Cyberkids Literaturreport: Kinder und Internet  
       
       
Helmut Schneider, Tobias Gehle und Christine Feil    
 

 2000

   
     
  Zusammenfassender Überblick (Christine Feil)  
 

Vorwort  
 

Kinder im Internet: empirische Studien  
 

Wie funktioniert denn das? Ratgeber für Kinder   
 

Wer suchet, der findet? Orientierungshilfen für Kinder  
 

Kinder- und Jugendschutz ein ungelöstes Problem  
 

Das Internet als Familienmedium: Elternratgeber  
  Annotierte Bibliographie (Helmut Schneider / Tobias Gehle)

 

     
   
       
       

Vorwort

Cyberkids Literaturreport: Kinder und Internet

   
   
Vorwort  
   

Die vorliegende Literaturdokumentation entstand mit Unterstützung der Arbeitsgruppe Dokumentation des Deutschen Jugendinstituts im Projekt "Internet außerschulische Lernangebote für Kinder und Jugendliche bis zum 14. Lebensjahr", das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert wird. Der Literaturbericht ergänzt die Recherchen deutschsprachiger Angebote für und von Kindern im World Wide Web. Die Ergebnisse der Internetrecherchen sind auf einer Datenbank verfügbar.


Ziel des Literaturberichtes ist es, Interessierten trotz der noch beschränkten Datenlage und des noch raren Literaturangebotes einen empirischen und medienpädagogisch orientierten Einstieg in das Thema "Kinder im Internet" zu bieten. Mit dem Bericht kann zwar ein Überblick zum Stand der vorliegenden Literatur gegeben werden, er ist jedoch nicht mehr als eine Momentaufnahme der gegenwärtigen Diskussion. Unbestreitbar ist, daß das Sujet in Öffentlichkeit, Wissenschaft und Medienpädagogik sowie in der Kinder- und Jugend(sozial)arbeit als zukunftsträchtig gehandelt wird. Mit umfangreicheren Untersuchungsergebnissen und Projektberichten, die den Umgang von Kindern mit dem Internet differenziert und aus verschiedenen Perspektiven beleuchten, ist jedoch erst mit einiger Zeitverzögerung zu rechnen. Schon deshalb wird empfohlen, den Literaturmarkt weiter zu beobachten.


Auf eine inhaltliche Besonderheit der hier vorgestellten Literatur ist bereits im Vorfeld hinzuweisen: Ratgeberliteratur für Eltern und Pädagogen, insbesondere aber für Kinder und Schüler überwiegt! Dies ist eher auf den Novitätseffekt und die dynamische Entwicklung des Mediums zurückzuführen, als auf die Problematik des Kinder- und Jugendschutzes im Internet. Die Literatur hierzu ist zwar ebenfalls relativ umfangreich, aber im Zentrum der Veröffentlichungen steht die zielgruppenorientierte Strukturierung der fluktuierenden Information, der "Internet-Guide" auf Papier. Dieser enthält in der Regel eine Einleitung mit historischen und technischen Informationen zum Medium, Verhaltensregeln zum Surfen, Chatten und Mailen im Netz, Internetadressen sortiert nach Themengebieten sowie einen Glossar. Da diese Literaturgattung von der nach wie vor rasanten Entwicklung des Internets bestimmt wird, ist ihr Verfallsdatum meistens schnell erreicht. "Graue Materialien", wie sie typischerweise im Rahmen von Projekten mit Kindern als Erfahrungsberichte oder Dokumentationen entwickelt werden, sind bislang noch ebenso selten wie sozialwissenschaftliche Abhandlungen zur Orientierung, zur Kommunikation und zum Spielen und außerschulischen Lernen von Kindern im Netz.


Die Literaturdokumentation konzentriert sich auf den deutschsprachigen Raum, erhebt aber keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Die Literatur wurde von Helmut Schneider (Kürzel: sd) bibliographisch erfaßt und durch Abstracts inhaltlich erschlossen. Die skizzierte Literaturlage in Deutschland gab Ende 1999 Anlaß, mit einer Recherche nach aktuellen Untersuchungen im angloamerikanischen Sprachraum zu beginnen, um gegebenenfalls neue Entwicklungen und Diskussionsstränge aufgreifen zu können. Das Ergebnis war eher ernüchternd; auch in den USA ist die Ratgeberliteratur dominant. Die ausgewählte ergänzende englischsprachige Literatur wurde von Tobias Gehle (Kürzel: tog) besorgt, bibliographiert und annotiert. Auf ein Schlagwortregister wurde wegen des geringen Literaturbestandes (64 Titel) verzichtet. Christine Feil faßt die Literatur im Textteil zusammen. Auf eine Verlinkung der angegebenen Quellen zur Literaturliste wurde im Textteil zugunsten der Übersichtlichkeit verzichtet. Literatur, die nicht in der Bibliographie enthalten ist, ist an der vollständigen Quellenangabe erkennbar.


Für das Internet wurde die annotierte Bibliographie wie folgt aufbereitet: Die bibliographischen Angaben wurden in einer Literaturliste alphabethisch nach Autoren bzw. Institutionen zusammengestellt. Die am Kopf des Dokuments "Bibliographie" befindliche Navigationsleiste A bis Z ersetzt ein Autorenregister zwar nur unvollkommen, erscheint jedoch mit Blick auf den Umfang der Bibliographie als orientierende Überblickshilfe ausreichend. Von der Literaturliste ausgehend kann die zu den bibliographischen Angaben gehörende "Annotation" jeweils einzeln erreicht werden. Durch Klicken ins Feld wird in der Regel die Druckfunktion des Browsers aktiviert, das Dokument kann dann wie üblich ausgedruckt werden. Aufgrund der zeitlichen Befristung des Recherchevorhabens wurde auf die Erstellung einer Datenbank verzichtet. Die Literaturrecherche wurde im Februar 2000 abgeschlossen.

