Kind sein in Zeiten von Corona: Erste Studienergebnisse


Die Coronavirus-Pandemie hat nicht nur den Alltag von Erwachsenen, sondern vor allem auch den der Kinder vollkommen verändert. Um herauszufinden, wie sie ohne Kita und Schule, Sport sowie stark eingeschränktem Kontakt zu Gleichaltrigen zurechtkommen, hat das Deutsche Jugendinstitut (DJI) eine Online-Befragung durchgeführt. Zwischen dem 22. April und dem 4. Mai 2020 haben sich deutschlandweit mehr als 8.000 Eltern von Kindern im Alter von drei bis 15 Jahren beteiligt. Basierte bislang die Diskussion über Kinder in Corona-Zeiten auf vereinzelte Beobachtungen und naheliegende Überlegungen, so kann anhand der Umfrage-Daten ein empirisch fundiertes Bild über das Kind sein in Zeiten von Corona gezeichnet werden.

Ein Drittel der Kinder hat Schwierigkeiten, mit der Situation zurechtzukommen

Wenngleich viele Kinder die Herausforderungen der Corona-Krise eher gut oder sehr gut zu bewältigen scheinen, berichtet nahezu ein Drittel der befragten Eltern, dass ihr Kind Schwierigkeiten hat, mit der Situation umzugehen. Dies betrifft deutlich mehr Kinder von Eltern mit maximal mittlerem formalem Bildungsabschluss (41 Prozent vs. 29 Prozent der Kinder von Eltern mit hohem Bildungsabschluss). Zudem schätzen Eltern mit einer angespannten finanziellen Situation die Belastung für ihre Kinder deutlich höher ein als diejenigen, die ihre finanzielle Lage positiver beurteilen (51 Prozent vs. 30 Prozent). Eine Terrasse oder ein eigener Garten scheinen das Zurechtkommen der Kinder mit der Situation zu erleichtern – so beurteilen Familien mit Zugang zu privaten Freiflächen dieses deutlich positiver (70 Prozent der Kinder mit Terrasse/Garten kommen gut zurecht vs. 59 Prozent der Kinder ohne Terrasse/Garten). Ein eigenes Kinderzimmer scheint lediglich Grundschulkindern dabei zu helfen, die Situation zu bewältigen.

„Die Daten zeigen, dass Eltern, die selbst unter der aktuellen Situation leiden, auch eher Belastungen bei ihren Kindern wahrnehmen. Das macht deutlich, wie wichtig es für das Wohlbefinden der Kinder ist, dass es auch den Eltern gut geht“, sagt Dr. Alexandra Langmeyer, die zusammen mit vier weiteren Sozialwissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern die Studie am DJI durchgeführt hat.

Außerdem deuten die Studienergebnisse darauf hin, dass Eltern die Belastung ihres Kindes höher einschätzen, wenn sie ihr Kind in der aktuellen Situation als einsam beschreiben, und wenn es häufiger zu Konflikten und chaotischen Situationen in der Familie kommt. 

Bei jeder fünften Familie herrscht häufig ein konflikthaltiges Klima

Jede fünfte Familie (22 Prozent) berichtet, dass zur Zeit der Krise häufig oder sehr häufig ein konflikthaltiges bzw. chaotisches Klima herrsche. Diese Situation kommt offenbar verstärkt in Haushalten mit mehreren Kindern vor (25 Prozent gegenüber 15 Prozent in Ein-Kind-Familien). Gleichzeitig gelingt der Studie nach mehr als Dreiviertel der Familien das ungewohnte ständige Zusammensein überwiegend gut und ist nur manchmal von Konflikten geprägt. Langmeyer gibt zu bedenken: „Unter den Befragten sind überdurchschnittlich viele Familien mit hohem Bildungsabschluss und ohne finanzielle Sorgen. Das lässt vermuten, wie schwierig die Situation für Familien in schwierigeren Lebenslagen ist, die mit dieser Studie nicht erreicht werden konnten“.

