Gespräch mit Prof. Dr. Bernhard Kalicki, Leiter der Abt. Kinder und Kinderbetreuung am DJI

Die sprachliche Förderung von Kindern ist mittlerweile eines der zentralen Handlungsfelder der Frühpädagogik. Da diese Thematik bislang kein fester Bestandteil der erzieherischen Ausbildung war, besteht ein großer Bedarf an berufsbegleitender Fortbildung. Das DJI entwickelt hierzu seit einigen Jahren Handlungskonzepte für die Praxis. DJI Online hat mit Prof. Dr. Bernhard Kalicki, der seit Mai 2011 die Abteilung Kinder und Kinderbetreuung am DJI leitet, über den Stellenwert der Sprachförderung in den Kitas gesprochen.

Herr Prof. Kalicki, Sie waren bereits neben Ihrer früheren Tätigkeit am Bayerischen Staatsinstitut für Frühpädagogik auch Professor an der evangelischen Hochschule Dresden. Seit wann beobachten Sie eine Veränderung hinsichtlich des Stellenwerts, der in Forschung und Lehre dem Thema Sprachkompetenz von Kleinkindern beigemessen wird?

Die vielfältigen Reformen in der Elementarpädagogik – ich denke hier an die Einführung von Bildungsplänen, die Etablierung frühpädagogischer Studiengänge oder auch die Anstrengungen auf dem Gebiet der Weiterbildung von Erzieherinnen, die wir in der Weiterbildungsinitiative (WiFF) anstoßen und begleiten – gehen wesentlich zurück auf die schockierend schwachen Ergebnisse für Deutschland bei der ersten PISA-Studie aus dem Jahr 2000. Schon in diesem internationalen Vergleich der Leistung 15-jähriger Schülerinnen und Schüler standen die sprachlichen Kompetenzen im Mittelpunkt, namentlich das Textverständnis. Seither konkretisieren die Bildungspläne der Länder den Bildungsauftrag der Kindertageseinrichtungen und betonen hierbei die sprachliche Bildung. Auch das Mittel der Sprachstandserhebung wird genutzt, um Förderbedarfe zu identifizieren, wobei sich die Länder jedoch nicht auf ein einheitliches Verfahren verständigen konnten. Schließlich nimmt die empirische Bildungsforschung den Bereich der Sprachentwicklung besonders in den Blick, etwa im Rahmen des Nationalen Bildungspanels.

Das DJI hat einen Ansatz der „alltagsintegrierten“ sprachlichen Bildung für Kitas entworfen. Worauf fußt dieses Konzept?

Im Kern versteht sich der Ansatz als ein Basiskonzept für die sprachpädagogische Arbeit in Krippen und Kindertageseinrichtungen. Ausgangspunkt ist die kontinuierliche Unterstützung und Begleitung aller Kinder auf ihrem Weg in die Sprache hinein, und zwar von ihrem ersten Tag in der Kindertageseinrichtung an. Charakteristisch für den Ansatz ist seine kompetenzorientierte Ausrichtung an den sprachlichen Möglichkeiten, über die Kinder verfügen. Damit verbunden ist ein weiter Blick auf den Spracherwerbsprozess, der gleichermaßen sprachwissenschaftliche und entwicklungspsychologische Erkenntnisse mit einbezieht und sowohl die sprachstrukturellen Bereiche – also Laute und Prosodie, Wörter und Wortbedeutung und Grammatik – umfasst, als auch die Bedeutung der Sprache für die geistige und soziale Entwicklung eines Kindes.

Spracherwerb umfasst also mehr, als Wörter zu lernen und Sätze zu formulieren?

Genau. Spracherwerb und kindliche Persönlichkeitsentwicklung gehen Hand in Hand. Kinder sind von Geburt an kommunikativ und von Beginn an machen sie sich auf den Weg in die Sprachen ihrer Umgebung. Nach und nach eignen sie sich Laute, Sprachmelodie, Wörter und ihre Bedeutungen sowie die grammatischen Regeln der Sprache an, mit der sie aufwachsen. Diese Aneignung sprachlicher Fähigkeiten ist verquickt mit sozial-kommunikativen und kognitiven Entwicklungsprozessen. Und sie wird stimuliert und getragen von den sozialen Beziehungen des Kindes. Dies geschieht zunächst in der gefühlvollen und engen Bindung mit den Eltern, später dann auch in der Begegnung mit anderen wichtigen Bezugspersonen des Kindes, zu denen seine Erzieherin oder sein Erzieher gehören, aber auch die mehr oder weniger gleichaltrigen Kinder aus seiner Gruppe. In diesem Zusammenspiel erobert das Kind nach und nach die Sprache als ein fantastisches Werkzeug, das es ihm ermöglicht, Aufmerksamkeit und Nähe herzustellen, Bedürfnisse zu äußern, seine Welt zu ergründen, mit anderen zu spielen, zu planen und nachzudenken, aber auch teilzuhaben an den Ideen und Erfahrungen von anderen und gefragt zu sein als Persönlichkeit, die etwas zu sagen hat.

