| Cyberkids – Literaturreport: Kinder und Internet | |||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
| Helmut Schneider, Tobias Gehle und Christine Feil | |||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
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2000 |
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| Empirische Studien |
Cyberkids – Literaturreport: Kinder und Internet |
| Kinder im Internet: empirische Studien | |
| Das empirische Forschungsfeld "Kinder und Internet" blieb in der Etablierungsphase des Internet in Deutschland
den Marktforschungsinstituten und Medienforschungsgruppen der Fernsehanbieter überlassen. Dies hat zum einen
damit zu tun, daß für Forschungsarbeiten kaum eine Finanzierung zu finden ist, wenn zurecht vermutet
werden muß, daß nur eine äußerst kleine und möglicherweise exklusive Gruppe von Kindern
Zugang zu diesem Medium hat. Zum anderen spielt aber auch eine Rolle, daß Suchstrategien, Orientierung und
Präferenzen im Internet mit Befragungen von Kindern und Eltern nur unzureichend aufgeklärt werden können.
Die neue Technologie erfordert einerseits interneterfahrenes Personal und andererseits neue Forschungsmethoden;
folglich wurde das Forschungsfeld Studenten und Diplomanden als Experimentierfeld überlassen. Herausragende
Beispiele sind die Diplomarbeit "Kinder im Netz. Internetnutzung zwischen 6 und 13 Jahren", die Tobias
Gehle 1998 an der Universität Dortmund einreichte (http://www.netz-kids.de),
und die Kinderwebsite "3Dimencity", die zwei Studentinnen im Rahmen ihrer Diplomarbeit und mit Hilfe
eines Sponsors im Internet etablierten (nach ihrem "Umzug" ist sie unter http://www.kidsville.de zu erreichen). Die Forschungsinteressen der Marktforschungsinstitute sind an der Eignung des Internet als Werbe- und Verkaufsfläche oder "Marketingtool" ausgerichtet, die der Fernsehanstalten am konkurrierenden Einfluß des Internet auf die Nutzung klassischer Medien durch Kinder. Ihre Kinderbefragungen zum Internet sind deshalb in Multimediaanalysen eingebettet (vgl. z.B. Coole Profis 1997). Der Onlinebereich spielt bei den Kindern verglichen mit der Nutzung anderer Medien eine deutlich geringere Rolle; selbst bei der Computernutzung rangiert das Online-Sein auf der Rangskala ganz unten (vgl. Schwab / Stegmann 1999). Die Tragfähigkeit detaillierter Ergebnisse zum Umgang der Kinder mit dem Internet leidet bei den Multimediaanalysen folglich darunter, daß sich hinter den Prozentzahlen eine äußerst geringe Basis verbirgt. Die zentralen Ergebnisse aus den Studien Multimedia & Youth (IconKids & Youth 1999), KICS-Studie 99 (Institut für Jugendforschung 1999), Kinder und Medien 1999 – KIM 99 (Feierabend / Klingler, Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest 1999), Neue und alte Medien im Alltag von Kindern und Jugendlichen (Hans-Bredow-Institut für Medienforschung1999 und Krotz 1998) wurden bereits im Beitrag "Kinder im Internet: Angebote, Nutzung und medienpädagogische Perspektiven" dargestellt (vgl. Feil 2000 auf dieser Website oder Diskurs 1/2000). Für den Literaturbericht werden sie deshalb nur in knapper Form (noch einmal) referiert. Internetzugang, Häufigkeit und Dauer der Nutzung durch Kinder Ca. 50% der Kinder und Jugendlichen zwischen 6 und 17 Jahren haben im elterlichen Haushalt Zugang zu einem PC, jedoch ist etwa nur jeder zehnte dieser Computer für einen Internetbesuch ausgestattet. Da 6- bis 8jährige überwiegend nur zu Hause oder auch am Arbeitsplatz der Eltern Zugang zum Internet erhalten, ist der Anteil der jüngeren Kinder mit Interneterfahrung sehr gering. Bei den 9- bis 11jährigen spielt der Anschluß im Haushalt der Freunde, bei den 12- bis 14jährigen dagegen in der Schule und im Internet-Café – das es zunehmend