Kinder- und Jugendhilfe wird immer wichtiger

Mehr öffentliche Verantwortung für das Aufwachsen von Kindern und Jugendlichen hat ihren Preis Ausgaben für die Kinder- und Jugendhilfe haben sich verdoppelt

Die Ausgaben für die Kinder- und Jugendhilfe in Deutschland wachsen rasant. Vor allem die Kommunen, aber auch der Bund und die Länder haben für ihre Angebote und Maßnahmen im Jahr 2016 insgesamt rund 45 Milliarden Euro ausgegeben – mehr als doppelt so viel wie zehn Jahre zuvor. Zum Vergleich: Für allgemeinbildende und berufliche Schulen betrugen die Ausgaben der öffentlichen Haushalte im Jahr 2016 etwa 64 Milliarden Euro.

Mit ihrem breiten Angebotsspektrum ist die Kinder- und Jugendhilfe längst zu einem elementaren Teil des Sozialsystems geworden. Es reicht von Betreuungs-, Bildungs- und Freizeitangeboten für Kinder und Jugendliche über die Hilfen zur Erziehung für Familien bis hin zu Schutzmaßnahmen für Kinder und Jugendliche in Notsituationen. Die Kindertagesbetreuung ist dabei das mit Abstand größte Arbeitsfeld. 

Auch als Arbeitgeber nimmt das Gewicht der Kinder- und Jugendhilfe immer mehr zu: In den rund 92.000 Einrichtungen und Dienststellen der überwiegend gemeinnützigen, zivilgesellschaftlichen Träger der Kinder- und Jugendhilfe sind mittlerweile mehr als 800.000 Personen pädagogisch berufstätig, also mehr als die aktuell rund 760.000 Lehrkräfte an allgemeinbildenden Schulen. Ehrenamtlich und freiwillig Engagierte sind dabei noch gar nicht mitgezählt.

Angebote und Institutionen der Kinder- und Jugendhilfe sind aus dem Alltag junger Menschen nicht mehr wegzudenken. Das belegt und veranschaulicht der neu erschienene Kinder- und Jugendhilfereport 2018, den die Arbeitsstelle Kinder- und Jugendhilfestatistik im Forschungsverbund Deutsches Jugendinstitut/Technische Universität Dortmund veröffentlicht hat. Der Report bietet umfassende und übersichtlich aufbereitete Daten und bietet damit eine Grundlage für die vielen aktuellen Diskussionen über die Kinder- und Jugendhilfe. Die zentralen Ergebnisse zu den einzelnen, ganz unterschiedlichen Arbeitsfeldern im Überblick:

Trotz des massiven Ausbaus der Kindertagesbetreuung in den vergangenen Jahren fehlen weiterhin Plätze und Personal

Innerhalb eines Jahrzehnts wurden eine halbe Million Kinder mehr in die Kindertagesbetreuung aufgenommen, mehr als 6.600 Kitas sind neu hinzugekommen, und fast 280.000 zusätzliche Fachkräfte wurden eingestellt. Gleichzeitig gibt es immer noch Eltern, die sich einen Platz in der Kindertagesbetreuung wünschen, denen aber keiner zur Verfügung gestellt werden konnte. Zusätzliches Personal wird darüber hinaus in der Debatte um die Qualität in den Kitas gefordert, um den Anforderungen, die an moderne Kitas gestellt werden, besser gerecht werden zu können. Infolgedessen werden auch in Zukunft weitere Plätze sowie zusätzliche Fachkräfte benötigt.