Und wie kommt dieses grundlegende Verständnis im Kita-Alltag zur Anwendung?

Von Anfang an eignen Kinder sich die Sprache an, weil diese für sie bedeutsam ist. Kinder sollten daher in ihrem alltäglichen Handeln die Nützlichkeit von Sprache erleben können. Und wir müssen Kindern ausreichend Gelegenheit bieten, ihre sprachlichen Fähigkeiten zu aktivieren, in verschiedenen Situationen anzuwenden, zu stabilisieren und sie dabei auch Stück für Stück zu erweitern. Das gelingt am besten, wenn es in Situationen und Handlungszusammenhängen geschieht, die für Kinder Bedeutung haben. Wenn sie sich zum Beispiel für den Hubschrauber vor dem Fenster oder für die Autos im Bilderbuch interessieren, wenn sie erforschen, ob ein Regenwurm riechen kann, oder wenn sie mit anderen Kindern ihre anspruchsvollen Rollenspiele auf die Bühne bringen – dann wird Sprache wichtig für ihr Wahrnehmen, Erleben, Handeln und Kommunizieren. In solchen Momenten erproben sie sich ganz nebenbei in den sprachlichen Mitteln, die sie benötigen.

Sprachliche Bildung ist im DJI-Ansatz deshalb kein eigenständiges Bildungsthema. Vielmehr zielt der Ansatz darauf, Sprache in den alltäglichen Situationen und im Bildungskanon der Kita zu entdecken und als Querschnittthema zu verankern. Zugleich werden damit die Praxiserfahrungen der Fachkräfte, ihre Entdeckungen im alltäglichen Handeln und in den spielerischen Aktivitäten der Kinder, aber auch ihr methodisch-didaktisches Wissen in der Gestaltung von Situationen und Aktivitäten zu wichtigen Bestandteilen der sprachlichen Bildungsarbeit.

Für welche Altersgruppe ist der Ansatz geeignet? Bringt ein sechsmonatiger Säugling in der Krippe nicht andere Voraussetzungen mit als ein fünfjähriges Kind im Kindergarten?

Ja natürlich! Eine alltagsintegrierte sprachliche Bildung ist immer dann unterstützend und anregend, wenn sie sich an den Interessen und Entwicklungsvoraussetzungen der Kinder ausrichtet. Die Herausforderung für Fachkräfte besteht darin, sowohl die sprachliche Bildungsarbeit als einen roten Faden im Blick zu haben als auch die individuellen Handlungsmöglichkeiten, Bedürfnisse und Themen der Kinder. Das A und O dafür sind eine theoriegestützte und differenzierende Wahrnehmung und Beobachtung des kindlichen Sprachverhaltens sowie der Veränderungsprozesse im Spracherwerb. Denn nur mit dem Wissen, wie sich Kinder die Sprache aneignen, welche Strategien sie dabei anwenden und welche Bedeutung die Sprache für ihr Handeln und Erleben hat, können Fachkräfte die Entwicklungsmöglichkeiten im Alltag erkennen und für die Sprachförderung als Querschnittaufgabe ihrer pädagogischen Arbeit nutzen.

So ist ein Kind beispielsweise im ersten Lebensjahr dabei, sich in die Sprachmelodie seiner Umgebungssprache einzuhören und sich darin zu üben, selbst Laute zu produzieren. In der engen Verbundenheit mit seinen Eltern oder anderen Menschen, die ihm nahe stehen, erfährt es außerdem, dass es auf seine Lautproduktionen eine Antwort erhält. Im melodiösen Gleichklang entstehen zwischen ihm und Erwachsenen kleine Lautdialoge, wodurch sich das Kind als selbstwirksam erlebt.

Und die Kindergartenkinder?

Für die sind bereits soziale und kognitive Herausforderungen und Handlungsmöglichkeiten der Antriebsmotor für ihre sprachlichen Fortschritte. Mit Sprache über das Hier und Jetzt hinausgehen, die Welt umdeuten, Freundschaften gestalten, Situationen planen, Probleme lösen, sich neues Wissen aneignen und Geschichten erzählen – all das bestimmt ihr Sprachhandeln. Aber auch die Sprache selbst wird zum Gegenstand der kindlichen Aufmerksamkeit. Beobachten können wir zum Beispiel, dass Kinder beginnen, die Bedeutung von Wörtern zu hinterfragen. Oder sie sind dem Geheimnis auf die Spur gekommen, dass sich Wörter reimen und erfinden nun selbst fantasievoll und kreativ ihre Reime und spielen mit den Möglichkeiten der Sprache.

Welche Materialien kann das DJI den erzieherischen Fachkräften in den Kitas aber auch interessierten Tagespflegepersonen zur Unterstützung des kindlichen Spracherwerbs anbieten?

