mit Prof. Dr. Thomas Rauschenbach und Mariana Grgic (DJI)

Frühkindliche Bildung im Bildungsbericht 2014

Der indikatorengestützte Bericht „Bildung in Deutschland 2014“ liefert zum fünften Mal eine aktuelle Bestandsaufnahme des deutschen Bildungswesens und analysiert alle Bildungsbereiche des biografischen Lebenslaufes. Das Schwerpunktkapitel des 2014er Berichts befasst sich mit Fragen der Bildung von Menschen mit Behinderungen. Der Bildungsbericht wird alle zwei Jahre im Auftrag der Kultusministerkonferenz (KMK) und des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) von einer unabhängigen Gruppe von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern unter Leitung des Deutschen Instituts für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF) und in Kooperation mit dem Deutschen Jugendinstitut (DJI), dem Soziologischen Forschungsinstitut der Universität Göttingen (SOFI), dem Deutschen Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW) sowie den Statistischen Ämtern des Bundes und der Länder erstellt.

Herr Prof. Dr. Rauschenbach, das DJI ist seit Beginn der Berichterstattung im Jahre 2006 an der Erstellung des Berichts beteiligt und insbesondere für das Kapitel zur frühkindlichen Bildung zuständig. Gibt es den Ergebnissen zufolge Anzeichen dafür, dass sich die mit dem Ausbau verbundene Hoffnung erfüllt, Kindern aus bildungsfernen Elternhäusern und aus Familien mit Migrationshintergrund einen besseren Zugang zu frühen Bildungsangeboten zu ermöglichen?

Prof. Dr. Th. Rauschenbach Quelle Bauereiss DJIDas ist eigentlich die zweite Frage. Zunächst einmal ist festzuhalten, dass durch den Ausbau der Angebote frühkindlicher Bildung für unter Dreijährige, den sogenannten U3-Ausbau, die Beteiligung aller Kinder an öffentlicher Bildung in den letzten zehn Jahren enorm angestiegen ist. Bei genauerer Betrachtung sieht man jedoch, dass insbesondere im Alter von unter drei Jahren die Nutzung der entsprechenden Angebote bei Kindern mit Migrationshintergrund sowie aus bildungsfernen Elternhäusern immer noch geringer ist.
Die Unterschiede zwischen Kindern mit und ohne Migrations­hintergrund haben sich seit 2009 sogar etwas vergrößert. Gleichzeitig kommt hinzu, dass Kinder aus bildungsnahen Elternhäusern auch in der Familie stärker gefördert werden, beispielsweise dadurch, dass ihnen die Eltern häufig vorlesen, und sie auch die Bildungsangebote der Musikschulen oder Sportvereine häufiger besuchen. Insbesondere vor diesem Hintergrund ist es von entscheidender Bedeutung, allen Kindern einen Zugang zu frühkindlichen Bildungsangeboten zu ermöglichen.

Die bis zum Frühjahr 2013 anhaltende ungleiche Bildungsbeteiligung, also noch vor Inkrafttreten des Rechtsanspruchs, hat aber auch damit zu tun, dass es im Achten Sozialgesetzbuch verschiedene Kriterien für die Vergabe von (zu wenig) Plätzen gibt, beispielsweise die Erwerbstätigkeit beider Elternteile. Das heißt, dass es bislang auch eine mittelbare ungleiche Verteilung gab. Insofern besteht erst jetzt durch den Rechtsanspruch seit August 2013 die große Chance, auch den frühzeitigen und gleichberechtigten Zugang von Kindern mit Migrationshintergrund oder Kindern aus bildungsfernen Elternhäusern zu Angeboten der Kindertagesbetreuung zu fördern. Wie dies gelingen kann und ob es Praxisansätze aus anderen Ländern gibt, die wir in Deutschland dabei nutzen können, wird das Internationale Zentrum Frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung (ICEC) demnächst im Rahmen einer internationalen Fachtagung am DJI diskutieren.

Frau Grgic, Auskunft über mögliche Erfolge einer frühen Förderung geben die verschiedenen Sprachstandserhebungen bei den Fünfjährigen vor dem Eintritt in die Grundschule. Werden sich die Länder auf ein gemeinsames Messinstrument einigen?

