Gespräch mit Walter Riester, MdB

Herr Riester, in Ihrer Zeit als Arbeitsminister haben Sie u.a. auch berufliche Einstiegsprogramme für Jugendliche propagiert. Berühmt, bzw. „sprichwörtlich“ geworden sind Sie allerdings mit der Riester-Rente, die eher auf die späte Lebensphase abhebt. Für welchen gesamtgesellschaftlichen Paradigmenwechsel steht die staatliche Bezuschussung individueller Rentensparpläne, die sich nun neben dem generationenübergreifenden Rentensystem einer Solidargemeinschaft alter deutscher Schule etabliert? Muss der Generationenvertrag neu geschrieben werden?

Ich vertrete die Auffassung, dass es keinesfalls um einen gesamtgesellschaftlichen Paradigmenwechsel geht und auch kein neuer Generationsvertrag geschrieben werden muss. Es ist allerdings notwendig, sich die veränderten Bedingungen bezüglich der Altersvorsorge vor Augen zu führen: Als 1957 das Umlagesystem eingeführt wurde, betrug die durchschnittliche Restlebenserwartung eines Menschen, der in die Rente eintrat, zehn Jahre, heute sogar 18 Jahre. Mir als 65-jährigem Mann wird eine Restlebenszeit von 21 Jahren prognostiziert. Die Tatsache, dass die Menschen nach ihrem Eintritt ins Rentenalter heutzutage wesentlich länger leben und in dieser Phase keine beruflichen Verpflichtungen mehr erfüllen müssen, ist erst einmal positiv.

Die zweite grundlegende Veränderung betrifft den Lebensstandard. Während meiner Kindheit stellten ältere Menschen geringere Ansprüche an ihre Lebensqualität. Diese Haltung vertraten noch meine eigenen Großeltern. Sie gaben sich mit weniger Komfort und einer geringeren Rente zufrieden, nicht zuletzt auch deshalb weil sie – wie die meisten Menschen ihrer Generation – auf die Versorgung durch ihre Kinder hofften. Diese Einstellungen haben sich komplett geändert. Heute möchte die Rentnergeneration – was ich übrigens sehr gut finde – ihren Lebensstandard halten. Er soll möglichst dem Niveau zu Ende ihrer Erwerbszeit entsprechen. Zudem erfüllen sich ein Teil der heutigen Rentner und Rentnerinnen langgehegte Wünsche: sie reisen in ferne Länder, leisten sich ein Wochenendhaus oder unterstützen ihre Kinder. Ein weiterer neuer und sehr wichtiger Aspekt: Auf keinen Fall möchten ältere Menschen von ihren Kindern abhängig sein.

Die Frage, die sich zwangsläufig stellt: Welche Bedingungen passen zu welchen Entscheidungen? So führen die längere Lebenszeit und der Wunsch nach einem höheren Lebensstandard zwangsläufig dazu, dass während der Erwerbszeit mehr Rücklagen gebildet werden müssen, schon allein deshalb, weil die Rentenzeit deutlich länger dauert. Die dadurch entstehenden Kosten können durch die Sozialversicherungsrente allein nicht mehr bestritten werden. Mein Anliegen war es deshalb, die Menschen in die Lage zu versetzen, mit staatlicher Hilfe ergänzende Rücklagen zu bilden. Vor allem geht es mir darum, diejenigen zu unterstützen, denen beispielsweise aufgrund der Kinderzahl oder eines geringen Einkommens das Sparen am schwersten fällt.

Für viele junge Menschen, die trotz bestem Willen und solider Ausbildung keine Anstellung finden, steht das Vorsorgen für das Alter ganz unten auf der Prioritätenliste. Müsste – anstatt von den jungen Menschen ein Investment in die eigene Alterssicherung zu fordern – hinsichtlich der notwendigen und theoretisch auch möglichen hohen Rendite, die die Jugendlichen mittel- und langfristig „abwerfen“ könnten und müssen, nicht umgekehrt viel stärker in die „Anlageform Jugend“ investiert werden? 

Meiner Meinung nach sind sowohl die ergänzende Altersvorsorge als auch Investitionen in die „Anlageform Jugend“ nötig. Die Gründe für eine zusätzliche Altersvorsorge habe ich in meiner ersten Antwort dargelegt. Investitionen in die Jugend bedeuten für mich zugleich Investitionen in die Zukunft. Bildung und Ausbildung müssen gefördert werden, insbesondere aber das Verständnis für den wirtschaftlichen, technischen und gesellschaftlichen Wandel, dem die junge Generation immer stärker ausgesetzt ist.

Herr Riester, als Sie 14 Jahre alt waren, haben Sie eine Ausbildung begonnen und drei Jahre später direkt eine Arbeitsstelle gefunden, die es Ihnen ermöglicht hat, 1969 die Meisterprüfung abzulegen. Das ist jetzt 40 Jahre her. Ein solch stringenter Ablauf ist heute nur noch rund 50 Prozent der HauptschulabsolventInnen beschieden. Reicht es angesichts hoher (Jugend-)Arbeitslosenzahlen, die jungen Menschen beruflich fit zumachen? Oder brauchen sie zusätzlich ganz andere Fähigkeiten, um noch einen Sinn für ihr Leben herstellen zu können – und wer kann sie ihnen vermitteln? 

