Die Ganztagsschule kann noch mehr

Eine repräsentative Befragung von Schulleitungen macht deutlich: Die Ganztagsschule bildet eine zentrale Grundlage für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie

29. April 2019 -

Eine repräsentative Befragung von Schulleitungen macht deutlich: Die Ganztagsschule bildet eine zentrale Grundlage für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Sie stellt vor allem für jüngere Kinder ein verlässliches und vielfältiges Betreuungsangebot bereit. Die Ganztagsschule hat auch das Potenzial, Inklusion und Integration gezielt zu unterstützen und Kindern aus allen Bevölkerungsschichten die Teilhabe an ihren Angeboten zu ermöglichen. Gerade hier besteht aber Verbesserungsbedarf – genau wie bei der Schulqualität. Besondere Probleme bereitet es, Personal zu gewinnen, was auch Implikationen für den Rechtsanspruch auf ganztägige Betreuung im Grundschulalter mit sich bringen könnte.

An der bundesweit repräsentativen Online-Befragung – der dritten ihrer Art nach 2012 und 2015 – haben insgesamt 1.355 Schulleitungen von Ganztagsschulen aus drei Gruppen teilgenommen: Grundschulen, Schulen der Sekundarstufe I (ohne Gymnasien) und Gymnasien. Die Befragung wurde im Rahmen der langfristig angelegten Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen (StEG) von März bis Mai 2018 durchgeführt. Die Ergebnisse liegen jetzt in einem Bericht vor. Hier eine Auswahl zentraler Befunde.

Betreuungssituation an Ganztagsschulen – vor allem im Grundschulbereich

Rund zwei Drittel aller Schulen in Deutschland sind nach aktuellen Zahlen der KMK ganztägig organisiert – 2005 lag ihr Anteil noch bei einem Viertel. Vor diesem Hintergrund veranschaulicht der Bericht die Bedeutung der Ganztagsschule für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie: Neun von zehn der befragten Grundschulen bieten an mindestens vier Tagen pro Woche einen Ganztagsbetrieb an, was auch auf die Mehrheit der Schulen in der Sekundarstufe zutrifft. Die Öffnungszeiten umfassen im Schnitt rund acht Stunden. Ganztagsgrundschulen, die mit einem Hort kooperieren, haben sogar mehr als neuneinhalb Stunden geöffnet. Die Forscher des StEG-Konsortiums ordnen ein: „Der vorliegende Bericht bestätigt, dass Ganztagsschulen eine verlässliche Betreuung von Kindern anbieten und damit ihre grundlegende sozial- und familienpolitische Funktion erfüllen.“ Nichtsdestotrotz zeigen sich auch Engpässe: Zwar gibt es an der Mehrheit der Grundschulen eine Ferienbetreuung, aber die Ferienzeiten werden nicht komplett abgedeckt – ein Problem für erwerbstätige Eltern. Und vor allem an Grundschulen fehlen noch Ganztagsplätze: An 17 Prozent dieser Schulen übersteigt die Zahl der Anmeldungen das Platzangebot, auch wenn dieser Anteil gegenüber den vorherigen Befragungen gesunken ist.

Der im Koalitionsvertrag der Bundesregierung vereinbarte Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung für Grundschulkinder ab 2025 wurde zwar in der Befragung nicht thematisiert, dennoch zieht Professor Dr. Eckhard Klieme vom Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation (DIPF), der Sprecher des StEG-Konsortiums, auf Basis dieser Befunde folgenden Schluss: „Der Rechtsanspruch ist ein konsequenter und wichtiger Schritt für die weitere Verbesserung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Er ist auch ein ambitionierter Schritt – gerade wenn man das Potenzial der Ganztagsschule für bessere Bildung in unserem Land voll erschließen will.

Angebot und Teilhabe

Fast alle Ganztagsschulen machen sportliche (mehr als 95 Prozent) und musisch-kulturelle (mehr als 90 Prozent) Angebote. Lernunterstützung steht ebenfalls im Fokus. Mehr als zwei Drittel der Schulen bieten zum Beispiel Hausaufgabenbetreuung oder spezifische Fördermaßnahmen an. Einige Angebote werden jedoch im Vergleich zu den früheren Erhebungen an weniger Schulen durchgeführt. Auffallend ist etwa der Rückgang bei den Angeboten zu neuen Medien – um mehr als zehn Prozentpunkte gegenüber 2012. Dennoch gibt es an Ganztagsschulen nach wie vor vielfältige außerunterrichtliche Bildungsmöglichkeiten, die auch Kindern aus sozial benachteiligten Familien offenstehen. Die Wissenschaftler betonen aber: „Wer für breite Teilhabe und Chancengleichheit sorgen möchte, sollte auch die finanzielle Belastung von Eltern überdenken.“ Das Mittagessen ist zum Beispiel nach wie vor fast durchgehend kostenpflichtig und teurer als etwa an den Mensen von Hochschulen. Zumindest ist der Anteil der Grundschulen, die generelle Beiträge verlangen, auf knapp die Hälfte zurückgegangen und schulübergreifend fallen seltener Beiträge für einzelne Angebote an.