 

 

   
   
   
Empirische Studien

 Cyberkids Literaturreport: Kinder und Internet

   
   
Kinder im Internet: empirische Studien
   
Das empirische Forschungsfeld "Kinder und Internet" blieb in der Etablierungsphase des Internet in Deutschland den Marktforschungsinstituten und Medienforschungsgruppen der Fernsehanbieter überlassen. Dies hat zum einen damit zu tun, daß für Forschungsarbeiten kaum eine Finanzierung zu finden ist, wenn zurecht vermutet werden muß, daß nur eine äußerst kleine und möglicherweise exklusive Gruppe von Kindern Zugang zu diesem Medium hat. Zum anderen spielt aber auch eine Rolle, daß Suchstrategien, Orientierung und Präferenzen im Internet mit Befragungen von Kindern und Eltern nur unzureichend aufgeklärt werden können. Die neue Technologie erfordert einerseits interneterfahrenes Personal und andererseits neue Forschungsmethoden; folglich wurde das Forschungsfeld Studenten und Diplomanden als Experimentierfeld überlassen. Herausragende Beispiele sind die Diplomarbeit "Kinder im Netz. Internetnutzung zwischen 6 und 13 Jahren", die Tobias Gehle 1998 an der Universität Dortmund einreichte (http://www.netz-kids.de), und die Kinderwebsite "3Dimencity", die zwei Studentinnen im Rahmen ihrer Diplomarbeit und mit Hilfe eines Sponsors im Internet etablierten (nach ihrem "Umzug" ist sie unter http://www.kidsville.de zu erreichen).

Die Forschungsinteressen der Marktforschungsinstitute sind an der Eignung des Internet als Werbe- und Verkaufsfläche oder "Marketingtool" ausgerichtet, die der Fernsehanstalten am konkurrierenden Einfluß des Internet auf die Nutzung klassischer Medien durch Kinder. Ihre Kinderbefragungen zum Internet sind deshalb in Multimediaanalysen eingebettet (vgl. z.B. Coole Profis 1997). Der Onlinebereich spielt bei den Kindern verglichen mit der Nutzung anderer Medien eine deutlich geringere Rolle; selbst bei der Computernutzung rangiert das Online-Sein auf der Rangskala ganz unten (vgl. Schwab / Stegmann 1999). Die Tragfähigkeit detaillierter Ergebnisse zum Umgang der Kinder mit dem Internet leidet bei den Multimediaanalysen folglich darunter, daß sich hinter den Prozentzahlen eine äußerst geringe Basis verbirgt. Die zentralen Ergebnisse aus den Studien Multimedia & Youth (IconKids & Youth 1999), KICS-Studie 99 (Institut für Jugendforschung 1999), Kinder und Medien 1999 KIM 99 (Feierabend / Klingler, Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest 1999), Neue und alte Medien im Alltag von Kindern und Jugendlichen (Hans-Bredow-Institut für Medienforschung1999 und Krotz 1998) wurden bereits im Beitrag "Kinder im Internet: Angebote, Nutzung und medienpädagogische Perspektiven" dargestellt (vgl. Feil 2000 auf dieser Website oder Diskurs 1/2000). Für den Literaturbericht werden sie deshalb nur in knapper Form (noch einmal) referiert.


Internetzugang, Häufigkeit und Dauer der Nutzung durch Kinder

Ca. 50% der Kinder und Jugendlichen zwischen 6 und 17 Jahren haben im elterlichen Haushalt Zugang zu einem PC, jedoch ist etwa nur jeder zehnte dieser Computer für einen Internetbesuch ausgestattet. Da 6- bis 8jährige überwiegend nur zu Hause oder auch am Arbeitsplatz der Eltern Zugang zum Internet erhalten, ist der Anteil der jüngeren Kinder mit Interneterfahrung sehr gering. Bei den 9- bis 11jährigen spielt der Anschluß im Haushalt der Freunde, bei den 12- bis 14jährigen dagegen in der Schule und im Internet-Café das es zunehmend für Kinder auf nicht-kommerzieller Basis gibt als Zugangsort eine Rolle (vgl. Hans-Bredow-Institut 1999, S. 45). Nach den Ergebnissen von IconKids & Youth (1999) haben 2% der 6- bis 8jährigen Mädchen und Jungen, 8% der 9- bis11jährigen Mädchen, aber bereits 15% der Jungen dieser Altersgruppe und 20% der 12- bis 14jährigen Mädchen gegenüber 33% der Jungen dieses Alters Erfahrungen mit dem Internet gesammelt. Demnach ist der Internetzugang von Kindern alters- und geschlechtsabhängig.

Hervorzuheben ist, daß die mit dem Alter rapide ansteigenden Zugangszahlen wenig über das Ausmaß der Interneterfahrung von Kindern besagen. Sabine Feierabend und Walter Klinger (1999, S. 3) halten fest: "Gerade vier Prozent der computererfahrenen Kinder geben an, mindestens einmal pro Woche im Internet zu surfen, weitere neun Prozent sind seltener als einmal pro Woche online (was 6% aller Kinder entspricht)." Die Nutzungsdauer pro Tag beträgt aufgrund der geringen Nutzungshäufigkeit selbst dann, wenn man die höheren Altersgruppen hinzunimmt bei den 9- bis 17jährigen durchschnittlich lediglich 6 Minuten. Zum Vergleich: Pro Tag sieht die gleiche Altersgruppe durchschnittlich 104 Minuten fern, hört 68 Minuten Radio, 59 Minuten Musik (MC/CD) und liest 21 Minuten in einem Buch (vgl. Hans-Bredow-Institut 1999, S. 47 und S. 28).

Obwohl die Ergebnisse relativ stark variieren und wegen des Alterszuschnitts und der unterschiedlich gewählten Basis kaum vergleichbar sind, zeichnet sich als Tendenz ab, daß das Einstiegsalter etwa bei 10 Jahren liegt. Jungen starten etwas früher ins Internet als Mädchen, letztere entwickeln jedoch mit zunehmenden Alter fast gleichermaßen Interesse an diesem Medium. Zusammenfassend kann festgehalten werden, daß die Kontakthäufigkeit der Kinder, gleichgültig ob Junge oder Mädchen, bislang durchschnittlich viel zu gering ist, um von "Internetkompetenzen" bei Kindern sprechen zu können, wozu beispielsweise die strategische Suche, gezielte Selektion und Navigation, Kenntnis über die Informationsquellen und deren Vernetzung und interessengeleiteter Umgang mit den interaktiven Möglichkeiten des Netzes gehören.