Es ist in der Tat richtig, dass wir in stärkerem Maße andere, ja auch neue Fähigkeiten brauchen. Bereits meine Biographie zeigt im weiteren Verlauf anschaulich, dass eine stringente Laufbahn vom Gesellen zum Meister bis hin zur Rente nicht mehr zur Regel gehört – und noch viel weniger heute. Ich selber wechselte von meinem erlernten Handwerksberuf als Fliesenleger zu einer Gewerkschaftslaufbahn, die ebenfalls keine Endstation für mich war, sondern mich zur Politik und ins Ministeramt führte.

In der heutigen Zeit beobachte ich eine Beschleunigung von Veränderungen und notwendigen Neuorientierungen. Die Öffnung des Nationalstaates, die Erweiterung der Europäischen Union und schließlich die Globalisierung wirken sich grundlegend auf das individuelle Leben aus. Ich verstehe, dass dieser Prozess des stetigen und schnellen Wandels Unsicherheiten, vielleicht sogar Ängste verursacht. Aber er bietet auch neue Chancen. Auslandsaufenthalte, die zu meiner Jugendzeit als exotisch galten, bieten jungen Menschen die Möglichkeit, sich mit fremden Kulturen auseinander zu setzen und Fremdsprachen zu erlernen. In diesem Zusammenhang halte ich es für äußerst wichtig, wenn Schulen und Universitäten ihre SchülerInnen und StudentInnen auf die neuen Herausforderungen vorbereiten. Daher muss auch das Lernen ein anderes werden, weil es ganz neue Blickwinkel erhält.

Deutschland steht ja nicht als einziges Land vor dem Problem der sozialen Spaltung, die in der Kindheit und Jugend ihren Ausgang nimmt. Sie haben 2007 an einer Europäischen Sozialcharta mitgewirkt. Brauchen wir eine neue Sozialcharta speziell für junge Menschen in Europa?

Ich wäre schon froh, wenn die bestehende Europäische Sozialcharta bei den Menschen überhaupt bekannt wäre, weil sie in einem höchst außergewöhnlichen Maße soziale Rechte umfassend definiert und festlegt. Der besondere Aspekt für die Jugend besteht darin, den oben beschriebenen beschleunigten Prozess des Wandels anzunehmen und zu lernen damit umzugehen.

Welche Unterstützung wünschen Sie sich als Mann der Praxis und Politiker von Seiten der Jugendforschung hinsichtlich einer zukunftorientierten nachhaltig ausgerichteten Jugendsozialpolitik?

Die Antwort auf diese Frage ergibt sich aus der vorhergehenden. Ich wünsche mir, dass eine nachhaltige und zukunftsorientierte Jugendpolitik diesen Prozess der Veränderung nicht als Bedrohung vermittelt, sondern als Chance. Denn die Jugendlichen werden den neuen Lebensbedingungen nicht ausweichen können. Sie müssen sich der Aufgabe stellen, sich aktiv in diesen Prozess einzubringen, in dem sie sich die Felder und Themenbereich auswählen, die ihnen liegen und ihren Talenten entsprechen.

Meiner Meinung nach muss Jugendforschung nicht nur die aus der Globalisierung resultierenden neuen Aufgaben berücksichtigen, sondern spiegelbildlich auch die zusätzlichen Integrationsaufgaben im nationalen Bereich sowie die Problemstellungen besonders benachteiligter Gruppen aufnehmen. Mittlerweile gehört die Konfrontation deutscher Kinder mit einer für sie völlig fremden Kultur ihrer MitschülerInnen zum Schulalltag. Deutschsprachige Jugendliche kommen somit nicht umhin, sich mit dem landessprachlichen und kulturellen Hintergrund ihrer ausländischen MitschülerInnen auseinander zu setzen, was ihnen aufgrund der zunehmenden Internationalität letztlich zum Vorteil gereichen wird. Umgekehrt führen Sprachprobleme der Schüler mit Migrationshintergrund zu Missverständnissen. Ich habe den Eindruck, dass es mühsamer Arbeit bedarf, um ausländischen Familien klar zu machen, dass gute deutsche Sprachkenntnisse die beruflichen Chancen ihrer Kinder und deren Integration in die deutsche Gesellschaft deutlich verbessern.

Walter Riester (Jg. 1943) stammt aus Kaufbeuren (Bayern). Nach dem Besuch der Volksschule absolvierte er von 1957 bis 1960 eine Ausbildung zum Fliesenleger. In diesem Beruf war er bis zur Meisterprüfung 1969 tätig. In dieser Zeit trat er der SPD bei und gehört seit 1998 dem SPD-Parteivorstand an. Nach dem Besuch der Akademie der Arbeit war Walter Riester in verschiedenen gewerkschaftlichen Positionen aktiv. Von 1993 bis 1998 bekleidete er das Amt des zweiten Bundesvorsitzenden der IG-Metall. Im Kabinett von Bundeskanzler Gerhard Schröder wurde er 1998 Bundesminister für Arbeit und Sozialordnung. Mit seinem Namen ist die in seiner Amtszeit geschaffene sogenannte Riester-Rente verbunden, eine staatlich bezuschusste private Altersvorsorge. Als sein Ministerium im Bundesministerium für Wirtschaft und Arbeit und im Bundesministerium für Gesundheit und Soziale Sicherung aufging, schied Walter Riester 2002 aus der Bundesregierung aus und ist seitdem Mitglied des Deutschen Bundestages. Walter Riester ist verheiratet und hat zwei Kinder.

Links Homepage von Walter RiesterKontaktDJI Online / Stand: 1. August 2009