Gespräch mit PD Dr. Waltraud Cornelißen (DJI)

Wie kann bei Jungen das Interesse für eher frauendominierte Berufe geweckt werden? Das Kompetenzzentrum Technik-Diversity-Chancengleichheit hat es mit der Veranstaltung eines Jungen-Zukunfts-Tages versucht. Analog zum etablierten Girls' Day bot sich in diesem Jahre erstmalig 35.000 jungen Teilnehmern beim Boys' Day die Gelegenheit, Berufe ohne die Scheuklappen der Einteilung in Männer- und Frauenberufe kennenzulernen. DJI Online hat mit der Gender-Expertin Dr. Waltraud Cornelißen über die Hintergründe gesprochen.

Frau Dr. Cornelißen, vor zehn Jahren wurde der Girls' Day eingeführt – vornehmlich, um Mädchen für frauenuntypische Berufe zu gewinnen. Hintergrund für die Öffnung der Werkshallen und Chemielabore war der Mangel an Ingenieuren und technischen Fachkräften. Beim ersten deutschlandweiten Boys'Day waren es nun Kindergärten, Seniorenheime und Krankenhäuser. Was steckt dahinter?

Waltraud Cornelißen: Man könnte vermuten, dass hinter dem Boys' Day nun auch in erster Linie ein Arbeitskräftemangel steckt. Denn im Erziehungs- und Pflegebereich gibt es ja große Veränderungen. Mit dem Versuch, mehr Angebote außerfamiliärer Betreuung zu etablieren, und mit Blick auf den garantierten Kita-Platz für Kinder unter drei Jahren ab 2013 ist teilweise ein eklatanter Erzieherinnenmangel zu erwarten, der durch mehr männliche Erzieher behoben werden könnte. Wenn es denn gelänge, sie dafür zu gewinnen.

Familienministerin Dr. Kristina Schröder hat gesagt, dass sie mit dem Boys' Day auch der Benachteiligung von männlichen Jugendlichen entgegen wirken möchte. Diese Aussage basiert vermutlich auf der Annahme, dass mehr männliches pädagogisches Personal die Leistungsdefizite von Jungen in der Schule verringern könnte. Brauchen Jungen männliche Erzieher und Lehrer?

Nun, es gibt in der Tat seit längerem eine Debatte darüber, dass es für Jungen, die bekanntlich häufiger sitzen bleiben, die öfter ohne Schulabschluss sind und seltener Abitur machen als Mädchen, von großer Bedeutung sein könnte, mehr männliche Erzieher und Lehrer zu haben, um die Leistungsunterschiede auszugleichen. Zunächst einmal gibt es für diese These meines Wissens noch keine wissenschaftlichen Belege. Und auch wenn ein ganz kleiner Prozentsatz der Teilnehmenden sich nun für den Beruf des Erziehers interessieren sollte, wird es ja noch Jahre dauern, bis sich an der Zusammensetzung der pädagogischen Fachkräfte grundlegend etwas ändert.

Wie interessant müssen die Einsichten sein, die ein Boys' Day vermitteln kann, um die meist schlechter bezahlten klassischen Frauenberufe für Jungen interessant zu machen?

So interessant kann kein einzelner Veranstaltungstag sein, wenn sich auf der finanziellen Seite nichts tut. Es kann auf die Dauer nicht so bleiben, dass man von einem Erziehergehalt keine Familie ernähren kann. Und das gilt für Männer wie für Frauen gleichermaßen. Hier brauchen wir eindeutig eine Aufwertung von Berufen im erzieherischen Bereich, aber auch in der Kranken- und Altenpflege.

Frau Dr. Cornelißen, Sie weisen in Ihren Veröffentlichungen nach, dass sich Jungen – wie auch Mädchen – bei der Berufswahl stark von Geschlechterstereotypen leiten lassen. Sind diese Schemata von größerer Relevanz für die Entscheidung als der rein finanzielle Aspekt?

Dieses „Schubladendenken“ hat schon ein großes Gewicht. Allein am Geld liegt es sicher nicht, für welchen Beruf sich junge Menschen entscheiden. In den Untersuchungen ist ein häufig genannter Aspekt, der Beruf müsse in erster Linie „Spaß machen“. In zweiter Linie sind das Einkommen und die Aufstiegsmöglichkeiten wichtig. Letzteres scheint für junge Männer noch wichtiger als junge Frauen.

Andererseits müssen Jungen ihr Berufsspektrum dringend erweitern, denn die traditionellen, industrienahen Berufe für junge Männer, die früher verhältnismäßig erfolgsversprechend waren, sind heute häufig eine Sackgasse. Manche früher sehr angesehene, schwere, aber auch relativ gut bezahlte Männerberufe wie den Bergmann gibt es gar nicht mehr. Andere traditionelle Berufe werden in Niedriglohnländer ausgelagert. Der Bedarf an einer breiteren Berufswahlorientierung ist also da. Hier mag der Boys' Day erste gute Impulse setzen. Nachhaltig wirksam ist solch ein Ansatz aber nur, wenn er in den Schulen gut vor- und nachbereitet wird am besten als längerfristige schulische Berufswahlbegleitung.

Frau Dr. Cornelißen, Sie verfolgen seit vielen Jahren die Gender-Debatte. Können Sie uns erklären, worin der Unterschied zwischen den schon lange gebräuchlichen Begriffen der Gleichberechtigung und Gleichstellung und dem in jüngster Zeit häufiger genannten Begriff der Geschlechtersensibilität liegt?

Gleichberechtigung und Gleichstellung zielen, kurz gesagt, auf gleiche Chancen von Frauen und Männern in allen Lebensbereichen. Die Realisierung von Gleichstellung wird oft daran gemessen, ob die Geschlechter in verschiedenen Bereichen in gleichem Maße präsent sind, zum Beispiel in Führungspositionen. Einem solchen Gleichstellungsanspruch können sich Organisationen oder Unternehmen mit Quotenzielen annähern.

Gendersensibilität ist eine andere, oft wenig formalisierte Strategie. Der Begriff gewann im Rahmen des Gender Mainstreaming Bedeutung. Die (Selbst-)Verpflichtung der Europäischen Staaten zum Gender Mainstreaming verlangt zunächst einmal vom nationalen Gesetzgeber, dass er alle seine Gesetzentwürfe daraufhin überprüft, ob sie bestehende Benachteiligungen eines Geschlechtes mindern oder womöglich sogar verschärfen. Schon dies erfordert „Geschlechtersensibilität“. Dies nicht im Sinne des Einfühlungsvermögens, sondern im Sinne einer Prüfung der maßnahmenbedingten Veränderung von Partizipationschancen von Männern und Frauen auf der Basis wissenschaftlich fundierten Wissens. Gendersensibilität hat nun im Rahmen weiterer Selbstverpflichtungen in viele Bereiche Einzug gehalten. Dies war und ist wichtig, um die Gleichstellung zu verbessern.

Frau Dr. Cornelißen, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Links
Informationen zum Boys' Day unter: www.boys-day.de.
DJI Online Thema: Gleichstellung beginnt im Kindergarten
DJI Online Gespräch April 2005 mit Dr. Waltraud Cornelißen, DJI: Vom Traumberuf zur Berufsfindung in einer geschlechterkodierten Welt

Kontakt
PD Dr. Waltraud Cornelißen (DJI)


DJI Online / Stand: 24. April 2011

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