Bislang werden in den Ländern immer noch sehr viele und sehr unterschiedliche Verfahren zur Sprachstandserhebung eingesetzt. Und es gibt im Moment auch keine Anzeichen dafür, dass zukünftig deutschlandweit ein gemeinsames Verfahren verwendet wird. Im Gegenteil: Mittlerweile kommen in einigen Ländern eher Zweifel an der Aussagekraft solcher Erhebungen auf. Sachsen-Anhalt hat die landesweiten Sprachstandserhebungen deswegen im Jahr 2012 bereits eingestellt, und auch Nordrhein-Westfalen hat den Ausstieg inzwischen beschlossen. Diese Länder setzen zukünftig ausschließlich auf eine alltagsintegrierte Sprachförderung in Kindertageseinrichtungen. Ein derartiger Ansatz ist auch grundlegend für die Arbeit des DJI im Rahmen der Qualifizierungsoffensive Sprachliche Bildung und Förderung der Kinder unter Drei.

Herr Prof. Dr. Rauschenbach, der zum Teil fieberhafte Ausbau der Betreuungsangebote für Kinder unter drei Jahren ließ Kritiker laut werden, die vor Qualitätseinbußen warnten. Eine gerechtfertigte Befürchtung oder geben die Ergebnisse des Bildungsberichts Entwarnung?

Mit Blick auf die Befürchtung, es könnten durch den hohen Personalbedarf der letzten Jahre und den enormen Anstieg des Personals in Kindertageseinrichtungen viele gering qualifizierte Beschäftigte ins Arbeitsfeld einmünden, kann bislang Entwarnung gegeben werden. Zumindest bis wenige Monate vor Inkrafttreten des Rechtsanspruchs lassen sich keine Dequalifizierungstendenzen hinsichtlich der Ausbildung des Personals beobachten, was auch damit zusammenhängt, dass die Ausbildungskapazitäten in der Ausbildung zur Erzieherin bzw. zum Erzieher in den letzten Jahren stark erhöht wurden. Auch in der Qualifikation der Tagespflege sind Verbesserungen zu sehen. Der Anteil der Personen ohne 160-stündigen Qualifizierungskurs und ohne pädagogische Ausbildung ist zuletzt auf sechs Prozent zurückgegangen. Zur weiteren Qualifizierung der Tagespflege wird derzeit im DJI ein neues kompetenzorientiertes Qualifizierungshandbuch entwickelt. Insofern sind auch hier zukünftig weitere Verbesserungen zu erwarten.

Frau Grgic, abgesehen vom Ausbildungsstand der pädagogischen Fachkräfte stellte die letzte NUBBEK-Studie aus dem Jahr 2012 in einigen Einrichtungen eklatante Mängel im Betreuungsalltag fest. Die Qualitätssteuerung im Bereich der Frühen Bildung steht in Deutschland noch am Anfang. Welche Schritte sind Voraussetzung für eine Beschleunigung der Qualitätsoffensive?

Auch wenn es an vielen Punkten in der Kindertagesbetreuung keine Verschlechterungen gab, gibt es immer noch zum Teil erhebliche regionale Unterschiede in der Ausgestaltung der Angebote, beispielsweise hinsichtlich der Fachlichkeit des Personals oder der Personalausstattung. Diese Beobachtungen und auch die Ergebnisse von Studien wie NUBBEK (Nationale Untersuchung zur Bildung und Betreuung und Erziehung in der frühen Kindheit) machen zukünftig eine verstärkte Diskussion von Fragen der Qualität und einheitlicher Standards notwendig. Auf europäischer Ebene wurden in der EU-Arbeitsgruppe „Frühkindliche Bildung und Betreuung“ unter Mitwirkung des DJI kürzlich Eckpunkte und Kriterien für einen europäischen Orientierungsrahmen zur Qualität frühkindlicher Bildung und Betreuung erarbeitet. An diesen Punkten müssen wir auch national ansetzen, um vom quantitativen Ausbau zu einer Qualitätsoffensive in der frühkindlichen Bildung zu kommen und allen Kindern eine qualitativ hochwertige Förderung zu gewähren.

Frau Grgic, Herr Prof. Dr. Rauschenbach, wir danken Ihnen für das Gespräch.

(Interview: DJI Online Redakteurin Susanne John)

Links

Bildungsbericht 2014

DJI Forschungsgebiet Kinderbetreuung

 

Kontakt

Mariana Grgic

 

DJI Online / Stand: 13. Juni 2014

 

Diese Seite verwendet Cookies um die Funktionalität sicherzustellen, Zugriffe zu analysieren und die Nutzerfreundlichkeit zu verbessern.
Durch die weitere Verwendung stimmen Sie der Verarbeitung von Cookies zu. Weitere Informationen und Hinweise zum Widerspruch finden Sie in der Datenschutzerklärung.