Bettina Arnoldt, Dr. Christine Steiner und Peter Furthmüller
(Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen (StEG), Deutsches Jugendinstitut)

Stellenwert von Ganztagsangeboten für Schülerinnen und Schüler ab der 9. Klasse

Auf die Ganztagsschule richten sich große Hoffnungen. Sie soll es nach Meinung von Teilen der Politik und Fachleuten richten, wenn es um eine verbesserte Bildungschancen und -teilhabe für alle Kinder und Jugendlichen geht. Vielerorts wird der Ausbau von den Kommunen „bedarfsorientiert“ vorangetrieben – allerdings zumeist konzentriert auf die jüngeren Jahrgangsstufen. Ist dies durch den Mangel an Ressourcen begründet? Oder geht die Ganztagsidee am Interesse der Älteren in der Schülerschaft vorbei? Das Team der seit 2004 laufenden Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen (StEG) hat im Auftrag der Geschäftsstelle des Zentrums Eigenständige Jugendpolitik eine Expertise erstellt, die diesen Fragen nachgeht. 

Frau Arnoldt, StEG wertet seit vielen Jahren die Zahlen zu Angebots- und Nutzungsentwicklung bei Ganztagsschulen aus. Lässt sich der allgemeine Zuwachs der Ganztagsschülerinnen und -schüler auch bei den höheren Altersgruppen feststellen?

Zu Beginn des Ganztagsschulausbaus, im Jahr 2005, gab es an rund einem Viertel der Ganztagsschulen kein Angebot für die Schülerinnen und Schüler der 9. Jahrgangsstufen. Diese Schulen haben ihr Angebot  über vier Jahre ausbauen können, so dass 2009 an fast allen der von uns begleiteten Ganztagsschulen auch ältere Schülerinnen und Schüler Ganztagsangebote nutzen können. Allerdings lässt sich feststellen, dass den höheren Jahrgängen im Durchschnitt an weniger Tagen ein Ganztagsangebot zur Verfügung steht als den 5. und 6. Jahrgangsstufen.

Dementsprechend konnte auch eine Steigerung der Teilnahmequoten in den 7. und 9. Jahrgangsstufen beobachtet werden. Diese Steigerung ist jedoch nicht so stark ausgeprägt, dass der allgemeine Trend der sinkenden Teilnahme mit zunehmendem Alter gestoppt werden konnte. Obwohl also immer mehr Neuntklässler/innen Ganztagsangebote nutzen, erreichen sie dennoch nach wie vor nicht die Teilnahmequoten der Fünftklässler.

Beim Blick auf die Teilnahmeintensität zeigt sich nur eine geringe Veränderung im Verlauf der Zeit. Insgesamt nutzen in der Sekundarstufe I nur rund ein Drittel der Schülerinnen und Schüler an mindestens drei Tagen pro Woche Ganztagsangebote. Die Unterschiede zwischen den Jahrgangsstufen fallen hierbei eher gering aus.

Frau Dr. Steiner, in der Diskussion über die Ganztagsschule spielt vor allem die Frage eine Rolle, ob die Schülerinnen und Schüler freiwillig oder verpflichtend teilnehmen sollen. Ist es sinnvoll, die Teilnahme an ganztägigen Angeboten zur Debatte zu stellen?

Viele Ganztagsschulen sind so genannte offene Ganztagsschulen, d.h. die Schülerinnen und Schüler sowie ihre Eltern können in jedem Schuljahr darüber entscheiden, ob sie Ganztagsangebote in Anspruch nehmen wollen oder nicht. In den bisherigen Analysen, die im Rahmen des StEG-Projektes unternommen wurden, zeigte sich, dass vor allem jüngere Schülerinnen und Schüler, insbesondere im Grundschulalter den Ganztag an mehr als drei Wochentagen in Anspruch nehmen. Mit zunehmendem Lebensalter, und damit auch mit abnehmendem Betreuungsbedarf, nimmt die Inanspruchnahme ganztägiger Angebote jedoch ab.

Dahinter steht die durchaus auch von Eltern und Lehrkräften geteilte Idee, Jugendlichen mehr Entscheidungsspielräume, nicht zuletzt auch für außerschulische Aktivitäten, zuzugestehen als Kindern. Dies ist grundsätzlich zu unterstützen, denn viele Ganztagsschulen sind mit dem Anspruch angetreten, ihren Schülerinnen und Schülern ein individuelleres und selbstbestimmteres Lernen zu ermöglichen. Dazu gehören auch Wahlmöglichkeiten.

Das darf jedoch zum einen nicht dazu führen, dass seitens der Schulen für ältere Schülerinnen und Schüler nur noch ein eingeschränktes Angebot vorgehalten wird. Aber genau darauf deuten unsere Analysen hin. Ein Grund für eingeschränkte Angebote liegt nicht zuletzt in den mangelnden Ressourcen der Schulen. Die Auswertung unserer Befragung zeigte einen Zusammenhang zwischen vergleichsweise niedrigen Teilnahmequoten in der 9. Klasse und der Einschätzung der Schulleitungen, dass die zur Verfügung stehenden materiellen und personellen Mittel ihrem Konzept weniger angemessen seien.

