Gespräch mit Dr. Barbara Thiessen, DJI

Wer hatte die Idee zu der Veranstaltung „Mütter-Väter“, die im Oktober stattfindet - und warum?

Auf einer Tagung von Medien- und SozialwissenschaftlerInnen habe ich vor zwei Jahren Paula-Irene Villa, Hochschulassistentin an der Universität Hannover, kennen gelernt. Sie referierte über Körperkonzepte am Beispiel der Sendung „The Swan“ und ich sprach über „Teeniemütter“ und ihre mediale Darstellung in der Fernsehsendung „Supernanny“. Beim Abendessen haben wir uns über unsere Lieblingssoaps ausgetauscht. Daraus entstand die Idee zu einer Konferenz. Und nachdem wir ein Konzept hatten, ist es uns erstaunlich schnell gelungen, auch international renommierte WissenschaftlerInnen dafür zu gewinnen. Das Thema der medialen Verhandlung von Elternschaft scheint in der Luft zu liegen.

Was ist das Besondere an dieser Tagung?

Wir versuchen, Fernsehen, Hollywoodfilm, Kunst, sozialpädagogische Praxen und wissenschaftliche Expertisen zu Elternschaft aufeinander zu beziehen. Ausgangspunkt für unsere internationale Tagung sind die oft ideologisch untersetzten alarmistischen oder polemischen Verengungen der Debatten um Mutter- und Vaterschaft. Wir wollen kritisch reflektieren, wie Mütter und Väter in den unterschiedlichen Medien dargestellt werden und welchen Einfluss veränderte soziale Praxen von Elternschaft auf die Medien haben.

Und diese Diskussion wollen wir im interdisziplinären Austausch führen. Es kommt eher selten vor, dass sich MedienwissenschaftlerInnen, die über Bilder von Mutter- und Vaterschaft in populärwissenschaftlichen Wissensmagazinen oder der TV-Serie „Desperate Housewives“ arbeiten, darüber mit SoziologInnen oder SozialarbeitswissenschaftlerInnen austauschen. Umgekehrt werden selten Debatten über Familienbilder, die in der pädagogischen Praxis mit KlientInnen wirksam werden, auch mit Medien- und KommunikationswissenschaftlerInnen geführt. Hinzu kommt der internationale Austausch: vertreten sind Australien, Deutschland, Großbritannien, Norwegen, Österreich, die Schweiz und die Slowakei.

Bei Ihrer Tagung sind 57 Frauen, aber nur 6 Männer als Vortragende oder auf Podien aktiv. Was könnte uns das sagen?

Ich denke, es gilt immer noch: je näher Themen am Alltag und an der Familie sind, desto geringer werden sie gewertet. So einfach ist das. Auf diesen Themenfeldern werden weniger Meriten gewonnen, obwohl sie nicht minder spannend sind als Gehirnforschung. Ich würde es sehr begrüßen, wenn sich mehr männliche Wissenschaftler mit Vaterschaftsthemen befassen würden, um mit dazu beizutragen, dass die Väterlücke im alltäglichen Kinderleben geschlossen wird. Im Übrigen: Es sind auch Menschen auf der Tagung, die sich zwischen den üblichen dualen Geschlechtergrenzen bewegen und sich weder in die eine noch die andere Kategorie einordnen lassen möchten.

Familienpolitik ist derzeit ein Trendthema, weil bei Familien viel in Bewegung ist. Schlagen sich die Veränderungen und Entgrenzungen bereits in den Mütter- und Väterpräsentationen der Werbung oder auch der Schulbücher nieder?

Ja und nein: Es gibt den Papi im Werbespot, der mit den Kindern zusammen Nudeln kocht und Kuchen backt. Aber durch die Inszenierung als ein besonders aufregendes und anderes Erlebnis, wenn Papi einmal „hausarbeitet“, wird die Normalität der traditionellen geschlechtlichen Arbeitsteilung einmal mehr unterstrichen. Möglicherweise ist die Praxis in Kinderhaushalten mit zwei erwerbstätigen Eltern da schon viel weiter. Wir werden auf der Tagung Müttermythen und Vereinbarkeitsresistenzen bei einem Roundtable-Gespräch mit Medienfrauen, z.B. von einer großen Werbeagentur oder der Redaktion von Mona Lisa, und mit Frauenpolitikerinnen sowie Wissenschaftlerinnen diskutieren.

Welcher Politiker, Schauspieler oder Sportler verkörpert für Sie am ehesten den „neuen“ Vater?

Oh, da fällt mir ad hoc gar keiner ein! Und wer weiß schon, wie auch immer ein öffentliches Image ist, wie diese Väter dann tatsächlich im Familienleben sind. Da würde man vielleicht dem einen Unrecht tun und den anderen fälschlicherweise auf ein Podest heben. Und da sind wir dann schon wieder bei der Frage der medialen Inszenierung und dem Alltag.

Wichtig bei der Frage nach sorgender Väterlichkeit – und darum würde es ja bei dem „neuen Modell“ gehen – ist mir auch, nicht nur auf einzelne Männer zu schauen, sondern die soziokulturellen Rahmenbedingungen mit in Betracht zu ziehen. Sprich: wie verhindert die Wirtschaft sorgende Väterlichkeit? Was trägt das Begehren von Frauen, das auf hegemoniale Männlichkeit orientiert ist, zur Fortexistenz der Paschas bei? Wie lassen sich „rhetorische Väter“ von alltagstauglichen unterscheiden? Welche Rolle spielen die Medien, etwa wenn in Hollywoodfilmen zwar sorgende Väterlichkeit verstärkt auftaucht, aber als Heldengeschichte inszeniert wird und somit klassische Männlichkeitskonstruktionen unangetastet bleiben? Fragen über Fragen …

Sie sind seit Ende 2006 Grundsatzreferentin für Familienpolitik am DJI. Was möchten Sie in den nächsten drei Jahren vorrangig erreichen?

Ich habe diese Stelle sehr gern angetreten. Die Fülle an Themen und aktuellen Fragen fordert mich ebenso, wie es mir Spaß macht, mich ihnen zu stellen. Ein besonderes Anliegen sind mir das Familienleben von sozial benachteiligten Menschen und das Aufwachsen von Kindern in Armut. Hier gibt es im DJI und der Abteilung Familie eine lange Tradition von Forschung und Projekten, die ich gern weiter führen möchte.

Ebenso ist es mir ein Anliegen, die Diversität von Familien sichtbar und als Normalität begreifbar zu machen. Hierzu gehören auch Familien mit Migrationshintergrund und verschiedenen kulturellen – etwa muslimischen – Traditionen. Wie kann Familie in ihrem täglichen Konstruktionsprozess als Gemeinschaft auch theoretisch verstanden werden? Welche Geschlechterdynamik zeichnet sich dabei ab? Welche Unterstützungsleistungen sind notwendig? Das sind Fragen, für die es hier Raum gibt und die im belebenden Austausch mit KollegInnen und Menschen aus Praxis und Politik bearbeitet werden können.

Positiv ist, dass Familienpolitik in der letzten Zeit wieder in die Mitte der politischen Auseinandersetzung gerückt ist und auch wissenschaftlich an Bedeutung gewonnen hat. Mir ist es ein Anliegen, dass dabei aber auch Themen wie Gewalt und Armut nicht aus dem Blick geraten.

Frau Dr. Thiessen, haben Sie vielen Dank für dieses Gespräch!

(Die Fragen stellte DJI-Redakteurin Susanne John)

Links
Abteilung Familie und Familienpolitik am DJI

Kontakt
Dr. Barbara Thiessen, DJI

 

DJI Online / Stand: 15. September 2007