Ralf Kuhnke verabschiedet sich in den Ruhestand

Der Psychologe und Datenspezialist war 25 Jahre für das DJI in Halle tätig

Der langjährige DJI-Mitarbeiter Ralf Kuhnke verabschiedet sich in den Ruhestand; Foto: Markus Scholz

21. Dezember 2017 -

Nach einem Vierteljahrhundert am Deutschen Jugendinstitut geht der studierte Psychologe und Empiriker Ralf Kuhnke mit 65 Jahren in den wohlverdienten Ruhestand. Zuletzt unterstützte er am DJI das Zentrum für Dauerbeobachtung und Methoden bei der Auswertung der vielbeachteten DJI-Kinderbetreuungsstudie U15 (KIBS).

Der berufliche Werdegang des gebürtigen Brandenburgers verlief wie bei vielen vergleichbaren Biografien jener Zeit alles andere als gradlinig. Ralf Kuhnke wächst gemeinsam mit seinen drei Geschwistern in Potsdam auf und besucht dort die Polytechnische Oberschule bis zur 10. Klasse. Die damalige Spezialschule bietet die Möglichkeit, im Rahmen einer frühen Berufsorientierung bereits während der 9. und 10. Klasse das erste Lehrjahr zu absolvieren. Statt die Lehre unmittelbar abzuschließen, beginnt Ralf Kuhnke jedoch mit einer Facharbeiterausbildung, die mit dem Erwerb des Abiturs abschließt, weil er – wie der große Bruder – gern studieren möchte.

Der in der ehemaligen DDR häufig gewählte dreijährige Bildungsweg – zum gleichzeitigen Erreichen der Hochschulreife und eines Facharbeiterabschlusses – führt Ralf Kuhnke bis 1972 als angehenden Maschinenbauer in den Stammbetrieb der Bezirksstadt Potsdam: das Karl-Marx-Werk, einen traditionellen Hersteller von Lokomotiven (ehemals Orenstein & Koppel). Praktische Erfahrungen mit der DDR-Wirtschaft sammelt Ralf Kuhnke beim Niedergang dieses Großbetriebs als Produzent von, wie er sagt, „Lokomotiven über unrentable Großblöcke für Klimatechnik bis hin zu Kranaufbauten für Kraftfahrzeuge und zuletzt gar Kochtöpfen als Konsumgüterproduktion“.

Seine guten schulischen Leistungen werden mit einer Auszeichnung belohnt, die ihm „die bevorzugte Delegation zum Studium“ bescheinigt. Am liebsten möchte er danach in Dresden Chemie studieren. Er interessiert sich für die Fachrichtung Explosiv- und Treibstoffe, hat als Maschinenbauer jedoch die falsche Vorbildung, einen der wenigen Plätze zu bekommen. Im Rahmen der Studienlenkung soll er daraufhin ein Studium der Informationstechnologie und Informationsverarbeitung antreten. Dies lehnt Ralf Kuhnke, der spätere Fachmann für quantitative Datenanalysen, damals jedoch ab, geht stattdessen als Kraftfahrer zum VEB Kombinat Güterkraftverkehr.

Nachdem er 1974 seinen Wehrdienst abgeleistet hat, führt ihn sein wachsendes Interesse an sozialen Fragestellungen dazu, sich 1975 in Leipzig für ein Studium der Psychologie einzuschreiben. Schon früh ist ihm klar, dass er sich mehr für die methodologisch-wissenschaftliche als für die therapeutisch-klinische Richtung interessiert. Allerdings wird seinem Wunsch, nach dem Abschluss 1981 als Forschungsassistent an der Universität Leipzig bleiben zu dürfen, nicht entsprochen. Das Volksministerium hat andere Pläne mit dem ersten Absolventenjahrgang in Pädagogischer Psychologie: An einer Pädagogischen Hochschule (PH) soll Ralf Kuhnke stattdessen Unterstufenlehrer und Pionierleiter ausbilden.

