Dr. Christine Feil und Alexander Grobbin (DJI-Fachgruppe Lebenslagen und Lebenswelten von Kindern)

Die Datenbank „Apps für Kinder“ enthält Rezensionen von Applikationen für Tablets und Smartphones mit dem Ziel, Eltern und pädagogisches Fachpersonal über die Vielfalt und Qualität der Angebote zu informieren. Sie wird im DJI-Projekt Digitale Medien in der Lebenswelt von Klein- und Vorschulkindern in Kooperation mit Blickwechsel e.V., klick-tipps.net und der Stiftung Lesen erstellt und kontinuierlich erweitert.

Frau Feil, wie viele Einträge enthält die App-Datenbank derzeit?
Die Datenbank geht mit rund 120 App-Besprechungen an den Start. Es ist geplant, mithilfe unserer Kooperationspartner bis Ende 2014 die 200-er-Grenze zu überschreiten.

Enthält die Datenbank nur empfehlenswerte Apps oder sprechen Sie auch Warnungen aus?
Enthalten sind sowohl qualitativ hochwertige  Apps als auch solche, die nicht empfohlen werden können. Letzteres ist besonders wichtig, weil manche Eltern dann doch häufig überrascht sind, dass Anbieter die Spielleidenschaft der Kinder ausnutzen und innerhalb einer App Spielerweiterungen gegen Geld, sogenannte In-App-Käufe, anbieten. So kostet ein „Beutel voller Edelsteine“ in der Gratis-App „My little Pony“ 1,79 €. Wenn das Kind aber auf den „Berg Edelsteine“ klickt, dann werden beachtliche 89,99 € fällig. Natürlich bezichtigen sich die Eltern dann selbst des Leichtsinns, weil sie sich nicht um die Absicherung ihres Smartphones oder Tablets gekümmert haben. Dessen ungeachtet gehören weder In-App-Käufe noch Werbung, Links zu Facebook oder Twitter in eine Kinder-App. Generell ist den Eltern zu raten, in den Geräteeinstellungen keine Mitteilungen zuzulassen, das Benutzerkonto einzuschränken, die Möglichkeit zum In-App-Kauf zu sperren oder gegebenenfalls den Internetzugang zu deaktivieren.

Was zeichnet eine empfehlenswerte App für Kinder im Vorschulalter aus?
Natürlich ist das erste Kriterium, dass der Inhalt altersgemäß ist, auf ihr Interesse stößt und dessen interaktive Aufbereitung auch eine Herausforderung für die Kinder ist. Dann kommt es natürlich auch darauf an, um welches Genre es sich handelt. Die interaktiven Elemente einer Bilderbuch-App sollten z.B. nicht vom Inhalt ablenken, sondern die Rezeption unterstützen. Weniger ist hier manchmal mehr!  Standard ist allerdings die Vertonung der Geschichte, was aber  – darüber sollte man sich bewusst sein – auch bedeutet, dass die App vom Kind allein, also auch ohne elterliche Begleitung angesehen werden kann.

Und eine Lernspiel-App?
Apps mit Lernpotenzial, d.h. zur Förderung der Sprachentwicklung, des ersten Schriftspracherwerbs, der Lesekultur, der mathematischen Vorläuferfähigkeiten oder der Alltagskompetenzen sind bei Eltern besonders beliebt. Sie sollten bei der Auswahl darauf achten, dass Apps mehrere Schwierigkeitslevels haben, das Kind durch Rückmeldung beim Fortgang unterstützen, aber auch ein zeitlich überschaubares Ende haben.

Wie wird die Datenbank bekannt gemacht?
Wie bei allen Angeboten, die nur über das Internet erreichbar sind, kommt es heute vor allem darauf an, über „Google“ auffindbar zu sein, – dies gilt insbesondere dann, wenn Eltern mit den App-Besprechungen erreicht werden sollen. Wir wenden uns aber auch an Elternzeitschriften mit der Bitte um Bekanntmachung. Das pädagogische und medienpädagogische Fachpublikum dagegen ist auch auf anderen Wegen zu erreichen. Es ist relativ stark vernetzt. Sowohl die Mund-zu-Mund-Propaganda als auch die Verlinkungspraxis auf den entsprechenden Websites zeigt hier Wirkung. Im Übrigen haben wir mit Blickwechsel e.V., klick-tipps.net und der Stiftung Lesen nicht nur bezüglich des Aufbaus der Datenbank, sondern auch hinsichtlich der Publikumswirksamkeit starke Partner an Bord. Und nicht zuletzt gibt es mit dem inhaltlich verwandten Projekt Digitale Medien: Beratungs-, Handlungs- und Regulierungsbedarf aus Elternperspektive einen DJI-internen Kooperationspartner. Dieser ist aus meiner Sicht mit Blick auf die Besprechung von Apps, die eng verwandt mit Video- und Computerspielen sind, besonders wichtig.