Inklusion und Integration

Die große Mehrheit der Schulen bietet gemeinsame Ganztagsangebote für alle Lernenden an. Das betrifft zum einen Schülerinnen und Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf, zum anderen Kinder mit nicht-deutscher Herkunftssprache oder Fluchterfahrung. Allerdings sehen weniger als die Hälfte der Grundschulen und nur ein Drittel der Schulen der Sekundarstufe I (ohne Gymnasien) in ihrem Konzept vor, Inklusion und Integration gezielt durch den Ganztag zu unterstützen. An Gymnasien sind es sogar nur elf Prozent. Zudem sind die Räume an allen Schulen häufig nicht barrierefrei, und weniger als die Hälfte der Schulleitungen gibt an, eine für Integration und Inklusion geeignete Ausstattung zu haben. Vor allem die Personalnot sticht heraus. „Will man Inklusion und Integration durch den Ganztag unterstützen, braucht es gute Konzepte und zusätzliche Mittel“, so die StEG-Verantwortlichen.

Strukturelle Rahmenbedingungen und Entwicklung der Schulqualität

An der überwiegenden Mehrzahl der Schulen ist eine Teilnahme am Ganztag freiwillig, ähnlich wie 2012 und 2015. Das Modell scheint sich etabliert zu haben. Zugleich zeigt der Bericht, dass an diesen weniger verpflichtenden Ganztagsschulen seltener Maßnahmen zur Weiterentwicklung des Ganztags stattfinden – zum Beispiel Fortbildungen. Auch werden die pädagogischen Möglichkeiten nach wie vor nicht ausgeschöpft: Beispielsweise gehört die Erweiterung der Lernkultur an etwa einem Drittel der Grundschulen und der Schulen der Sekundarstufe I (ohne Gymnasien) sowie an fast der Hälfte der Gymnasien nicht zum Ganztagskonzept. Als mit Abstand größtes Problem für die Weiterentwicklung der Schulen nennen die Leitungen die Rekrutierung von geeignetem zusätzlichem Personal. Verbesserungsbedarf besteht zudem bei der Kooperation zwischen dem Lehrerkollegium und den zusätzlichen Fachkräften. Ein Viertel aller Leitungen der Grundschulen gibt sogar an, dass die Lehrkräfte die Weiterentwicklung des Ganztags nicht unterstützen. An den Schulen der Sekundarstufe I inklusive der Gymnasien fällt dieser Anteil mit einem Drittel noch höher aus. „Wenn das Ziel einer qualitativ hochwertigen Bildung und Förderung an den Ganztagsschulen weiterhin verfolgt werden soll, muss das Augenmerk verstärkt auf die pädagogische Schulentwicklung und die multiprofessionelle Zusammenarbeit gelegt werden“, resümiert das Konsortium. Eckhard Klieme ergänzt: „Ein Rechtsanspruch auf ganztägige Betreuung sollte mit einer hohen Bildungsqualität verknüpft sein – im Unterricht genau wie in den außerunterrichtlichen Angeboten.“

Die Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen (StEG) wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert und seit 2005 durchgeführt. Zentrale Verantwortung für die Studie hat ein Konsortium, das sich aus leitenden Wissenschaftlern von vier Forschungseinrichtungen zusammensetzt: dem Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation (DIPF, Koordination der Studie), dem Deutschen Jugendinstitut (DJI), dem Institut für Schulentwicklungsforschung der Technischen Universität Dortmund (IFS) und der Justus-Liebig-Universität Gießen (JLU).

Gesamtbericht der Befragung von SchulleitungenProjekt „Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen“ (StEG)

Kontakt:

Schulleitungsbefragung:
Dr. Markus Sauerwein, DIPF
Tel.: 0172 6537154
sauerwein@dipf.de

Presse:
Philip Stirm, DIPF
Tel.: 069 24708-123
stirm@dipf.de
www.dipf.de

 

 

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