Was sollten Eltern im Fall einer Scheidung beachten

Ein Interview mit Prof. Dr. Sabine Walper (DJI)

Sind bei einer Trennung der Eltern Kinder im Spiel, gilt es laut Sabine Walper einiges zu beachten; Foto: Fotolia

11. Juli 2017 -

Nach Angaben des statistischen Bundesamtes ist die Zahl der Scheidungen 2016 gegenüber dem Vorjahr nur geringfügig zurückgegangen. D.h. jede zweite Ehe wird in den Großstädten geschieden, bundesweit ist es ungefähr ein Drittel. Gut die Hälfte der geschiedenen Paare hat minderjährige Kinder. In dem Fall sollten die Eltern einige Dinge beachten. Die stellvertretende DJI-Direktorin und Psychologin Prof. Dr. Sabine Walper gibt im Gespräch mit DJI Online einige Anregungen.

Was sollten Eltern ihren Kindern bei einer Scheidung unbedingt ersparen?

Sabine Walper: Wenn Eltern sich zu einer Trennung entschließen, haben ihre Kinder oft längere Beziehungsprobleme und Zerwürfnisse der Eltern miterlebt. Auch die Scheidung selbst birgt viel Konfliktstoff. Umso wichtiger ist es, dass in der Familie möglichst bald wieder ein gewisser Frieden einkehrt. Entscheidend ist es, die Grenzen des ehemaligen Partners oder der Partnerin zu respektieren und vor den Kindern nicht schlecht über den anderen zu sprechen.

Wie ist es bei Eltern, die sich im Guten trennen?

Sabine Walper: Kinder, deren Eltern sehr friedlich auseinandergehen, benötigen oft besondere Unterstützung, um die Trennung akzeptieren zu können. Sie haben meist mehr zu verlieren als Kinder, deren Eltern sich nach längeren Konflikten trennen. Eltern sollten in allen Fällen wachsam sein, wenn sie bei ihren Kindern Probleme und Belastungsreaktionen beobachten. Dann ist es ratsam, rechtzeitig professionelle Hilfe zu holen.

Haben es Scheidungskinder schwerer als andere Gleichaltrige?

Sabine Walper: Viele Befunde sprechen dafür, dass Scheidungskinder ein etwas höheres Risiko für Bildungsnachteile und Beeinträchtigungen der psychischen Gesundheit haben. Das trifft jedoch keineswegs alle Scheidungskinder, sondern ist davon abhängig, welche Probleme durch die Trennung der Eltern entstehen oder ihr schon vorausgegangen sind.

Insgesamt muss eine Scheidung nicht notgedrungen zu späteren Problemen der Kinder führen, sondern kann auch Belastungen abbauen. Für Kinder und Jugendliche mit sehr zerstrittenen Eltern ist es langfristig meist günstiger, wenn sich die Eltern trennen, als wenn diese zusammenbleiben – es sei denn, der Streit geht auch nach der Trennung unvermindert weiter.

Wie lange brauchen Kinder, um eine Scheidung der Eltern zu „verdauen“?

Sabine Walper: In der Regel brauchen Scheidungsfamilien rund zwei Jahre, um tragfähige Regelungen zu treffen, neue Routinen im Alltag aufzubauen und die emotionalen Belastungen zu verarbeiten. In dieser Zeit geht es den Kindern zumeist deutlich schlechter. Allerdings zeigen sich in solchen Belastungen der Kinder nicht nur Probleme, die sich auf die Trennung der Eltern zurückführen lassen. Zumindest bei einigen handelt es sich eher um Nachwirkungen aus der Zeit vor der Trennung, denn vielfach werden die Kinder durch das angespannte Familienklima und Konflikte der Eltern vor der Trennung in Mitleidenschaft gezogen.

Wie viele sogenannte „hochstrittige“ Familien gibt es in Deutschland, und was sollten Eltern beachten?

Sabine Walper: Rund 5 bis 10 Prozent der Trennungsfamilien in Deutschland lassen sich als hochstrittig bezeichnen. Kennzeichnend sind wiederholte Gerichtsverfahren ohne eine tragfähige Lösung und mehrfach gescheiterte Versuche, sich außergerichtlich zu einigen. Für Kinder sind nicht nur die anhaltenden Rechtsstreitigkeiten der Eltern belastend, sondern auch die häufig beobachtbaren Versuche der Eltern, die Kinder gegen den anderen Elternteil auf die eigene Seite zu ziehen. Die Feindseligkeiten und das Misstrauen der Eltern untereinander sind oft so ausgeprägt, dass sie ihre Kinder fast unweigerlich in eine Loyalitätsfalle bringen.

In der Regel brauchen diese Familien besondere professionelle Unterstützung, etwa eine Mediation, um Sorge- und Umgangsrechtsfragen zum Wohle der Kinder lösen zu können. Allerdings wäre es unrealistisch, in allen Fällen eine einvernehmliche Lösung der Eltern zu erwarten. Mitunter ist eine richterliche Entscheidung sogar besser geeignet, um die Eltern zu einer möglichst fairen Lösung zu bringen und dem Kindeswohl den gebotenen Vorrang einzuräumen.