Gespräch mit Dr. Barbara Thiessen, DJI

Frau Dr. Thiessen, Migration und Integration sind vieldiskutierte Themen in Deutschland. Im Mittelpunkt des Interesses stehen derzeit Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund und die Bildungsinstitutionen. 

Ja, das ist natürlich ein großes und wichtiges Themenfeld. Dabei darf aber nicht vergessen werden, dass es auch eine Migration gibt, die eher im Schatten stattfindet, die aber deswegen nicht weniger relevant ist. Nur wird von irregulärer Zuwanderung und der Lebenssituation dieser Menschen seltener gesprochen. 

Wen haben Sie dabei besonders im Blick?

In meinen Forschungsarbeiten geht es mir besonders um die Frauen, die meist in illegalen Beschäftigungsverhältnissen in privaten Haushalten tätig sind. Wir haben ja derzeit die paradoxe Situation, dass der sozio-ökonomische Wandel insbesondere für Frauen der Mittelschicht in den Industrieländern vielfach Verbesserungen gebracht hat – zumindest was die Erwerbssituation angeht. Anfallende Arbeiten in Haushalt und Familie jedoch werden zunehmend an eine andere Frauengruppe ausgelagert und den „heimlichen Helferinnen“ übertragen.

Welche Arbeiten betrifft das?

Das sind die Tätigkeiten innerhalb der Familie, die auch in den Mittelschichten noch bis vor 15 Jahren von Frauen, meist der klassischen „Hausfrau“, übernommen wurden. Vor allem das Putzen der Wohnung und die Pflege von älteren Angehörigen, aber auch die Kinderbetreuung werden in den reichen Wohlfahrtsstaaten immer mehr über illegale Beschäftigungsverhältnisse geregelt.

Mit abnehmender oder wachsender Tendenz?

Studien wie der von Thiessen (2004) und Weinkopf/Hieming (2008) zufolge ist mit einer weiter wachsenden Nachfrage zu rechnen. Ich gebe Ihnen zwei Beispiele: In der Kinderbetreuung gibt es in Deutschland das Recht auf einen Kindergartenplatz – bislang aber nur für Kinder ab drei Jahren – und nur für einen halben Tag! Rund 15 Prozent der unter Dreijährigen waren 2007 in einer Kindertagesstätte oder bei in Tagespflege untergebracht. Bedarf melden aber 30 Prozent der Eltern an. Die Kosten für die Betreuung belaufen sich, je nach Einkommen, auf bis zu 1.000 Euro pro Monat. Ein Au-Pair Mädchen hingegen bekommt nur rund 300 Euro im Monat. Nicht selten wird in diesem schwer zu kontrollierenden Bereich die Schwelle zwischen Legalität und Illegalität überschritten. Ähnlich sieht es bei der Pflege älterer Angehöriger aus. Über zwei Millionen Pflegebedürftige gibt es in Deutschland, 70 Prozent davon leben zu Hause und weitere drei Millionen Ältere brauchen zumindest Unterstützung im Alltag. Die günstigste Lösung für diese Menschen und deren Familien sind Pflegekräfte aus dem Ausland, die im Haushalt wohnen. Eine Heimunterbringung kostet meist viermal so viel.

Zynisch formuliert treffen hier doch eine große Nachfrage und ein großes Angebot aufeinander. Man könnte es doch als positive Folge der Globalisierung interpretieren?

Ja, aber es fehlen Regelungen für gute Arbeitsbedingungen. Bislang hat sich vor allem ein Schattenarbeitsmarkt mit ca. 4 Millionen ungeschützten Beschäftigungsverhältnissen entwickelt. Ein Teil der Beschäftigten hat keinen legalen Aufenthaltsstatus. Entsprechend anfällig ist dieser Bereich für schlechte Arbeitsbedingungen, Ausbeutung und geringe Entlohnung. Und: die Frauen, die hierher kommen, haben zu Hause in Rumänien, Polen, den Philippinen oder Costa Rica auch eine Familie mit Kindern und alten Eltern. Nicht selten haben auch sie dann Familienangehörige oder Haushaltshilfen, die sie dort beschäftigen. Wir sprechen hier von „transnationaler Mutterschaft“ und „globalen Betreuungsketten“.

