Die bisherige Forschung zur Radikalisierungsprävention hat sich weitgehend darauf konzentriert, das Entstehen von Radikalisierungsprozessen mit Blick auf sich (potentiell) radikalisierende Personen zu untersuchen (vgl. z.B. Böckler/Zick 2015, RAN 2016). Dagegen ist die Rolle von Fachkräften in den Regelstrukturen der Kinder- und Jugendhilfe in Kontakt mit (potentiell) radikalisierten Personen bisher weitgehend unerforscht. Diese Fachkräfte kommen immer häufiger und immer direkter in Kontakt mit Kindern aus religiös radikalisierten/fundamentalistischen oder demokratiefeindlich gestimmten Elternhäusern; oder sie treffen auf bereits selbst radikalisierte Kinder und Jugendliche (vgl. z.B. Heinke/Persson 2015). Dabei stehen sie vor der oft konflikthaften Frage, wie sie sich verhalten und positionieren sollen. Denn ihre Handlungen und Aussagen als Repräsentant*innen von Behörden oder sog. „öffentlichen“ Hilfen treten mit den persönlichen Wahrnehmungen der Betroffenen in schwer kalkulierbare Wechselwirkungen (vgl. z.B. Rau u.a. 2019, RAN 2018).

Das Projekt „RaFiK“ will mehr erfahren über Einstellungen und Handlungsorientierungen im Umgang mit religiös begründetem Extremismus und undemokratischen Milieus – sowie darüber, wie Fachkräfte praktische und ethische Dilemmata im Kontext von Kindeswohl und Religions- bzw. Meinungsfreiheit ausbalancieren.

Interdisziplinäre Fokusgruppen mit Beteiligung angrenzender Bereiche (z.B. Schule) diskutieren, ob und wie sie sich der religiösen oder politischen Themen annehmen, ob und wie sie ihre eigenen Sichtweisen ausdrücklich zur Sprache bringen, wann und wie sie in ihrem Vorgehen auf den Diskurs und die Handlungsansätze von Expert*innen im Themenfeld Radikalismusprävention zurückgreifen. Die Diskussionen sollen einen Vergleich mit Vorgehensweisen und Einstellungen bei verschiedenen Formen von Extremismus ermöglichen.

Das Forschungsprojekt hat das Ziel, die interdisziplinär gewonnenen Erkenntnisse zum Brückenbau zwischen dem spezialisierten Feld der Arbeit mit religiös begründetem Extremismus und den Regelstrukturen zu nutzen. Forschungsergebnisse und ein daraus abgeleitetes Thesenpapier sollen in einem breit angelegten Prozess in der Fachöffentlichkeit der verschiedenen Akteursgruppen diskutiert und in Prozesse überführt werden, in denen Handlungsempfehlungen erarbeitet sowie Strukturen aufgebaut werden.

Böckler, Nils/Zick, Andreas (2015): Wie gestalten sich Radikalisierungsprozesse im Vorfeld jihadistisch-terroristischer Gewalt? Perspektiven aus der Forschung. In: Molthagen, Dietmar (Hrsg.): Handlungsempfehlungen zur Auseinandersetzung mit islamistischem Extremismus und Islamfeindlichkeit. Berlin, S. 99-123

Heinke, Daniel H./Persson, Mareike (2015): Zur Bedeutung jugendspezifischer Faktoren bei der Radikalisierung islamistischer Gewalttäter. In: Zeitschrift für Jugendkriminalrecht und Jugendhilfe, 26. Jg., H. 1, S. 48-53

Radicalisation Awareness Network (RAN) (2016): The Root Causes of Violent Extremism. In: RAN Issue Paper. (13.06.2019)

Radicalisation Awareness Network (RAN) (2018): Vulnerable children who are brought up in an extremist environment. Ex Post Paper RAN YF&C. Stockholm. (13.06.2019)

Rau, Thea/Kliemann, Andrea/Ohlert, Jeannine/Allroggen, Marc/Fegert, Joerg M. (2019). Gefährdungsmomente im Zusammenhang mit religiös-motivierter Radikalisierung - Handlungsempfehlung für (sozial-)pädagogische Fachkräfte. In: Zeitschrift für Kindschaftsrecht und Jugendhilfe, Jg. 2019, H. 4, S. 128-136

 

 

     
  
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