konnte man in größeren Familien die Eltern oder Geschwister beim Erziehen der Jüngsten beobachten. Heute gibt es viele Kleinstfamilien, und unsere Gesellschaft ist stark alterssegregiert. D.h. es gibt wenig Kontakte zwischen unterschiedlichen Generationen. Das führt u. A. dazu, dass Freunde und Bekannte nicht als Vorbilder dienen können, weil sie gleich alt sind und vor den gleichen Problemen stehen. Dennoch werden Freunde und Verwandte weitaus häufiger als Informationsquelle für Erziehungsfragen herangezogen als institutionelle Angebote.

Und welche Rolle spielen die Medien?

Neben Personen aus dem persönlichen Umfeld und institutionellen Angeboten wie der Erziehungsberatung spielen die Medien eine wichtige Rolle. In Deutschland werden jährlich etwa 750 Millionen Euro für Zeitschriften, Bücher und Videos über Erziehung ausgegeben; TV-Sendungen wie die Super Nanny haben hohe Einschaltquoten. Aber weil auf diesem Markt die unterschiedlichsten Erziehungsideologien und -technologien angepriesen werden, es seriöse und unseriöse Quellen gibt, hängt Erziehungskompetenz heute auch immer mehr von der Medienkompetenz der Eltern ab.

Gemeinhin werden vier Erziehungsstile unterschieden, die auf zwei Achsen zwischen den Polen Wärme bis Kälte sowie Autonomie bis Kontrolle angesiedelt werden.

Richtig, nach der jeweiligen Position auf diesen beiden Achsen spricht man von verwöhnendem, vernachlässigendem, autoritärem oder autoritativem Erziehungsstil. Eltern, die ihr Kind stark kontrollieren, ihm aber wenig Wärme und emotionale Zuwendung schenken, verfolgen einen autoritären Erziehungsstil. Dieser gehört gewissermaßen zur alten Erziehungsideologie und war bis in die späten 1960-er Jahre weit verbreitet. Wenn Wärme und Kontrolle fehlen, hat man es mit einem vernachlässigenden Erziehungsstil zu tun. Wenig Kontrolle und viel Wärme prägen einen verwöhnenden Erziehungsstil. Autoritative Erziehung bedeutet schließlich, seinem Kind Wärme und Zuwendung zu spenden, es dabei aber angemessen zu kontrollieren. – Es kommt also auf die Balance an.

Soweit zur Theorie. Wie es in Familien tatsächlich aussieht, darüber wissen wir aufgrund eines recht lückenhaften Forschungsstands wenig.

Das stimmt, aber die Langzeituntersuchung zur Lebenssituation von Kindern, die seit 2002 am DJI läuft, hat nun – empirisch gesichert – die Wirksamkeit bestimmter Erziehungsstile ermittelt.

Welches Erziehungsprogramm ist demnach am förderlichsten, vor allem für die schulische Entwicklung?

Die Bezeichnung Programm trifft nicht ganz zu, weil wir ja nur ausgewählte Ausschnitte der Erziehungsrealität erheben und untersuchen können. Wir haben auf diese Weise jedoch verschiedene Erziehungspraktiken gefunden, die sich als förderlich erweisen. Wir fassen diese Erziehungspraktiken unter dem Überbegriff „Kindzentrierte Kommunikation“ zusammen. Vieles von dem, was wir als förderlich ausmachen konnten, deckt sich mit dem Prinzip des autoritativen Erziehungsstils.   

So ist es z.B. wichtig, seinem Kind Wärme zu schenken und ihm zu vertrauen. Also Geborgenheit auf der einen Seite, aber ohne andererseits dabei übermäßig zu überwachen. Das Kind sollte auch selbstständig etwas tun dürfen.

Außerdem ist es förderlich, wenn Kinder in Entscheidungen eingebunden werden. Entscheidungen über Dinge, die es selbst betreffen und Entscheidungen, die die Familie als Ganzes angehen. Auf diese Art lernen Kinder beispielsweise Regeln besser anzuerkennen, und sie werden sich ihrer Verantwortung für die Belange der Familie bewusst.

