Editorial

von Thema-Redakteurin Susanne John

Ein Vierjähriger, der traurig ist, weil er seinen Vater nur alle 14 Tage für ein Wochenende sieht. Ein Geschwisterpaar, das an den beiden Wohnorten von Mutter und Vater jeweils Freunde hat und Hobbys pflegt. Eine Fünfzehnjährige, die das Wochenende mit Papa viel cooler findet als den Alltag mit Mama. Eine Zehnjährige, die den Sohn von Mamas neuem Freund als ihren großen Bruder betrachtet. Oder ein Zwölfjähriger mit Vielfliegerbonus, der die Strecke Berlin-München so gut wie ein Manager kennt. All dies sind Szenen aus Kinderleben, die eines verbindet: Ihre Eltern sind kein Paar mehr und wohnen inzwischen getrennt voneinander, mit der Konsequenz, dass sich die Frage, wo die Kinder Zuhause sind, nicht mehr ganz so eindeutig beantworten lässt.

Wie viele Kinder in Deutschland zwischen den Wohnorten von Vater und Mutter hin- und herpendeln, lässt sich derzeit nur schätzen. Rund eine Million dürften es nach vorsichtigen Hochrechnungen des DJI-Surveys AID:A „Aufwachsen in Deutschland: Alltagswelten“ sein. Noch weniger weiß man darüber, wie diese Kinder mit den emotionalen und logistischen Herausforderungen umgehen. Erkenntnisse darüber sind aber wichtig, weil die Zahl der Fälle, in denen Betreuungsarrangements und Umgangsregelungen nach einer Trennung bzw. Scheidung der Eltern zu treffen sind, kontinuierlich steigt. Nach geltendem Recht sollen sich diese in erster Linie am Kindeswohl orientieren. Eigentlich selbstverständlich – möchte man meinen –, in der Praxis jedoch mitunter nicht so leicht umzusetzen.

Um schwierige Entscheidungen wie diese auf eine fachlich breitere Basis zu stellen, sind Forschungsstudien wie die der zu diesem Thema vorgestellten Schumpeter-Nachwuchsgruppe „Multilokalität von Familie“ unerlässlich, die durch Befragungen und Beobachtungen von Eltern und Kindern ermitteln, welche verschiedenen Strategien diese für das Zeit-, Raum- und Emotionsmanagement entwickeln.



DJI Online / Stand: 1. Dezember 2011