Interview

mit Jana Meier (DJI)

Jeder Einzelfall ist anders. Kriminelle Karrieren ohne Ausweg?

Im Mittelpunkt des DJI-Projekts Jugendliche Gewalttäter zwischen Jugendhilfe- und krimineller Karriere stehen junge männliche, mehrfach straffällig gewordene Gewalttäter und der institutionelle Umgang mit ihnen. Dabei werden zwei Perspektiven in den Blick genommen: Einerseits wird die Sicht der Jugendlichen auf ihre Erfahrungen mit Jugendhilfe und Justiz erhoben. Andererseits interessiert die Sichtweise der Akteure dieser Institutionen.

Das Projekt ist an die Arbeitsstelle Kinder- und Jugendkriminalitätsprävention angeschlossen und wird von Jana Meier und Anke Petrat durchgeführt und von Johannes Webhofer als wissenschaftliche Hilfskraft unterstützt. Gefördert wird dieses Forschungsprojekt mit einer Laufzeit von insgesamt drei Jahren seit Oktober 2011 vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ).

Frau Meier, Sie untersuchen in einem empirischen Projekt die Gruppe der jugendlichen Gewalttäter, die bereits mehrfach auffällig wurden. Warum richten Sie Ihr Augenmerk gerade auf diese relativ kleine Gruppe?

Wir wollen von diesen besonders schwierigen Fällen lernen, wie die Jugendhilfe effektiver handeln kann, wenn es um verfestigte Jugenddelinquenz geht. Ein Großteil dieser besonders schwierigen Fälle ist den Jugendämtern schon lange bekannt. Wir haben also eine „Fallgeschichte“, bei der das Projekt verstärkt den Blick auf die Schnittstellen zu anderen Institutionen lenkt.

Wir führen deshalb zunächst Interviews mit mehrfachauffälligen jugendlichen Gewaltstraftätern und deren Eltern, um mehr über die Adressatenperspektive zu erfahren. Anschließend werden dann die Jugendhilfe- und Justizakten analysiert und weitere Interviews mit fallführenden Fachkräften geführt. So sollen die einzelnen Karrieren multiperspektivisch rekonstruiert und die Sicht aller Akteure einbezogen werden. Wir haben uns bewusst dafür entschieden, zuerst mit den Jugendlichen zu sprechen, um einen offenen Blick auf ihre Lebensgeschichte zu haben und uns diesen Blick nicht durch zu viel Vorwissen - zum Beispiel durch eine vorherige Aktenanalyse - zu verstellen.

Am Anfang Ihres Projekts stand 2012 ein Hearing mit Expertinnen und Experten, bei dem Sie die an der Kriminalitätsprävention beteiligten Akteure zusammengebracht haben. Welche sind dies im Einzelnen?

Dies sind die Kinder- und Jugendhilfe, die Polizei, die Justiz – also Staatsanwaltschaft und Strafvollzug –, die Schule und immer häufiger die Kinder- und Jugendpsychiatrie. Diese Institutionen stellten ihre jeweilige Sicht auf die „Karrieren“ der Jugendlichen und auf die Zusammenarbeit der Institutionen an den Schnittstellen vor. So konnten wir die Perspektiven der beteiligten Institutionen aufnehmen und gleichzeitig unsere Thesen und Vorannahmen für die Interviewphase validieren.

Es saßen also sehr unterschiedliche Institutionen an einem Tisch. Verfolgen diese ähnliche oder auf einander abgestimmte Strategien?

Nein, im Gegenteil. Es wurde von allen Seiten betont, dass die im Feld tätigen Institutionen unterschiedliche Strategien für den Umgang mit jugendlichen Mehrfachtätern haben. Sie setzen eben nicht den gleichen Fokus, denn sie haben unterschiedliche Rollen und Zugänge. Diese Gegebenheiten zu erkennen, ist für eine gelingende Kooperation eine wichtige Voraussetzung. Uns war es bei dem Treffen wichtig, dass die einzelnen Akteure über ihre eigene Rolle und ihren Fokus reflektieren. In einer solchen Runde bietet sich die Chance des gegenseitigen Austauschs, auch über die Alltagsprobleme hinaus.

Wie unterscheiden sich die Zugänge?

