Gespräch mit Dr. Herwig Reiter, Zentrum für Dauerbeobachtung und Methoden (DJI)

Das in den 1970er Jahren von Andreas Witzel entwickelte Problemzentrierte Interview ist heute ein Standardhandwerkszeug der qualitativen Sozialforschung. Gemeinsam mit Witzel hat Dr. Herwig Reiter (DJI) ein Buch verfasst, das Erfahrungen aus Praxis und Lehre dieser speziellen Interviewführung der letzten drei Jahrzehnte aufnimmt. DJI Online hat mit ihm über Grundlagen, häufige Irrtümer und das Verhältnis von quantitativer und qualitativer Forschung gesprochen.


Herr Dr. Reiter, gemeinsam mit Dr. Andreas Witzel haben Sie ein Buch über das Problemzentrierte Interview (PZI) geschrieben. Angesichts einer ohnehin schon recht blühenden Landschaft qualitativer Herangehensweisen drängt sich die Frage auf, was oder ob diese Form des Interviews bloß eine weitere Spielart ist oder ein grundlegend neuer Ansatz?

Das PZI wurde bereits Ende der 1970er Jahre von Andreas Witzel entwickelt und gehört seither zum Standardhandwerkszeug der qualitativen Sozialforschung. Genau genommen ist das PZI damit also ein grundlegend alter Ansatz, der dazu beigetragen hat, die Landschaft qualitativer Herangehensweisen erst zum Blühen zu bringen! Mittlerweile hat sich die qualitative Sozialforschung in Deutschland nicht nur profiliert, sondern auch stark ausdifferenziert. Hierbei ist die Methode des Interviews nach wie vor eines der beliebtesten Verfahren der interpretativen Sozialforschung.

Woran liegt das?

Das liegt u.a. daran, dass diese Art von Forschung nicht nur textbasiert, sondern vor allem weitgehend „authentisch“ ist: der zu interpretierende Text wird nicht erst in Form von Protokollen von Forschern und Forscherinnen produziert. Außerdem ist das qualitative Interview eine pragmatische Alternative zu aufwändigeren Methoden und Ansätzen wie etwa der teilnehmenden Beobachtung oder der Ethnographie. Das PZI gehört zu den wenigen qualitativen Interviewansätzen, deren methodologische Grundlagen ausgearbeitet sind – d.h. es reflektiert die Möglichkeiten, Bedingungen und Grenzen sozialwissenschaftlicher Wissensgewinnung im Rahmen des jeweiligen Verfahrens. Das Buch gab uns die Gelegenheit, die Erfahrungen aus Praxis und Lehre der letzten drei Jahrzehnte in eine überarbeitete Darstellung des PZI aufzunehmen. Durch die englische Sprache wollen wir auch den nicht-deutschsprachigen Raum erreichen.

In welchen Fällen würden Sie das PZI als geeignete Methode empfehlen?

Die Wahl einer Methode sollte in erster Linie von der Fragestellung der Studie abhängen; Projektkontext und Ressourcen kommen als weitere wichtige Auswahlkriterien hinzu. Methodenkompetenz besteht auch darin, die Angemessenheit und Brauchbarkeit von Verfahren und Ansätzen für das konkrete Forschungsinteresse einschätzen zu können. Auch die Kombination von standardisierten und nicht-standardisierten Verfahren, die häufig unter dem Schlagwort „Mixed Methods“ diskutiert wird, muss in erster Linie in Bezug auf die Fragestellung sinnvoll sein; sie ist nicht automatisch vorzuziehen. Die Verwendung des PZI ist von diesem Prinzip nicht ausgenommen: Es ist kein universelles Instrument, das zur Untersuchung beliebiger Fragen geeignet ist.

Am DJI nutzen einige Projekte neben standardisierten Erhebungsmethoden auch narrative Interviews. Worin unterscheiden sich diese Varianten?

Eine wichtige Besonderheit des PZI besteht darin, dass es auf einem erweiterten Interesse an der Perspektive der Interviewpartner/innen basiert, das auch die subjektive Interpretation des Gesagten und Erlebten einschließt. In Abgrenzung zum narrativen Interview, dessen Grundlage in erster Linie Erzählungen der Interviewpartner/innen sind, die im Rahmen sehr stark asymmetrischer Kommunikation entstehen, basieren PZIs auf einer eher dialogischen Form der Kommunikation.

Warum sind Sie ein Fan gerade dieser Form des Interviews?