Insbesondere jüngere Kinder und Einzelkinder fühlen sich einsam

Einige Kinder erleben während der Kontaktbeschränkungen offenbar Gefühle der Einsamkeit: Mehr als ein Viertel (27 Prozent) der befragten Eltern stimmen der Aussage eher oder ganz zu, dass sich ihr Kind einsam fühlt. Der Einschätzung der Eltern nach fühlen sich vor allem Kindergartenkinder einsam (31 Prozent vs. 20 Prozent der Kinder der Sekundarstufe I) sowie Einzelkinder (33 Prozent vs. 24 Prozent der Kinder mit Geschwister).

Trotz digitaler Technik bricht der Kontakt zu pädagogischen Fachkräften ab

Fachkräfte und Lehrkräfte aus Kitas und Schulen tragen der Untersuchung zufolge nur wenig dazu bei, dass sich die Kinder weniger einsam fühlen. Denn obwohl in nahezu allen befragten Haushalten digitale Technik und zahlreiche Kommunikationskanäle zur Verfügung stehen, werden diese nach Einschätzung der Eltern nur in geringem Umfang durch die pädagogischen Fachkräfte und Lehrkräfte genutzt. Mehr als ein Viertel der Kinder im Kindergartenalter haben in den befragten Familien gar nichts von ihren Bezugspersonen in der Kita gehört, manche haben zumindest Briefe erhalten (40 Prozent „manchmal“ bis „selten“). Mit steigendem Alter der Kinder nimmt die Kontakthäufigkeit zu und verlagert sich auf digitale Medien wie E-Mails, Video-Chats und Textnachrichten: Etwa 65 Prozent der Kinder im Grundschulalter sind per E-Mail mit ihren Lehrkräften in Verbindung, unter den Kindern der Sekundarstufe I sind es zirka 85 Prozent (mindestens „selten“ bis „sehr häufig“). Doch auch dieser Austausch bleibt nach den Studienergebnissen in den meisten Fällen sporadisch. Der Anteil an Schulkindern ohne jeglichen Kontakt zu ihren Lehrkräften liegt bei knapp 8 Prozent (Kinder im Grundschulalter) bzw. 3 Prozent (Kinder im Alter der Sekundarstufe I).

Der Studie zufolge werden nahezu alle Kinder aufgrund der Schul- und Kitaschließungen in erster Linie von ihren Eltern betreut (98 Prozent). Entsprechend verbringen vor allem Kinder im Kindergarten- und Grundschulalter mehr Zeit mit ihren Eltern und ihren Geschwistern. Bei den Kindern im Alter von elf bis fünfzehn Jahren, die bereits auf eine weiterführende Schule gehen, ist der Anteil etwas geringer; sie verbringen auch mehr Zeit alleine. Deutlich weniger sehen alle Altersgruppen ihre Freundinnen und Freunde, wobei die befragten Eltern glauben, dass das am stärksten auf die Jüngsten zutrifft. Auch der Austausch mit den Großeltern ist nach Auskunft der Eltern für einen Großteil (89 Prozent) deutlich weniger geworden. Die Studie differenzierte dabei nicht zwischen realen und Online-Kontakten.

Dass die Kinder zur Zeit der Krise mehr Zeit mit ihren Eltern und Geschwistern verbringen, geben mehr Familien aus der höheren Bildungsgruppe an (Mutter 68 Prozent, Vater 73 Prozent, Geschwister 87 Prozent vs. bei maximal mittlerer Bildung: Mutter 78 Prozent, Vater 56 Prozent, Geschwister: 77 Prozent). Das könnte nach Ansicht der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler damit zusammenhängen, dass es Eltern mit höherem Bildungsabschluss eher möglich ist, im Home-Office zu arbeiten und sie deshalb mehr Zeit zu Hause verbringen.