Aktivitäten und Präferenzen der Kinder im Internet

Kinder surfen, chatten, mailen, nur kinderspezifische Newsgroups werden noch äußerst selten genutzt. Kinder gestalten das World Wide Web aktiv mit, sie hinterlassen in Schreibwerkstätten, in Gästebüchern, auf Pinnwänden ihre Spuren, sie beteiligen sich an Diskussionsforen und sie gestalten eigene Hompepages, zumeist dann, wenn die Provider diese kostenlos an Kinder offerieren, und Erwachsene das Vorhaben der Kinder unterstützend begleiten.

Die vorliegenden Daten verweisen darauf, daß der Schwerpunkt der Internetnutzung bei jüngeren Kindern auf dem Surfen und Spielen liegt. Erst Kinder etwa ab dem 12. Lebensjahr verfügen über ausreichend ausgebildete Schreib- und Lesefertigkeiten, die sie für die Nutzung der kommunikativen Dienste und des Internet als Informationsquelle benötigen. Eindeutig altersabhängig ist das Mailen, für das sich Kinder mit steigendem Alter zunehmend interessieren. Hier zeigen sich auch geschlechtsspezifische Differenzen: Mädchen mailen wesentlich häufiger als Jungen, während letztere tendenziell die Spiele präferieren (vgl. Hans-Bredow-Institut 1999, K 39, S. 46; Institut für Jugendforschung 1999, Chart 24 und 25).

Alle Daten sind aufgrund der kleinen Basis mit äußerster Vorsicht zu interpretieren. Die Präferenzen in den Aktivitätsmustern von Kindern nach Alter und Geschlecht lassen sich jedoch auch durch amerikanische Studien belegen: Teenager präferieren auch dort die kommunikativen und gestaltbaren Aspekte des Internet (Cheskin Research / Cyberteens.com 1999; Roper Starch Worldwide Inc. 1999). Fragen nach präferierten Websites im Internet führen hingegen kaum zu aufschlußreichen Ergebnissen. Dies könnte an der Fülle des Website-Angebots für Kinder liegen, die theoretisch zu einer breiten Streuung führen kann; praktisch ist es wohl eher so, daß sich Kinder an Bekanntem aus dem klassischen Medienumfeld orientieren. Die Seiten kinderkanal.de und diddl.de erzielen Spitzenplätze auf den Präferenzlisten, während die speziell für Kinder entwickelten Webangebote weitgehend unbekannt zu sein scheinen (vgl. IconKids & Youth 1999).

In den USA wurden aufgrund medienpädagogischer Angebote für Kinder auch Untersuchungen zu den MUDs Multiple User Dungeons durchgeführt (Bruckman 1997; Schindler 1997). MUDs zeichnen sich dadurch aus, daß Kinder die virtuelle Umgebung mitgestalten können. Solche Angebote sind in Deutschland bislang nur für ältere Jugendliche im Angebot (vgl. z.B. tel-net: seife.mud.de). Interessante Informationen zu den (amerikanischen) MUDs für Kinder und ihrem pädagogischen Potential finden sich im Artikel "Nullen, Einsen und Fantasie" von Gerrit Wiebe (1999). Tamara Musfeld (1997) und Sherry Turkle (1998) beschäftigen sich mit den virtuellen Identitäten, allerdings von erwachsenen MUDs-Spielern.

Kinder benötigen Unterstützung durch Erwachsene

Die Nutzung des Internet bzw. des Broswer setzt beim gegenwärtigen Entwicklungsstand Computerkenntnisse, Basisqualifikationen im Lesen und Schreiben und rudimentäre Englischkenntnisse voraus. Es ist deshalb wenig erstaunlich, daß 60% der Kinder zwischen 6 und 14 Jahren angeben, Hilfe beim Umgang mit dem Internet zu benötigen. 35% der Kinder und Jugendlichen erhalten diese von ihren Eltern, 19% von ihren Freunden, 10% von ihren Geschwistern, 4% von anderen Verwandten und lediglich 2% von Lehrkräften (vgl. Institut für Jugendforschung 1999, Chart 21). Daß Kinder und Erwachsene häufig gemeinsam ins Internet gehen, scheint an den Spezifika des Mediums und seinen Inhalten zu liegen. Selbst in den USA, einem Land, in dem Kinder häufiger ins Netz gehen und über ausgeprägtere Interneterfahrungen verfügen als in Deutschland, geben ca. die Hälfte der Kinder an, das Internet gemeinsam mit ihren Eltern zu nutzen (Turow 1999; Roper Starch Worldwide Inc. 1999).

Über die Entwicklung von Suchstrategien und Orientierungswissen ist noch wenig bekannt. Falls man das unbefangene und unbedarfte Rumklicken im World Wide Web nicht mit einer "Internetkompetenz von Kindern" verwechseln will, scheint derzeit nur sicher zu sein, daß Kinder und Jugendliche einen erheblichen Schulungsbedarf haben (Schacter, Chung und Dorr 1998). Der Markt reagiert darauf mit dem alten Medium Buch, eine stattliche Anzahl von Internet-Ratgebern für Kinder, Eltern und Lehrkräfte wird angeboten.
 

 

   
   
   
Ratgeber für Kinder

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Wie funktioniert denn das? Ratgeber für Kinder
   
Das Informationsbedürfnis der Eltern bzw. das Interesse, Kinder ans Internet heranzuführen, scheint groß zu sein: Als im Herbst 1999 zwei Internetführer für Kinder in den Zeitungen positiv besprochen wurden, war der preiswertere nach wenigen Tagen nicht mehr lieferbar (Philippa Wingate: Das Internet. Tipps und Fakten für Einsteiger. Würzburg: Arena 1999). Das Literaturangebot ist vor dem Hintergrund, daß bislang nur wenige Kinder Erfahrungen mit dem Internet haben, erstaunlich groß. Internetguides für Kinder sind in der Regel sehr ähnlich aufgebaut, unterscheiden sich aber dennoch erheblich nach inhaltlichem Anspruch und ästhetischer Gestaltung. Wie im Vorwort bereits erwähnt, gehören zum Standard: ein historischer Abriß zur Entwicklung des Internet, die Erklärung des Aufbaus des Internet und seiner Dienste, eine Einführung in den Umgang mit der verschiedenen Software, Hinweise zum Datenschutz, einige Surfadressen zum Testen, die Erklärung des Spezialwortschatzes oder ein Glossar und eine CD-ROM mit Internetzugang für eine ca. 30-tägige Testphase (Providergebühren entfallen, Telefongebühren sind zu zahlen).