Es war genau dieser interaktive Aspekt, der sich sowohl auf die Interviewführung als auch auf den Prozess der Bedeutungsrekonstruktion bezieht, der mich ursprünglich am PZI interessiert hat. Es geht um eine diskursive Verständigung über Bedeutungen und Interpretationen, bei der die Gesprächspartner/innen ernst genommen werden. Während die Forscher/innen zumeist eine Vorstellung davon haben, was sie herausfinden wollen, wird dieses Erkenntnisinteresse im PZI stärker offengelegt; außerdem sind die Interviewten im Laufe des Gesprächs dazu eingeladen, an der Interpretation teilzunehmen. Der Interviewende hat also die Möglichkeit, erste Interpretationen schon im Laufe des Gesprächs und gemeinsam mit dem Gegenüber zu klären. Die Interpretation des Gesagten ist im PZI kein Privileg des Interviewenden. Wir verwenden für die Forscher/innen daher gern die Metapher der „wohlinformierten Reisenden“: Sie sind gut vorbereitet und haben entsprechende Prioritäten und Erwartungen; gleichzeitig wird die tatsächliche Reise und das, was sie später darüber berichten, von den Begegnungen mit anderen Menschen und deren Insiderwissen abhängen.

Werden beim PZI Leitfäden eingesetzt?

Wie andere qualitative Interviewverfahren können PZIs von der Verwendung eines Leitfadens profitieren. Ein bloßes „Leitfadeninterview“ – übrigens ein völlig unspezifischer Begriff, der gelegentlich für alle möglichen teilstrukturierten Gesprächsformen verwendet wird – , ist aber noch lange kein PZI. Das PZI verwendet den Leitfaden im Sinne eines Themenspeichers, der nur die Richtung der Fragen, jedoch nicht deren Reihenfolge oder Formulierung vorgibt. In keinem Fall geht es beim PZI darum, eine Liste vorgegebener Fragen mit den Interviewten abzuarbeiten. Das wäre mit dem Prinzip der Offenheit qualitativer Sozialforschung nicht vereinbar und würde eher der Verwendung antwortoffener Fragen in Fragebögen entsprechen.

Wie lang darf ein PZI sein?

Für qualitative Interviews gibt es eigentlich keine Längenvorgaben. Darin unterscheidet sich der qualitative Ansatz auch deutlich etwa von der Umfrageforschung, die die Dauer der Interviews sehr genau kalkulieren muss. Schließlich berechnen Sozialforschungsinstitute die Kosten auf der Basis dieser Interviewdauer. Qualitative Sozialforschung geht hingegen nicht davon aus, dass sich die Kommunikation von Inhalten standardisieren lässt. Das entspricht auch nicht unserer Alltagserfahrung; Menschen haben unterschiedlich viel zu sagen, oder brauchen mehr oder weniger Zeit, um nachzudenken und sich mitzuteilen. Übertragen in die Sprache qualitativer Sozialforschung bedeutet das, dass qualitative Interviews im Prinzip so lange fortgesetzt werden, bis die Rekonstruktion der in Frage stehenden Thematik auf der Grundlage des Gesprächs vorgenommen werden kann.

Und was ist nach Ihrer Erfahrung der Durchschnittswert für ein PZI?

Erfahrungsgemäß dauern PZIs im Schnitt etwa eineinhalb Stunden, aber es gibt auch Beispiele, bei denen diese Zeit weit überschritten wird. Dies ist vor allem dann der Fall, wenn es erstens gelingt, die wissenschaftliche Fragestellung so zu übersetzen, dass sie an die bestehenden Problemstellungen der Interviewten anknüpft. Und zweitens, wenn Interviewpartner/innen anhand der Art des Nachfragens merken, dass sie ernst genommen werden und Vertrauen fassen. Unter diesen Bedingungen werden dann auch die Interviewpartner/innen ein Interesse an dem Interview entwickeln.

Sie haben am Ende Ihres Buches eine kommentierte Liste mit Irrtümern angefügt. Welcher Fehler wird am häufigsten gemacht?

Das letzte Kapitel unseres Buchs über typische Fehler ist eine konsequente Fortführung unseres didaktischen Ansatzes. Aus eigenen Fehlern und der systematischen Analyse von Fehlern anderer haben wir ja auch selbst gelernt, unsere Interviewführung zu verbessern –fehlerlose PZIs sind uns allerdings auch noch nie gelungen. Viele Interviewfehler sind unspezifisch; sie passieren aus allen möglichen Gründen. Aber die Fehlersystematik, um die es im Buch geht, befasst sich nur mit jenen Fehlern, die den Prinzipien des PZI zuwiderlaufen. Wir unterscheiden zwei Kategorien. Bei Fehlern der Kategorie I dominieren die Interviewer/innen das Gespräch mit ihren Themen und lassen die Interviewpartner/innen nicht richtig zu Wort kommen. Bei Fehlern der Kategorie II vernachlässigen die Forschenden ihr eigenes Vorwissen und lassen sich allzu sehr von der Perspektive des Gegenübers vereinnahmen.

Nach mehreren Stationen im universitären Bereich sind Sie im Jahr 2011 ans DJI gewechselt. Welche Aufgaben haben Sie im Zentrum für Dauerbeobachtung und Methoden?