Polizei und Staatsanwaltschaft haben sehr forma­lisierte Verfahren, nach denen sie Intensiv- und Mehrfachtäter klassifizieren und in spe­zielle Intensivtäterprogramme einordnen, wobei sie sich  zum Teil in enger Vernetzung mit der Jugendstrafanstalt, der Jugendgerichtshilfe, der Jugendbewährungshilfe und den Jugendrichtern befinden.

Demgegenüber haben die Kinder- und Jugendhilfe, die Schule, das Jugendgefängnis und die Kinder- und Jugendpsychiatrie weniger formalisierte Verfahren im Umgang mit diesen Jugendlichen. Dafür sind sie aber an immer mehr Standorten in einen fachbezogenen Informationsaustausch eingebunden.

Was bedeutet das für die Zusammenarbeit?

Alle erwähnten Institutionen befürworten die Kooperation mit den jeweils anderen Akteuren und praktizieren diese auch. Insgesamt bestätigten alle Beteiligten, dass sich die Schwellenängste in Bezug auf andere Institutionen in den letz­ten Jahren verringert haben, dass eine gelingende Kooperation wie so häufig auch von per­sönlichen Faktoren und von den institutionellen Subkulturen abhängt.

Wo hakt es besonders?

Als Herausforderungen für die Zukunft wurden die institutionellen Hierarchien und die oft noch fehlende Einbindung der konkreten Sachbearbeiter/innen genannt. Oft ist auch das gesamte Ausmaß der Probleme der Jugendlichen durch Zeitverzögerungen und Ungleichzeitigkeiten in der jeweiligen Bearbeitung nicht allen Beteiligten bekannt. Zudem hat jede Institution ihre eigenen Dynamiken, eine sogenannte „Institutionen-Subkultur“; und bei fehlender Vernetzung wissen die am Fall beteiligten Institutionen nicht genug über die Arbeit der anderen, was für die Jugendlichen weitere Inkonsequenzen zur Folge haben kann. Die fehlende Einbeziehung und Mitwirkung der Eltern und der Jugendlichen wurden als weitere Probleme benannt.

Netzwerkbildung ist ja eine verbreitete Strategie in der Kinder- und Jugendhilfe. Auch beim Umgang mit delinquenten Jugendlichen gibt es in diesem Zusammenhang immer wieder die Diskussion über den Sozialdatenschutz. Wie beurteilen Fachleute dieses Thema?

Der Sozialdatenschutz muss natürlich auch bei der Kooperation in Bezug auf jugendliche Gewalttäter immer sorgfältig mit bedacht und reflektiert werden und bleibt eine wichtige Voraussetzung im Umgang mit diesen Jugendlichen. Es ist nicht so, dass der Sozialdatenschutz eine sinnvolle Kooperation behindert oder gar unmöglich macht.

Können Sie in dieser Projektphase schon mehr über die Jugendlichen sagen?

Obwohl alle 30 befragten Jugendlichen ihre ganz individuelle Geschichte haben, ist auffällig, dass sie alle unter vielschichtigen Problemen leiden und die Delinquenz nur einen Bereich in ihrem Leben darstellt. Die Eltern sind häufig getrennt, teilweise sind Elternteile verstorben oder waren nie anwesend, und es gibt nicht selten (auch wechselnde) Stiefelternteile. Ein Teil der Befragten hat schon frühe Heim- und Pflegeelternerfahrungen, und es gibt Gewalt sowie Alkohol- und Drogenprobleme in den Familien – sowohl bei den Jugendlichen selbst als auch bei den Eltern. Einige der Befragten berichten auch von Haft- und Psychiatrieerfahrungen ihrer Eltern, Geschwister oder anderer Verwandter. Ein Teil der Jugendlichen hat zeitweise auf der Straße gelebt, ein Teil hat keine deutsche Staatsangehörigkeit, andere haben eine ungeklärte Staatsangehörigkeit und sogar nur den Status der Duldung in Deutschland, was sie und ihre Familien neben der allgemeinen Diskriminierung, die in den Interviews häufig angesprochen wird, noch mit besonderen Problemen konfrontiert, zum Beispiel dass sie nach der Haft eventuell abgeschoben werden.

Wann sind die Jugendlichen erstmalig auf die schiefe Bahn geraten?