Ob Kinder, die zu den Internet-Einsteigern zählen, in der Lage sind, diese Bücher ohne Hilfe von Erwachsenen oder ohne technische Vorkenntnisse zu nutzen, ist eher zweifelhaft, da auch ein Internetführer für Kinder nicht ohne Fachsprache und englisches Vokabular auskommt. Sie sind zwar im Sprachstil weitgehend der Zielgruppe Kinder und Jugendliche angepaßt, aber bei der Erklärung der fremden und abstrakten Materie ist ein Spezialwortschatz vonnöten, der das Sprachniveau auf die Ebene des "Insider-Slang" anhebt: Ein Computer kann beispielsweise ein Client oder Server bzw. Host sein; der User surft, mailt und chattet; er kommuniziert mit Smileys, Akronymen, Emoticons und hält sich dabei an die Netiquette. Ohne Kenntnis derartiger Begriffe ist ein gezielter und bewußter praktischer Umgang mit dem Internet nahezu unmöglich. Der Sprachcode von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen ist folglich im Umfeld des Internet, zumindest gegenwärtig noch, identisch.

Einige der Internetführer für ältere Kinder und Jugendliche sind auch Erwachsenen, die sich einen ersten grundlegenden Einblick ins Internet verschaffen wollen, zu empfehlen. Hinzuweisen ist auf "Online für Kids" von Jörg Schieb und Peter Rüben, das zurecht den Untertitel "von 8 bis 88" trägt (Bonn: ITP Verlag 1998) sowie auf "Go Cyberspace! Dein Wegweiser durchs Internet" von Werner Anselm Buhre und Dieter Zoubek (Wien: Ueberreuter 1999). In ästhetischer Beziehung für Erwachsene weniger ansprechend und in eine Rahmengeschichte für Kinder verpackt, präsentieren Ted Pedersen und Francis Moss ihre Einführung "Internet for Kids! Ein Ratgeber für Kinder, Eltern und Lehrer" (Hamburg: Xenos 1997). An jüngere Kinder richtet sich "Kalle surft im Internet" von Annika Granholm, Björn Schumacher und Kenneth Andersson (Ravensburg: Ravensburger Buchverlag 1997). Da es sich dabei um einen Internet-Klassiker auf dem Kinderbuchmarkt handelt, wäre eine Anpassung der Illustrationen an Browserumgebungen jüngeren Datums sowie der empfohlenen Surfadressen allerdings dringend angebracht und gerade bei einem bereits mehrfach aufgelegten Sachbuch auch zu erwarten (3. Auflage 1999). Fraglich ist auch, ob für Kinder ab drei Jahren z.B. folgende Sätze interessante Auskünfte über "Das Internet" sind (Gallimard Jeunesse, Jean-Philippe Chabot und Donald Grant; Mannheim u.a.: Meyers Lexikonverlag 2000): "Das Internet hilft den Mitarbeitern einer Firma schwierige Aufgaben gemeinsam zu meistern. Viele Menschen arbeiten zu Hause am Computer. Das Internet verbindet sie mit ihren Kollegen im Intranet." / "Auch bei der Urlaubsplanung ist das Internet sehr nützlich. Man kann Reiseführer kaufen, ein Flug- oder Bahnticket bestellen oder ein Ferienhaus buchen."

Eine sinnvolle Ergänzung zu den Internetratgebern ist in jedem Fall ein Lexikon zum Nachschauen, Erinnern, Zurechtfinden im Sprachlabyrinth. Hans-Georg Schumann hat in seinem "Computer-Lexikon für Kids" (Bonn: ITP 1997) ein umfangreiches Wörterverzeichnis mit knappen Bedeutungserklärungen rund um den Computer übersichtlich zusammengestellt, das auch Stichworte zum Internet enthält.
 

   
   
   
Orientierungshilfen für Kinder

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Wer suchet, der findet? Orientierungshilfen für Kinder
   

Folgt man den empirischen Untersuchungen, dann sind die Such- und Surfstrategien bei Kindern und Jugendlichen in der Regel noch wenig ausgebildet (z.B. Schacter, Chung und Dorr 1998; Prechtl 1998). Annotierte Linklisten in Buchform sind ein Reflex auf dieses Orientierungsproblem im Internet und ersparen den Anfängern unter den Surfern zunächst, endlose Listen an Suchergebnissen aus Suchmaschinen und Verzeichnissen durchzuklicken, denn auch die Einschränkung der Suche nach dem Schlagwortprinzip will gelernt sein. Über Suchmaschinen und die Kunst des Suchens informiert

  • Stefan Karzaunikat: Die Suchfibel. Wie findet man Informationen im Internet. Leipzig: Klett 1999 (2. Aufl.)

Das Buch mit CD-ROM ist für Erwachsene geschrieben, aber auch für ältere Kinder und Jugendliche verständlich. Online ist es unter http://www.suchfibel.de verfügbar.

