Gespräch mit Anna Lödermann, DJI

Frau Lödermann, Sie haben 2007 Ihr Studium der Diplom-Pädagogik an der Universität Augsburg abgeschlossen. Warum haben Sie sich für ein Forschungspraktikum am DJI beworben?

Das DJI war mir schon vom Studium her bekannt, so dass für mich ein Forschungspraktikum eine gute Möglichkeit war, um Einblick in die außeruniversitäre Forschungspraxis zu bekommen. Ich habe das halbe Jahr genutzt, um mich mit dem für mich größtenteils neuen Themenfeld Familienpolitik auseinander zu setzen und mir zu überlegen, wie meine weitere Berufslaufbahn in der Wissenschaft aussehen könnte.

Im Nachhinein kann ich sagen, dass es für mich eine äußerst wertvolle Erfahrung war, hier im Spannungsfeld zwischen Wissenschaft, Politik und Praxis tätig zu sein. Die Auseinandersetzung mit unterschiedlichsten Themen hat meinen Blick auf jeden Fall stark geweitet. Unterstützt wurde ich bei meiner Forschungsarbeit besonders durch die abteilungsübergreifende Projektgruppe „Familienbegleitende Infrastruktur“, bei der Martina Heitkötter, Birgit Riedel und Nicole Klinkhammer mitwirken.

Sie haben eine international ausgerichtete Recherche zu IfED durchgeführt. Wofür steht diese Abkürzung?

Diese Abkürzung habe ich für den Terminus „Integrationsmodelle familienunterstützender Einrichtungen und Dienstleistungen“ gewählt. Es handelt sich dabei um familienbezogene, multifunktionelle und multiprofessionelle Informations- und Dienstleistungszentren. Das besondere ist dabei, dass Dienstleistungen und Hilfen, die sonst entweder nebeneinander bestehen (z.B. Kinderbetreuung und Familienbildung) oder Einrichtungen, die lebensphasenabhängig nacheinander folgen (z.B. Kita und Schule) verzahnt und dabei gebündelt werden. Dies kann man auch als horizontale und vertikale Integration bezeichnen.

Wie lautete Ihre Fragestellung?

Die Frage war, welche integrierten familienunterstützenden Einrichtungen und Programme es aktuell in anderen Ländern gibt. Im Prinzip habe ich aber drei Fragestellungen bearbeitet: zunächst war es wichtig zu wissen, welche Art von Unterstützungs- oder Entlastungsangeboten Familien heute überhaupt brauchen. Das war die Frage nach den familialen Bedarfen, wobei sich herausstellte, dass das eine eigene Forschungsarbeit gewesen wäre. Danach habe ich mir einen Überblick über die IfED in Deutschland verschafft, um dann im Ausland nach Angeboten und Konzepten zu suchen, die über die deutsche Einrichtungspraxis hinausgehen. Von solch einem „Blick über den Tellerrand“ verspricht man sich Anregungen für die deutsche Entwicklung im Bereich familienunterstützender Einrichtungen. Einige neue Ideen und Anregungen können meine Rechercheergebnisse sicherlich geben.

Welche Länder haben Sie dafür ausgewählt und warum?

Zum einen waren Länder mit Vorbildcharakter besonders interessant, wie z.B. Finnland oder auch Großbritannien. Aus sprachlichen Gründen wurden mit Kanada, USA und Irland angloamerikanische Länder ausgewählt.

Für weitere Länder wurden Expertisen in Auftrag gegeben. Wen haben Sie dabei angesprochen?

Zusammen mit den vorhin genannten Mitgliedern der Arbeitsgruppe wurde die Auswahl der Länder getroffen. Zum Teil waren uns die Experten durch bestehende Kontakte bekannt, und zum Teil habe ich geeignete ExpertInnen recherchiert. Die Expertisen gingen an Großbritannien, Frankreich, Luxemburg und die Niederlande. Insgesamt spiegeln die ausgewählten und recherchierten Länder eine Bandbreite unterschiedlicher Wohlfahrtsstaaten und Familienpolitiken wieder.

Welche über die reine Kinderbetreuung hinaus gehenden Angebote haben Sie vorrangig vorgefunden?

In allen betrachteten Ländern gibt es im Grunde ähnliche Entwicklungen, wie wir sie hier in Deutschland mit den Familienzentren oder Häusern für Kinder und Eltern haben. Die Maßnahmen in den Family Ressource Centers oder Children Centers verfolgen jedoch zum Teil ganz spezifische Ziele.

Das Head Start Programm in den USA zum Beispiel setzt den Schwerpunkt auf die sprachliche Förderung der Kinder im Vorschulalter und deren Eltern. Die Entwicklungen und Schwerpunkte der familienunterstützenden Einrichtungen müssen immer vor dem gesamtgesellschaftlichen Hintergrund des jeweiligen Landes gesehen werden. So spielt zum Beispiel in den landesweiten Family and Community Ressource Centers in Irland, einem Land, das eine im OECD-Vergleich hohe Scheidungsrate aufweist, Beziehungs- und Konfliktmanagement (Mediation) eine große Rolle.

Eine weitere Erkenntnis ist, dass in Ländern wie Finnland oder auch in den Niederlanden gesundheitsfördernde Maßnahmen fester Bestandteil in den familienbezogenen Unterstützungsangeboten sowohl in Schulen als auch in Jugendhilfeeinrichtungen sind. Besonders in Finnland werden Gesundheits- und Betreuungssektor zunehmend stärker verknüpft, um Familien bereits zu einem früheren Zeitpunkt durch präventive Unterstützungs- und Hilfeangebote zu erreichen.

Bei den Einwanderungsländern Kanada und USA konnte ich feststellen, dass hier die Aufrechterhaltung der Kultur der Ureinwohner des Landes eine große Rolle spielt und hier spezielle Aboriginal Head Start Programmes für die Kinder und deren Familien angeboten werden.

Weitreichende Integrationsansätze werden in den Niederlanden praktiziert. Gerade im Bereich der Ganztagsschulentwicklung zeigt sich eine Öffnung für Angebote, die sich an Kinder vom Kleinkind- bis zum Jugendalter, Eltern, aber auch die Anwohner des Stadtteils richten.

Was geschieht mit Ihren Rechercheergebnissen?

Die Ergebnisse meiner Recherche habe ich in einem Abschlussbericht zusammengefasst. Hier habe ich auch einige Forschungsdesiderata formuliert, die möglicher Weise in zukünftigen Projekten bearbeitet werden können.

Und wie geht es für Sie persönlich weiter?

Ich werde in den nächsten Monaten eine Evaluation einer Lehrerweiterbildung sowie einen Lehrauftrag an der Universität Augsburg durchführen. Außerdem plane ich derzeit meine Promotion. Die vielfältige und spannende Forschungs- und Entwicklungsarbeit am DJI werde ich weiterhin verfolgen. Ich würde mich sehr freuen, zu einem späteren Zeitpunkt wieder am DJI tätig sein zu dürfen.

Links
Forschungsstipendien und -praktika am DJI

 

Kontakt
Anna Lödermann


DJI Online / Stand: 1. April 2008

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