Auf einen Blick

Die Übergänge von Jugendlichen zwischen Schule und Arbeit, die Förderung sozial benachteiligter junger Menschen sowie die Integration von Jugendlichen mit Migrationshintergrund werden zukünftig noch stärker im Zentrum der Forschungsarbeiten der DJI-Außenstelle in Halle (Saale) stehen als bisher. Unter der neuen Leitung von Dr. Jan Skrobanek werden die dort angesiedelten praxisbegleitenden Forschungs- und Evaluationsprojekte im Sinne einer modernen und nachhaltig arbeitenden Jugendsozialpolitik und Jugendsozialarbeit deutlicher aufeinander bezogen und zusammen gefasst.

Sowohl Jugendsozialpolitik als auch Jugendsozialarbeit müssen die veränderten Rahmenbedingungen sowie die ökonomischen, sozialen und kulturellen Disparitäten, die die Lebensumstände der Jugendlichen von heute prägen, sehr genau berücksichtigen, wenn sie erfolgreich sein wollen.


1. RAHMENBEDINGUNGEN STARKEN VERÄNDERUNGEN UNTERWORFEN

In den letzten Jahrzehnten hat sich in vielen Bereichen der Gesellschaft ein Strukturwandel vollzogen, der mit Entstandardisierungs- und Entgrenzungsprozessen einhergeht. Für jugendliche Menschen ergeben sich daraus einerseits neue Freiräume und Chancen, aber andererseits auch neue Risiken und Anforderungen. DJI-Studien haben gezeigt, dass die Strukturen und die daran gekoppelten Wege der Jugendlichen in den vergangenen Jahren dynamischer, riskanter und brüchiger geworden sind, bedingt durch

  • auffallende Veränderungen der Sozial-, Qualifikations- und Berufsstrukturen sowie die daraus folgenden
  • veränderten Anforderungen an die Entwicklung notwendiger Kompetenzen für die Lebensbewältigung und die beruflichen Herausforderungen (vgl. Skrobanek/Braun/Reißig 2008 und Skrobanek/Gaupp/Braun 2008).


2. GENERELL VERUNSICHERUNG UND ÄNGSTE BEI JUGENDLICHEN

Auf die veränderten Rahmenbedingungen mit ihren zahlreichen offenen Variablen reagieren viele Jugendliche mit großer Verunsicherung und auch Ängsten (vgl. DJI-Jugendsurvey/Shell-Studie). Dies gilt insbesondere für

  • die Wahrnehmung und Einschätzung der Bedingungen des eigenen Handelns;
  • die Formulierung ihrer Lebens- und Berufsziele;
  • die Einschätzung der Realisierungschancen für ihre Ziele.

Zu den unsicher gewordenen äußeren Faktoren kommt ein weiteres die Jugendphase prägendes Element hinzu, dass die Möglichkeit, eigenverantwortete Entscheidungen zu treffen, zusätzlich erschwert. Jungsein heißt heute: SchülerIn sein. 1962 waren 40 Prozent der 16- bis 20-Jährigen erwerbstätig, 40 Prozent waren Lehrlinge und nur 20 Prozent noch im Bildungssystem. 2009 befindet sich das Gros dieser Altersgruppe im Bildungs- und Ausbildungssystem. Ob die längere Verweildauer im Bildungssystem positiv oder negativ zu bewerten ist, sei dahingestellt. In jedem Fall fehlen den meisten Jugendlichen durch den späteren Eintritt ins Erwerbsleben die ökonomischen Grundlagen für eine selbstbestimmte Lebensführung oder auch die Gründung einer Familie (vgl. Bildungsbericht 2006).


3. CHANCEN UND KOMPETENZEN ZUR RISIKOBEWÄLTIGUNG UNGLEICH VERTEILT

Damit Jugendliche im Prozess der sozialen und beruflichen Integration Gestaltungschancen nutzen können, benötigen sie Fähigkeiten, um Entscheidungen treffen, Unsicherheiten aushalten sowie Risiken eingehen und sie produktiv handhaben zu können. Hierauf sind nicht alle Jugendlichen gleichermaßen gut vorbereitet. Aus ungleich verteilten Zugriffsmöglichkeiten auf Ressourcen ergibt sich häufig auch eine Ungleichverteilung individueller Lebenschancen, bzw. -risiken. Für eine erfolgversprechende Entwicklung von Potenzialen und Ausbildung von Kompetenzen sind neben den primären Ressourcen wie Familie und Freundeskreis insbesondere auch so genannte sekundäre Ressourcen, also politische und institutionelle Akteure (u.a. Schulen , Einrichtungen und Träger der Jugendsozialarbeit, Verbände, Arbeitsagenturen, ARGEn, Betriebe) gefordert. Sie leisten wichtige Beiträge zur Strukturierung und Stabilisierung der Lebensverläufe junger Menschen. Besonders problematisch stellt die Jugendphase für benachteiligte junge Menschen dar, die im Zentrum der Jugendsozialarbeit und -politik stehen.

