Qualitätsentwicklung und -sicherung in Systemen der frühkindlichen Bildung und Betreuung

Die Frage, wie Qualität in der frühkindlichen Bildung, Betreuung und Erziehung (FBBE) definiert, entwickelt und gesichert werden kann, beschäftigt die internationale wie nationale Fachdebatte bereits seit einigen Jahren. Für die Gewährleistung qualitativ hochwertige Angebote nimmt die politische Steuerung im Sinne eines kompetenten Systems eine zentrale Bedeutung ein (vgl. Urban et al. 2012).

Im Zuge des fortschreitenden Angebotsausbaus der Tagesbetreuung für Kinder bis zum dritten Lebensjahr hat sich diese Debatte erneut intensiviert. Die im Jahre 2014 ernannte Arbeitsgruppe "Frühe Bildung weiterentwickeln und finanziell sichern", bestehend aus Vertreterinnen und Vertretern der Bundesländer, der kommunalen Spitzenverbände und dem Bundesfamilienministerium, hat im November 2016 einen Bericht vorgelegt. Dieser Bericht soll in den kommenden Jahren einen bundesweiten Qualitätsentwicklungsprozess initiieren. Die darin abgesteckten Handlungsfelder und formulierten Handlungsziele sollen hierfür eine gemeinsame fachliche Grundlage schaffen.

Auch im Zuge des aktuellen Qualitätsentwicklungsprozesses bleibt die Frage von Interesse, welche Instrumente und Verfahren eine kontinuierliche Qualitätsentwicklung und die Sicherung eines hohen Qualitätsniveaus in Kindertageseinrichtungen sowie in der Kindertagespflege gewährleisten können. Traditionell hat Deutschland über Strukturen wie die Fachberatung stärker auf Beratungs- denn auf Elemente von Evaluation und Monitoring gesetzt. Die primäre Verantwortung für Qualität wird zudem beim jeweiligen Träger gesehen, der diese über ein geeignetes Verfahren sicherstellen muss (SGB VIII §22a Abs.1). Ein systematisches trägerübergreifendes Monitoring auf Bundesebene wird bisher nicht eingesetzt. Für die Einführung eines solchen Monitoring-Systems besteht die Herausforderung, in einem Feld mit dezentralisierten Verantwortlichkeiten entsprechende Akzeptanz und Mitwirkungsbereitschaft herzustellen. Bei der Einführung eines bundesweiten Monitoring-Systems gilt es die Potenziale von einheitlichen Qualitätszielen auf der einen Seite und der Berücksichtigung individueller Trägerprofile und pädagogischer Konzepte auf der anderen Seite wirksam zu nutzen.

In den vergangenen Jahren wurden in zahlreichen Ländern Europas und darüber hinaus verschiedene Ansätze und Verfahren zur Qualitätssteuerung und -sicherung auf den Weg gebracht (vgl. EU-CARE-Report 2016; OECD-Studie Starting Strong IV). Während einige, vor allem anglophone und skandinavische Länder, bereits längere Erfahrung mit unterschiedlichen Formen des Monitorings in der frühkindlichen Bildung und Betreuung haben, führten eine Reihe von weiteren Ländern ein systematisches Qualitätsmonitoring auf nationaler Ebene ein oder sind derzeit dabei, ein solches zu entwickeln. Die Erfahrungen, die in anderen Systemen gesammelt werden, bieten interessante Impulse für die bundesdeutsche Fachdebatte.

Der Beitrag des ICEC

Für das Internationale Zentrum Frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung (ICEC) bildeten u.a. die Auseinandersetzung mit dieser Thematik sowie die Beobachtung der Entwicklungen in Deutschland wie auch in anderen Ländern Arbeitsschwerpunkte in den vergangenen Jahren. Ziel dieser Arbeit war es, einen Einblick in unterschiedliche politische Steuerungsansätze, Konzepte, Standards und unterschiedliche Regulierungsformen im Bereich Qualitätsentwicklung und -sicherung zu erhalten. Zudem wurden die generierten Erkenntnisse aus der heuristischen Perspektive der "Educational Governance" analysiert und vor dem Hintergrund des bundesdeutschen Systems reflektiert. Diese Ergebnisse wurden im Rahmen eigener Beiträge u.a. in einem internationalen Sammelband zu Qualitätsmonitoring in ausgewählten Systemen frühkindlicher Bildung und Betreuung, veröffentlicht.

Im Jahr 2013 wurden nach einer ersten Sichtung des Feldes an Expertinnen aus Australien und Schweden Expertisen in Auftrag gegeben, die die Grundzüge des FBBE-Systems sowie die in den Ländern etablierten Ansätze und Verfahren zur Qualitätssteuerung aufarbeitet. Schweden hat zuerst die Ziele zur Qualitätssicherung im nationalen Bildungsplan für Kindertageseinrichtungen (2010) gestärkt und stellt ein Beispiel für ein dezentral organisiertes Qualitätssicherungsprogramm dar. Im Unterschied dazu ist Australien ein Beispiel für ein zentral organisiertes Qualitätssicherungssystem. Im Jahr 2012 wurde in Australien der nationale Qualitätsleitrahmen eingeführt, welcher aus nationalen Qualitätsstandards, einem nationalen Bildungsplan und einem einheitlichen Bewertungssystem besteht und die Umsetzung der nationalen Standards und des Bildungsplans überwacht. Die beiden Expertisen beleuchten die Entwicklungen der Systeme und diskutieren die gewählten Ansätze und Verfahren.