für Kinder auf nicht-kommerzieller Basis gibt – als Zugangsort eine Rolle (vgl. Hans-Bredow-Institut 1999, S. 45). Nach den Ergebnissen von IconKids & Youth (1999) haben 2% der 6- bis 8jährigen Mädchen und Jungen, 8% der 9- bis11jährigen Mädchen, aber bereits 15% der Jungen dieser Altersgruppe und 20% der 12- bis 14jährigen Mädchen gegenüber 33% der Jungen dieses Alters Erfahrungen mit dem Internet gesammelt. Demnach ist der Internetzugang von Kindern alters- und geschlechtsabhängig. Hervorzuheben ist, daß die mit dem Alter rapide ansteigenden Zugangszahlen wenig über das Ausmaß der Interneterfahrung von Kindern besagen. Sabine Feierabend und Walter Klinger (1999, S. 3) halten fest: "Gerade vier Prozent der computererfahrenen Kinder geben an, mindestens einmal pro Woche im Internet zu surfen, weitere neun Prozent sind seltener als einmal pro Woche online (was 6% aller Kinder entspricht)." Die Nutzungsdauer pro Tag beträgt aufgrund der geringen Nutzungshäufigkeit – selbst dann, wenn man die höheren Altersgruppen hinzunimmt – bei den 9- bis 17jährigen durchschnittlich lediglich 6 Minuten. Zum Vergleich: Pro Tag sieht die gleiche Altersgruppe durchschnittlich 104 Minuten fern, hört 68 Minuten Radio, 59 Minuten Musik (MC/CD) und liest 21 Minuten in einem Buch (vgl. Hans-Bredow-Institut 1999, S. 47 und S. 28). Obwohl die Ergebnisse relativ stark variieren und wegen des Alterszuschnitts und der unterschiedlich gewählten Basis kaum vergleichbar sind, zeichnet sich als Tendenz ab, daß das Einstiegsalter etwa bei 10 Jahren liegt. Jungen starten etwas früher ins Internet als Mädchen, letztere entwickeln jedoch mit zunehmenden Alter fast gleichermaßen Interesse an diesem Medium. Zusammenfassend kann festgehalten werden, daß die Kontakthäufigkeit der Kinder, gleichgültig ob Junge oder Mädchen, bislang durchschnittlich viel zu gering ist, um von "Internetkompetenzen" bei Kindern sprechen zu können, wozu beispielsweise die strategische Suche, gezielte Selektion und Navigation, Kenntnis über die Informationsquellen und deren Vernetzung und interessengeleiteter Umgang mit den interaktiven Möglichkeiten des Netzes gehören. Aktivitäten und Präferenzen der Kinder im Internet Kinder surfen, chatten, mailen, nur kinderspezifische Newsgroups werden noch äußerst selten genutzt. Kinder gestalten das World Wide Web aktiv mit, sie hinterlassen in Schreibwerkstätten, in Gästebüchern, auf Pinnwänden ihre Spuren, sie beteiligen sich an Diskussionsforen und sie gestalten eigene Hompepages, zumeist dann, wenn die Provider diese kostenlos an Kinder offerieren, und Erwachsene das Vorhaben der Kinder unterstützend begleiten. Die vorliegenden Daten verweisen darauf, daß der Schwerpunkt der Internetnutzung bei jüngeren Kindern auf dem Surfen und Spielen liegt. Erst Kinder etwa ab dem 12. Lebensjahr verfügen über ausreichend ausgebildete Schreib- und Lesefertigkeiten, die sie für die Nutzung der kommunikativen Dienste und des Internet als Informationsquelle benötigen. Eindeutig altersabhängig ist das Mailen, für das sich Kinder mit steigendem Alter zunehmend interessieren. Hier zeigen sich auch geschlechtsspezifische Differenzen: Mädchen mailen wesentlich häufiger als Jungen, während letztere tendenziell die Spiele präferieren (vgl. Hans-Bredow-Institut 1999, K 39, S. 46; Institut für Jugendforschung 1999, Chart 24 und 25). Alle Daten sind aufgrund der kleinen Basis mit äußerster Vorsicht zu interpretieren. Die Präferenzen in den Aktivitätsmustern von Kindern nach Alter und Geschlecht lassen sich jedoch auch durch amerikanische Studien belegen: Teenager präferieren auch dort die kommunikativen und gestaltbaren Aspekte des Internet (Cheskin Research / Cyberteens.com 1999; Roper Starch Worldwide Inc. 1999). Fragen