Vorhandene Disparitäten sind auf verschiedenen Ebenen erkennbar:

Arbeitslosigkeit
Bei den Arbeitslosenquoten sind nicht nur große Disparitäten zwischen den Bundesländern festzustellen, sondern auch innerhalb der einzelnen Bundesländer. Regionen, in denen die Arbeitslosenquote bei den zivilen Erwerbspersonen im Erwachsenenalter zwischen 12,6 bis 20 Prozent liegt, also relativ hoch ist, liegen vor allem in den neuen Bundesländern Mit Blick auf die Jugendlichen unter 25 Jahren, die SGBII (Grundsicherung für Arbeitssuchende) empfangen, differenziert sich das Bild weiter aus: Im Vergleich zu den Erwachsenen gibt es hier Standorte, Kreise, Regionen, in denen sich der fehlende Zugang zur Arbeit moderater, in anderen eher dramatisch gestaltet.



Ängste
Die Ressourcen zur Bewältigung von Lebensrisiken sind ungleich verteilt. Ein Indiz dafür ist die Furcht vor Arbeitslosigkeit, die in der unteren Schicht am größten und zudem von 2002 auf 2006 noch gestiegen ist.


Armut
Länder, Regionen und Kommunen sind unterschiedlich stark von Armut betroffen. Am härtesten trifft es Mecklenburg-Vorpommern mit einer Armutsquote von 24 Prozent. Baden-Württemberg weist mit 10 Prozent eine vergleichsweise geringe Quote auf. Bezogen auf die Altersgruppen tragen Jugendliche im Alter zwischen 15 und 18 Jahren das größte Armutsrisiko. Diese unterschiedlichen Kontexte gilt es mitzubedenken, wenn man untersucht, wie Jugendliche ihren Lebensalltag gestalten und bewältigen.


Bildung
In Deutschland sind Bildungschancen im Vergleich zu anderen europäischen Ländern überproportional abhängig vom Bildungsstand des Elternhauses. Eine erfolgreiche Bildungsbeteiligung bis zur Einmündung in die Sekundarstufe II ist bei 88 von 100 Akademikerkindern festzustellen, aber nur bei 46 von 100 aus Nicht-Akademikerfamilien. Die Bildungsbenachteiligung schreibt sich in den Hochschulausbildungsquoten potenziert fort: 94 Prozent der vorgenannten 88 Akademikerkinder besuchen anschließend eine Hochschule, aber nur die Hälfte der 46 SchülerInnen aus bildungsfernen Schichten nutzen ihre Hochschulzugangsberechtigung. (vgl. Bildungsbericht 2008)

Migrationshintergrund
Von Bildungsbenachteiligung sind insbesondere Kinder aus Familien mit Migrationshintergrund betroffen. Ihre mathematischen, naturwissenschaftlichen Fähigkeiten und die Lesekompetenz sind schlechter ausgeprägt als bei Jugendlichen ohne Migrationshintergrund. Die Distanzen zum Bildungssystem werden in der zweiten Generation dadurch eher verstärkt als abgeschwächt. Sie finden sich in der Folge überrepräsentiert in Hauptschulen und unterrepräsentiert in den Gymnasien wieder.




Übergang Schule – Ausbildung/Beruf
Anhand der Übergangspanels, die das DJI u.a. in Leipzig und Stuttgart durchführt, werden nach ersten Erkenntnissen spezifische lokale Diskrepanzen hinsichtlich der Formulierung und Realisierung beruflicher Pläne von Jugendlichen deutlich. Beispielsweise strebten in Leipzig 70 Prozent der HauptschulabgängerInnen eine Ausbildung an; mehr als der Hälfte gelang dies auch. In Stuttgart waren es 30 Prozent, von denen jedoch nur 24 Prozent ihren Plan realisieren konnten. Jugendliche, die keinen Ausbildungsplatz bekommen, weichen vorrangig in das sogenannte Übergangssystem weiterqualifizierender Maßnahmen ein.





