Jugendarbeit im digitalen Raum

Virtuelle Cafés, mobile Apps, Online-Events: Die Pandemie beflügelt die Digitalisierung. Doch wie lassen sich innovative Ideen in der Zukunft nutzen? Beispiele aus anderen Ländern zeigen, wie digitale Angebote der Jugendarbeit gelingen können.

Von Marie-Luise Dreber[1] und Daniel Poli[2]

Mit den in vielen Ländern verhängten Maßnahmen zur Eindämmung der Covid-19-Pandemie ab dem Frühjahr 2020 musste die Jugendarbeit weltweit neue Wege erproben, um ihre Angebote digital auszurichten. Was während dieser Zeit an innovativen Formaten, neuen Ansätzen, aber auch Lehren aus nicht erfolgreichen Experimenten in unterschiedlichen Ländern entstanden ist, kann einen wichtigen Beitrag dazu leisten, voneinander zu lernen und die Praxis digitaler Jugendarbeit weiterzu­entwickeln. Die Kinder- und Jugendarbeit in Deutschland konnte zwar zeigen, dass sie lösungs­orientiert und flexibel mit neuen Anforderungen umgehen kann. Doch es wurde ebenso deutlich, dass viele Fachkräfte und Organisationen sich mehr Unterstützungsangebote sowie Wissens- und Erfahrungstransfers für digitale Jugendarbeit wünschen, um den wachsenden Heraus­forderungen der Digitalisierung gerecht zu werden (Bundesjugendkuratorium 2021, Europäische Kommission 2018). Vor diesem Hintergrund sollen die folgenden Praxisbeispiele dazu anregen, den Austausch zu intensivieren und eine transnationale Perspektive einzunehmen. Sie sind Ergebnisse des kontinuier­lichen Austauschs in europäischen und internationalen Netzwerken von IJAB – Fachstelle für Internationale Jugendarbeit der Bundesrepublik Deutschland.

Nationale Unterstützungsstrukturen für digitale Jugendarbeit in Finnland und Estland

Auf der strukturellen Ebene konnten mit Beginn der Pandemie besonders diejenigen Länder sehr schnell und ohne Reibungsverluste ihre Aktivitäten in den digitalen Raum verlegen, die bereits entsprechende Unterstützungssysteme installiert hatten. Vor allem Finnland und Estland haben seit mehreren Jahren die Digitalisierung der Jugendarbeit als einen wichtigen Schwerpunkt definiert. So wurden in den letzten Jahren im Jugendbereich in Finnland verschiedene nationale Kompetenz­zentren für unterschiedliche Bereiche und Querschnittsaufgaben der Jugendarbeit (Partizipation, Social Empowerment, Qualitätsentwicklung, Digitale Jugendarbeit und Jugendinformation) durch das zuständige Ministerium für Bildung und Kultur eingerichtet. Im Rahmen der Umsetzung des Nationalen Programms für Jugendarbeit und Jugendpolitik wurde Verke[3], das nationale Kompetenz­zentrum für digitale Jugendarbeit in Finnland, 2017 etabliert. Es unterbreitet allen Akteur:innen der Jugendarbeit und der Jugendbildung unterschiedliche Angebote, um das Wissen über die Einsatz­möglichkeiten digitaler Medien und Technologien in der Jugendarbeit zu verbreiten und Kompe­tenzen bei Fachkräften zu stärken. Die Strukturen der Jugendarbeit werden darin unterstützt, neue Technologien und Methoden anzuwenden. Dadurch war es, bedingt durch die Pandemie, schnell möglich, innovative und adäquate Qualifizierungs- und Beratungsangebote zur Verfügung zu stellen und die Entwicklung von digitaler Jugendarbeit mit Akteur:innen vor Ort zu gestalten. Neue Techno­logien und konkrete Anwendungen konnten somit direkt genutzt und viele Organisationen in die Lage versetzt werden, ihre Angebote im digitalen Raum zu platzieren.

Finnland und Estland haben seit mehreren Jahren die Digitalisierung der Jugendarbeit als einen wichtigen Schwerpunkt definiert.

Auch in Estland gelang es während der Pandemie ohne Zeitverlust, alle Arten von Aktivitäten und Diensten im Jugendbereich auf nationaler und lokaler Ebene in digitale Formate umzuwandeln. Verschiedene externe Dienstleister stellten auf Basis von Vereinbarungen kommerzielle Software­lösungen und digitale Tools für Organisationen im Jugend- und Bildungsbereich kostenlos zur Verfügung. So schloss sich beispielsweise das vormalige estnische Zentrum für Jugendarbeit ENTK (nun aufgegangen in der Behörde für Bildung und Jugend, Harno) mit einem Start-up-Unternehmen zusammen, um administrative Abläufe wie beispielsweise die Beantragung von Berufsprüfungen für Jugendbetreuer:innen zu digitalisieren. Daneben wurden digitale Methodendatenbanken und Unterstützungstools zentral verfügbar gemacht und entsprechende Qualifizierungen angeboten.

