Das Interesse von Kindern am Internet
   
Ergebnisse aus einer Befragung zu den Freizeitpräferenzen 10- bis 14-jähriger Schülerinnen und Schüler
   
Projekt "Internet – außerschulische Lernangebote für Kinder"
 

  November 2000

   
Inhalt
Zur Fragestellung und Datenbasis
Welche Kinder gelten als internetinteressiert?
Welche Rolle spielt das Alter, welche das Geschlecht?
Schule und Internet – zwei unabhängige Engagements?
Das Internet: ein Aspekt der Interessen- und Aktivitätsvielfalt bei Kindern
Zusammenfassung
Literatur
   

Zur Fragestellung und Datenbasis

 
Unterscheiden sich Kinder, die sich für die neuen Medien, insbesondere für das Internet interessieren, von den Kindern, die an solchen Aktivitäten eher desinteressiert sind? Dieser Frage soll in den folgenden Abschnitten nachgegangen werden. Als internetinteressiert gelten dabei Kinder, die Aktivitäten, die mit dem Internet zu tun haben, hoch bewerten, d.h. "sehr gerne" bzw. "gerne" machen (würden). Haben diese Kinder ausgeprägtere Computerpräferenzen als andere? Sind die Jungen eher am Internet interessiert als die Mädchen, die Älteren eher als die Jüngeren, Kinder aus bildungsorientierten Familienmilieus eher als Kinder aus bildungsferneren, wie es erste Untersuchungen zur Internetnutzung nahelegen? Unsere Ergebnisse zeigen, daß sich vor allem die weltoffenen Kinder, die gegenüber ihren Lebenswelten aufgeschlossenen, auch häufiger für das Internet interessieren.
 
Grundlage der Ausführungen sind Daten, die vom Projekt "Lebenswelten als Lernwelten", das am Deutschen Jugendinstitut München durchgeführt wird, bei Schülern erhoben und für eine Sonderauswertung zur Verfügung gestellt wurden. Mit Hilfe eines standardisierten Fragebogens waren Kinder der Schuljahrgänge vier, fünf und sechs befragt worden. Sie besuchten Schulen in sechs ausgewählten Regionen, wobei jeweils drei in den alten bzw. neuen Bundesländern lagen. Die Regionen hatten jeweils einen ländlich-dörflichen, klein- bzw. mittelstädtischen oder großstädtischen Charakter sowie unterschiedliche schulische Angebotsstrukturen. Die Fragebögen wurden im schulischen Klassenverband Ende 1998 ausgefüllt. Insgesamt wurden Daten von 1703 Kinder im Alter von 10 bis 14 Jahren ausgewertet, wobei die 14jährigen, die nur eine Gruppe von 24 Kinder bilden, bei altersspezifischen Ergebnissen mit den 13jährigen zusammengefaßt werden. Die Altersverteilung ist: 355 10jährige, 565 11jährige, 542 12jährige und 241 13- bis 14jährige.
 
Zu beachten ist, daß es hier nicht um die Internetnutzung oder den praktischen Umgang der Kinder mit dem Internet geht, sondern um das Interesse, das Kinder diesem neuen Medium entgegenbringen. Rückschlüsse vom Internetinteresse auf tatsächliche Interneterfahrungen bei den Kindern sind nicht möglich. Denn das Projekt "Lebenswelten als Lernwelten" ging bei seinen Erhebungen von der Annahme aus, "daß die Häufigkeit einer Beschäftigung nur ein möglicher Indikator für Interesse ist, das heißt: daß man von der Häufigkeit einer Beschäftigung nicht zwingend auf die subjektive Bedeutsamkeit des Gegenstandes wie auch ein mögliche Identifikation schließen kann. Interessen können sich ja zum Beispiel auch in Wünschen ausdrücken, die man aus bestimmten Gründen im Augenblick nicht realisieren kann" (Lipski 2000, S. 7). Will man Informationen zu den Zugangsmöglichkeiten, zur Nutzungshäufigkeit und zur Nutzungsdauer kann man sich, wenn gegenwärtig auch nur rudimentär, in den Mediennutzungsanalysen informieren (z.B. Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest 1999). Ein Überblick über die vorliegenden Teilergebnisse zur Internetnutzung von Kindern in Deutschland ist auf der Website des Projektes "Internet – außerschulische Lernangebote für Kinder und Jugendliche bis zum 14 Lebensjahr zu finden ("Kinder im Internet"; vgl. auch Feil 2000). Die einschränkenden Bemerkungen vorausgesetzt, werden im Folgenden die Ergebnisse zum Internetinteresse der Kinder dargestellt.

