Blick von außen II

von Ass.-Prof. Dr. Harald Werneck (Universität Wien)

Alternative Betreuungsformen nach elterlicher Scheidung – das „Wechselmodell“

Nach einer Scheidung, von der auch gemeinsame Kinder betroffen sind, besteht neben der alleinigen Obsorge eines Elternteils in Österreich seit etwa 10 Jahren (KindRÄG 2001) auch die Möglichkeit, dass beide leiblichen Eltern weiterhin die Obsorge (ganz oder eingeschränkt) behalten. Die Einführung dieser Option entsprach den gesellschaftlichen Veränderungsprozessen um die Jahrtausendwende in Österreich, speziell dem sich wandelnden Rollenverständnis von Müttern und Vätern und den damit einhergehenden sich verändernden Bedürfnissen und Anliegen, wenn auch bei weitem nicht aller betroffenen Mütter und Väter (vgl. Werneck 2011).

Dieses Angebot einer geteilten Obsorge beider Elternteile – die in Deutschland dem gemeinsamen Sorgerecht entspricht – hat sich inzwischen etabliert und (wie z.B. in einer umfassenden Evaluation nachgewiesen) auch bewährt, insbesondere zum Wohl der betroffenen Kinder.

Auch im Fall einer geteilten Obsorge muss nach einer elterlichen Scheidung entsprechend der geltenden österreichischen Gesetzeslage allerdings ein hauptsächlicher Aufenthaltsort für das Kind („Heim erster Ordnung“) festgelegt werden. Als Begründung wurden und werden zumeist vor allem die für Kinder gerade in dieser Situation notwendige Stabilität der Wohnsituation und die Idee, Kinder durch dieses Setting aus den elterlichen Konflikten besser heraushalten zu können, angeführt.

Alternative Modelle, wie insbesondere das Modell der „Doppelresidenz“ bzw. „Wechselmodell“, wonach gemeinsame Kinder nach einer elterlichen Scheidung abwechselnd – in welchen genauen Intervallen auch immer – bei beiden Elternteilen in annähernd gleichem zeitlichen Ausmaß wohnen, sind in Österreich, im Gegensatz zu einigen anderen, auch EU-Staaten, gesetzlich nicht vorgesehen und daher weitgehend unerforscht, aber dennoch bzw. gerade deshalb auch in Österreich zunehmend in der Diskussion.

Entwicklungspsychologische Voraussetzungen
Entwicklungspsychologisch spricht unter bestimmten Voraussetzungen – in erster Linie eine fortgesetzte Bereitschaft und Fähigkeit beider Eltern zu Kooperation und Kommunikation sowieund eine sichere Bindung des Kindes zu beiden Elternteilen – grundsätzlich nichts gegen auch im Alltag kontinuierlich gelebte Beziehungen des Kindes (abwechselnd) zu beiden Elternteilen.

Die Idee der Exklusivität der Bindung des Kindes zur Mutter, von John Bowlby (1951) als „Monotropie“ bezeichnet, prägte jahrzehntelang sowohl bindungstheoretische Forschungsansätze als auch insbesondere die sorgerechtliche Spruchpraxis im Scheidungskontext, obwohl sich diese Konzeption einer exklusiven Bindung des Kindes an seine Mutter empirisch nicht bestätigen ließ (und auch von Bowlby selbst, schon zu Beginn der 1970er-Jahre, relativiert wurde). Mittlerweile belegen zahlreiche Studien, z.B. auch aus der Hormonforschung, eine grundsätzliche biologische Prädisposition auch der Väter für sensitive, empathische und kompetente Interaktionen mit ihren Kindern, von welchen gegebenenfalls Väter und Kinder – und indirekt auch die Kindesmütter – entsprechend profitieren können (z.B. Werneck 1998, 2004).

Sofern beide Elternteile bereit und in der Lage dazu sind, sich auch nach der Auflösung ihrer Partnerschaft weiterhin in annähernd gleichem zeitlichen Umfang um ihr Kind zu kümmern, kann dies insbesondere in jenen Fällen eine verantwortbare und im Sinne des Kindeswohls auch grundsätzlich zweckmäßige Lösung sein, in denen vor der elterlichen Scheidung beide Elternteile eine intensive und qualitätsvolle Beziehung zu ihrem Kind aufbauen konnten. Hier entspricht eine Lösung, in welcher das Kind weiterhin mit beiden Elternteilen ein Stück Alltag teilen kann, aus Perspektive des Kindes auch am ehesten der Forderung nach emotionaler Stabilität und Kontinuität.

