Wissenschaftlicher Blick auf die Lebenswelten von Kindern und jungen Menschen

Die Projektleiterin der Befragungsstudie AID:A 2019, Dr. Susanne Kuger, gibt einen Einblick in die Hintergründe der zurzeit laufenden Erhebung

07. August 2019 -

Seit zehn Jahren liefert die empirische Untersuchung „Aufwachsen in Deutschland: Alltagswelten“, AID:A wichtige Informationen zur Situation von Kindern, Jugendlichen, jungen Erwachsenen und ihren Familien in Deutschland. Die Erhebungen sind zentraler Baustein der Surveyforschung des Deutschen Jugendinstituts (DJI) und werden 2019 zum dritten Mal durchgeführt. Susanne Kuger ist verantwortlich für das Projekt und wissenschaftliche Leiterin des Zentrums „Methoden der Dauerbeobachtung“ am DJI.

Frau Kuger, was ist das Besondere an AID:A?
Dr. Susanne Kuger: Wie kein anderer vergleichbar breit angelegter Survey in Deutschland stellt AID:A die Lebenssituation von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen in den Mittelpunkt. Mit einer bundesweiten, repräsentativ angelegten Befragung liefert AID:A Informationen für die Sozialberichterstattung. Die Erhebung umfasst eine breite Spanne von Zielpersonen von der Geburt bis zum Alter von 32 Jahren. Hierbei kommen ab einem Alter von neun Jahren die Kinder auch selbst zu Wort. Die Inhalte der Befragungen sind sehr vielfältig: Ablösungsprozesse, Erfolg in der Schule, Betreuungskonstellationen, Vereinbarkeit von Familie und Beruf. So thematisch vielfältig und umfassend ist sonst keine Studie in diesem Themenfeld in Deutschland aufgestellt. Teilbereiche dagegen werden auch von anderen Studien aufgegriffen. Wir gewährleisten in einzelnen Themenfeldern Vergleichbarkeit mit anderen Studien und deren Befunden und setzen zugleich eigene Schwerpunkte.

Besonders hervorzuheben sind unsere Alters- und Entwicklungsstufen-übergreifenden Konzepte. Das Thema Ablösung aus dem Elternhaus beispielsweise erheben wir übergreifend bei Kindern ab der Einschulung bis hin zu den Erwachsenen im Alter von 32 Jahren. Wichtig dabei sind uns die jeweils altersspezifischen Schwerpunkte. Kleine Kinder fragen wir: Was machst Du schon alleine, ohne Deine Eltern? Bei Jugendlichen kommen dann Fragen zur ersten Partnerschaft dazu und die ökonomische Verselbstständigung. Einige Themen durchziehen alle Altersspektren. Diese Kontinuität bei gleichzeitiger Differenzierung ist eine Stärke unserer Erhebung.

Für die Befragungswelle, die gerade läuft, haben wir ein neues Forschungsdesign entwickelt. Wir führen Haushaltsbefragungen durch, das bedeutet, dass wir die Daten jeweils für den gesamten Haushalt erheben, etwa für alle Geschwister und für beide Elternteile. Ähnliche Ansätze verfolgen beispielsweise auch das Beziehungs- und Familienpanel pairfam, kurz für „Panel Analysis of Intimate Relationships and Family Dynamics“ der Ludwig-Maximilians-Universität LMU und das SOEP, das „Sozio-Ökonomische Panel“ des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung e.V. (DIW), die jedoch den Fokus auf Partnerschaft und Familie beziehungsweise auf die Erwerbstätigkeit legen und nicht wie AID:A auf Kinder und Jugendliche.

Wie läuft die Befragung ab?
Aus den Einwohnermeldeamtsregistern von mehr als 200 Kommunen in Deutschland werden 6.000 Menschen im Alter unter 33 Jahren ermittelt. Diese zufällig bestimmten Personen erhalten ein Anschreiben. Danach klingelt ein Interviewer oder eine Interviewerin eines Erhebungsinstituts bei den Haushalten an der Tür und klärt den Termin der Befragung. Wenn bei diesem Erstgespräch herauskommt, dass in diesem Haushalt eine weitere Person wohnt, die unter 33 Jahre alt ist, wird diese ebenfalls für ein Gespräch angefragt. Nach dieser intensiven Kontaktierungsphase finden dann die Gespräche zu den vereinbarten Terminen in den Haushalten statt, das Interview wird durchgearbeitet und alle Antworten vor Ort direkt am Rechner eingegeben. Diese Befragungen laufen voraussichtlich bis in den Herbst diesen Jahres.

Welche Hürden meistern Sie bei der Umsetzung der Erhebung?
Die erste Hürde ist, den Zugang in die Familien zu erhalten. Wir führen, wie gesagt, persönliche Interviews in den Wohnungen der Befragten durch und möchten von jedem Familienmitglied viel erfahren. Das bedeutet, wir benötigen einen hohen Vertrauensvorschuss, damit die Menschen über ihr Leben, Einkommen, Ausbildung, Einstellungen und Meinungen, Freizeitaktivitäten, oder auch die Anzahl ihrer Freunde Auskunft geben. Die Teilnahme an der Studie ist selbstverständlich freiwillig.

Bei vielen Familien dauern die Gespräche zudem recht lang; bei Familien mit mehreren Kindern können es schon mal drei Stunden werden: 20 Minuten Interview allgemein zur Zusammensetzung des Haushalts und zu den dort lebenden Personen, etwa 30 Minuten Interview pro Zielperson und noch einmal 20 Minuten Elterninterview. Neu ist: Für den Aufwand erhält jede befragte Person 10 Euro. Damit wird die Erhebung auch für uns etwas schwerer erreichbare Befragte attraktiv. Die ersten Rückmeldungen aus der Erhebung zeigen, dass dieser Ansatz zu funktionieren scheint.

Eine weitere Hürde, die wir mit viel Aufwand meistern: Junge Erwachsene zwischen 18 und 25 sind schwer zu erreichen. Sie nutzen oft ausschließlich Handys und sind viel unterwegs. Das heißt zum einen, es gibt kein Verzeichnis über ihre Telefonnummer, zum anderen aber auch, dass man sie nicht oft zuhause antrifft. Diese Personen werden dann wiederholt schriftlich mit einer Postkarte kontaktiert mit der Bitte um Rückruf. Für diese Fälle bieten wir auch eine Befragung per Telefon an.

Wir hatten vermutet, dass fehlende Sprachkenntnisse ein Problem für die Befragung darstellen könnten. Dies ist nur bedingt der Fall. Unter den ersten 6.000 kontaktierten Menschen konnten nur etwa 100 Personen wegen Verständigungsproblemen nicht an der Studie teilnehmen. Es gibt aber auch Teilnehmende, die während der Befragung das Wörterbuch griffbereit haben. Auch aus diesem Grund werden wir die Informationen und Interviews für die Zusatzstudie AID:A 2019 Migration+, die gerade anläuft, übersetzen lassen. Bei Menschen mit Migrationshintergrund ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass beispielsweise die Mutter besser türkisch spricht als deutsch. Wir lassen die Instrumente in Türkisch, Russisch, Arabisch und Englisch übersetzen.

Interview: Marion Horn

„Aufwachsen in Deutschland: Alltagswelten“, AID:A
Kontakt
Dr. Susanne Kuger
Leitung der Abteilung
Zentrum für Dauerbeobachtung und Methoden
Tel.: 089/62306-322
kuger@dji.de

Marion Horn
Abteilung Medien und Kommunikation
Tel.: 089/62306-311
horn@dji.de