Und schließlich sollten sich Eltern über die Emotionslage ihres Kindes informieren und wissen, wann, wo und mit wem ihr Kind etwas unternimmt. Der zweite Aspekt gewinnt besonders bei älteren Kindern an Bedeutung, wenn es darum geht, Autonomie zu gewähren. Klar, dass Eltern nicht alles wissen können und auch nicht alles von ihren Kindern erzählt bekommen. Aber eine Interessensbekundung, die erst einmal eine Bewertung offen lässt, schafft dem Kind quasi eine Argumentationsplattform: Es muss und darf den Sinn und Unsinn seines Handelns reflektieren und bekommt die Gelegenheit seine Erfolge darzustellen.  

Es hat sich gezeigt, dass sich dieses Bündel elterlicher Erziehungspraktiken positiv auf das Verhalten und die Persönlichkeitsentwicklung des Kindes auswirkt. Womit zunächst die bekannten Befunde zum Beispiel im Zusammenhang mit autoritativer Erziehung wieder einmal bestätigt werden. Interessant ist, dass schon diese wenigen Prinzipien auch auf den Schulerfolg der Kinder durchschlagen. Wenn der Wechsel auf die Haupt-, Realschule oder das Gymnasium ansteht, haben kindzentriert erzogene Kinder bessere Chancen. Dieser Effekt ist umso stärker, je schlechter es um die anderen Ressourcen in der Familie bestellt ist. D.h. Kinder aus der Unterschicht profitieren am deutlichsten davon.

Und welchem Erziehungsverhalten schreiben Sie negative Folgen zu?

Auch hier bestätigen sich die bekannten Muster. Übermäßige Strenge und Kontrolle sind schädlich. Übermäßige Strenge bedeutet beispielsweise, dass Regeln in der Familie willkürlich aufgestellt werden und nicht erklärt werden, bzw. nur dadurch legitimiert werden, indem gesagt wird: „Erwachsene haben immer recht“. Wenn Regelverstöße dann noch streng bestraft werden, erzeugt das beim Kind mitunter Hilflosigkeit und Handlungsunsicherheit. Je mehr Handlungsfelder überwacht und kontrolliert werden, desto weniger Möglichkeiten hat das Kind, sich auszuprobieren und Selbstwirksamkeit zu spüren. 

Was halten Sie vor diesem Hintergrund davon, dass gerade wieder das „Loblied der Disziplin“ gesungen wird, zum Beispiel durch den ehemaligen Internatsleiter und Hentig-Schüler Bernhard Bueb?

Es ist ein Unterschied, ob man Disziplin als Wert betrachtet, der auf einer Ideologie fußt, oder ob man sich fragt, wie man in einer bestimmten Situation am sinnvollsten und vernünftigsten handelt. Eltern besitzen eine natürliche Autorität gegenüber ihren Kindern, die sich je nach Alter des Kindes anders legitimiert. Es gibt einen breiten Konsens in der Erziehungsforschung, dass Kinder neben Wärme und Freiheiten auch klare Regeln brauchen. Regeln, die sie vor der Welt schützen, und die sie auf die Welt vorbereiten. Nun ist aber das Aufwachsen innerhalb der Familie und das Hineinwachsen in die Gesellschaft nicht nur als ein Akt der Formung durch gewisse Regeln zu verstehen. Die elterliche Macht, von der die Regeln ausgehen, kann hinterfragt werden. Und genau hier finden wichtige Lernprozesse statt. Das Kind lernt, Autorität zu akzeptieren, aber auch zu überprüfen.

Mit dem Alter des Kindes nehmen das Verständnis für die Welt und die Argumente zu, mit denen das eigene Handeln gegen die Regeln der Eltern verteidigt werden kann. Die elterliche Überlegenheit schwindet und die vormals natürliche Macht der Eltern kann – rigoros durchgesetzt – in Gewalt umschlagen. Elternkompetenz bedeutet hier, auf die Entwicklung des Kindes angemessen zu reagieren und zu lernen, mit dem Kind zu verhandeln. Es gibt weiterhin Regeln, nur kommen diese anders zustande, werden zunehmend demokratisch legitimiert. Auf der Ebene der Erziehungsvorstellungen spricht man hier von einem Wechsel von einem rigiden und disziplinorientierten Befehls- zum Verhandlungshaushalt. Und dieser erfordert von den Eltern besondere Kommunikationskompetenzen. 