4. FOLGERUNGEN FÜR DIE JUGENDSOZIALPOLITIK

Die ungleiche Verteilung der Ressourcenzugänge hat Konsequenzen für eine verantwortliche und moderne Form der Jugendsozialpolitik sowie die darauf bezogene Forschung. Als Querschnittsaufgabe steht sie vor der Herausforderung, konfliktträchtige und die Persönlichkeitsentwicklung hemmende Friktionen zwischen Institutionen und individuellen Potenzialen von Jugendlichen zu verhindern. Zudem müssen Jugendliche nicht nur als AdressatInnen von Politik und pädagogischen Interventionen, sondern als koproduzierende Akteure mit eigenen Vorgeschichten, Zielen, Motiven und Handlungspotenzialen begriffen werden. Jugendsozialpolitik hat viele Facetten:

  • Unterstützungspolitik
    Jugendsozialpolitik muss die unterschiedlichen Lebenslagen der Jugendlichen in Rechnung stellen und die soziale Ungleichheit zur Basis der Entscheidung machen, auf deren Grundlage Fördermittel differenziert verteilt werden – nach dem Prinzip fördern und fordern.
  • Befähigungspolitik
    Nur wer dafür sorgt, dass Jugendliche mit Abschlüssen sowie kognitiven und sozialen Kompetenzen ausgestattet sind, sie zur Selbstbildung befähigt, versetzt sie (wieder) in die Lage, handlungs- und entscheidungsfähig zu sein, auch unter schwierigen ökonomischen Bedingungen produktiv agieren können und Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen.
  • Teilhabepolitik
    Eine sehr große Herausforderung für Jugendsozialpolitik besteht darin, Mitbestimmungsbarrieren abbauen und eine aktive Partizipation und Selbstgestaltung zu ermöglichen (was allerdings dadurch erschwert wird, dass die Jugendlichen zunehmend länger im (Aus-)Bildungssystem verharren). Dazu gehört auch eine stärkere Beteiligung der Jugendlichen am Definitionsprozess, durch den jugendspezifische Entwicklungsaufgaben beschrieben werden sollen. Teil einer partizipatorisch angelegten Jugendsozialpolitik kann die gemeinsame Entwicklung von einer Vision, einem Lebens- und Gesellschaftsentwurf sein, die vielen Jugendlichen heute fehlt.
  • Generationenpolitik
    Eine immer dringlichere Frage, die aber in der Forschung so noch nicht bearbeitet wurde, lautet: Haben Jugendliche in gerechter Weise Zugang zu gesellschaftlichen Ressourcen? Mit Ausnahme der Armutsberichte gibt es noch keine Verteilungsrechnungen, die aus der Perspektive der Jugendlichen angestellt wurden.


5. HERAUSFORDERUNG FÜR DIE JUGENDSOZIALFORSCHUNG

Um angesichts dieser Anforderungen wirksame Förder- und Unterstützungsstrategien entwickeln zu können, sind Politik und Fachpraxis gleichermaßen auf ein vertieftes Wissen über die Bedingungen des Aufwachsens insbesondere mit Blick auf den Übergang von der Schule in Ausbildung und Beruf, über Handlungsziele und –potenziale von Jugendlichen sowie über die Möglichkeiten und Grenzen der Einflussnahme von institutionellen und pädagogischen Interventionen angewiesen.

Im Mittelpunkt der Forschungsaktivitäten des Forschungsschwerpunkts Jugend und Integration am DJI in Halle wird daher verstärkt die Frage stehen, welche individuellen und strukturellen Faktoren dazu führen, dass ein Teil der Jugendlichen – selbst unter ungünstigen Voraussetzungen – einen erfolgreichen Entwicklungsverlauf nimmt. Die Untersuchung der Unterstützungspotenziale des sozialen Nahraums, von Herkunftsfamilien und Peers gehört ebenso dazu wie die Evaluation von Politiken, Institutionen und Formen pädagogischer Interventionen, die möglichst an den lokalen und häufig disparaten Lebenslagen der Jugendlichen ansetzen und darauf ausgerichtet sind, (benachteiligte) Jugendliche in der Übergangsphase des Erwachsenwerdens zu unterstützen.


DJI Online / Stand: 1. August 2009