Zentrale Entscheidungsgrundlage für die Wahl der Betreuungsform nach der Scheidung sollte insbesondere auch aus entwicklungspsychologischer Sicht selbstverständlich das Kindeswohl darstellen. Um die in diesem Sinn optimale Lösung im Einzelfall zu gewährleisten, scheint eine tiefgehende professionelle Auseinandersetzung nicht nur mit der jeweiligen individuellen Situation, sondern vor allem auch mit dem betroffenen Kind selbst eine notwendige Voraussetzung. Die vom Kind – in einem adäquaten, altersgemäßen Setting – vermittelten Vorstellungen, Wünsche, Bedürfnisse etc. sind dabei, sofern als hinreichend authentisch einzuschätzen, in jedem Fall weitgehend zu berücksichtigen (wobei es hier, speziell bei jüngeren Kindern, durchaus zu Widersprüchen mit den Einschätzungen hinsichtlich der – im Sinn des Kindeswohls – optimalen Lösung aus Außenperspektive kommen kann).

Studie schafft empirische Grundlagen
Auch wenn das Wechselmodell aus theoretischer Sicht unter gewissen Bedingungen eine verantwortbare Option darstellt, fehlen dazu – aufgrund der fehlenden Rechtsgrundlage – einschlägige Daten bzw. Erfahrungswerte, die wiederum wichtig wären, um gegebenenfalls die Forderung nach einer Ausweitung der Option des Doppelresidenzmodells empirisch stützen zu können.

Um auf erste empirische Datengrundlagen dazu auch aus Österreich zurückgreifen zu können, wurden daher im Rahmen eines Pilotprojekts an der Fakultät für Psychologie der Universität Wien (Institut für Entwicklungspsychologie und Psychologische Diagnostik) zuerst generell Einstellungen zu alternativen Obsorgemodellen und deren Akzeptanz in der Bevölkerung erhoben und in einem zweiten Schritt geschiedene bzw. getrennte Familien interviewt, die – trotz fehlender gesetzlicher Rahmenbedingungen – die Doppelresidenz de facto auch in Österreich in die Praxis umsetzen, und von betroffenen Kindern, deren Müttern und Vätern jeweils getrennt erfragt, wie dieses Modell konkret im Alltag funktioniert, welche Vor- und Nachteile von den einzelnen erlebt werden, welche Empfehlungen aus den eigenen Erfahrungen mit dem Modell abgeleitet werden usw.

In der ersten Teilstudie (Angelika Spies 2010) wurde vor allem die Akzeptanz des Doppelresidenzmodells (DRM) online bei 165 Personen erhoben. Insgesamt geben die Befragten eine neutrale bis positive Einstellung zum Doppelresidenzmodell an. Männer zeigen sich dabei gegenüber dem DRM aufgeschlossener als Frauen. Höhere Akzeptanzwerte ergeben sich weiterhin bei Geschiedenen (im Vergleich zu Nicht-Geschiedenen), bei älteren Personen (im Vergleich zu Jüngeren) und bei Menschen mit generell hoher Offenheit (im Sinn einer Persönlichkeitseigenschaft). Keinen Effekt auf die Akzeptanz hatten hingegen Wohnort, Bildungsgrad, eigene Kindheitserfahrungen und das Rollenverständnis der befragten Personen.

Kinder empfinden Doppelresidenz als Normalität
In drei weiteren, mit qualitativen Methoden durchgeführten Teilstudien wurden anschließend halbstrukturierte Interviews mit Betroffenen, nach Familienmitgliedern getrennt, geführt. Die Analyse der Aussagen aus den Interviews mit insgesamt 14 Kindern aus 10 Familien zeigt eine relativ hohe Zufriedenheit der Kinder mit dem von ihnen praktizierten DRM (Sonja Luftensteiner 2010). Die Kinder erleben eine enge Beziehung zu beiden Elternteilen und fühlen sich insgesamt relativ wenig belastet – am ehesten durch den logistischen Aufwand beim Wechseln der Wohnorte. Dennoch empfinden die meisten Kinder die Doppelresidenz insgesamt als Normalität, die sie nicht missen möchten.

Mütter und Väter wurden (getrennt) zu relevanten Aspekten des Lebens vor der Trennung, zur Trennung selbst, zur Gestaltung und zu rechtlichen Rahmenbedingungen des DRMs, zu Motiven für die Umsetzung des DRMs, zu familiären Beziehungen, zur Zufriedenheit mit dem DRM sowie zu Empfehlungen für andere Eltern befragt und ihre Antworten untereinander sowie mit den Aussagen der Kinder verglichen und in Beziehung gebracht.

Aus Sicht der Väter ergeben sich überwiegend positive Auswirkungen des Doppelresidenzmodells, speziell die Beziehung zu ihrem Kind bzw. ihren Kindern betreffend (Kollmitzer 2010). Die interviewten Väter zeichnen sich durch überdurchschnittlich hohen sozioökonomischen Status, hohe Involviertheit in die Kindererziehung vor der Trennung sowie Kindzentriertheit nach der Trennung aus und sind auffallend oft in Sozialberufen tätig.

