Die Pandemie als politisierendes Ereignis

Qualitative Studien des Deutschen Jugendinstituts weisen darauf hin, dass manche Jugendliche durch die Infektionsschutzmaßnahmen erstmals deutlich spüren, dass ihr Leben von politischen Entscheidungen geprägt ist.

Von Johanna Häring[1], Pia Sauermann[2] und Björn Milbradt[3]

Die Coronapandemie ist für Jugendliche nicht nur ein enormer Eingriff in den Alltag, etwa in Bezug auf Freizeitgestaltung, Familienleben, Freundschaften oder Zukunftsplanung, sondern sie stellt mit ihren Einschränkungen, Verboten und Verhaltensregeln auch ein Ereignis dar, bei dem viele Jugendliche zum ersten Mal und in aller Deutlichkeit erfahren haben, dass ihr Leben von politischen Entscheidungen geprägt wird. Die Arbeits- und Forschungsstelle „Demokratieförderung und Extremismusprävention“ (AFS)[4] am Deutschen Jugendinstitut untersucht, wie Jugendliche im Zusammenhang mit Corona Bezug auf die Politik nehmen.

Seit Anfang 2020 erforscht die AFS in zwei Schwerpunkten das Thema politische Sozialisation im Jugendalter. Der Begriff bezeichnet dabei alle Prozesse, die – bewusst oder unbewusst – Menschen zu politischen Subjekten werden lassen. Insbesondere qualitative und längsschnittlich angelegte Studien, wie die aktuellen Untersuchungen der AFS, können zum Verständnis der Entwicklung politischer Haltungen beitragen und markieren bisher eine erhebliche Forschungslücke.

Jugendliche blicken differenziert auf die Coronamaßnahmen

Als Reaktion auf die individuell und gesellschaftlich einschneidenden Erlebnisse während der Pandemie führte die AFS elf Gruppendiskussionen mit jungen Menschen im Alter von 14 bis 25 Jahren sowie 25 biografisch-narrative Einzelinterviews mit Jugendlichen im Alter von 12 bis 13 Jahren und wertete diese rekonstruktiv aus. Die offenen Erzählungen und Diskussionen, bei denen die Jugendlichen selbst die für sie relevanten Aspekte thematisieren konnten, lassen durchweg eine hohe Präsenz und Relevanz des Pandemieerlebens und dessen politischer Deutungen durch die Jugendlichen erkennen. Es zeigt sich, dass Jugendliche die Pandemie vor allem als Phase verdichteter politischer Entscheidungen wahrnehmen, welche sich in Form von Maßnahmen wie insbesondere Schulschließungen und Kontaktbeschränkungen auf ihr Alltagsleben auswirken. Die gesundheitlichen und medizinischen Facetten der Pandemie spielen in den Aussagen hingegen nur eine untergeordnete Rolle. Besonders stark nehmen die jungen Menschen die Folgen der politischen Beschlüsse als umfangreiche Neustrukturierung des eigenen Alltags wahr, beispielsweise in Form einer ungewohnten Entgrenzung von (Frei-)Zeit, die es selbstständig zu organisieren gilt.

Während manche Jugendliche sich mit den veränderten Verhältnissen als neuer Normalität abfinden und diese nicht hinterfragen, äußern einige in den Interviews auch Kritik. In der ausgewählten Stichprobe finden sich allerdings keine Aussagen, die die Bedrohung durch das Virus oder den politischen Handlungsbedarf infrage stellen. Vielmehr steht eine Irritation durch die als inkonsistent oder übertrieben empfundenen Maßnahmenkataloge im Vordergrund. So sagt Julius (Namen geändert) im Interview zu Testpflicht und Maskentragen im Unterricht: „Vieles, was die da beschließen, find ich Quatsch, zum Beispiel wenn man jetzt irgendwelche Tests macht, dass man doch die Maske aufsetzen soll […].“ Teilweise fordern die Jugendlichen auch eine konsequentere und strengere Pandemiebekämpfung, woraus sich ein Wunsch nach einer stärkeren Verantwortungsübernahme seitens der politischen Entscheidungsträger:innen ableiten lässt.

Auch ganz grundlegende Bewertungen von Politik erfolgen auf Basis von Verhalten und Beschlüssen der Politiker:innen im Kontext der Pandemie. So antwortet Sophia auf die Frage, was Politik für sie bedeutet: „Politik ist für mich zum einen ein Schulfach […], aber zum andern ist es natürlich auch irgendwie die Regierung, die Leute, die ja darüber entscheiden. Auch im Moment, ob Ausgangssperre ist und so was. Das ist für mich Politik.“ Es kann davon ausgegangen werden, dass die Pandemie zu einem zentralen politisierenden Moment im Leben junger Menschen geworden ist. Die AFS widmet sich deshalb auch in weiteren Erhebungen Fragen nach längerfristigen Auswirkungen der Pandemie auf die politische Sozialisation junger Menschen.

Weitere Analysen gibt es in Ausgabe 2/2022 von DJI Impulse „Der lange Weg aus der Pandemie: Wie sich die Coronakrise auf Jugendliche auswirkt und welche Unterstützung sie benötigen“ (Download PDF[5]).

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