Annotierte Linklistenbücher für Kinder richten sich zumeist an Schüler (und Lehrer). Sie sind in der Regel nach Schulfächern und Themengebieten, Wissen und Spiel sowie Freizeitinteressen gegliedert. Die angeführten Internetadressen halten zwar nicht immer, was in der Annotation versprochen wird, weil einmal positiv Besprochenes anscheinend ohne Überprüfung immer wieder aufgegriffen wird. (Dies gilt insbesondere für die Referatesuchmaschinen und Hausaufgabenhilfen.) Dennoch sind diese Bücher eine kostengünstige Orientierungshilfe für den ungeübten Surfer mit mehr oder weniger klar umrissenen Interessen. Zumeist ist nur ein kleiner Teil der Angebote für jüngere Kinder geeignet. In der Bibliographie wurde auf die Besprechung von deutschsprachigen Büchern, die fast ausschließlich Links enthalten, aufgrund ihres schnellen Veraltens verzichtet. An dieser Stelle soll auf einige Informationsquellen verwiesen werden:

  • Peter Huber: Internet im Unterricht. Neuried: CARE-LINE-Verlag 1999 (2. Aufl.)
  • Günter W. Kienitz / Bettina Grabis: Internet-Guide für Schüler. Das Wissen der Welt und wo du es findest. Kempen: moses Kinderbuchverlag 1999
  • Anja und Michael Stahmann (Naturfreundejugend Bremen): Akte i die unheimlichen Fälle des www. Internetguide for young people. Der Senator für Gesundheit, Jugend, Soziales, Frauen und Umweltschutz (Hrsg.), Bremen: http://www.akte-i.de 1998


Ein umfassendes Periodikum wie die beispielhaften "Yellow Pages" von Jean Armour Polly, die Kinder und Familien durch das Internet führen, gibt es in Deutschland leider noch nicht. Unter medienwissenschaftlichen Gesichtspunkten ist die Kollektion von kinderspezifischen Adressen vermutlich nur so lange von Interesse bis sich das Internet als Alltagsmedium etabliert hat. Derzeit besteht jedoch noch ein erheblicher Informationsbedarf bei Kindern und Erwachsenen. Stefan Aufenanger (1997) klärt in seinem Streifzug durch das World Wide Web Medienpädagogen recht anschaulich über das deutsche Internetangebot für Kinder auf. Ebba Sundin (1999) hebt im Kontext der Strukturierung schwedisch- und englischsprachiger Homepages für Kinder nicht nur die Gleichzeitigkeit und den Widerspruch von Globalisierung und Amerikanisierung des Netzes hervor, sondern weist vor allem darauf hin, das es Kindern aufgrund des Aufbaus von Internetseiten kaum möglich ist, die Interessen der Anbieter, die sich mit ihrer Website an sie wenden, zu erkennen. Website-Empfehlungen für Kinder ersetzen demnach nicht die medienpädagogische Begleitung der Kinder ins Netz.

Bemerkenswert ist im Zusammenhang mit den Linkempfehlungen die Wiederbelebung der "Kinderecken" in Zeitungen und Fachzeitschriften für Erwachsene: das Computermagazin "ct" gibt interessante Internethinweise speziell für jüngere Kinder (http://www.heise.de); auch das in vierwöchigem Abstand erscheinende Computermagazin der Süddeutschen Zeitung versorgt Kinder bzw. deren Eltern mit Webempfehlungen. Selbst im regelmäßig als Beilage zur Fernsehzeitschrift TV Spielfilm erscheinenden Internetführer, den ein wenig kindgerechtes Cover ziert, ist eine meist brauchbare Sparte mit Websites für Kinder zu finden. Dies verweist zum einen auf die starke Zielgruppensegmentierung im Internet, zum anderen aber auch darauf, daß das Internet bzw. der Computer mit Modem oder ISDN-Anschluß im Freizeitbereich als Familienmedium wahrgenommen und forciert wird.

Insgesamt zeichnet sich ab, daß bei den Rezensenten die anfängliche Faszination einer kritischeren Kommentierung der Internetinhalte weicht. Die öffentliche Diskussion zum Thema Kinder- und Jugendschutz beschränkt sich zwar weitgehend auf die harten Themen Pornographie und Volksverhetzung im Internet, bei den Websites für Kinder geraten jedoch zunehmend die subtileren Gefahrenquellen ins Visier: Werbung und Kommerz. Die Forderung nach einer Werbe- und Konsumentenerziehung als Teil der Maßnahmen zur Förderung der Medien-, speziell der Internetkompetenz von Kindern steht demnach erneut auf der Agenda.

 

 

   
   
   
Kinder- und Jugendschutz

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Kinder- und Jugendschutz ein ungelöstes Problem
   
Haben Kinder und Jugendliche freien Zugang zum Internet, dann ist es möglich, daß sie mit pornographischen, gewaltverherrlichenden und volksverhetzenden Inhalten in Berührung kommen. Die Grenzen des Medienschutzes sind im Internet schnell erreicht. Daß Gefährdung von Kindern durch Gewaltdarstellungen überwiegend im Zusammenhang mit Fernsehprogrammen und Computerspielen diskutiert wird, ist wohl auf die Vielzahl der Links zu Erotik- und Pornoangeboten zurückzuführen, die andere Probleme verdrängen. Sie sind nahezu auf allen großen Websites, Suchmaschinen und Katalogen zu finden. Das Problem der Inhaltskontrolle bzw. der Entfernung gesetzlich verbotener Inhalte (vgl. u.a. Bayerisches Landesjugendamt 1998) ist dabei zu unterscheiden von dem Problem der Zugangskontrolle bzw. dem Ausschluß der Kinder von Inhalten, die Erwachsenen vorbehalten bleiben sollen oder die Kinder in ihrer Entwicklung gefährden könnten (vgl. Neumann-Braun, Klaus: Auf dem Weg zur Donquichotterie? Ein betretener Zwischenruf zum Kinder- und Jugendschutz. medien praktisch 2/2000, S. 45 - 47). Darüber hinaus sind mit dem Internet erhebliche Datenschutzprobleme verbunden. Es ermöglicht, Daten direkt bei den kindlichen Nutzern zu erheben. Kinder geben nicht nur bereitwillig ihre privaten Daten auf Webformularen preis (vgl. z.B. Aftab 2000), mit Softwareprogrammen können zudem Personen-, Interessen- bzw. Kundenprofile erstellt werden. Generell wird den Aspekten der Werbung und des E-Commerce bei Kindern zu geringe öffentliche Aufmerksamkeit geschenkt (vgl. Center of Media Education 1999; Cheskin Research / Cyberteens.com 1999).