nach präferierten Websites im Internet führen hingegen kaum zu aufschlußreichen Ergebnissen. Dies könnte an der Fülle des Website-Angebots für Kinder liegen, die theoretisch zu einer breiten Streuung führen kann; praktisch ist es wohl eher so, daß sich Kinder an Bekanntem aus dem klassischen Medienumfeld orientieren. Die Seiten kinderkanal.de und diddl.de erzielen Spitzenplätze auf den Präferenzlisten, während die speziell für Kinder entwickelten Webangebote weitgehend unbekannt zu sein scheinen (vgl. IconKids & Youth 1999). In den USA wurden aufgrund medienpädagogischer Angebote für Kinder auch Untersuchungen zu den MUDs – Multiple User Dungeons durchgeführt (Bruckman 1997; Schindler 1997). MUDs zeichnen sich dadurch aus, daß Kinder die virtuelle Umgebung mitgestalten können. Solche Angebote sind in Deutschland bislang nur für ältere Jugendliche im Angebot (vgl. z.B. tel-net: seife.mud.de). Interessante Informationen zu den (amerikanischen) MUDs für Kinder und ihrem pädagogischen Potential finden sich im Artikel "Nullen, Einsen und Fantasie" von Gerrit Wiebe (1999). Tamara Musfeld (1997) und Sherry Turkle (1998) beschäftigen sich mit den virtuellen Identitäten, allerdings von erwachsenen MUDs-Spielern. Kinder benötigen Unterstützung durch Erwachsene Die Nutzung des Internet bzw. des Broswer setzt beim gegenwärtigen Entwicklungsstand Computerkenntnisse, Basisqualifikationen im Lesen und Schreiben und rudimentäre Englischkenntnisse voraus. Es ist deshalb wenig erstaunlich, daß 60% der Kinder zwischen 6 und 14 Jahren angeben, Hilfe beim Umgang mit dem Internet zu benötigen. 35% der Kinder und Jugendlichen erhalten diese von ihren Eltern, 19% von ihren Freunden, 10% von ihren Geschwistern, 4% von anderen Verwandten und lediglich 2% von Lehrkräften (vgl. Institut für Jugendforschung 1999, Chart 21). Daß Kinder und Erwachsene häufig gemeinsam ins Internet gehen, scheint an den Spezifika des Mediums und seinen Inhalten zu liegen. Selbst in den USA, einem Land, in dem Kinder häufiger ins Netz gehen und über ausgeprägtere Interneterfahrungen verfügen als in Deutschland, geben ca. die Hälfte der Kinder an, das Internet gemeinsam mit ihren Eltern zu nutzen (Turow 1999; Roper Starch Worldwide Inc. 1999). Über die Entwicklung von Suchstrategien und Orientierungswissen ist noch wenig bekannt. Falls man das unbefangene und unbedarfte Rumklicken im World Wide Web nicht mit einer "Internetkompetenz von Kindern" verwechseln will, scheint derzeit nur sicher zu sein, daß Kinder und Jugendliche einen erheblichen Schulungsbedarf haben (Schacter, Chung und Dorr 1998). Der Markt reagiert darauf mit dem alten Medium Buch, – eine stattliche Anzahl von Internet-Ratgebern für Kinder, Eltern und Lehrkräfte wird angeboten. |
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| Orientierungshilfen für Kinder |
Cyberkids – Literaturreport: Kinder und Internet |
| Wer suchet, der findet? Orientierungshilfen für Kinder | |
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Folgt man den empirischen Untersuchungen, dann sind die Such- und Surfstrategien bei Kindern und Jugendlichen in der Regel noch wenig ausgebildet (z.B. Schacter, Chung und Dorr 1998; Prechtl 1998). Annotierte Linklisten in Buchform sind ein Reflex auf dieses Orientierungsproblem im Internet und ersparen den Anfängern unter den Surfern zunächst, endlose Listen an Suchergebnissen aus Suchmaschinen und Verzeichnissen durchzuklicken, denn auch die Einschränkung der Suche nach dem Schlagwortprinzip will gelernt sein. Über Suchmaschinen und die Kunst des Suchens informiert
Das Buch mit CD-ROM ist für Erwachsene geschrieben, aber auch für ältere Kinder und Jugendliche
verständlich. Online ist es unter http://www.suchfibel.de
verfügbar.