Australien

Expertise "Australian National ECEC reforms with a focus on the National Quality Framework
and the National Quality Standard" (englisch)

Zusammenfassung der Expertise (deutsch)

Australisches Curriculum

Schweden

Expertise "Quality, assessment, and documentation in Swedish preschools -
Regulations, practices, and concepts" (englisch)

Zusammenfassung der Expertise (deutsch)

Schwedisches Curiculum

Im November 2015 fand der Workshop Monitoring Quality in Early Childhood Education and Care – Approaches and Experiences from Selected Countries statt, den das ICEC am Deutschen Jugendinstitut ausrichtete. Davon ausgehend, dass Monitoring und Evaluation eine wichtige Rolle bei der Qualitätsentwicklung und -sicherung in der Kindertagesbetreuung spielen, war es ein zentrales Anliegen des Workshops, Erfahrungswerte aus anderen Ländern zusammenzutragen und zu diskutieren. Dafür wurden Expertinnen und Experten aus Ländern eingeladen, die

  • ähnlich wie Deutschland einen sozialpädagogischen Zugang zur frühkindlichen Bildung, Betreuung und Erziehung aufweisen und/oder
  • über eine dezentrale Organisationsstruktur in der FBBE verfügen und/oder
  • erst vor kurzem Monitoringsysteme eingeführt haben bzw. derzeit entwickeln.

Ziel des Workshops waren, ein fokussierter Austausch zu Ansätzen und Verfahren sowie Herausforderungen und Erfahrungen mit Systemen des Qualitätsmonitorings. Insbesondere folgende Punkte wurden intensiv erörtert:

  1. Ziele und Inhalte von Evaluation und Monitoring
  2. Zuständigkeiten und Verantwortungen bei Monitoringsystemen
  3. Evaluations- und Monitoringinstrumente
  4. Demokratische und ethische Aspekte von Evaluation und Monitoring

 

 

Im November 2016 organisierte das ICEC eine Tagung zum Thema Qualität: Viele Wege, ein Ziel? Internationale Steuerungsansätze aus dem frühkindlichen Bereich. Ziel der Tagung war es, die im ICEC erarbeiteten Ergebnisse aus dem internationalen Vergleich sowie die Erfahrungsberichte aus den einzelnen Ländern der bundesdeutschen Fachöffentlichkeit vorzustellen.

Ausführliche Tagungsdokumentation

 

Aus den Beiträgen des Workshops (November 2015) ist ein Sammelband in deutscher wie englischer Sprache entstanden. Dieser Sammelband informiert  über unterschiedliche politische Steuerungsansätze und Konzepte sowie über unterschiedliche Regulierungsformen, Standards und Ansätze zur Qualitätsentwicklung und -sicherung. Hierzu stellen die Autorinnen und Autoren bestehende Systeme von Qualitätsmonitoring aus Australien, Belgien (Flandern), Dänemark, Deutschland (Berlin), Luxemburg, den Niederlanden, Schweden und Slowenien vor. Die Beiträge stellen dar, wie die Monitoringsysteme im jeweils landeseigenen System frühkindlicher Bildung und Betreuung verankert sind, wie Qualitätsentwicklung und -sicherung umgesetzt werden und welche Herausforderungen sich mit Blick auf die Nachhaltigkeit und Effektivität der implementierten Monitoringsysteme stellen. Dabei setzen die Beiträge zugleich unterschiedliche Akzente, die sich aus den Besonderheiten der einzelnen Länder ergeben. In einem Beitrag von Klinkhammer und Schäfer werden neben einer Auswertung der Länderbeiträge Anknüpfungspunkte für die bundesdeutsche Fachdebatte identifiziert und Entwicklungsperspektiven für die Weiterentwicklung von Ansätzen und Verfahren zur Qualitätsentwicklung und -sicherung aufgezeigt und diskutiert.

Deutsche Publikation
Nicole Klinkhammer, Britta Schäfer, Dana Harring, Anne Gwinner (Hrsg.):
Qualitätsmonitoring in der frühkindlichen Bildung und Betreuung.
Ansätze und Erfahrung aus ausgewählten Ländern

DJI-Fachforum Bildung und Erziehung, Band 13
DJI Verlag
320 Seiten, 19,80 Euro
zur Bestellung

Englische Publikation
Reihe DJI-Material
zum Download


Rezensionen

Ulrike Pohlmann. Rezension vom 21.08.2017 zu: Nicole Klinkhammer, Britta Schäfer, Dana Harring, Anne Gwinner (Hrsg.): Qualitätsmonitoring in der frühkindlichen Bildung und Betreuung. Aufsätze und Erfahrungen aus ausgewählten Ländern. Verlag Deutsches Jugendinstitut (München) 2017. ISBN 978-3-87966-456-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23203.php, Datum des Zugriffs 06.09.2017.

Dr. Nicole Klinkhammer
Wissenschaftliche Referentin
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