Der Kinder- und Jugendschutz ist in all diesen Bereichen ungelöst, dies kann zusammenfassend den Berichten aus Deutschland, Großbritannien und den USA entnommen werden. In Großbritannien und in den USA rücken zunehmend die Methoden der Datenkollektion, z.B. über Registrierungsprozeduren beim Ansteuern von Websites, bei Gewinnspielen und beim Umgang der Kinder mit den interaktiven Elementen des Internet, ins Blickfeld (vgl. United States Federal Trade Commission 1998, Oswell 1999). In Deutschland hingegen wird seit Mitte der 90er Jahre die Problematik des Kinder- und Jugendschutzes einseitig so wichtig das Thema auch ist vom Schutz der Kinder vor sexuellem Mißbrauch und pornographischen Inhalten dominiert (vgl. Enquete-Kommission 1998). Läßt man die Internationalisierung des Rechts und die nationale Strafverfolgung als letztes Mittel der Inhaltskontrolle außen vor, dann konzentriert sich die Diskussion auf die Entwicklung folgender Maßnahmen:


Förderung der Medienkompetenz der Kinder bzw. der medienpädagogischen Kompetenzen der Eltern

Medienpädagogische Maßnahmen und Projekte für Kinder und Eltern sind immer wichtig und richtig, um mit den alten und neuen Medien umgehen zu lernen und ihre Inhalte produktiv nutzen zu können. Ein probates Mittel der Inhalts- und Zugangskontrolle, um die es letztlich im Kontext der Diskussion des Kinderschutzes im Internet geht, sind sie nicht, denn die Frage nach der Realisierbarkeit und Reichweite des Kinderschutzes im Internet steht nach wie vor offen im Raum. Aufgrund seiner dezentralen Struktur gilt das Internet als nicht reglementierbar, die "kompetente Begleitung" der Kinder und Jugendlichen durchs Netz ist deshalb eine der wesentlichen pädagogischen Maximen (Förderverein für Jugend und Sozialarbeit e.V. 1998). "Kinder sollen geschützt durchs Internet surfen, nach Möglichkeit jedoch ohne Zensur durch die Eltern, aber: Pornographie, Gewaltverherrlichung, rassistische, sexistische Inhalte, Seiten mit Befürwortung von Drogen-, Alkohol- und Tabakkonsum sollen durch eigene Entscheidungen der Kinder abgelehnt, wenn notwendig durch aktives Eingreifen über die Hotline der Provider und Polizeistellen der Länder unterbunden und verfolgt werden. Eltern geben dabei ein Beispiel. Denken Sie daran: wenn Sie illegale Seiten auf Ihre Festplatte laden, machen Sie sich strafbar" (Bundesarbeitsgemeinschaft der Kinderschutz-Zentren e.V. 1999, S. 5).

Generell herrscht die Tendenz vor, die gesellschaftliche Verantwortung für den Kinder- und Jugendschutz in hohem Maße auf die Elternverantwortung zu verlagern und damit zu individualisieren. Auch im Idealfalll reichen vorbildliches Verhalten und Zugangskontrolle für die Wahrnehmung der Elternverantwortung nicht aus. Eltern sollen ihrem Kind vertrauen und die Kinder ihrerseits das Gespräch mit den Eltern suchen, insbesondere wenn ihnen etwas "komisch" vorkommt. Pornographie zu einem Element der Sexualpädagogik oder Sexualaufklärung von Kindern zu entwickeln, wäre angesichts der Internetinhalte eine konsequente pädagogische Forderung, risse jedoch eine der wenigen noch vorhandenen tabuisierten Grenzen zwischen Kindheits- und Erwachsenenstatus nieder, die man obwohl in Gefahr aufrechterhalten will. Daß pädagogische Ideale Kinder nicht vor schockierenden Bildern im Internet schützen können, ist ebenso gewiß wie die Tatsache, daß Pornographie Teil der Informationsfreiheit Erwachsener im Internet bleiben wird. Die Konzentration auf Filtertechnologien als gesellschaftliche Antwort auf dem Gebiet der Freizügigkeiten im Netz und als medienpädagogisches Hilfsmittel für Eltern zeigt, daß der Kinder- und Jugendschutz mit den gängigen Kontroll- und Schutzmechanismen, die sanktionierte Ausschlußmaßnahmen für Kinder aus der Erwachsenenwelt sind, im Internet nicht funktioniert.


Technischer Kinder- und Jugendschutz (Filtertechnologie)

Filtertechnologien sollen es ermöglichen, Inhalte auszusortieren, die Kinder gefährden und ihre Entwicklung beeinträchtigen könnten. Drei unterschiedliche Verfahren sind derzeit in der Diskussion: Das "Keyword-Blocking", das auf einer Liste mit "bad words" basiert, die von den Eltern ergänzt werden kann und auf dem heimischen Computer ausgeführt wird. Das "Site-Blocking", das nach dem Indizierungsverfahren funktioniert, bei dem Webdokumente gesichtet, auf eine "schwarze Liste" gesetzt und vom Provider gesperrt werden. Das "Page-Labeling", dem ein Bewertungs- bzw. Ratingsystem zugrunde liegt (PICS, Platform on Internet Content Selection); Websites werden eigenverantwortlich oder durch Dritte eingestuft, die Filter über den Browser aktiviert (vgl. Landesstelle Jugendschutz Niedersachsen 1998). Filtertechnologien, wie z.B. NetNanny, CyberPatrol, Surfwatch, werden Eltern häufig empfohlen, die ihren Kindern einen bedingt freien Zugang zum Internet ermöglichen wollen. Auch in medienpädagogischen Projekten, z.B. in Internetcafes für Kinder und Jugendliche, und bei öffentlichen Dienstleistern, z.B. in Kinderbibliotheken, werden sie eingesetzt (vgl. Bundesarbeitsgemeinschaft Kinder- und Jugendschutz 1999). Medienpädagogen stehen sonst in der Gefahr mit dem dienstrechtlich und möglicherweise strafrechtlich relevanten Vorwurf konfrontiert zu werden, Kindern gefährdende Inhalte zugänglich gemacht zu haben (Zum Problem der Aufsichtspflicht vgl. Förderverein für Jugend und Sozialarbeit e.V. 1998, S. 8 ff.).