Digitale Angebote als integraler Bestandteil der Jugendarbeit in Malta

In Malta eröffnete die Nationale Jugendagentur Aġenzija Żgħażagħ[4] während des Lockdowns neue Wege über verschiedene soziale Medien, damit junge Menschen und Jugendarbeiter:innen mit­einander in Kontakt bleiben konnten, um aktuelle Themen zu diskutieren und sich an Online- Aktivitäten zu beteiligen. Viele der digitalen Angebote ermöglichten es jungen Menschen mit unter­schiedlichem sozialem Hintergrund, neue Beziehungen aufzubauen sowie ihre Werte, Ideen, Be­strebungen und Anliegen zu teilen. Dadurch gelang es, neue Zielgruppen zu erreichen und neben den etablierten Formaten neue Kommunikationskanäle auch dauerhaft als Jugendarbeit mit anderen Mitteln zu installieren. Eine wichtige Lernerfahrung war es, dass die digitale Jugendarbeit zwar ihre eigenen Herausforderungen und Möglichkeiten hat, sich aber an den Zielen der Jugendarbeit selbst nichts ändert: junge Menschen in ihrer persönlichen und sozialen Entwicklung zu unterstützen, sie zur Selbstbestimmung zu befähigen und zu gesellschaftlicher Mitverantwortung anzuregen.

Virtuelle Experimentierräume in Norwegen und im Vereinigten Königreich

Mit ganz neuen Formen virtueller Jugendarbeit experimentierte Norwegen. Das Jugendzentrum Tvibit[5] der Stadt Tromsø veranstaltet jedes Jahr ein internationales Filmfestival für junge Menschen. 2020 musste aufgrund der Covid-19-Pandemie sehr schnell eine digitale Lösung gefunden werden, um die geplanten Aktivitäten umzusetzen. Für die Durchführung der Online-Workshops wurde vor allem die Plattform Discord genutzt. Damit verfolgte das Jugendzentrum das Ziel, den Teilnehmenden die unmittelbare Erfahrung eines Filmdrehs in einem kleinen Team von Gleichaltrigen zu ermöglichen, dabei praktische Erfahrungen zu sammeln und sich kreativ weiterzuentwickeln. Discord ist eine Plattform, die zu dieser Zeit in Deutschland vor allem junge Gamerinnen und Gamer nutzten und die in der Jugendarbeit kaum Beachtung fand. Darüber hinaus wurde Mozilla Hubs verwendet, das eine dreidimensionale, virtuelle Umgebung bietet. Die Teilnehmenden konnten ihren eigenen Avatar entwerfen, über ein Live-Audio miteinander kommunizieren sowie Rätsel lösen und die Festivalfilme anschauen. Der Hub wurde ursprünglich erstellt, um die realen Räumlichkeiten des Jugendzentrums zu simulieren. Nach der Wiedereröffnung wurden die virtuellen Räume weitergenutzt und beispielsweise für Workshops zu interaktivem Storytelling mit jungen Menschen erprobt.

Besonders der Einsatz virtueller Realitäten bietet neue Chancen, Kommunikation, kreative Auseinandersetzung und Partizipation über die physischen Grenzen hinaus zu gestalten.

Ein weiteres Beispiel virtueller Räume kommt aus dem Vereinigten Königreich. Die außerschulische Bildungsorganisation momentum world[6] schuf mit dem Virtual Teahouse[7] einen innovativen Online-Raum für Jugendinformation und Networking. Lehrende, Jugendarbeiter:innen und Jugendliche tragen eine Virtual-Reality-Brille und betreten mit einem Avatar diesen Raum. Sobald sie sich in diesem befinden, können sie Informationen suchen, ihre Projektergebnisse streuen, an Präsenta­tionen teilnehmen oder einfach Zeit in dem virtuellen Café verbringen. Dort können sie chatten oder Ideen für zukünftige Projekte austauschen. Diese Form der virtuellen Begegnung stellt vor allem für diejenigen Jugendlichen, die aufgrund von körperlichen Einschränkungen oder aus kulturellen, wirtschaftlichen oder geografischen Gründen nicht reisen können, eine Chance dar, niederschwellig von Angesicht zu Angesicht zu kommunizieren. Das Virtual Teahouse wurde von einem Team junger, autistischer Menschen entworfen und 2021 offiziell eröffnet.

