Bürokratie, intime Fragen und fehlende Begriffe


Junge trans* Menschen stehen beim Coming-out vor besonderen Herausforderungen
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Von Kerstin Oldemeier

Seit den 1990er- und 2000er-Jahren nimmt die öffentliche Sichtbarkeit und Relevanz von transgeschlechtlichen Lebensweisen zu. Nach mehr als 200 Jahren der Pathologisierung und Kriminalisierung von trans* Menschen können diese Entwicklungen auf der einen Seite als positive Veränderung bezeichnet werden. Auf der anderen Seite ist weiterhin festzustellen, dass trans* Menschen vor zahlreichen komplexen Herausforderungen stehen. In der englischsprachigen empirischen und theoretischen Literatur finden sich verschiedene Informationen zu transgeschlechtlichen Lebensweisen. Die deutsche sozialwissenschaftliche Jugend- und Geschlechterforschung brachte bislang allerdings kaum systematische empirische Ergebnisse zur Lebenssituation von trans* Jugendlichen hervor. Die Studie des Deutschen Jugendinstituts (DJI) mit dem Titel „Coming-out – und dann…?!“ liefert deshalb wichtige erste Erkenntnisse.

Junge trans* Menschen können häufig über viele Jahre niemandem ihre Gefühle mitteilen.

Obwohl der Prozess der Bewusstwerdung über die transgeschlechtliche Zugehörigkeit häufig schon während der Kindheit beginnt, zeigen die Forschungsergebnisse, dass junge trans* Menschen häufig über viele Jahre niemandem ihre Gefühle mitteilen. 27 Prozent der befragten trans* Menschen im Alter von 15 bis 27 Jahren können es demnach nicht so genau sagen, wann sie das erste Mal ihre geburtsgeschlechtliche Zuordnung als „nicht passend“ empfunden haben. Etwa 30 Prozent geben an, dass sie „es schon immer wussten“. 11 Prozent nennen ein Alter von zehn Jahren. Dennoch sind die teilnehmenden trans* Jugendlichen durchschnittlich bereits 18 Jahre alt, wenn sie erstmals darüber sprechen. Zu Beginn der Bewusstwerdung stehen ihnen oft keine passenden Begrifflichkeiten zur Verfügung, sind diese gefunden, berichten trans* Jugendliche von großen Ängsten davor, welche negativen Konsequenzen die Bekanntgabe ihrer geschlechtlichen Zugehörigkeit mit sich bringen könnte. Und die Sorgen scheinen oft berechtigt zu sein: Neun von zehn der trans* und gender*diversen Jugendlichen und jungen Erwachsenen geben bei der DJI-Studie an, mindestens einmal aufgrund ihrer geschlechtlichen Zugehörigkeit diskriminiert worden zu sein. Jede_r Zweite von ihnen berichtet von einer Diskriminierung im öffentlichen Raum.

Die psychologische Begutachtung ist für viele Jugendliche strapazierend.

Der Weg einer sozialen, rechtlichen und medizinischen Geschlechtsanpassung ist mit komplexen Herausforderungen verbunden. Neben den Zugangsvoraussetzungen für die Übernahme von medizinischen Kosten sowie den Erfordernissen für eine Personenstandsänderung existieren zahlreiche Normen darüber, was „echtes Trans*sein“ ausmacht. Allerdings ist es eine individuelle Entscheidung, ob eine rechtliche und oder medizinische geschlechtliche Anpassung angestrebt wird. Für viele junge trans* Menschen gestaltet sich die Suche nach einer geeigneten medizinischen Fachkraft schwierig. Die psychologische Begutachtung ist für viele Jugendliche strapazierend. Begutachtungs-Sitzungen werden vor allem durch zu intime und sexualisierte Fragen sowie durch ihre Dauer als Belastung empfunden. Was jedoch betont werden muss, ist die enorme Erleichterung darüber, wenn sie Transitionsschritte hinter sich gebracht haben und es ihnen möglich ist, weitgehend störungsfrei einen Alltag entsprechend ihren geschlechtlichen Empfindungen leben
können.