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| Kinder- und Jugendschutz |
Cyberkids – Literaturreport: Kinder und Internet |
| Kinder- und Jugendschutz – ein ungelöstes Problem | |
| Haben Kinder und Jugendliche freien Zugang zum Internet, dann ist es möglich, daß sie mit pornographischen,
gewaltverherrlichenden und volksverhetzenden Inhalten in Berührung kommen. Die Grenzen des Medienschutzes
sind im Internet schnell erreicht. Daß Gefährdung von Kindern durch Gewaltdarstellungen überwiegend
im Zusammenhang mit Fernsehprogrammen und Computerspielen diskutiert wird, ist wohl auf die Vielzahl der Links
zu Erotik- und Pornoangeboten zurückzuführen, die andere Probleme verdrängen. Sie sind nahezu auf
allen großen Websites, Suchmaschinen und Katalogen zu finden. Das Problem der Inhaltskontrolle bzw. der Entfernung
gesetzlich verbotener Inhalte (vgl. u.a. Bayerisches Landesjugendamt 1998) ist dabei zu unterscheiden von dem Problem
der Zugangskontrolle bzw. dem Ausschluß der Kinder von Inhalten, die Erwachsenen vorbehalten bleiben sollen
oder die Kinder in ihrer Entwicklung gefährden könnten (vgl. Neumann-Braun, Klaus: Auf dem Weg
zur Donquichotterie? Ein betretener Zwischenruf zum Kinder- und Jugendschutz. medien praktisch 2/2000, S. 45 -
47). Darüber hinaus sind mit dem Internet erhebliche Datenschutzprobleme verbunden. Es ermöglicht, Daten
direkt bei den kindlichen Nutzern zu erheben. Kinder geben nicht nur bereitwillig ihre privaten Daten auf Webformularen
preis (vgl. z.B. Aftab 2000), mit Softwareprogrammen können zudem Personen-, Interessen- bzw. Kundenprofile
erstellt werden. Generell wird den Aspekten der Werbung und des E-Commerce bei Kindern zu geringe öffentliche
Aufmerksamkeit geschenkt (vgl. Center of Media Education 1999; Cheskin Research / Cyberteens.com 1999). Der Kinder- und Jugendschutz ist in all diesen Bereichen ungelöst, – dies kann zusammenfassend den Berichten aus Deutschland, Großbritannien und den USA entnommen werden. In Großbritannien und in den USA rücken zunehmend die Methoden der Datenkollektion, z.B. über Registrierungsprozeduren beim Ansteuern von Websites, bei Gewinnspielen und beim Umgang der Kinder mit den interaktiven Elementen des Internet, ins Blickfeld (vgl. United States Federal Trade Commission 1998, Oswell 1999). In Deutschland hingegen wird seit Mitte der 90er Jahre die Problematik des Kinder- und Jugendschutzes einseitig – so wichtig das Thema auch ist – vom Schutz der Kinder vor sexuellem Mißbrauch und pornographischen Inhalten dominiert (vgl. Enquete-Kommission 1998). Läßt man die Internationalisierung des Rechts und die nationale Strafverfolgung als letztes Mittel der Inhaltskontrolle außen vor, dann konzentriert sich die Diskussion auf die Entwicklung folgender Maßnahmen: Förderung der Medienkompetenz der Kinder bzw. der medienpädagogischen Kompetenzen der Eltern Medienpädagogische Maßnahmen und Projekte für Kinder und Eltern sind immer wichtig und richtig, um mit den alten und neuen Medien umgehen zu lernen und ihre Inhalte produktiv nutzen zu können. Ein probates Mittel der Inhalts- und Zugangskontrolle, um die es letztlich im Kontext der Diskussion des Kinderschutzes im Internet geht, sind sie nicht, denn die Frage nach der Realisierbarkeit und Reichweite des Kinderschutzes im Internet steht nach wie vor offen im Raum. Aufgrund