Gespräch mit Ulrike Richter, DJI Außenstelle Halle

Frau Richter, im Themenbereich nonformale Bildung befassen Sie sich derzeit mit den Betriebspraktika, die alle Schülerinnen und Schüler während ihrer Schulzeit in der Sekundarstufe I absolvieren. Informelles Lernen einerseits und Schule andererseits – schließt sich das nicht gegenseitig aus?

Nun, Praktika erweisen sich als sehr hilfreich bei der Suche nach einem geeigneten Beruf oder einem Ausbildungsplatz. Durch diese Praktika – sei es in Betrieben oder sozialen Einrichtungen – erhalten die Jugendlichen aber nicht nur Einblick in die Berufe, sondern sie haben die Möglichkeit, ihre persönlichen Fähigkeiten und sozialen Kompetenzen besser zu erkennen und zu erproben. Informelles Lernen findet ja nicht nur in der Familie, im Freundeskreis oder der Freizeit statt, sondern auch an Orten des formellen Lernens – also auch in Schulen oder Betrieben, in denen junge Menschen eine Ausbildung absolvieren oder eben ein Praktikum machen.

Diese Art des non-formalen Lernens ist wahrscheinlich nur wenigen Jugendlichen wirklich bewusst ...

Ja, insbesondere benachteiligten Jugendlichen möchten wir ein Gefühl dafür vermitteln. Denn auch sie haben in informellen Settings Kompetenzen erworben, die für die berufliche Bildung und Ausbildung relevant sind, dafür aber noch nicht systematisch genutzt werden. Die Nutzung dieser Kompetenzen setzt voraus, dass diese von den Lernenden selbst erkannt und gegenüber Dritten sichtbar gemacht werden.

Und genau bei dieser Sensibilisierung der Jugendlichen selbst, aber auch der Lehrkräfte und SozialarbeiterInnen setzt das ICONET-Projekt an. ICONET steht für Informal Competencies Net, ein länderübergreifendes Projekt, das Methoden zur Validierung informell erworbener Kompetenzen von benachteiligten Jugendlichen in die Praxis überführen möchte. Im Vorgängerprojekt Informal Competencies and their Validation (ICOVET) wurden ein Interviewverfahren zur Erfassung von Fähigkeiten und Kompetenzen, ein Handbuch und ein Fortbildungskonzept erarbeitet. Diese Instrumente sollen nun weiterentwickelt und verstärkt in die Fördersysteme transferiert werden.

Bedeutet das, dass alle Projektpartner einen gemeinsamen Ansatz verfolgen?

Nein, das Ziel ist zwar das gleiche, nämlich Jugendliche zur Reflexion ihrer Fähigkeiten und Stärken anzuregen, aber dahin führen viele Wege. Wir in Deutschland erarbeiten zum Beispiel derzeit gemeinsam mit ausgewählten Hauptschulen in Halle und Leipzig ein didaktisches Tool für die Jugendlichen und ihre Betreuer zur gezielten Vor- und Nachbereitung eines Praktikums.

Unsere Idee ist, dass die jungen Menschen während ihres Betriebspraktikums ihr Arbeitsumfeld, ihre Tätigkeiten und ihre Arbeitsergebnisse mithilfe einer Kamera oder eines Mobiltelefons mit Kamerafunktion dokumentieren. Sie sollen dabei überlegen, wie sie ihre Fähigkeiten mithilfe der Fotos für sich und andere sichtbar machen.

Wie sieht das konkret aus?

Die Jugendlichen erhalten zur Vorbereitung einige Fragen, die sie während des Praktikums beantworten sollen. Was sind Deine Stärken? Was sind Deine Schwächen? Welche Fähigkeiten brauchst du, um Deine Aufgabe im Betrieb zu erledigen? Worauf kommt es besonders an? Was fällt Dir leicht? Womit hast du Mühe? Kannst Du dir vorstellen, in diesem Berufsfeld zu arbeiten?

Die Fotos oder kurzen Filme sollen die Antworten auf diese Fragen unterstreichen und dokumentieren. Sie bilden die Grundlage für die abschließende Präsentation. Dafür müssen die Bilder am PC bearbeitet und „in Form“ gebracht und mit Texten versehen werden. Diese Aufgabe bietet sich als Thema für einen fächerübergreifenden Unterricht an, der in einigen Schulen bereits praktiziert wird.

Etwa eine Woche nach dem Ende des Praktikums werden die Ergebnisse in Kleingruppen von drei bis fünf Jugendlichen vorgestellt und gemeinsam diskutiert. So kann – eventuell durch Unterstützung einer Betreuerin, eines Betreuers – die Reflexion über das eigene Lernen angeregt werden: Was ist mir gut gelungen? Wofür wurde ich besonders gelobt? Was habe ich dazu gelernt? Wie hat sich mein Tagesablauf verändert? Wie kam ich mit Vorgesetzten und KollegInnen zurecht? Wie habe ich bei Schwierigkeiten reagiert? Die Präsentation kann in die Praktikumsmappe aufgenommen und von den Jugendlichen später bei Vorstellungsgesprächen genutzt werden.

Dieses Grobkonzept wird mit den Partnerschulen oder entsprechenden begleitenden Organisationen auf die jeweilige Situation und an die spezifischen Anforderungen angepasst; z.B. erhalten ausgewählte Schüler eine Kamera, um die Fotostory zu erstellen. Ebenfalls sind organisatorische Fragen wie die Bildrechte, Filmerlaubnis des Betriebs usw. zu klären.

Wann können wir mit den ersten Fotostorys oder digitalen Tagebüchern, die aufgrund dieses Projekts entstehen, rechnen?

Wir wollen mit der Umsetzung zu Beginn des neuen Schuljahrs starten. Besonders freue ich mich auf die Zusammenarbeit mit einer berufsbildenden Schule in Halle. Gemeinsam mit einer Klasse im Berufsvorbereitungsjahr (BVJ) werden wir ein passendes Konzept entwickeln. In dieser Maßnahmeform sind Betriebspraktika eigentlich nicht vorgesehen, weil die schuleigenen Werkstätten genutzt werden sollen. Wir wollen diese – doch recht eingeschränkte – Form der Berufsorientierung inhaltlich aufwerten.

Mit den Partnern an den allgemeinbildenden Schulen werden wir ebenfalls zum neuen Schuljahr einsteigen. Jede Schule legt die Zeiten für Schülerpraktika für ihre 8. und 9. Klassen individuell fest. Danach richten wir uns und rechnen im Herbst mit den ersten Ergebnissen.

Auf der Internetseite http://www.iconet-eu.net/ und auf den DJI-Projektseiten werden wir fortlaufend über den Projektverlauf berichten.

Frau Richter, wir danken Ihnen für dieses Gespräch!

 


Links
DJI Projekt ICONET
DJI Thema ICOVET

 


Kontakt
Ulrike Richter, DJI Halle

DJI Online / Stand: 1. August 2008