Auch Mütter erleben das DRM aus ihrer Perspektive überwiegend positiv (Cerny 2011). Für die Mütter liegt der wichtigste Vorteil durch dieses Modell nach ihren Angaben in dem Gewinn an Freizeit und der damit verbundenen Entlastung, was in Verbindung mit den Aussagen der Väter für eine potenzielle „Win-Wwin“-Situation für beide Elternteile spricht. Nachteile werden von den Müttern kaum genannt. 

Doppelresidenz als funktionale, zufriedenstellende Alternative
Die Aussagekraft der Analysen des vorliegenden Pilotprojekts (insbesondere des Moduls mit den betroffenen Familien) unterliegt natürlich insofern klaren Beschränkungen, als die Stichprobe keineswegs als repräsentativ für österreichische (Scheidungs-) Familien gelten kann. Immerhin handelt es sich um (Ex-)Familien, die eine vom Gesetz nicht vorgesehene Obsorge-Variante praktizieren. Dennoch bleibt festzuhalten, dass es sich zumindest nach Einschätzung der befragten Kinder, Mütter und Väter beim DRM um eine Option handelt, die in der Praxis von allen Beteiligten als durchaus funktional, vorteilhaft und zufriedenstellend erlebt werden kann.

Gute Rahmenbedingungen als wichtige Voraussetzung
Wichtige Voraussetzungen bzw. hilfreich für ein Funktionieren des DRMs wären, laut den interviewten Eltern, eine rechtzeitige adäquate Aufklärung der Familien über die Komplexität des DRMs, bestimmte ökonomische und organisatorische Rahmenbedingungen (z.B. geographische Nähe der beiden Wohnsitze), Kooperationswilligkeit und -fähigkeit der Eltern, bei Bedarf eine ausreichende Begleitung und Unterstützung der Familienmitglieder (für die Kinder z.B. in Zusammenhang mit den Wohnortwechseln) und gegebenenfalls Adaptierungen der Regelungen in Abhängigkeit von sich verändernden kindlichen Bedürfnissen (z.B. je älter die Kinder, desto längere Intervalle und desto flexibler die Regelungen).

Resümee
In Anbetracht der keineswegs generell ablehnenden Haltung in der Bevölkerung gegenüber alternativen Obsorgemodellen und der positiven Erfahrungsberichte der Betroffenen scheint eine klare gesetzliche Verankerung dieser Variante als eine zusätzliche Option des Zusammenlebens von Familienmitgliedern aus Scheidungsfamilien mit involvierten Kindern – in Anlehnung an international bereits etablierte Modelle – auch in Österreich durchaus vertretbar und eine sinnvolle Bereicherung, die auch der Nachfrage und offenbar den Bedürfnissen von zunehmend mehr (wenn auch noch lange nicht der Mehrheit der) Betroffenen aus Scheidungsfamilien gerecht würde.



Literatur

Bowlby, J. (1951): Maternal Care and Mental Health. New York

Czerny, B. (2011): Doppelresidenz in Österreich. Die Perspektive der Mütter. Unveröff. Diplomarbeit, Universität Wien

Kollmitzer, M. (2010): Doppelresidenz in Österreich – Perspektive der Väter. Unveröff. Diplomarbeit, Universität Wien

Luftensteiner, S. (2010): Doppelresidenz in Österreich – Die Perspektive der Kinder. Unveröff. Diplomarbeit, Universität Wien

Spies, A. (2010): Das Doppelresidenzmodell nach elterlicher Scheidung – Akzeptanz in Österreich. Unveröff. Diplomarbeit, Universität Wien

Werneck, H. (1998): Übergang zur Vaterschaft. Auf der Suche nach den „Neuen Vätern“. Wien

Werneck, H. (2004): Auswirkungen einer Scheidung auf Befindlichkeit und Persönlichkeitsentwicklung. In: U. Zartler/L. Wilk/R. Kränzl-Nagl (Hrsg.): Wenn Eltern sich trennen. Wie Kinder, Frauen und Männer Scheidung erleben., Frankfurt/Main, S. 247-279

Werneck, H. (2011): Doppelresidenz – eine sinnvolle Option? Pilotprojekt zu einem modifizierten Obsorgemodell nach elterlicher Scheidung oder Trennung. Wien, S. 6-7


Mag. rer. nat. Dr. phil. Harald Werneck (Jg. 1966) lehrt und forscht als Klinischer Psychologe und Gesundheitspsychologe an der Universität Wien. Seit 2001 ist er Assistenzprofessor am dortigen Institut für Psychologie, Abteilung für Entwicklungspsychologie und Pädagogische Psychologie bzw. an der Fakultät für Psychologie/Institut für Entwicklungspsychologie und Psychologische Diagnostik.


Kontakt

Universität Wien
Fakultät für Psychologie
Institut für Entwicklungspsychologie und Psychologische Diagnostik
A-1010 Wien

E-mail: harald.werneck@univie.ac.at


DJI Online / Stand: 1. Dezember 2011

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