Gibt es Faktoren, die diese Erziehungskompetenzen der Eltern entscheidend beeinflussen? Zum Beispiel der sozioökonomische Status, die eigene Bildung bzw. Ausbildung oder die Persönlichkeit der Eltern?

Was den Erziehungsstil anbelangt, ist der Einfluss des sozio-ökonomischen Status verschwindend gering und wirkt tendenziell eher über die Väter, die in den unteren Schichten etwas strenger und etwas weniger kindzentriert handeln. Auch die Bildung der Eltern für sich genommen hat keinen direkten Einfluss darauf, ob Eltern kindzentriert handeln oder übertrieben streng erziehen.

Über die Persönlichkeit der Eltern wissen wir aus dem DJI-Kinderpanel zu wenig, um klare Aussagen treffen zu können. Grundsätzlich sind gegebene und nicht veränderbare Persönlichkeitseigenschaften etwas, das gewissermaßen neben oder vor der erlernbaren und veränderbaren Erziehungskompetenz angesiedelt ist.

Ein interessanter Befund aus dem DJI-Kinderpanel geht in die Richtung, dass die Einstellung der Eltern bedeutsam ist. Eltern, mit hoher Bildungserwartung erziehen auch kompetenter. Es scheint, dass der Wille, seinem Kind eine Bildungskarriere zu ermöglichen, zu einer bewussten und gezielten Auswahl von Erziehungspraktiken führt.

Fakt ist, dass viele Eltern sich in Erziehungsfragen überfordert fühlen und über Probleme mit ihren Kindern klagen. 10 bis 20 Prozent der Kinder weisen heute klinisch relevante Störungen wie ADS, Hyperaktivität oder Essstörungen auf. Was tun, wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist?

Bei klinisch relevanten Störungen muss professionelle Hilfe in Anspruch genommen werden. Gleiches gilt, wenn Eltern weder ein noch aus wissen und sozusagen mit im Brunnen sitzen. Welche Art von Hilfe im Einzelfall die richtige ist, lässt sich pauschal nicht beantworten. Ein wesentliches Problem besteht darin, dass es Eltern mitunter als peinlich, unnötig oder unangenehmes Zugeständnis empfinden, etwa Erziehungsberatungsstellen oder Psychologen aufzusuchen. Das vom DJI initiierte Buch "Helfen 'Super Nanny' und Co.? Ratlose Eltern - Herausforderung für die Elternbildung" zeigt unter anderem auf, in welcher Form die Elternbildung auf dieses Dilemma reagieren kann.

Und welche Richtung sollte Ihrer Ansicht nach die Forschung einschlagen?

Aus der Panel-Forschung kennen wir bestimmte Typen von Eltern und bestimmte Stile von Erziehung, anhand derer wir allgemeine Zusammenhänge zwischen Erziehung und kindlicher Entwicklung beschreiben können. Wir wissen aber immer noch zu wenig über die aktuelle Situation und die konkreten Probleme der Eltern.

Es geht also einerseits darum, die äußeren Bedingungen, die auf Familien einwirken, genauer zu kennen. Im vergangenen Jahr haben wir mit der  DJI-Kinderbetreuungsstudie einen Anfang gemacht, um herauszufinden, wie sich bestimmte Erwerbskonstellationen, Familienzusammensetzungen und Betreuungsangebote auf die familiale Realität auswirken und von welchen Ressourcen und sozialen Netzwerken Eltern und Kinder profitieren können.

Andererseits möchten wir mehr über die Prozesse innerhalb der Familie erfahren: Wie arbeiten Vater und Mutter in der Erziehung zusammen? Wie wirkt sich kindliches Verhalten auf die Beziehung der Eltern aus? Wie regen Eltern ihr Kind an, und welche Ressourcen stehen für seine Kompetenzentwicklung zur Verfügung?

Das sind einige Themen, die dieses Jahr in den Vorstudien zum integrierten Survey des DJI in Angriff genommen werden.

Herr Geier, wir danken Ihnen für dieses Gespräch!

(Die Fragen stellte DJI Online-Redakteurin Susanne John.)



Links

DJI-Kinderpanel

DJI-Kinderbetreuungsstudie

DJI-Surveyforschung

 

DJI Online Thema: Eltern zwischen Ratlosigkeit und "Super Nannys"



Kontakt

Boris Geier

DJI Online / Stand: 1. Februar 2007