seiner dezentralen Struktur gilt das Internet als nicht reglementierbar, die "kompetente Begleitung" der Kinder und Jugendlichen durchs Netz ist deshalb eine der wesentlichen pädagogischen Maximen (Förderverein für Jugend und Sozialarbeit e.V. 1998). "Kinder sollen geschützt durchs Internet surfen, nach Möglichkeit jedoch ohne Zensur durch die Eltern, aber: Pornographie, Gewaltverherrlichung, rassistische, sexistische Inhalte, Seiten mit Befürwortung von Drogen-, Alkohol- und Tabakkonsum sollen durch eigene Entscheidungen der Kinder abgelehnt, wenn notwendig durch aktives Eingreifen über die Hotline der Provider und Polizeistellen der Länder unterbunden und verfolgt werden. Eltern geben dabei ein Beispiel. Denken Sie daran: wenn Sie illegale Seiten auf Ihre Festplatte laden, machen Sie sich strafbar" (Bundesarbeitsgemeinschaft der Kinderschutz-Zentren e.V. 1999, S. 5). Generell herrscht die Tendenz vor, die gesellschaftliche Verantwortung für den Kinder- und Jugendschutz in hohem Maße auf die Elternverantwortung zu verlagern und damit zu individualisieren. Auch im Idealfalll reichen vorbildliches Verhalten und Zugangskontrolle für die Wahrnehmung der Elternverantwortung nicht aus. Eltern sollen ihrem Kind vertrauen und die Kinder ihrerseits das Gespräch mit den Eltern suchen, insbesondere wenn ihnen etwas "komisch" vorkommt. Pornographie zu einem Element der Sexualpädagogik oder Sexualaufklärung von Kindern zu entwickeln, wäre angesichts der Internetinhalte eine konsequente pädagogische Forderung, risse jedoch eine der wenigen noch vorhandenen tabuisierten Grenzen zwischen Kindheits- und Erwachsenenstatus nieder, die man – obwohl in Gefahr – aufrechterhalten will. Daß pädagogische Ideale Kinder nicht vor schockierenden Bildern im Internet schützen können, ist ebenso gewiß wie die Tatsache, daß Pornographie Teil der Informationsfreiheit Erwachsener im Internet bleiben wird. Die Konzentration auf Filtertechnologien als gesellschaftliche Antwort auf dem Gebiet der Freizügigkeiten im Netz und als medienpädagogisches Hilfsmittel für Eltern zeigt, daß der Kinder- und Jugendschutz mit den gängigen Kontroll- und Schutzmechanismen, die sanktionierte Ausschlußmaßnahmen für Kinder aus der Erwachsenenwelt sind, im Internet nicht funktioniert. Technischer Kinder- und Jugendschutz (Filtertechnologie) Filtertechnologien sollen es ermöglichen, Inhalte auszusortieren, die Kinder gefährden und ihre Entwicklung beeinträchtigen könnten. Drei unterschiedliche Verfahren sind derzeit in der Diskussion: Das "Keyword-Blocking", das auf einer Liste mit "bad words" basiert, die von den Eltern ergänzt werden kann und auf dem heimischen Computer ausgeführt wird. Das "Site-Blocking", das nach dem Indizierungsverfahren funktioniert, bei dem Webdokumente gesichtet, auf eine "schwarze Liste" gesetzt und vom Provider gesperrt werden. Das "Page-Labeling", dem ein Bewertungs- bzw. Ratingsystem zugrunde liegt (PICS, Platform on Internet Content Selection); Websites werden eigenverantwortlich oder durch Dritte eingestuft, die Filter über den Browser aktiviert (vgl. Landesstelle Jugendschutz Niedersachsen 1998). Filtertechnologien, wie z.B. NetNanny, CyberPatrol, Surfwatch, werden Eltern häufig empfohlen, die ihren Kindern einen bedingt freien Zugang zum Internet ermöglichen wollen. Auch in medienpädagogischen