Noch nie waren die Hilfen zur Erziehung zahlenmäßig größer und in ihren Angeboten ausdifferenzierter als heute – aber es mehren sich Anzeichen einer Trendwende

Pflegefamilien, Heime und Wohngruppen für Heranwachsende sind neben den ambulanten Hilfen für Familien und der Erziehungsberatung wichtige Angebote der Hilfen zur Erziehung. Deren Inanspruchnahme ist im Vergleich zum Beginn der 1990er-Jahre – also seit Inkrafttreten des Kinder- und Jugendhilfegesetzes – deutlich gestiegen. Im vergangenen Jahrzehnt ist dieser Anstieg vor allem durch einen verbesserten Kinderschutz und die zwischenzeitlich vehement gestiegenen Fallzahlen bei den unbegleitet nach Deutschland eingereisten Minderjährigen bedingt. Diese Entwicklung ging mit steigenden finanziellen Aufwendungen und vermehrten Personalressourcen einher.

Bei den stationären Hilfen müssen sich die Träger jedoch nach längerer Zeit wieder auf rückläufige Fallzahlen einstellen, wie die Daten der Kinder- und Jugendhilfestatistik aus dem Jahr 2017 andeuten. Ursache ist, dass die jungen unbegleiteten Geflüchteten, die in den Jahren 2015 und 2016 nach Deutschland kamen, mittlerweile zu einem großen Teil volljährig geworden sind. Diese jungen Menschen erhalten nach und nach keine weitere Unterstützung durch die Kinder- und Jugendhilfe mehr.

Anstieg ambulanter Eingliederungshilfen für Kinder und Jugendliche mit einer (drohenden) Behinderung sind eine Herausforderung für die Kooperationen mit Schulen

Auch die Inanspruchnahme von Eingliederungshilfen ist in den vergangenen Jahren gestiegen. Die Fallzahlen steigen nicht nur in der Kinder- und Jugendhilfe für junge Menschen mit einer (drohenden) seelischen Behinderung, sondern auch in der Sozialhilfe nimmt der Bedarf bei jungen Menschen mit einer körperlichen oder geistigen Behinderung zu. Die Zunahmen gehen vor allem auf ambulante Leistungen zurück, zum Beispiel den „Integrationshilfen“ an Schulen. Markiert wird hierüber ein zentrales, aber nicht immer konfliktfreies Kooperationsfeld zwischen Schule, Jugend- und Sozialhilfe, aber auch dem Gesundheitswesen.

Offene Einrichtungen der Kinder- und Jugendarbeit sind eine knappe Ressource für junge Menschen

Offene Angebote der Kinder- und Jugendarbeit sind ein knappes Gut – rechnerisch teilen sich mehr als 900 junge Menschen zwischen 6 und 26 Jahren eines der rund 19.000 Angebote in Deutschland. Mehr als 40 Prozent dieser frei zugänglichen Bildungs- und Freizeitangebote sind nur an einem Tag in der Woche geöffnet. Gleichzeitig deuten die Daten darauf hin, dass viele Angebote auf eine breite Zielgruppe ausgerichtet sind: So nahmen an 47 Prozent der Angebote auch Kinder unter 10 Jahren teil, und 30 Prozent wurden gemeinsam mit der Schule durchgeführt.

Der Bedeutungszuwachs des Kinderschutzes verändert die Jugendämter und ihre Sozialen Dienste

Die 576 Jugendämter in Deutschland unterscheiden sich erheblich voneinander – zumeist handelt es sich allerdings um kleine bis mittelgroße Organisationen. Das statistisch „mittlere“ Jugendamt verfügte im Jahr 2016 über 54 Vollzeitstellen. Zehn Jahre zuvor war das Durchschnittsjugendamt mit insgesamt 32 Vollzeitstellen noch deutlich kleiner. Insbesondere das Personal in den Allgemeinen Sozialen Diensten (ASD) der Jugendämter wurde ausgebaut und seit 2006 fast verdoppelt. Dieses Wachstum und der damit forcierte Generationenwechsel im ASD erfordern vielerorts erhebliche organisatorische Neuordnungen. Notwendig wurde diese Entwicklung unter anderem aufgrund eines erheblichen Zuwachses der Kinderschutzaufgaben. Bis 2016 wurden von Jahr zu Jahr immer mehr Ressourcen für die Einschätzung und Bearbeitung möglicher Kindeswohlgefährdungen aufgewendet. In solchen Fällen handeln die ASD-Fachkräfte in einem konfliktträchtigen Spannungsfeld zwischen hoheitlicher Intervention und unterstützender Hilfestellung.

