Gespräch mit Dr. Karin Jurczyk, DJI, Leiterin der Abteilung Familie und Familienpolitik Mitautorin des Buches "Von der Tagespflege zur Familientagesbetreuung"

Die Betreuungssituation für unter Dreijährige ist insbesondere im Westen Deutschlands sehr unzureichend. Der vorangetriebene Ausbau der Kinderbetreuungseinrichtungen wird aber stufenweise vorgenommen und kann deshalb erst 2010 richtig greifen. Eine wichtige Ergänzung ist deshalb die Tagespflege: die familiennahe Unterbringung der Kleinen bei Tagesmüttern oder Tagesvätern.

Wir haben mit Dr. Karin Jurczyk über Vor- und Nachteile dieser familiennahen Betreuungsform und die Notwendigkeit ihrer Weiterentwicklung gesprochen.

Deutschland bildet in Europa bei der Kinderbetreuung das Schlusslicht. Mit fatalen Folgen für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf und die Geburtenrate.

In der Tat ist die Betreuungssituation in Deutschland insbesondere für die unter Dreijährigen sehr unzureichend. Insgesamt werden ca. 9% dieser Kinder in Einrichtungen betreut - allerdings verbirgt sich hinter dieser Zahl ein riesiges Ungleichgewicht zwischen Ost- und Westdeutschland. In den östlichen Bundesländern insgesamt liegt die als ausreichend anzusehende Versorgungsquote bei 36%, in den westlichen bei knappen 3% mit erheblichen Streuungen zwischen den einzelnen Bundesländern, den Großstädten und den Landkreisen.

Man kann sicherlich nicht behaupten - und dies wird auch nicht durch Studien in anderen Ländern belegt -, dass es einen direkten und monokausalen Zusammenhang zwischen Kinderbetreuung und Geburtenrate gibt. Für eine höhere Geburtenrate sind viele weitere Faktoren ausschlaggebend wie beispielsweise ein allgemeines Klima der Familienfreundlichkeit, geschlechtergerechte Strukturen der Sozialsysteme und eine familiengerechte Arbeitswelt. Dennoch ist für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ebenso wie für die Kinder selber eine qualitativ gute und quantitativ ausreichende Kinderbetreuung unabdingbar.

Was muss also geschehen?
Es braucht hier dringend einen Ausbau der Kinderbetreuung, der derzeit ja auch vom BMFSFJ gezielt angegangen wird. Das Tagesbetreuungsausbaugesetz (TAG), das sich zurzeit in den Beratungen zwischen Bundestag und Bundesrat befindet, will einen bedarfsgerechten stufenweisen Ausbau der Angebote für unter Dreijährige in den westlichen Ländern bis zum Jahr 2010 erreichen. Dieses Vorhaben stellt eine große Herausforderung für die Kommunen dar und erfordert auch zusätzliche Ausgaben der öffentlichen Hand.

Ebenso wichtig sind unter familienpolitischen Gesichtspunkten - die bildungspolitischen sind aber gleichfalls bedeutsam - der Ausbau der Ganztagesschulen und veränderte Zeitstrukturen der Einrichtungen, d.h. teilweise längere, auf jeden Fall jedoch flexiblere Öffnungszeiten.

Das lässt sich ja nicht so schnell bewerkstelligen. Was machen wir in der Zwischenzeit?
All diese Prozesse werden Zeit brauchen, auch länger als bis 2010. Denn Westdeutschland ist ein Land mit einem tradierten privatistischen Betreuungsverständnis und einer zwar subtiler werdenden, aber immer noch wirksamen Etikettierung von Müttern als Rabenmütter, wenn sie die ersten Jahre des Kindes auch noch anderes tun wollen als Mutter sein.

Eine wichtige Ergänzung zur Kinderbetreuung in Einrichtungen sehe ich deshalb in solchen Formen wie der Tagespflege, die familiennah ist und die flexibel und individuell auf die Bedarfe von Kindern und Eltern eingehen kann. Diese Art der Betreuung durch Tagesmütter - oder vielleicht auch Tagesväter? - in kleinen Gruppen und familienähnlichen räumlichen und kommunikativen Settings kommt den spezifischen westdeutschen Vorstellungen von einer guten Betreuung insbesondere kleiner Kinder sehr entgegen.

Die Chancen für einen Ausbau der Tagespflege sind also groß. Ich sehe sie aber nicht nur als "Lückenbüßer", bis wir genügend Plätze in Kindertageseinrichtungen haben. Tagespflege reagiert insgesamt und langfristig auf spezifische Bedürfnisse von Eltern nach einer überschaubaren und individuellen Betreuungssituation für ihr Kind.

