Erster Prozess im Missbrauchsfall Staufen

DJI-Psychologe Heinz Kindler kritisiert Kinderschutzverfahren

12. April 2018 -

Im Fall des jahrelangen sexuellen Missbrauchs eines Kindes in Staufen muss sich der erste von insgesamt acht Verdächtigen vor dem Landgericht Freiburg verantworten. Eine Mutter hat zusammen mit ihrem vorbestraften Lebensgefährten den eigenen Sohn zwei Jahre lang im Internet gegen Geld zur Vergewaltigung angeboten. Zudem soll das Paar aktiv an den Misshandlungen beteiligt gewesen sein. Die Mutter und ihr Lebensgefährte stehen im Juni 2018 vor Gericht. Der neunjährige Junge ist inzwischen in staatlicher Obhut.

Heinz Kindler, Leiter der Fachgruppe „Familienhilfe und Kinderschutz“ am DJI und Sachverständiger u.a. der Enquete-Kommission zur Stärkung von Kinderrechten und Kinderschutz in Hamburg sieht in Kinderschutzfällen Entwicklungsbedarf bei den Behörden und ihren Fachkräften.

Herr Kindler, Justiz und Jugendamt stehen in der Kritik. Sie hatten den Jungen, der bereits in einer Pflegefamilie untergebracht war, zurück zur Mutter geschickt und ihrem Lebensgefährten den Kontakt zum Kind untersagt. Beide hatten sich nicht an die Auflagen gehalten. Dennoch hat das Regierungspräsidium Baden-Württemberg als Aufsichtsbehörde die Arbeit des Jugendamtes als korrekt eingestuft. Wie ist das zu erklären?


Heinz Kindler: Da ich die Akten des Falls nicht kenne, kann ich mich zum Fall selbst nicht wertend äußern. Allerdings ist darauf hinzuweisen, dass die Aufsichtsbehörde nur prüft, ob Abläufe und Strukturen rechtlich zu beanstanden sind. Es ist nicht ihre Aufgabe festzulegen, was im Einzelfall fachlich günstig gewesen wäre. Denkbar ist also, dass sie nichts zu beanstanden hatte und dennoch fachlicher Entwicklungsbedarf bei den Behörden besteht.

Bei dem zuständigen Jugendamt, das auch den Fall Alessio verantwortet hat – Anfang 2015 war ein dreijähriges Kind vom Stiefvater zu Tode geprügelt worden – arbeiten mittlerweile nicht mehr nur zwölf, sondern 50 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Wie könnten Jugendämter künftig bei einem Missbrauchsverdacht schneller und besser eingreifen?

Mehr Fachkräfte müssen so geschult werden, dass sie bei Verdacht auf sexuellen Missbrauch das betroffene Kind befragen können. Denn wenn medizinische Befunde oder andere Beweismittel wie Videoaufnahmen nicht vorliegen, was meist der Fall ist, kann der Verdacht nur über die Exploration betroffener Kinder geklärt werden. Dabei ist es wichtig, in einer möglichst wenig belastenden Form mit dem Kind zu sprechen, suggestive Beeinflussungen zu vermeiden und auf eventuell bestehende Ängste des Kindes, beispielsweise vor einer Unterbringung im Heim oder bei einer Pflegefamilie, einfühlsam einzugehen.

Bislang schrecken die Jugendämter häufig davor zurück, Kinder direkt anzusprechen, woran liegt das?

Denkbar ist, dass Fachkräfte sich auf solche Gespräche schlecht vorbereitet fühlen oder unsicher sind, ob es ihnen überhaupt erlaubt ist, mit dem Kind zu sprechen. Zudem werden manche Fachkräfte Sorge haben, Kinder unnötig zu belasten oder unabsichtlich zu beeinflussen.

Fachkräfte besser zu schulen ist die eine Seite, wie kann das Kinderschutzverfahren weiterentwickelt werden?

Rechtspsychiatrische Erkenntnisse zur Gefahr von sexuellen Übergriffen müssen eingebracht werden können, wenn Menschen mit Kindern zusammenleben, die bereits wegen Kindesmissbrauch verurteilt wurden oder bekanntermaßen Kinderpornographie konsumiert haben.

Der missbrauchte Junge ist in staatlicher Obhut. Kann ausgeschlossen werden, dass er wieder zu seiner Mutter zurückkehren muss?
Die deutsche Rechtsordnung kennt weder einen Sorgerechtsentzug auf Dauer noch den dauerhaften Ausschluss einer Rückführung. Dass der Mutter wieder die elterliche Sorge zugesprochen wird, kann also nicht verhindert werden. Allerdings setzt eine Rückführung des Kindes voraus, dass ein Gericht davon überzeugt ist, dass eine Kindeswohlgefährdung nicht mehr vorliegt.

Man muss von einer hohen Dunkelziffer ausgehen, was wissen wir aus der Forschung über die Häufigkeit von sexuellem Missbrauch durch Mütter und Väter?
In einer sehr ausdifferenzierten Schweizer Studie mit Jugendlichen berichteten pro 1.000 Befragte 6,5 Mädchen und 0,3 Jungen von sexuellen Missbrauch mit Körperkontakt durch Vater oder Stiefvater, je 0,9 Mädchen wie Jungen entsprechende Vorkommnisse mit Mutter bzw. Stiefmutter. Für Deutschland würde ich ähnliche Befunde erwarten.

Kontakt
Dr. Heinz Kindler
Leitung der Fachgruppe Familienhilfe und Kinderschutz
kindler@dji.de

Dr. Felicitas v. Aretin
Leitung der Abteilung Medien und Kommunikation
089 62306-258
aretin@dji.de

Misssbrauchsfall von Staufen: Erster Angeklagter vor Gericht, ZDF Heute, 12.04.2018

Problem erkannt, Gefahr nicht gebannt, Süddeutsche Zeitung vom 15.02.18Forschungsmagazin DJI Impulse 2/2017 über sexuelle Gewalt in Heimen und Schulen

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