Online-Jugendbarometer in Flandern: Mobile App macht Anliegen Jugendlicher tagesaktuell sichtbar

De Ambrassade, das Kompetenzzentrum für Jugendarbeit, Jugendinformation und Jugendpolitik in Flandern (Belgien), begann 2020 gemeinsam mit dem Artevelde University College in Gent an einem partizipativen Online-Forschungstool zu arbeiten. Auf dieser Basis konnte ein niedrigschwelliges Online-Jugendpanel umgesetzt werden, das während der Coronakrise wichtige Beiträge über die Folgen der Pandemie für junge Menschen, über ihre Sorgen und ihr Wohlbefinden lieferte. Im Februar 2021 startete das Jugendbarometer WADDIST[8] als mobile App, um junge Menschen einzu­beziehen und ihnen Gehör zu verschaffen. Es handelt sich dabei um ein Online-Barometer, das täglich misst, wie junge Menschen zwischen 12 und 30 Jahren über alle möglichen Themen wie psychische Gesundheit, Bildung oder Sexualität denken. Jeden Tag um 17.00 Uhr werden drei Multiple-Choice-Fragen gestellt, um herauszufinden, was junge Menschen denken, fühlen und erleben. Nach den Fragen erhalten sie einen Tipp des Tages und sehen anonym, was andere „Waddisten“ auf die Fragen des Vortages geantwortet haben. Durch die täglichen Antworten generiert das Tool eine umfangreiche Datenbank mit Aussagen und Zahlen über junge Menschen von jungen Menschen. Zwei Wochen nach dem Start nutzten bereits 2.800 junge Menschen die App, und es wurde zum Beispiel herausgefunden, dass 51 Prozent der Jugendlichen unsicher sind, was Coronaimpfungen angeht. 78 Prozent geben an, dass sie sich oft oder gelegentlich einsam fühlen, und 47 Prozent der Nutzer:innen kennen jemanden mit einer Essstörung. Das sind Signale, mit denen Jugendarbeit und -politik arbeiten können.

Die Jugendarbeit muss sich digitaler Ansätze bemächtigen

Die dargestellten Schlaglichter aus verschiedenen Ländern verdeutlichen die Vielfalt und unter­schiedlichen Herangehensweisen der Jugendarbeit in Europa. Aus diesen Beispielen zu lernen, Mut zu schöpfen, Neues zu wagen und von den Fehlern, Erfahrungen und guten Ideen im internationalen Raum zu profitieren – dies gilt es in Zukunft weiter zu intensivieren. So sollte diskutiert werden, ob und inwiefern beispielsweise nationale Unterstützungsstrukturen auch in Deutschland etabliert werden können. Einen entsprechenden Ansatz haben verschiedene Träger in ihrem Aufruf zu einem Digitalpakt bereits formuliert (Digitalpakt Kinder-und Jugendarbeit 2021[9]). Aus den internationalen Erfahrungen zu lernen bedeutet auch, die Grenzen von Jugendarbeit hinsichtlich digitaler Räume neu zu justieren. Besonders der Einsatz virtueller Realitäten bietet neue Chancen, Kommunikation, kreative Auseinandersetzung und Partizipation über die physischen Grenzen hinaus zu gestalten und damit das Instrumentarium der Jugendarbeit gemeinsam mit Jugendlichen zu erweitern.

Wenn junge Menschen darin gestärkt werden sollen, sich als selbstbestimmte Persönlichkeiten in einer digitalisierten Gesellschaft zurechtzufinden und verantwortungsvoll ihre eigenen Lebens­entwürfe zu verfolgen, dann muss sich Jugendarbeit digitaler Ansätze bemächtigen. In einer globalisierten Welt und einem sozialen Europa kann dies nur gemeinsam gelingen, indem wir voneinander lernen und die Vielfalt der Herangehensweisen als wirkliche Stärke für Innovation im Sinne junger Menschen erkennen und nutzen. Gleichzeitig gilt es auszuloten, in welchem Umfang Jugendarbeit um digitale Formate erweitert werden kann, damit das wichtigste Ziel weiterhin erfüllt wird, nämlich junge Menschen in ihrer Entwicklung zu eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeiten zu fördern.

Bundesjugendkuratorium (2021): Digitalität von Kindheit und Jugend: Digitalpakt Kinder- und Jugendhilfe. München.

Digitalpakt Kinder- und Jugendarbeit (2021): Forderungen für einen Digitalpakt Kinder- und Jugendarbeit. Berlin. Verfügbar unter: www.dbjr.de/artikel/digitalpakt-kinder-und-jugendarbeit

Europäische Kommission (2018): Developing digital youth work: policy recommendations, training needs and good practice examples for youth workers and decision-makers: expert group set up under the European Union Work Plan for Youth for 2016–2018. Brüssel

Weitere Analysen gibt es in Ausgabe 2/2022 von DJI Impulse „Der lange Weg aus der Pandemie: Wie sich die Coronakrise auf Jugendliche auswirkt und welche Unterstützung sie benötigen“ (Download PDF[10]).

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