Die Projektgruppe hat den spezifischen Ansatz zunächst in „Kinder-Sprache stärken!“ für die sprachpädagogische Arbeit mit drei- bis sechsjährigen Kindern ausdifferenziert. Zum praxisnah aufbereiteten Wissen dazu, wie Kinder in diesem Alter ihre sprachlichen Fähigkeiten ausbauen, werden die vier Bildungsbereiche Musik, praktische Medienarbeit, Bewegung und Naturwissenschaften genauer in den Blick genommen.

Das Konzept zum frühkindlichen Spracherwerb („Die Sprache der Jüngsten entdecken und begleiten“ und „Dialoge mit Kindern führen“) arbeitet heraus, wie sich Kinder zwischen null und drei Jahren die Sprache zu eigen machen und wie dieser Aneignungsprozess mit der gesamten Entwicklung ihrer Persönlichkeit zusammen hängt. Der weit gefasste Blick auf den kindlichen Spracherwerb umfasst dabei auch das nonverbale Ausdrucksverhalten, die Aktivitäten und das spielerische Handeln der Kinder. Denn gerade, weil junge Kinder zu Beginn noch nicht so viele hörbare Äußerungen im Sinne von verbaler Sprache produzieren, lassen sich deutliche Entwicklungsschritte erkennen, die sich dann wiederum in der Entwicklung der Sprache abbilden. Ausgehend von den Themen und Bedürfnissen junger Kinder geht das Konzept darauf ein, was der Krippenalltag an sprachlichen und sprechanregenden Situationen bereit hält, zum Beispiel in Situationen mit wiederkehrenden, vertrauten Abläufen und sprachlichen Äußerungen, wie sie beim Wickeln oder Mittagessen vorkommen, oder in Spielsituationen, die von der Fachkraft oder vom Kind gesteuert sind. Weil sich in den ersten Jahren sprachliche Fähigkeiten besonders in der engen Beziehung zu erwachsenen Bezugspersonen entfalten, nimmt das Konzept die Interaktion zwischen Fachkraft und Kind mit in den Blick.

Beide Konzepte sind in Form von Praxismaterialien im Verlag das netz erschienen und bieten Orientierungsleitfäden für die kontinuierliche Beobachtung und Dokumentation kindlichen Sprachhandelns an sowie Reflexionshilfen für die Analyse, Gestaltung und Planung von Situationen und Bildungsaktivitäten. Darüber hinaus widmet sich die aktuelle Ausgabe der DJI Impulse dem Thema der sprachlichen Bildung. Auch hier wird unser Ansatz vorgestellt und erläutert.

Wie wird der Ansatz in die Praxis hineingetragen?

Unter dem Dach der Offensive „Frühe Chancen – Sprache & Integration“ des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend verantwortet das DJI das Projekt  „Qualifizierungsoffensive nach dem DJI-Konzept Sprachliche Bildung und Förderung für Kinder unter Drei“. In diesem Projekt werden bundesweit Multiplikatorinnen und Multiplikatoren geschult, die ihrerseits Kita-Teams aus Einrichtungen der BMFSFJ-Offensive „Frühe Chancen“ nach dem Ansatz qualifizieren. Ziel des Projekts ist es, in Zusammenarbeit mit den Multiplikatorinnen und Multiplikatoren ein Fort- und Weiterbildungskonzept zu entwickeln und zu erproben, das die nachhaltige Verankerung des DJI-Konzepts im Kita-Alltag gewährleistet. Leitende Fragen dabei sind zum Beispiel, wie der Transfer von Wissen und Praxisanregung in enger Anbindung an die Erfahrungen und Kompetenzen der Fachkräfte erfolgen kann, auf welchen Wegen Kita-Teams eine alltagsintegrierte sprachliche Bildungsarbeit umsetzen können und welche Bedingungen diesen Prozess unterstützen.

Forschungsprojekte zur Kindersprache gibt es am DJI seit ca. zehn Jahren. Seit 2009 ist am DJI zudem die vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderte „Weiterbildungsinitiative frühpädagogischer Fachkräfte, WiFF“ angesiedelt. Welche Synergieeffekte ergeben sich daraus für den Themenschwerpunkt Sprachentwicklung und -förderung?

Die Themen- und Aufgabenfelder der Weiterbildungsinitiative gehen deutlich über die Qualifizierung zur Sprachförderung hinaus. Dennoch nutzen wir hier auch die Erfahrung der eigenen Projekte. Gleichzeitig können die Projektgruppen der Abteilung auch von den Erträgen und Produkten der Weiterbildungsinitiative profitieren. Und schließlich schätzen wir den persönlichen und fachlichen Austausch zwischen den Projektteams,der trotz der intensiven Projektarbeit nicht zu kurz kommen darf.

Herr Prof. Kalicki, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Links

DJI Impulse 4/2011: Sprachliche Bildung
DJI-Projekt: Qualifizierungsoffensive nach dem DJI-Konzept „Sprachliche Bildung und Förderung für Kinder unter Drei“
DJI Online Gespräch mit Petra Best: Sprachliche Förderung in der Kita

Kontakt
Prof. Dr. Bernhard Kalicki


DJI Online / Stand 15. Dezember 2011