Über erstes delinquentes Verhalten wird von den Jugendlichen teilweise schon in der frühen Kindheit berichtet: Die ersten Erfahrungen mit der Polizei hatten zwei Drittel der Befragten mit zwölf Jahren und früher. Als Gründe für ihr delinquentes Verhalten werden ganz unterschiedliche Faktoren genannt. Oft wird der falsche Freundeskreis verantwortlich gemacht, teilweise werden Raub- und Diebstahlsdelikte auch mit materieller Not erklärt, einige Jugendlichen geben an, schon immer aggressiv gewesen zu sein, oder Alkohol und Drogen werden als Rechtfertigung genannt. Andere berichten auch, dass sie familiäre Probleme mit Straftaten oder Alkohol- bzw. Drogenkonsum kompensieren wollten.

In den Interviews wird aber auch deutlich, dass die Jugendlichen sich eigentlich ein ganz normales Leben wünschen, gern einen Schulabschluss und eine Ausbildung absolvieren würden, eine Familie gründen möchten und einfach ein ruhiges Leben ohne Drogen, Kriminalität und permanente Angst vor einer Strafverfolgung führen wollen, was ihnen aufgrund verschiedener Faktoren bisher noch nicht gelungen ist und was durch einen Gefängnis- oder Arrestaufenthalt auch nicht einfacher für sie wird.

Können Sie mit dem multiperspektivischen Projektdesign auf Erfahrungen aus anderen Projekten zur Jugendgewalt zurückgreifen?

Die Arbeitsstelle Kinder- und Jugendkriminalitätsprävention hat in mehreren empirischen Forschungsprojekten die Kooperationsstrukturen von Institutionen erforscht, z.B. in den Projekten Polizeilich mehrfach auffällige Strafunmündige und Kooperation im Fall von jugendlichen Mehrfach- und Intensivtätern.

In der Abteilung Jugend und Jugendhilfe des DJI kann des Weiteren auf Erfahrungen aus den Projekten Evaluation des Pilotprojektes Ambulante Intensive Begleitung und Freiheitsentziehende Maßnahmen im Rahmen von Kinder- und Jugendhilfe, Psychiatrie und Justiz aufgebaut werden.

Dabei hat sich gezeigt, dass es gerade bei den schwierigen Fällen wünschenswert ist, sich neben der Institutionenperspektive auch die Adressatenperspektive intensiver anzuschauen. Durch diesen Ansatz des aktuellen Forschungsprojektes versprechen wir uns, mehr über die institutionellen Anteile an den Karrieren zu erfahren und gezielt gegenzusteuern.

Frau Meier, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

(Interview: DJI Online Redakteurin Susanne John)

 

Die Autorin
Jana Meier (Jg. 1975) arbeitet nach dem Studium der Soziologie und Kriminologie in Leipzig, Berlin, Hamburg und Barcelona zwei Jahre als wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg. Seit 2011 ist sie als wissenschaftliche Referentin in der Arbeitsstelle Kinder- und Jugendkriminalitätsprävention am DJI tätig.

Das Projekt
Im Rahmen des Projekts „Jugendliche Gewalttäter zwischen Jugendhilfe- und krimineller Karriere“ wurden 30 Interviews mit Jugendlichen an vier Standorten im Bundesgebiet, in zwei Jugendstrafanstalten und zwei Jugendarrestanstalten, geführt. Bei der zurzeit laufenden Auswertung werden Typen identifiziert, aus denen zehn Fälle für eine vertiefte Fallanalyse ausgewählt werden. Bei diesen Fällen werden auf der einen Seite die Jugendhilfe- und die Justizakten der Jugendlichen untersucht und auf der anderen Seite Interviews mit den Erziehungsberechtigten sowie den fallführenden Fachkräften der Jugendhilfe geführt, um ein möglichst umfangreiches, die verschiedenen Perspektiven zusammenführendes Bild zu erhalten.

Links
Arbeitsstelle für Kinder- und Jugendkriminalitätsprävention
Jugendliche Gewalttäter zwischen Jugendhilfe- und krimineller Karriere
Ergebnisse des Expert/inn/en-Hearings

Kontakt
Dipl.-Soz. Jana Meier, M.A. Kriminologie
meier(at)dji.de

Tel. +49 89 62306 141