Wie viele Kleinkinder werden denn derzeit durch Tagesmütter oder -väter betreut?
Obgleich wir keine exakten Daten haben, gehen Schätzungen davon aus, dass wohl annähernd gleich viele unter Dreijährige in Tagespflege wie in Kitas betreut werden. Dort standen 2002 rund 190.000 Plätze zur Verfügung. Das Problem der Erfassung genauer Zahlen hängt auch damit zusammen, dass nur ein geringer Teil der Tagespflegeverhältnisse über Jugendämter vermittelt und finanziert wird. Nur für diese kann man derzeit relativ genaue Zahlen vorlegen. Geschätzt wird, dass ca. drei Viertel, d.h. der wesentlich größere Teil, privat organisiert sind. Um den Ausbau gezielt voranzubringen und gut zu begleiten, wären bessere Planungsdaten dringend erforderlich.

Die Betreuung durch Tagesmütter gibt es schon seit vielen Jahren - meist privat organisiert. Ist die Tagespflege an Qualitätsstandards gemessen in der Breite heute strukturell und inhaltlich auf der Höhe der Zeit?
Damit sprechen Sie ein entscheidendes Problem an. Tagespflege ist eine gute Idee, allerdings nicht immer eine gute Praxis. Unsere punktuellen Untersuchungen zur Realität der Tagespflege, die bereits 1974 mit einem ersten Modellprojekt begannen, und die in den vergangenen Jahren wieder aufgenommen wurden, haben gezeigt, dass es eine große Spannbreite in der Qualität der Tagespflege gibt.

Es finden sich immer wieder sehr gute Tagespflegestellen, aber eben auch weniger gute. Das positive Potenzial, das in der Tagespflege liegt, kann bislang nur ansatzweise und situativ adäquat umgesetzt werden. Auch hier haben wir jedoch bis auf wenige Teil-Studien wie etwa die von Professor Tietze von der FU Berlin kein systematisches Wissen. Insbesondere der größere Teil der "privaten" Tagespflegeverhältnisse, der in der Grauzone zwischen Markt und Familie meist individuell geregelt wird, muss sich bislang nicht an allgemeinen Standards "auf der Höhe der Zeit" orientieren. Es gibt ja auch keine Kontrollmöglichkeit.

Die meist ehrenamtliche Arbeit der Tagesmüttervereine vor Ort versucht hier mehr Transparenz zu schaffen und ansatzweise für Qualität zu sorgen. Dies muss jedoch unter den gegenwärtigen Bedingungen Stückwerk bleiben. Tagespflegeverhältnisse, die über Jugendämter vermittelt und teilweise auch finanziert werden, können da strukturell und inhaltlich etwas besser gesteuert werden, weil es immerhin das Instrument der Eignungsprüfung und der Hausbesuche gibt. Doch nur wenige Jugendämter nehmen diese Aufgabe so ernst, wie es eigentlich nötig wäre.

Wo liegen die Hauptprobleme im Einzelnen?
Die Probleme stellen sich für die unterschiedlichen Beteiligten unterschiedlich dar. Um mit den Kindern anzufangen, die ja eigentlich im Zentrum von Betreuung stehen sollen: Diese sind einfach Risiken ausgesetzt, solange weder ein qualifiziertes pädagogisches Wissen der Tagesmütter noch eine strukturell adäquate Rahmung des Alltags gewährleistet ist. Die wenigsten Tagespflegestellen entwickeln und dokumentieren ein eigenes pädagogisches Konzept. Und es gibt bislang keine Instanz, die Tagespflegeverhältnisse vom Konzept über ihre alltägliche Umsetzung bis hin zu ihren Effekten evaluiert.

Und für die Tagesmütter?
Für die Tagesmütter selber sind vor allem die prekären Arbeitsbedingungen, die geringe Entlohnung, ungeregelte Arbeitsverhältnisse, die mangelnde soziale Absicherung sowie die Nicht-Anschlussfähigkeit an soziale Berufe ein Problem. Oft werden deshalb Tagespflegeverhältnisse frühzeitig wieder beendet, weil sich für die Tagesmütter die Bedingungen für ein langfristiges Engagement als nicht tragfähig erweisen. Nur wenn man dies ändert, wird man im Übrigen überhaupt genügend neue Tagesmütter finden können.

Also berechtigte Skepsis auf Seiten der Eltern?
Ja, natürlich. Für die Eltern kann die manchmal diffuse, wenig einsehbare fachliche Kompetenz der Tagesmütter einen Unsicherheitsfaktor bezüglich der Betreuungsqualität darstellen. Sie sind sich nicht sicher, ob ihr Kind wirklich gut aufgehoben ist. Und die Beziehungen zwischen Eltern und Tagesmüttern können gerade wegen ihrer Informalität konfliktreich sein. Zudem mangelt es ihnen an einer langfristigeren Verlässlichkeit des Betreuungsverhältnisses und an gesicherten Vertretungsregeln bei Krankheit und Urlaub der Tagesmutter. Und zu allem Überfluss bezahlen die Eltern am Ende meist sogar noch mehr für die Tagespflegebetreuung, als wenn ihr Kind in einer Einrichtung ist.