Die Daten weisen darauf hin, dass Mütter häufiger als Väter diejenigen sind, die in der Krise mehr Zeit mit den Kindern verbringen (88 Prozent vs. 75 Prozent). Allerdings gaben die befragten Väter etwas seltener als die befragten Mütter an, dass die Zeit, die die Mutter mit dem Kind zusammen ist, zugenommen habe (77 Prozent vs. 85 Prozent). Noch unterschiedlicher ist die Wahrnehmung in Bezug auf die Zeit der Väter mit den Kindern: Während 81 Prozent der befragten Väter den Eindruck haben, dass sie selbst nun deutlich mehr für ihre Kinder da sind, sind es bei den befragten Müttern nur 68 Prozent. Vor diesem Hintergrund geht Langmeyer davon aus, dass diejenigen, die an der Studie teilgenommen haben, auch den größten Anteil der Kinderbetreuung übernehmen: Das sind mehr Mütter als Väter, aber eben auch die besonders engagierten Väter. Gleichzeitig könnte der Wahrnehmungsunterschied auch noch eine weitere Ursache haben: „Mütter haben bereits vor der Corona-Krise oftmals den wesentlichen Teil der Betreuungsarbeit geleistet, so dass aus Sicht der Väter die Zeit, die sie mit den Kindern nun verbringen, vergleichsweise stärker zugenommen hat als die der Mütter“, erklärt Langmeyer.

Trotz der politischen Empfehlung, während des Shutdowns auf persönliche Kontakte mit den Großeltern zu verzichten, haben 14 Prozent der befragten Familien diese in die Betreuung ihrer Kinder einbezogen. Je jünger die Enkelkinder, umso häufiger wurden sie nach Auskunft der befragten Eltern von Oma bzw. Opa betreut (18 Prozent der Kita-Kinder, 13 Prozent der Grundschulkinder, 7 Prozent der Kinder der Sekundarstufe I). „Unter dem Druck, Erwerbsarbeit und Kinderbetreuung gleichzeitig nachkommen zu müssen, sahen sich möglicherweise einige Eltern dazu gezwungen, auf die Unterstützung der Großeltern zurückzugreifen“, sagt Langmeyer. Denkbar sind aber auch weitere Gründe, etwa, dass die Großeltern jünger sind und sich selbst als nicht besonders gefährdet einschätzen oder dass sie im gleichen Haushalt wohnen und zur Familie gezählt werden. Entsprechend verweisen die Daten auch darauf, dass im ländlichen Raum, wo die Generationen in der Regel näher zusammenleben, die mit den Großeltern verbrachte Zeit seltener abgenommen hat als in der Stadt (91 Prozent vs. 86 Prozent).

Das Freizeitverhalten der Kinder verändert sich

Auf die Frage, wie Kinder ihre Freizeit gestalten und welche Aktivitäten nun größeres Gewicht erhalten, berichteten die befragten Eltern mit maximal mittlerer Bildung häufiger als die befragten Eltern mit höherem Bildungsabschluss, dass bei ihren Kindern der Konsum von Videospielen (56 Prozent vs. 47 Prozent) und das Surfen im Netz zugenommen habe (43 Prozent vs. 38 Prozent). Kinder von Eltern mit höherer Bildung lesen nach deren Einschätzung hingegen häufiger (45 Prozent vs. 32 Prozent) und hören offenbar mehr Radio (58 Prozent vs. 47 Prozent).

 

Bei Kindern im ländlichen Raum hat sich den Studienergebnissen entsprechend die Zeit, die sie draußen verbringen, deutlicher gesteigert als bei Stadtkindern (44 Prozent vs. 31 Prozent). Diese spielen nach Ansicht ihrer Eltern häufiger in der Wohnung (68 Prozent vs. 53 Prozent). Entsprechend berichten die Eltern von Stadtkindern, dass bei ihnen Aktivitäten wie Fernsehen (73 Prozent vs. 65 Prozent) und Radio hören (59 Prozent vs. 52 Prozent) sowie Lesen (45 Prozent vs. 41 Prozent) stärker zugenommen habe.

Mit steigendem Alter nimmt die Nutzung digitaler Medien zu

Der Studie zufolge haben bei allen Kindern Freizeitaktivitäten zuhause einen deutlich höheren Stellenwert bekommen. Entsprechend spielen nach Auskunft der befragten Eltern alle Altersgruppen nun häufiger in der Wohnung und gehen vermehrt kreativen Tätigkeiten nach, wie beispielsweise basteln und malen. Kinder im Schulalter verbringen zudem offenbar mehr Zeit mit Aufgaben für die Schule seit sich das Lernen vollständig nach Hause verlagert hat. Auch die Mediennutzung hat nach Einschätzung der Befragten in allen Altersgruppen deutlich zugenommen – mit unterschiedlichen Schwerpunkten.