Projekten, z.B. in Internetcafes für Kinder und Jugendliche, und bei öffentlichen Dienstleistern, z.B. in Kinderbibliotheken, werden sie eingesetzt (vgl. Bundesarbeitsgemeinschaft Kinder- und Jugendschutz 1999). Medienpädagogen stehen sonst in der Gefahr mit dem dienstrechtlich und möglicherweise strafrechtlich relevanten Vorwurf konfrontiert zu werden, Kindern gefährdende Inhalte zugänglich gemacht zu haben (Zum Problem der Aufsichtspflicht vgl. Förderverein für Jugend und Sozialarbeit e.V. 1998, S. 8 ff.). Filtertechnologien können die Zugriffsschwelle zu jugendgefährdenden Inhalten erhöhen, aber Kinder nur unzureichend schützen, denn adäquat und zuverlässig funktionieren sie nicht (vgl. Secorvo Security Consulting GmbH 1999; Köhntopp / Neundorf 1999; Center for Media Education 1999). Die Filter selegieren Websites unzureichend oder total, führen zu Systemproblemen und können auch von Kindern ohne große Interneterfahrung relativ unaufwendig "geknackt" werden (vgl. Landesstelle Jugendschutz Niedersachsen 1998). Trotz aller Einwände ist die Fortentwicklung der Filtertechnologie einer der Schwerpunkte des Kinder- und Jugendschutzes im Netz. Selbstkontrolle der Internetindustrie Da – nach der Analyse des britischen Autors David Oswell 1999 – die europäische Gesetzgebung die kulturellen Unterschiede berücksichtigen und die ökonomische Entwicklung auf dem Gebiet der neuen Informations- und Telekommunikationsdienste nicht behindern will, werden für die genuinen Aufgaben des Staates im Bereich des Kinder- und Jugendschutzes die Eltern und die Industrie in die Pflicht genommen. Dies gilt auch für Deutschland. Die Enquete-Kommission (1998) subsumiert zurecht die Filtertechnologien unter die Selbstregulierungseinrichtungen der Internetindustrie: "Eine typische Marktreaktion ist die Produktion von sogenannten 'end-of-pipe-Lösungen', wenn der Markt negative externe Effekte produziert. Im Falle des Kinder- und Jugendschutzes hat die Online- und die Software-Industrie in diesem Sinne reagiert ..." (S. 69). Die Selbstkontrolle der Anbieter und Provider umfaßt neben der Fortentwicklung der Filtertechnologie und der Kennzeichnung der Internetinhalte, vor allem die Verständigung auf einen gemeinsamen Verhaltenskodex (vgl. unter Links zum Kinder- und Jugendschutz Bertelsmann-Stiftung 1999). Die Internetindustrie sieht sich zur gesellschaftlichen Verantwortung verpflichtet. Jedoch wies die Enquete-Kommission bereits 1998 darauf hin, daß eines der Grundprobleme der Selbstkontrolle die wirtschaftlichen Interessen seien und Selbstkontrolle keinesfalls staatliche Gesetzgebung und staatliche Kontrolle ersetzen könne. Ein Novum in der Entwicklung des Medienschutzes in Deutschland wird vor diesem Hintergrund, dem Verhältnis von wirtschaftlichen Interessen, Informationsfreiheit, Kinder- und Jugendschutz, verständlich: Die Initiative und Kompetenz für Kinder- und Jugendschutzfragen im Internet liegt beim Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie (vgl. Links zum Kinder- und Jugendschutz). Portalseiten für Kinder Im Zusammenhang mit dem Gutachten "Jugendschutz und Filtertechnologie" wurde gefordert, Portalseiten für Kinder zu entwickeln (vgl. Secorvo Security Consulting GmbH 1999, S. 153). Portale sind Verzeichnisse, Kataloge oder "Surfbretter", die zielgruppenorientierte Spezialangebote