Filtertechnologien können die Zugriffsschwelle zu jugendgefährdenden Inhalten erhöhen, aber Kinder nur unzureichend schützen, denn adäquat und zuverlässig funktionieren sie nicht (vgl. Secorvo Security Consulting GmbH 1999; Köhntopp / Neundorf 1999; Center for Media Education 1999). Die Filter selegieren Websites unzureichend oder total, führen zu Systemproblemen und können auch von Kindern ohne große Interneterfahrung relativ unaufwendig "geknackt" werden (vgl. Landesstelle Jugendschutz Niedersachsen 1998). Trotz aller Einwände ist die Fortentwicklung der Filtertechnologie einer der Schwerpunkte des Kinder- und Jugendschutzes im Netz.


Selbstkontrolle der Internetindustrie

Da nach der Analyse des britischen Autors David Oswell 1999 die europäische Gesetzgebung die kulturellen Unterschiede berücksichtigen und die ökonomische Entwicklung auf dem Gebiet der neuen Informations- und Telekommunikationsdienste nicht behindern will, werden für die genuinen Aufgaben des Staates im Bereich des Kinder- und Jugendschutzes die Eltern und die Industrie in die Pflicht genommen. Dies gilt auch für Deutschland. Die Enquete-Kommission (1998) subsumiert zurecht die Filtertechnologien unter die Selbstregulierungseinrichtungen der Internetindustrie: "Eine typische Marktreaktion ist die Produktion von sogenannten 'end-of-pipe-Lösungen', wenn der Markt negative externe Effekte produziert. Im Falle des Kinder- und Jugendschutzes hat die Online- und die Software-Industrie in diesem Sinne reagiert ..." (S. 69).

Die Selbstkontrolle der Anbieter und Provider umfaßt neben der Fortentwicklung der Filtertechnologie und der Kennzeichnung der Internetinhalte, vor allem die Verständigung auf einen gemeinsamen Verhaltenskodex (vgl. unter Links zum Kinder- und Jugendschutz Bertelsmann-Stiftung 1999). Die Internetindustrie sieht sich zur gesellschaftlichen Verantwortung verpflichtet. Jedoch wies die Enquete-Kommission bereits 1998 darauf hin, daß eines der Grundprobleme der Selbstkontrolle die wirtschaftlichen Interessen seien und Selbstkontrolle keinesfalls staatliche Gesetzgebung und staatliche Kontrolle ersetzen könne.

Ein Novum in der Entwicklung des Medienschutzes in Deutschland wird vor diesem Hintergrund, dem Verhältnis von wirtschaftlichen Interessen, Informationsfreiheit, Kinder- und Jugendschutz, verständlich: Die Initiative und Kompetenz für Kinder- und Jugendschutzfragen im Internet liegt beim Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie (vgl. Links zum Kinder- und Jugendschutz).


Portalseiten für Kinder

Im Zusammenhang mit dem Gutachten "Jugendschutz und Filtertechnologie" wurde gefordert, Portalseiten für Kinder zu entwickeln (vgl. Secorvo Security Consulting GmbH 1999, S. 153). Portale sind Verzeichnisse, Kataloge oder "Surfbretter", die zielgruppenorientierte Spezialangebote gegliedert nach Rubriken oder Schlagwörtern enthalten. An prominentester Stelle steht die Suchmaschine "Blinde Kuh" http://www.blinde-kuh.de, ein Webkatalog von Birgit Bachmann und Stefan R. Müller, der aus privater Initiative heraus, ohne jedes kommerzielle Interesse entstand. Ausgewählte Webangebote für Kinder bilden den Inhalt und Schwarze Bretter, Mailinglisten, Spiele sowie Infomationen zu den verschiedensten aktuellen Themen gehören zum umfangreichen Zusatzangebot. Portale sind sicherlich ein guter Weg, Kindern nicht nur einen geschützten, sondern auch einen interessanten Einstieg ins Internet zu bieten. Sie können auch einen erheblichen Beitrag dazu leisten, daß von Kindern Informatives und Unterhaltendes überhaupt aufgefunden werden kann. Die Kinder- und Jugenschutzrelevanz von Kinderportalen wird allerdings von den Interessen der Anbieter abhängen, von den Schwerpunkten, die sie setzen, und von ihrer Bereitschaft, personelle und finanzielle Ressourcen bereitzustellen, die nicht nur in das Design eines attraktiven Angebots, sondern in die Prüfung der Links fließen, die in die weit verzweigte Landschaft des World Wide Web führen.

In jüngster Zeit sind zwei Webangebote für Kinder auf dem Internetmarkt erschienen, die sich "Portal" nennen. Beide Angebote befinden sich noch in der Aufbauphase, verdeutlichen aber, daß ein Kinderportal in der Praxis wenig mit einem "traditionellen" Portal, mit einer nach Themen gegliederten oder themenspezifischen Eingangsseite zum World Wide Web, zu tun hat. Es geht vielmehr darum, mit inhaltlich attraktiven und selbst gestalteten Angeboten Kinder auf der eigenen Website zu halten. Die Frage, was Kinderportale von anderen großen Websites, wie beispielsweise dem http://www.kindernetz.de des Südwestrundfunks oder der http://www.br-kinderinsel.de des Bayerischen Rundfunks unterscheidet, scheint mehr als berechtigt zu sein. Im einzelnen: Im Mai 2000 ging die KidZ Vision AG München mit einem Internetportal für Kinder an den Start: http://www.4kidz.de. Durch grundlegende Sicherungssysteme wie Anmeldung und Moderation des Angebots werden eine Reihe an Gefahren ausgeschaltet, die Kindern im Internet drohen können. Der "Newsticker" von www.heise.de meldete jedoch am 23.05.2000, daß sich das Internetportal aus Sponsorengeldern finanziere, auf Bannerwerbung zwar verzichte, aber einen virtuellen Shop plane. Damit Kinder selbständig Pokémon-Sammelkarten, Hörspielkassetten u.ä.m. online erwerben könnten, werde den Eltern ermöglicht, für ihre Kinder ein Taschengeldkonto bei den Anbietern einzurichten. Amerikanische Vorbilder exitieren bereits, vgl. http://www.allowancenet.com. Die Berliner KinderCampus AG kündigte die Eröffnung ihres "Online Edutainment Portals" mit einer "Revolution im Kinderzimmer" an (Einladung zur Pressekonferenz am 8. Juni 2000). Sie selbst schließt E-Commerce bei Kindern aus, wird jedoch unterstützt von der Econa AG "Deutschlands erster Venture Capitalist, der Start-Ups zu E-Brands entwickelt". Die kommerziellen Interessen bleiben auf der Website auch für Erwachsene (noch) unsichtbar, denn: Das "Portal" http://www.kindercampus.de präsentiert sich zumindest bis heute als eine normale, kindgerecht gestaltete Website, werbefrei und noch ohne Zugang (Links) ins World Wide Web.
 