Alexander Grobbin, DJIHerr Grobbin, in die Datenbank werden nicht nur pädagogisch orientierte Lern-Apps aufgenommen, sondern auch reine Unterhaltungsspiele-Apps. Warum?
Apps im Stile traditioneller Computer- und Videospiele üben auf Kinder eine große Faszination aus, auch wenn oder gerade weil hier kein pädagogischer Anspruch dahinter steckt. Um der Lebenswirklichkeit der Kinder Rechnung zu tragen, gehören diese selbstverständlich mit in die Datenbank. An reine Spiele-Apps müssen allerdings eigene Qualitätskriterien angelegt werden: Eine gut funktionierende Steuerung und ein interessanter, motivierender, gut nachvollziehbarer und auch für Kinder zu bewältigender Spielablauf sind ebenso wichtige Merkmale wie eine angemessene audiovisuelle Präsentation. Wie bei den anderen Apps wird auch hier nach kindgerechten oder unpassenden Inhalten differenziert. Manche Spiele enthalten umfangreiche, z.T. stark in den Spielverlauf eingebundene In-App-Käufe, ungesicherte Kommunikationslinks oder Werbung für andere, nicht kindgerechte Spiele. Auch bei spielerisch an sich gelungenen Angeboten schmälert dies den Gesamteindruck. Die Altersempfehlung liegt selten unter dem Grundschulalter, nicht zuletzt aufgrund der Anforderungen an das Reaktionsvermögen, das logische Denken oder die Geduld.

Frau Feil, die App-Datenbank richtet sich neben den Eltern auch an pädagogische Fachkräfte in Kindertageseinrichtungen. Ist Medienkompetenz Bestandteil der Bildungspläne für Kitas?
Grundsätzlich ist die Förderung der Medienkompetenz bereits Bestandteil der Bildungspläne, auch wenn dies in den Bundesländern unterschiedlich gewichtet und inhaltlich ausgestaltet wird. Als Schlüssel gilt die medienpraktische Arbeit mit Kindern, z.B. das Fotografieren, das Malen und das Arbeiten am und mit dem Computer oder auch die Trickfilmproduktion. Es gibt eine Reihe von Apps, die auch vom pädagogischen Fachpersonal für diese produktive Medienarbeit in der Kita eingesetzt werden kann.

Viele der in der Datenbank bewerteten Apps sind für Kinder ab zwei Jahren geeignet. Gilt der mögliche Schaden einer frühen Heranführung von Kindern an Smartphones und ähnliche Geräte in der Medienpädagogik heute überhaupt noch als diskussionswürdig?
Im Kontext der Medien wird von jeher und auch heute sowohl nach den Chancen als auch den Risiken des Mediengebrauchs gefragt. Streng genommen bedeutet dies aber, dass der Medienumgang von Kindern, auch jener mit Smartphones und Tablets, gesellschaftlich akzeptiert wird, und es letztlich „nur“ darum geht, die Schokoladenseiten für die Kinder zu entdecken und das Verantwortungsbewusstsein der Erwachsenen für die kindgerechte Ausgestaltung der Angebote und für den altersgerechten Gebrauch zu wecken.

Frau Feil, Herr Grobbin, wir danken Ihnen für das Gespräch.

(Interview: DJI Online Redakteurin Susanne John)

 

Links
Internetadresse der Datenbank „Apps für Kinder“: www.datenbank-apps-für-kinder.de

Dr. Christine Feil verantwortet das DJI-Projekt Digitale Medien in der Lebenswelt von Klein- und Vorschulkindern. Im Rahmen des Projekts stellt die Datenbank Apps für Kinder Rezensionen von Applikationen für Tablets und Smartphones bereit mit dem Ziel, Eltern und pädagogisches Fachpersonal über die Vielfalt und Qualität der Angebote zu informieren. Sie wird im DJI-Projekt in Kooperation mit Blickwechsel e.V., klick-tipps.net und der Stiftung Lesen erstellt und kontinuierlich erweitert.

Alexander Grobbin untersucht im DJI-Projekt Digitale Medien: Beratungs-, Handlungs- und Regulierungsbedarf aus Elternperspektive, welchen medienerzieherischen Beratungsbedarf Eltern haben und wo sie welche Art von Information erwarten. Thematisiert werden sowohl das unterschiedliche Medienerziehungsverhalten von Müttern und Vätern als auch strukturelle Disparitäten in der Medienerziehung von Familie, Schule und Betreuungseinrichtungen.

 

 

DJI Online / Stand: 10.3.2014