DJI Online Gespräch April 2006 mit Dr. Frank Braun, ehem. Leiter des Forschungsschwerpunkts "Übergänge in Arbeit", DJI

Gewalttätige Ausschreitungen an einer Berliner Hauptschule haben eine Debatte ausgelöst, sowohl über zu verstärkende Integrationsbemühungen als auch über die Hauptschule als Schulform. Dr. Frank Braun hält eine übertriebene Dramatisierung für unangebracht, fordert aber einen anderen Umgang mit den betroffenen Jugendlichen.

Herr Dr. Braun, handelt es sich beim Fall der Berliner Rütli-Schule um eine Ausnahme oder das Resultat einer zu lange unterschätzten Entwicklung?

Es ist beides. Einerseits hat sich hier an einer einzelnen Schule eine besonders brisante Konstellation von Problemfaktoren derart zugespitzt, dass die Lehrer nicht mehr mit ihr klar kamen: die fehlende Schulleitung, der mit 80% extrem hohe Anteil an Schülern mit Migrationshintergrund und die interethnischen Konflikte zwischen den türkischen und arabischen Jugendlichen. Das ist die Oberfläche, die wir jetzt wahrnehmen, fokussiert durch die Medien, die sich gern auf solche Ereignisse stürzen. Meines Erachtens sollte man diesen Fall nicht zu stark dramatisieren.

Es wäre aber auch ein Fehler, die Vorfälle zu ignorieren. Denn die zu Grunde liegenden Probleme sollten uns nachdenklich machen und endlich zu angemessenen Reaktionen führen. Jugendliche aus Zuwandererfamilien, insbesondere Jugendliche bestimmter nationaler Herkünfte, haben in unserem Bildungs- und Ausbildungssystem nicht den Erfolg, den sie für sich erwarten, und den sie und auch wir brauchen, um sie in diese Gesellschaft integrieren zu können.

Diese Entwicklung ist nicht neu oder überraschend. Zum Beispiel sind ja die türkischen Jugendlichen zum größten Teil schon in Deutschland geboren. Und wir können insbesondere in den Hauptschulen seit über zehn Jahren feststellen, dass die Jugendlichen das Gefühl haben, ihre Bildungs- und Ausbildungsziele kaum verwirklichen zu können und auf dem Arbeitsmarkt relativ chancenlos zu sein.

Daran dürfte sich auf die Schnelle kaum etwas ändern lassen. Drohen nun in Berlin und anderen deutschen Großstädten französische Zustände?

Ich denke nicht. Schon allein deshalb nicht, weil die Siedlungsstruktur eine ganz andere ist als in Frankreich, vor allem auch in innerstädtischen Gebieten wie Berlin-Neukölln. Im Übrigen ist es ja nicht so, dass es in den Schulen generell ein großes Gefährdungspotenzial gibt. Mitunter sind es eher kleinere Gruppen von Schülern, die den Betrieb stören oder still legen. Problematisch bleibt die Situation aber dennoch.

Um derartigen Fehlentwicklungen vor allem an den Hauptschulen langfristig zu begegnen, sind unterschiedliche Akteure gefordert. Wen sehen Sie in der Verantwortung?

Es sind alle vor Ort Beteiligten gefordert: Das ist die Schule mit ihren Lehrkräften, den Schülerinnen und Schülern selbst, aber auch den Eltern. Und das Engagement der Community, die die Schule umgibt, ist gefragt.

Sie nennen das lokale Umfeld. Wer sollte vor Ort das Heft in die Hand nehmen und die genannten Gruppen an einen Tisch bringen?

Das ist für mich ganz konkret der Bezirksbürgermeister von Neukölln. Er muss den Bürgerinnen und Bürgern mit Migrationshintergrund signalisieren, dass mittel- und langfristig eine Verbesserung durch eine gemeinsame Entwicklung eingeleitet wird.

Wie müssen die Sofortmaßnahmen aussehen? Ist der Polizeieinsatz - wie an vielen amerikanischen Schulen - der richtige Weg?

Die Ergebnisse unserer Untersuchungen zeigen, dass die Hauptschülerinnen und Hauptschüler mit Migrationshintergrund stark bildungs- und ausbildungsorientiert sind, und danach streben, sich über Bildung und Ausbildung in die deutsche Gesellschaft zu integrieren. Von daher reicht es nicht aus, durch den Einsatz von Polizei die Lage oberflächlich zu beruhigen. Es muss eine Situation hergestellt werden, in der die Jugendlichen erkennen, dass ihre Anliegen Ernst genommen werden und an der Verbesserung ihrer Bildungs- und Ausbildungsperspektiven gearbeitet wird.

In welchen Zusammenhängen wird das Thema Integration am DJI erforscht?

Das Thema wird am DJI in einer Vielzahl von Projekten behandelt. Ich möchte drei davon nennen:
Da ist zum einen die Sprachförderung im Vorschulbereich. Diese ist eine ganz wichtige Voraussetzung dafür, dass die Kinder später in der Schule erfolgreicher sind, als das bisher zum großen Teil der Fall ist.

Dann gibt es die Untersuchung zum Übergang von Hauptschülerinnen und Hauptschülern von der Schule in Ausbildung und Arbeit, das "DJI Übergangspanel". Die Hauptschule ist in Westdeutschland - und auch in Berlin - die Schule der Migranten: über die Hälfte stammen aus Zuwandererfamilien. Wir befragen im "DJI Übergangspanel" über 2.000 Jugendliche in bestimmten Zeitabständen über mehrere Jahre hinweg, um ihre Wege in Ausbildung und Erwerbsarbeit zu verfolgen. Wir gehen in dieser Studie auch der Frage nach, ob sich die Jugendlichen im Bildungs- und Ausbildungssystem wegen ihrer Herkunft diskriminiert fühlen und wie sie darauf reagieren. Unsere Ergebnisse zeigen, dass sich ein erheblicher Teil der jungen Migranten wegen seiner Herkunft diskriminiert fühlt. Dies ist wichtig zu wissen, weil es uns Anhaltspunkte gibt, wo wir intervenieren müssen. Und zwar mit pädagogischen Maßnahmen, mit Maßnahmen zur Chancenverbesserung.

In einer anderen großen Studie ist untersucht worden, wie Jugendliche aus unterschiedlichen Kulturen in Betrieben miteinander auskommen. Ein interessantes Ergebnis ist hier, dass das Verhältnis der Jugendlichen unterschiedlicher Herkunft generell gut ist. Der Zugang zur Ausbildung ist also ein wichtiger Schritt zur Integration. Übrigens entwickeln große Betriebe zusätzlich gezielte Strategien, um das Gefüge in einer multi-kulturell besetzten Belegschaft positiv zu gestalten. Davon könnte auch unser Bildungssystem noch etwas lernen. Die Betriebe erhalten auf ihrem Weg weitere Unterstützung durch ein Handbuch, dass das DJI als ein Ergebnis dieser Studie gerade veröffentlicht.

Herr Dr. Braun, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

 

Dr. Frank Braun (Jg. 1944) ist gebürtiger Berliner und selbst ein Jahr an der Rütli-Schule gewesen. In Cleveland/Ohio hat er in den 1960-er Jahren als Lehrer an einer Schule gearbeitet, die damals schon mit Problemen zu kämpfen hatte, die nun auch an der Rütli-Schule zum Eklat geführt haben.