Zum anderen ist es nötig, stärker altersangemessene Angebote in den Ganztag aufzunehmen. Jugendliche haben einfach andere Bedürfnisse und Interessen als Kinder.

Herr Furthmüller, welche Angebote werden denn von Schülerinnen und Schülern (ab) der 9. Klasse am stärksten genutzt? Sind hierbei geschlechterspezifische Unterschiede zu beobachten?

Sportangebote sind in allen Jahrgangsstufen mit Abstand am beliebtesten, auch in den 9. Klassen. Angebote aus dem Bereich „Computer, Video, Medien“ werden ebenfalls häufig gewählt, gefolgt von Musikangeboten an dritter Stelle. Im Vergleich zu den unteren Jahrgangsstufen spielen Angebote zum Thema „Basteln, Werken, Handwerken“, Deutschangebote und Spielangebote in den 9. Klassen eine nachrangige Rolle.

In der Tat lassen sich dabei auch Geschlechtsunterschiede feststellen: Schülerinnen der 9. Klasse wählen häufiger Angebote zu Fremdsprachen und künstlerisch-kulturelle Angebote wie Musik, Theater oder Tanz, während Jungen beim Sport, in naturwissenschaftlichen Angeboten und im Bereich „Computer, Video und Medien“ stärker vertreten sind.

Für die Expertise haben wir außerdem zum ersten Mal Daten aus unserem aktuellen StEG-Teilprojekt ausgewertet, die einen lückenlosen Vergleich der Angebotsnutzung von der 5. bis zur 9. Klasse ermöglichen. Wie sich herausgestellt hat, geht in den meisten Themenfeldern zur 8. und 9. Klasse die Beteiligung deutlich zurück, wobei es zwei sehr interessante Ausnahmen gibt: Lernangebote und Angebote zu sozialem Lernen bzw. sozialem Engagement scheinen mit zunehmendem Alter immer beliebter zu werden.

Dies deutet darauf hin, dass v.a. ältere Jugendliche an verlängerten Schultagen einer Tätigkeit nachgehen möchten, die sie als sinnvoll oder nützlich wahrnehmen, z.B. um sich auf die Abschlussprüfungen vorzubereiten oder sich in Schuldiensten oder Hilfsprojekten zu engagieren. Aus anderen StEG-Untersuchungen wissen wir, dass Jugendliche mit zunehmendem Alter die Ganztagsangebote kritischer bewerten. Die aktuellen Ergebnisse liefern einen Hinweis darauf, dass es am Interesse vieler Jugendlichen vorbei gehen kann, Angebote allein durch ihren „Unterhaltungswert“ attraktiver zu machen, weil der Nachmittag in der Schule von den Schülerinnen und Schülern auch als eine Bereicherung erlebt werden will.

Haben Sie vielen Dank für dieses Gespräch.

(Interview: DJI Online Redakteurin Susanne John)

Lesetipp
Arnoldt, Bettina/Furthmüller, Peter/Steiner, Christine (2013): Ganztagsangebote für Jugendliche. Eine Expertise zum Stellenwert von Ganztagsangeboten für Schüler/innen ab der 9. Klasse. München
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Projekt
Die Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen (StEG) ist ein bundeslandübergreifendes Forschungsprogramm zur empirischen Analyse von schulischen Veränderungsprozessen und individuellen Entwicklungen von Schülerinnen und Schülern an Ganztagsschulen. Das Projekt wird von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aus mehreren Forschungseinrichtungen in umfassender Zusammenarbeit durchgeführt. Den Arbeitsverbund bilden das Deutsche Institut für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF), das Institut für Schulentwicklungsforschung (IFS), das Deutsche Jugendinstitut (DJI) sowie die Justus-Liebig-Universität Gießen (JLU).

Weitere Projekte und Literatur aus dem DJI zur Ganztagsschule
Auf der Grundlage von Ergebnissen aus DJI-Forschungsprojekten sind zwei neue Broschüren zur Ganztagsschule erstellt worden: Die von Dr. Elke Kaufmann (Universität Hildesheim) verfasste Publikation 
Ganztag ohne Hausaufgaben basiert auf den DJI-Projekten Die soziale Konstruktion der Hausaufgabensituation sowie Individuelle Förderung in ganztägig organisierten Schulformen des Primarbereichs. Wie Jugendliche das Ganztagsangebot mit ihren außerschulischen Freizeitaktivitäten vereinbaren, fasst Regina Soremski (Universität Gießen) unter dem Titel Keine Zeit für Freizeit? Ganztagsschule im Alltag Jugendlicher zusammen. Weiterführende Informationen hierzu liefern die DJI-Studie Bildungsprozesse zwischen Familie und Ganztagsschule und der dazu erschienene DJI-Band Familie, Peers und Ganztagsschule.

 

Kontakt
Bettina Arnoldt
Deutsches Jugendinstitut
E-Mail

 

DJI Online / Stand: 22. Dezember 2013