 

   
   
   
Elternratgeber

 Cyberkids Literaturreport: Kinder und Internet

   
   
Das Internet als Familienmedium: Elternratgeber
   
Der Sicherheitsdebatte im Internet entspricht aufseiten der Eltern große Unsicherheit bezüglich der Internetnutzung ihrer Kinder. Das Informationsbedürfnis, so ergab eine Studie, die im Zusammenhang mit dem "Aktionsplan zur Förderung der sicheren Nutzung des Internet" der Europäischen Union durchgeführt wurde, ist erheblich (Childnet International / Fleishmann Hillard 2000). Die Autoren folgern, daß den Eltern die positiven Aspekte der Internetnutzung nahegebracht werden sollten. Eine solche Forderung liegt angesichts der öffentlichen Forcierung der Internetnutzung zwar nahe, ist allerdings im Gesamtkontext der familialen Mediennutzung erstaunlich. Schließlich zeichnet sich ein kritisch-distanziertes Verhältnis der Eltern zur kindlichen Mediennutzung in der Regel durch Ambivalenz aus. So stellte Joseph Turow (1999) in seiner Studie "The Internet and the Family" fest, daß die Eltern negative Einflüsse auf die familiale Kommunikation, abnehmende Kontakte zu Gleichaltrigen und unsoziales Verhalten befürchten, demnach Folgen, die aus der elterlichen Fernsehkritik bekannt sind. Interessanterweise unterscheiden sich die Einstellungen der Eltern nicht nach ihrem Online-Sein oder ihrer Online-Abstinenz. Auch soziodemographische Einflüsse auf die Einstellung zum Internetumgang der Kinder waren nicht festzustellen. Bemerkenswert ist jedoch, daß sich Eltern eher dazu entschließen einen heimischen Internetzugang anzuschaffen, wenn sie die Gelegenheit hatten, sich z.B. am Arbeitsplatz mit dem Medium vertraut zu machen. Daß die eigene Interneterfahrung am Arbeitsplatz, in der Schule oder Universität ein bedeutendes Motiv für die Beschaffung eines privaten Onlinezugangs ist, zeigten auch die Ergebnis der ARD/ZDF-Arbeitsgruppe Multimedia: Wird Online Alltagsmedium? (Media Perspektiven 8/1999, S. 401 - 414). Mit Rückwirkungen der zunehmenden Internetpräsens im öffentlichen Raum auf die Privatsphäre der Familien ist demnach zu rechnen.

Bezüglich der praktischen Ratgeberliteratur für Eltern weist der Markt verglichen mit jener für Kinder erstaunliche Lücken auf: Raymond Wiseman setzt sich in seinem Buch "Hilfe, mein Kind surft!" (1999) positiv mit den Wegen für Eltern und Kind ins Internet auseinander. Seymour Papert (1998) setzt sich mit dem Lernen von Kindern und Eltern im digitalen Zeitalter auseinander. Kimberley Young (1999) widmet in ihrem Buch "Caught in the Net", das sich mit den Suchtgefahren beim Internetumgang auseinandersetzt, ein Kapitel Erziehungsfragen. Sie gibt Hinweise auf "Warnsignale bei Kindern" und macht Vorschläge wie Familienangehörige den Betroffenen helfen können. Don Tapscott (1998) zeichnet ein Zukunftsbild einer Gesellschaft der digitalen Generation und plädiert in "Net Kids" im Grunde genommen für traditionelle bürgerliche Erziehungsvorgaben. Die "offene Familie" wird zwar mit dem "offenen Unternehmen" verglichen, das keine Abteilungsgrenzen kennt, ob "Zuhören", "Meinungsaustausch", "Vertrauen" allerdings Vorschläge sind, die die Einebnung der Grenzen zwischen den Generationen oder den bewußten "Abgang" der Eltern "aus ihrer Rolle als Autoritäten" charakterisieren, sei an dieser Stelle dahingestellt (vgl. S. 326 ff.).

Der Umgang von Kindern bzw. Schülern mit dem Internet ist politisch und wirtschaftlich erwünscht. Letztlich werden jedoch die Eltern die Generation @ selbst (mit) durchsetzen, sobald sie glauben, potentielle soziale Nachteile ihrer Kinder in einer technologisch geprägten Gesellschaft durch einen Internetanschluß verhindern zu müssen. Unumstritten ist die frühzeitige Heranführung von Kindern ans Netz jedoch nicht: Joseph Weizenbaum, ehemals Professor für Computer-Wissenschaft am Massachusetts Institute of Technology (MIT), spricht sich bekanntlich, wie auch im Interview "Müllhaufen mit Perlen", prinzipiell dagegen aus, daß sich Kinder unter 14 Jahren mit dem Internet beschäftigen (Süddeutsche Zeitung vom 15.12.1999, S. M 25). Dagegen berichtet Susanne Herda eher euphorisch über die Lernplattform learnetix.de, die u.a. für Kinder ab 10 Jahren eine chat-basierte "Nachhilfe im Netz" und eine gebührenpflichtige Hausaufgabenhilfe durch Fachlehrer per E-Mail anbietet (Süddeutsche Zeitung 30.11.1999). Und sicherlich kann man Eltern nicht mit dem Vorwurf der Weltfremdheit begegnen, wenn sie sich auf die Position zurückziehen, die Harmut von Hentig vertritt (Zeit 1997, Nr. 37): "Eine so große, nicht steuerbare Veränderung wie die, die uns mit den Neuen Medien ins Haus steht, 'betreibt' man nicht, man wartet sie aufmerksam und aufgeschlossen ab und denkt aus diesem Anlaß über die eigene Vorstellung vom guten Leben nach. Man macht sich ein 'Konzept' man 'schmeißt sich nicht ran'."
 

 

   

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