Allerdings haben die Verantwortlichen an der PH „zum Glück ihre eigenen Kaderpläne“, wie er sagt. Er nimmt dies als sehr gelegen kommenden „Freibrief“, sich selbst auf die Suche nach einer passenden Anstellung machen zu können. Er spricht mit dem damaligen Leiter des Zentralinstituts für Jugendforschung (ZIJ) in Leipzig: Walter Friedrich. Der diplomierte Psychologe erinnert sich noch genau daran, wie er Friedrich gegenüber seine Anschauung deutlich macht, dass die Therapie am Individuum kaum etwas ausrichten könne, wenn es die Gesellschaft sei, die krank macht. Zehn Jahre lang wird Ralf Kuhnke, besonders als Forschungsmethodiker, die Arbeit am ZIJ mitgestalten. Dazu gehören zahlreiche Jugendstudien, von denen vor allem die Längsschnitte einen unglaublichen Datenschatz bergen.

Nach der Wende erfolgt nach der Schließung des ZIJ 1990 die Neugründung als regionale Arbeitsstelle des DJI in Leipzig. Ralf Kuhnke wird wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Abteilung Jugend und Jugendhilfe, wo er u.a. die Längsschnittstudien zu Fähigkeitsentwicklungen im Kindes- und Jugendalter im Projekt „Chancen und Risiken des Erwachsenenalters“ weiterführen kann. Im Mittelpunkt stehen dabei die Wege, die die Jugendlichen nehmen, insbesondere Aspekte der Verhaltensorientierung.

1996 wechselt der von der sozialen Idee überzeugte Forschungsmethodiker an die Universität Halle – als Leiter des Arbeitsbereichs quantitative Schulforschung am Zentrum für Schulforschung und Fragen der Lehrerbildung (ZSL). Die Stelle ist auf drei Jahre befristet.

Anschließend kehrt Ralf Kuhnke wieder an das DJI zurück, diesmal als wissenschaftlicher Mitarbeiter des Forschungsschwerpunkts „Übergänge in Arbeit“. Bei der Untersuchung von Fragen rund um die berufliche Entwicklung von jungen Menschen mit Schwierigkeiten beim Übergang in die Ausbildung steht die Praxisforschung im Vordergrund, was für den Grundlagenforscher Ralf Kuhnke einerseits eine Umstellung bedeutet, auf der anderen Seite aber reichlich Gelegenheit bietet, sein großes Engagement für sozial Benachteiligte mit empirischer Arbeit zu unterfüttern. Dort widmet sich Ralf Kuhnke vorwiegend dem Thema „Bildungsbiografien von Jugendlichen“, u.a. mit der Schaffung und Auswertung empirischer Datengrundlagen in den Förderinitiativen „Freiwilliges soziales Trainingsjahr“ sowie „Regionales Übergangsmanagement“, und damit Bundesmodellprogrammen, deren Erkenntnisse später in die bundesweite Einrichtung von Transferagenturen für kommunales Bildungsmanagement einflossen.

In seiner Freizeit ist der dreifache Vater Ralf Kuhnke, der schon zu Jugend- und Studentenzeiten kulturell und politisch sehr engagiert war – zum Beispiel als Mitstreiter der populären und legendären Moritzbastei –, in zahlreichen Ehrenämtern aktiv. So gründete er 1990 mit ehemaligen Kolleginnen und Kollegen die Gesellschaft für Jugend- und Sozialforschung e.V., in der wichtige Themenstellungen des ZIJ über ABM-Förderung von Forschungsstellen fortgeführt werden konnten. Tatkräftig unterstützt er die Sanierung einer kleinen Rittergutskirche nahe Leipzig in Kleinliebenau. Diese wurde von einem Freund für einen Euro gekauft und vom gemeinsam gegründeten Kultur- und Pilgerverein zu einer überkonfessionellen Kulturstätte sowie zu einem Pilgerquartier auf dem ökumenischen Pilgerweg ausgebaut.