Ebenso ist zu bedenken, dass viele der Haushaltsarbeiterinnen ausgebildete Lehrerinnen, Pflegekräfte oder Ingenieurinnen sind, die gern auch eine andere Arbeit machen würden, wenn es hierfür legale Möglichkeiten und Anerkennung ihrer Zertifikate gäbe. Die global agierenden „care workers“ sind aber nicht nur Opfer. Sie entscheiden sich oft bewusst für ein Leben in einem anderen Land – fern von einer Ehe, in der sie nicht selten Gewalt erleben –, das ihnen die Möglichkeit gibt, Geld zu verdienen und damit hohe soziale Anerkennung in ihrer Familie zu bekommen.

Welche Rahmenbedingungen müssen sich ändern?

Wir müssen anerkennen, dass die Erwerbsorientierung von Frauen ein riesiges Feld an unerledigten Haus- und Pflegearbeiten zurücklässt. Wir brauchen ein Bündel an Maßnahmen: kürzere Arbeitszeiten für Frauen und Männer, bessere Bezahlung von Pflege- und Erziehungstätigkeiten, so dass auch Männer sich in diesen Bereichen beruflich engagieren und diese auch privat für sich entdecken könnten.

Wir benötigen verbesserte Einreiseregelungen für die Berufsbereiche Pflege und Erziehung mit der Anerkennung von ausländischen Zertifikaten – unter ausreichender Berücksichtigung von hiesigen Qualitätsstandards. Illegale Migration wird sich nie vermeiden lassen. Es sollte aber machbar sein, in Teilen eine Ent-Illegalisierung zu ermöglichen, so dass Arbeitskräfte ohne Aufenthaltsrecht ihren Lohn einklagen könnten, ohne aufenthaltsrechtlich dafür belangt zu werden, oder dass ihre Kinder Zugang zu Schule und Ausbildung haben. In der Praxis funktioniert das an vielen Orten, aber eben im Verborgenen, bei engagierten Ärzten, katholischen Kindertageseinrichtungen oder couragierten Schulleitungen.

Und: die Haushalte müssen sich daran gewöhnen, dass Dienstleistung auch etwas kostet, selbst wenn sie im Privaten stattfindet.

Aber führt das nicht dazu, dass sich eine Familie mit einem durchschnittlichen Einkommen eine solche Unterstützung nicht mehr leisten kann?

Wir müssen zu einer anderen Bewertung und Anerkennung der Arbeit mit Kindern, Pflegebedürftigen aber auch von Putz- und Wascharbeiten kommen, unabhängig davon, wer sie leistet. Gleichzeitig hat die Bundesregierung jetzt im neuen Familienleistungsgesetz die Absetzbarkeit von haushaltsnaher Dienstleistung verbessert, um die Nettokosten für die Haushalte zu verringern. Das ist ein richtiger Schritt, aber Haushalte mit kleinem Einkommen nützen steuerliche Vergünstigungen wenig. Hier wären Dienstleistungsschecks für Alleinerziehende zum Beispiel bessere Möglichkeiten. Oder statt sozialpädagogischer Familienhilfe könnte alternativ im Vorfeld an so etwas wie eine hauswirtschaftliche Familienhilfe gedacht werden zur Entlastung von Familien in schwierigen Lebenslagen.

Frau Dr. Thiessen, wir danken Ihnen für dieses Gespräch!

Literatur
Thiessen, Barbara (2004): Re-Formulierung des Privaten. Professionalisierung personenbezogener, haushaltsnaher Dienstleistung, Wiesbaden: VS-Verlag

Weinkopf, Claudia / Hieming, Bettina (2008): Instrumente der Arbeitsmarktpolitik und haushaltsnahe Dienstleistungen. IAQ-Expertise 2007 hrsg. vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Berlin: BMFSFJ

Links
Programm der Tagung „The Global Migration System of Domestic and Care Workers Conference“
DJI Abteilung: Familie und Familienpolitik
DJI Forschungsgruppe: Migration, Integration und interethnisches Zusammenleben

Kontakt
Dr. Barbara Thiessen
Grundsatzreferentin Familienpolitik und familienbezogene Leistungssysteme (DJI)


DJI Online / Stand: 1. Dezember 2008