Die besonderen Herausforderungen der Zuwanderung der Jahre 2015 und 2016 für die Kinder- und Jugendhilfe

Bereits seit dem Jahr 2010 hat es einen merklichen Anstieg von Kindern und Jugendlichen gegeben, die zusammen mit ihren Eltern oder in vielen Fällen auch unbegleitet in Deutschland Schutz und Asyl gesucht haben. In den Jahren 2015 und 2016 kam es dann zu einem sprunghaften Anstieg mit erheblichen Herausforderungen für die Kinder- und Jugendhilfe, Unterbringung, Versorgung und Betreuung für unbegleitete Minderjährige zu organisieren. Währenddessen und in der Zeit danach mussten sich Träger und Fachkräfte nicht nur auf unterschiedliche Bedarfslagen einstellen, sondern auch auf die jungen Menschen und ihre Familien mit ihren spezifischen Erfahrungen und kulturellen Gewohnheiten eingehen. Die zu bewältigenden täglichen Herausforderungen haben sich verändert. Im Fokus für die Kinder- und Jugendhilfe stehen heute pädagogische Begleitung, Persönlichkeitsentwicklung und Verselbstständigung der jungen Menschen.

Das Konzept des Kinder- und Jugendhilfereports

Die Arbeitsstelle Kinder- und Jugendhilfestatistik im Forschungsverbund Deutsches Jugendinstitut/Technische Universität Dortmund hat es sich zur Aufgabe gemacht, anhand amtlicher Daten wesentliche Entwicklungen der Kinder- und Jugendhilfe herauszuarbeiten. Dieses Vorhaben schafft eine empirische Grundlage für die Fachpraxis, die Politik und die Wissenschaft. Der vorgelegte Kinder- und Jugendhilfereport 2018 setzt eine Reihe von bislang drei Ausgaben aus den Jahren 2001, 2005 und 2011 fort. Die aktuelle Publikation unterscheidet sich von ihren Vorgängern jedoch durch eine stärkere konzeptionelle Systematik, eine Standardisie-rung sowie eine konsequente Anwendung von Kennzahlen und Indikatoren für die Darstellung der einzelnen Arbeitsfelder und Leistungsbereiche. Hierüber können wichtige Hinweise auf die besonderen Herausforderungen der aktuellen und zukünftigen Situation der Kinder- und Jugendhilfe und ihrer Arbeitsfelder abgeleitet werden. Zur Autorengruppe gehören Prof. Dr. Thomas Rauschenbach, Dr. Thomas Mühlmann, Dr. Matthias Schilling, Dr. Jens Pothmann, Dr. Christiane Meiner-Teubner, Sandra Fendrich, Agathe Tabel, Nadine Feller, Katharina Kopp, Sylvia Müller und Dr. Melanie Böwing-Schmalenbrock.

Der Report ist unter dem Titel „Kinder- und Jugendhilfereport 2018. Eine kennzahlenbasierte Analyse“ im Verlag Barbara Budrich erschienen und kostet 29,90 Euro. Die Publikation steht zudem im Open-Access-Bereich der Verlagsseite als PDF-Version zum kostenlosen Download bereit (DOI 10.3224/84742240).

 

 

Kontakt

Prof. Dr. Thomas Rauschenbach
Direktor des Deutschen Jugendinstituts (DJI)
Tel.: 089/62306-280
rauschenbach@dji.de

Dr. Jens Pothmann
Arbeitsstelle Kinder- und Jugendhilfestatistik im Forschungsverbund DJI/TU Dortmund
Tel. 0231/755-5557
jens.pothmann@tu-dortmund.de

Birgit Taffertshofer
Abteilung Medien und Kommunikation
Tel.: 089/62306-180
taffertshofer@dji.de

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