Die stärker anwendungsorientierte Forschung des DJI stellt mich vor viele neue Herausforderungen; sie ist insgesamt um einiges näher an den aktuellen Lebensrealitäten und deren institutioneller und politischer Bearbeitung. Eine meiner Kernaufgaben besteht in der Fortbildung von Kolleginnen und Kollegen im Bereich qualitativer Methoden der Sozialforschung. Allein durch die zeitliche Befristung von Forschungsprojekten entsteht immer wieder Fortbildungsbedarf. Gemeinsam mit Dr. Ulrich Pötter, der die quantitativen Methoden vertritt, erstellen wir einen jährlichen Fortbildungsplan mit grundlegenden und fortgeschrittenen Methodenveranstaltungen. Einige der Seminare und Workshops führen wir selbst durch, für andere laden wir externe Referentinnen und Referenten ein. Eine zweite Kernaufgabe meiner Position besteht in der Beratung von Forschungsprojekten, die qualitative Methoden verwenden.

Beraten Sie auch hinsichtlich der Einschätzung von Ressourcen, also der Frage: Wie viel Material ist einerseits notwendig und andererseits mit der personellen Ausstattung sinnvoll zu bewältigen?

Ja, das ist ein wichtiger Aspekt meiner Arbeit, der sich auf den Unterschied zwischen universitärer und außeruniversitärer Forschung bezieht, wie ich ihn beobachten konnte. An Universitäten ist die Mitarbeit an Projekten zumeist mit akademischer Qualifizierung, etwa einer Promotion, verbunden. Das heißt, indem sie sich gleichzeitig formal weiterbilden, profitieren die Projektmitarbeiter/innen auch persönlich von Anstrengungen, die über das Nötige oft weit hinausgehen. Außeruniversitäre Forschung kann diese Art von Motivation nicht voraussetzen. Insbesondere weniger erfahrene Forscher/innen verführt das Postulat der Offenheit von qualitativer Sozialforschung aber mitunter dazu, sich in den Daten zu verlieren und Arbeitsschritte vorzunehmen, durch die sich die Aussagekraft der Ergebnisse häufig nicht steigern lässt. Meine Beratungsarbeit kann daher auch dazu beitragen, dass die Bearbeitung der vereinbarten Leistungen im verfügbaren Rahmen bleibt.

Der empirische Hunger der Politik führt zu einer explosionsartigen Vermehrung möglichst schnell generierten belastbaren Zahlenmaterials. Kein Tag vergeht, ohne dass eine regionale Karte mit Prozentzahlen oder Stimmungsbarometer in den Medien vorgestellt werden. Hat die Qualitative Forschung, die ja recht zeitaufwändig und ressourcenintensiv ist, hier mittelfristig eine Chance, sich in der Forschungslandschaft zu behaupten?

Meiner Ansicht nach ist der Zahlenfetisch der Politik ein wichtiger Aspekt demokratischer Gesellschaften. Zuverlässige Zahlen sind unabdingbare Planungsgrundlage sozialpolitischer Steuerung, wenn es gilt, neben politischer Aufmerksamkeit auch Mittel bedarfsorientiert zu verteilen. Diese Form von Information lässt sich gewiss nicht durch ein Mehr an qualitativer Sozialforschung ersetzen.

Aus lösungsorientierter Sicht sollte es aber nicht um einen Wettbewerb gehen, sondern um die Frage, worüber die beiden Ansätze tatsächlich informieren können. Allerdings denke ich, dass die wichtige Kritik an der eingeschränkten Messbarkeit sozialer Phänomene, die in der Wissenschaft schon länger diskutiert wird, mittlerweile auch in der Politik angekommen ist. Viele der gesellschaftspolitisch relevanten Probleme sind durch rein zahlenbasierte Forschung weder ausreichend erkennbar noch angemessen politisch bearbeitbar. Wie wollen sie beispielsweise Strategien zur Veränderung von Gewaltverhältnissen in Familien entwickeln, ohne sich eingehend mit der Dynamik familiärer Beziehungen zumindest aus der Sicht beteiligter Mütter, Väter und Kinder zu befassen? Das geht nur auf der Basis qualitativ-empirischer Forschung. Oder: manche Phänomene der Jugendgewalt scheinen eine situative Komponente zu haben, die am ehesten durch sorgfältige Interaktions- und Konfigurationsanalysen zu entschlüsseln ist.

Herr Dr. Reiter, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

(Interview: DJI Online Redakteurin Susanne John)

 

Dr. Herwig Reiter (Jg. 1971) hat an der Universität Wien Soziologe studiert und am Europäischen Hochschulinstitut in Florenz in Politik- und Sozialwissenschaften promoviert. Nach seiner Tätigkeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Soziologie der Universität Bremen kam er im Jahr 2011 ans DJI, wo er am Zentrum für Dauerbeobachtung und Methoden arbeitet.

Literatur
Witzel, Andreas/Reiter, Herwig (2012): The problem-centred interview. Principles and practice. London: Sage

Links
Zentrum für Dauerbeobachtung und Methoden am DJI
DJI Online Thema: Gutes Team – Quantitative und qualitative Sozialforschung am DJI

Kontakt
Dr. Herwig Reiter, DJI 

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Dr. Herwig Reiter, DJI

DJI Online / Stand: 3.12.2012