gegliedert nach Rubriken oder Schlagwörtern enthalten. An prominentester Stelle steht die Suchmaschine "Blinde Kuh" http://www.blinde-kuh.de, ein Webkatalog von Birgit Bachmann und Stefan R. Müller, der aus privater Initiative heraus, ohne jedes kommerzielle Interesse entstand. Ausgewählte Webangebote für Kinder bilden den Inhalt und Schwarze Bretter, Mailinglisten, Spiele sowie Infomationen zu den verschiedensten aktuellen Themen gehören zum umfangreichen Zusatzangebot. Portale sind sicherlich ein guter Weg, Kindern nicht nur einen geschützten, sondern auch einen interessanten Einstieg ins Internet zu bieten. Sie können auch einen erheblichen Beitrag dazu leisten, daß von Kindern Informatives und Unterhaltendes überhaupt aufgefunden werden kann. Die Kinder- und Jugenschutzrelevanz von Kinderportalen wird allerdings von den Interessen der Anbieter abhängen, von den Schwerpunkten, die sie setzen, und von ihrer Bereitschaft, personelle und finanzielle Ressourcen bereitzustellen, die nicht nur in das Design eines attraktiven Angebots, sondern in die Prüfung der Links fließen, die in die weit verzweigte Landschaft des World Wide Web führen. In jüngster Zeit sind zwei Webangebote für Kinder auf dem Internetmarkt erschienen, die sich "Portal" nennen. Beide Angebote befinden sich noch in der Aufbauphase, verdeutlichen aber, daß ein Kinderportal in der Praxis wenig mit einem "traditionellen" Portal, mit einer nach Themen gegliederten oder themenspezifischen Eingangsseite zum World Wide Web, zu tun hat. Es geht vielmehr darum, mit inhaltlich attraktiven und selbst gestalteten Angeboten Kinder auf der eigenen Website zu halten. Die Frage, was Kinderportale von anderen großen Websites, wie beispielsweise dem http://www.kindernetz.de des Südwestrundfunks oder der http://www.br-kinderinsel.de des Bayerischen Rundfunks unterscheidet, scheint mehr als berechtigt zu sein. Im einzelnen: Im Mai 2000 ging die KidZ Vision AG München mit einem Internetportal für Kinder an den Start: http://www.4kidz.de. Durch grundlegende Sicherungssysteme wie Anmeldung und Moderation des Angebots werden eine Reihe an Gefahren ausgeschaltet, die Kindern im Internet drohen können. Der "Newsticker" von www.heise.de meldete jedoch am 23.05.2000, daß sich das Internetportal aus Sponsorengeldern finanziere, auf Bannerwerbung zwar verzichte, aber einen virtuellen Shop plane. Damit Kinder selbständig Pokémon-Sammelkarten, Hörspielkassetten u.ä.m. online erwerben könnten, werde den Eltern ermöglicht, für ihre Kinder ein Taschengeldkonto bei den Anbietern einzurichten. Amerikanische Vorbilder exitieren bereits, vgl. http://www.allowancenet.com. Die Berliner KinderCampus AG kündigte die Eröffnung ihres "Online Edutainment Portals" mit einer "Revolution im Kinderzimmer" an (Einladung zur Pressekonferenz am 8. Juni 2000). Sie selbst schließt E-Commerce bei Kindern aus, wird jedoch unterstützt von der Econa AG "Deutschlands erster Venture Capitalist, der Start-Ups zu E-Brands entwickelt". Die kommerziellen Interessen bleiben auf der Website auch für Erwachsene (noch) unsichtbar, denn: Das "Portal" http://www.kindercampus.de präsentiert sich zumindest bis heute als eine normale, kindgerecht gestaltete Website, werbefrei und noch ohne Zugang (Links) ins World Wide Web. |
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