Kinder im Kindergartenalter verbringen nach Einschätzung der befragten Eltern die Zeit zuhause seit der Krise verstärkt mit traditionellen Medien wie Fernsehen (68 Prozent), Radio hören oder Hörspiele bzw. Geschichten anhören (61 Prozent) sowie dem Betrachten von (Bilder-)Büchern oder dem elterlichen Vorlesen (44 Prozent). Digitale Medien haben in diesem Alter nur einen geringen Stellenwert, wobei immerhin ein knappes Drittel der befragten Eltern angibt, dass ihre Kinder nun häufiger am Computer oder Smartphone spielen und 14 Prozent, dass ihre Kinder öfter im Internet surfen als zuvor. „Die Zahlen deuten darauf hin, dass der ‚digitale Babysitter‘ in einigen Familien zum Einsatz kommt“, sagt Langmeyer. „Solange das nur vorrübergehend geschieht und mit den Lockerungen der Medienkonsum wieder zurückgeht, ist das allerdings nicht zwingend problematisch.“

Kinder im Schulalter nutzen digitale Medien offenbar deutlich stärker, um die entstandenen Lücken in den Freizeitaktivitäten zu füllen: Mehr als die Hälfte der Grundschulkinder verbringt nach Einschätzung ihrer Eltern mehr Zeit mit Computerspielen und ein Drittel ist häufiger im Internet. Unter den Kindern und Jugendlichen der Sekundarstufe I verbringen den Befragten nach Dreiviertel mehr Zeit mit Fernsehen, Streamingdiensten oder YouTube, fast ebenso viele surfen häufiger im Internet und gut zwei Drittel spielen häufiger am Computer, Tablet oder Smartphone. Knapp die Hälfte hört laut Angaben der befragten Eltern mehr Musik, Radio oder Hörspiele, gut ein Drittel liest mehr Bücher.

Dass Schulkinder in der Krisenzeit zu Hause mehr Medien nutzen, hält die Sozialwissenschaftlerin Langmeyer kaum für vermeidbar, schließlich erfordere das bereits die veränderte Lernsituation. „Mit zunehmender Dauer der Krise wird es allerdings auch schwieriger werden, manche Gewohnheit der Kinder wieder zu verändern“. 

Die Stichprobe

Nach einem breiten Studienaufruf über Webseiten, soziale Netzwerke und E-Mail-Verteiler haben sich zwischen dem 22. April und dem 4. Mai 2020 deutschlandweit 8.127 Eltern von Kindern im Alter von drei bis 15 Jahren an der Befragung beteiligt. Wie in vielen anderen Online-Umfragen haben auch hier vor allem Eltern mit einem hohen formalen Bildungsabschluss teilgenommen, Eltern mit mittlerem und niedrigem Bildungsabschluss sind hingegen unterrepräsentiert. Deshalb lassen sich die dargestellten Befunde nicht auf die Gesamtbevölkerung übertragen. Es sind aber Vergleiche von Kindern in unterschiedlichen Lebenslagen sowie zwischen unterschiedlichen Altersgruppen möglich. Die Befragung läuft noch bis zum 20. Mai. So wird es zu einem späteren Zeitpunkt auch möglich sein, verschiedene Phasen des Lockdowns miteinander zu vergleichen und beispielsweise zu untersuchen, welche Auswirkungen die Öffnung der Spielplätze und die generelle Lockerung der Kontaktbeschränkungen auf Alltag und Wohlbefinden der Kinder haben.


Langmeyer, Alexandra; Guglhör-Rudan, Angelika; Naab, Thorsten; Urlen, Marc; Winklhofer, Ursula (2020): Kindsein in Zeiten von Corona. Erste Ergebnisse zum veränderten Alltag und zum Wohlbefinden von Kindern. Deutsches Jugendinstitut

Kontakt
Das Studien-Team aus der Fachgruppe "Lebenswelten und Lebenslagen von Kindern"

Dr. Alexandra Langmeyer, Leitung: langmeyer@dji.de
Dr. Angelika Guglhör-Rudan: guglhoer@dji.de
Dr. Thorsten Naab: naab@dji.de
Dr. Marc Urlen: urlen@dji.de
Ursula Winklhofer: winklhofer@dji.de

Abteilung Medien und Kommunikation
Uta Hofele: hofele@dji.de