Wie wären diese Schwierigkeiten zu lösen?
Wir meinen, dass die Qualifizierung der Tagesmütter ein Knackpunkt ist. Hierfür wurden ja vom DJI Mindeststandards in Form eines 160-Stunden-Curriculums erarbeitet. Verstärkt muss hier jedoch in Richtung berufliche Anschlussfähigkeit qualifiziert werden, die auch bei der Entlohnung positiv zu berücksichtigen ist. Qualifizierung muss belohnt werden und zu mehr Beruflichkeit führen. Wir sehen, dass dies in anderen Ländern, etwa in Dänemark oder Österreich, machbar ist. Darüber hinaus braucht es aber vor allem eine systematische Überführung der Tagespflege aus ihrer bisherigen Grauzone in die öffentlich verantworteten und regulierten Systeme der Kinderbetreuung.

Dies bedeutet die Gestaltung von vier Teilsystemen: erstens ein Nachfragesystem, das Anspruchsberechtigung, Planungshorizonte, Kosten- und Leistungssicherheit als Bedarfe von Eltern und Kindern berücksichtigt. Zweitens ist ein Angebotssystem erforderlich, das Umfang, Verfügbarkeit, Verlässlichkeit und Qualität der Tagespflege umfasst. Hierzu gehören auch die Qualifizierung, Fachberatung und Vernetzung der Tagespflegepersonen, d.h. der Aufbau und die Sicherung der Infrastruktur und eine Qualitätssicherung und -kontrolle. Eine verstärkte Zusammenarbeit von Tageseinrichtungen und Tagesmüttern ist nur eines der vielen kleinen wichtigen Details. Drittens muss - zentral - ein lokales Steuerungssystem die quantitative und qualitative Nachfrage mit dem Angebotssystem abstimmen. In dieses können die verschiedenen Träger eingebunden werden. Die Verantwortung vor Ort bleibt jedoch in den Händen der öffentlichen Jugendhilfe. Viertens bedarf es eines überregionalen auf Landes- und Bundesebene ansetzenden Steuerungssystems, das richtungslenkende Rahmenvorgaben macht.

In diesem Sinn ist das neue Tagesbetreuungsausbaugesetz als notwendiger Schritt sehr zu begrüßen, auch wenn es gerade hinsichtlich der Tagespflege manches zu erweitern gäbe. Das "TAG" sieht aber beispielsweise bereits vor, dass Tagesmütter besser sozial abgesichert werden. Nicht zuletzt brauchen wir jedoch endlich solide Daten über die Realitäten der Tagespflege im Kontext der Betreuungsmixe, und das heißt mehr Forschung.

Das sind nun einige Empfehlungen des vom DJI erarbeiteten Gutachtens, nachzulesen in dem Buch "Von der Tagespflege zur Familientagesbetreuung", das seit einigen Tagen im Handel ist. Bleibt die Frage: Ist das Wünschbare auch machbar?
Wie immer hängt die Umsetzung des Wünschbaren von der Prioritätensetzung ab. Auch dies belegt der Blick in manche Nachbarländer. Ich bin fest davon überzeugt, dass unsere Vorschläge umgesetzt werden können, wenn gute Bildung und Betreuung von Kindern, eine familienfreundliche Gesellschaft und die Realisierbarkeit von Kinderwünschen nicht nur modische Wortblasen sind, sondern als notwendige Beiträge zur Zukunftssicherung der Gesellschaft ernsthaft anerkannt werden. Dies gilt unter der Perspektive von Langfristigkeit und Nachhaltigkeit auch in Zeiten knapper Kassen - für Bund, Länder und Kommunen.


Das Buch "Von der Tagespflege zur Tagesbetreuung"

Das Projekt "Kinderbetreuung in Tagespflege. Auf- und Ausbau eines qualifizierten Angebotes"

Tagespflege zwischen Markt und Familie: Neue Herausforderungen und Perspektiven

Homepage Dr. Karin Jurczyk

Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend

Von der Tagespflege zur Familientagesbetreuung
Zusammenfassung und Empfehlungen. 32-seitige Broschüre im pdf-Format als Download

Tagespflege-Gutachten

Kurzfassung des Gutachtens

Ausführliche Rezension des Buches "Von der Tagespflege zur Familientagesbetreuung" (socialnet.)

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