 

Welche Kinder gelten als internetinteressiert?

 
Im Fragebogen sollten die Kinder bei einer Reihe von Tätigkeiten (z.B. Basteln, Handwerken, Musik hören, Sport treiben, Bücher lesen, ins Kino gehen u.v.a.) jeweils angeben, ob sie dies "sehr gerne" tun. Als Internetinteresse soll im Folgenden gelten, wenn dabei entweder "im Internet surfen" oder "e-mailen" angegeben wurde. 29% der Kinder surfen danach sehr gerne im Internet, 17% beschäftigen sich gerne mit E-Mails. Faßt man diese beiden Angaben zusammen, so ergeben sich 32% (da die meisten beides gerne tun) der 10- bis 14jährigen, die sich sehr gerne mit diesen Internetangeboten beschäftigen, die also "Internetinteressen" zeigen (vgl. Abbildung 1).
 

 
Betrachtet man die anderen Tätigkeiten, die als Möglichkeiten zur Bewertung vorgegeben waren, so ist es nicht verwunderlich, daß sich Kinder mit Internetinteressen auch sehr gerne mit anderen computerspezifischen Aktivitäten beschäftigen, deutlich öfter als Kinder, die sich nicht für das Internet interessieren. Die ausgeprägtere Präferenz betrifft das Computerspiel, aber auch "mit dem Computer arbeiten und lernen", was einem weniger spielerischen Umgang mit diesem Medium entspricht – beide Beschäftigungen tun internetinteressierte Kinder zu ca. 80% sehr gerne, während es bei den anderen ca. 60% (bei Computerspielen) bzw. 50% (beim Arbeiten und Lernen) sind. Aber so gut wie überhaupt nicht kommt es vor, daß ein Kind (fast) ausschließlich auf verschiedene Computertätigkeiten fixiert ist – eine "Computersucht" in diesem Sinne kann bei den befragten 10- bis 14jährigen nicht ansatzweise festgestellt werden. Eher ist eine Einbettung des Internetinteresses in eine Bandbreite anderer Interessen zu beobachten, worauf später genauer eingegangen wird.
 

 

Welche Rolle spielt das Alter, welche das Geschlecht?

 
Aus anderen Untersuchungen ist bekannt, daß das Geschlecht und das Alter die Computer- und auch die Internetnutzung differenzieren: Jungen beschäftigen sich mehr damit als Mädchen, ältere Kinder mehr als jüngere. Auch in der vorliegenden Studie zeigt sich der Geschlechtseffekt: 38% der Jungen interessieren sich für das Internet, bei den Mädchen sind es hingegen 25%. Der Alterseffekt ist etwas geringer – das Interesse steigt bei den 10jährigen von 28% über 31% bei den 11jährigen, 32% bei den 12jährigen auf bis zu 38% bei den 13- bis 14jährigen. Hier muß jedoch die geringe Altersspanne beachtet werden. Eine interessante Beobachtung läßt sich bei der gemeinsamen Betrachtung der beiden Merkmale machen (vgl. Abbildung 2): Während bei den Jungen kaum ein Alterseffekt zu sehen ist, tritt dieser bei den Mädchen deutlich hervor. Im Vergleich zu den Jungen läßt sich somit eine Annäherung des Interesses an Internetaktivitäten im Verlauf der Altersstufen feststellen: Bei den 10jährigen Kindern gibt es eine starke Differenz zwischen den Geschlechtern, bei der ältesten Gruppe hingegen so gut wie keine. Eine solche Angleichung der Geschlechter wurde auch in anderen Untersuchungen beobachtet, und zwar bei den computerbezogenen Tätigkeiten ebenso wie bei der Internetnutzung bzw. beim Wunsch nach einem Online-Anschluß (vgl. Iconkids & Youth 1999, KidsVerbraucherAnalyse 2000).
 

 
Der Vergleich von Kindern, die in den alten Bundesländern leben, mit jenen, die in den neuen Bundesländern leben, ergibt ebenfalls eine Differenz: In den alten ist das Internetinteresse bei 36% der Kinder ausgeprägt, in den neuen hingegen nur bei 24%. Möglicherweise spiegeln sich hier auch die Medienerfahrungen der Kinder wider, denn in Ostdeutschland liegen auch die tatsächlichen Nutzungsdaten erheblich unter jenen in Westdeutschland (14% der westdeutschen 6- bis 13jährigen versus 8% der ostdeutschen 6- bis 13jährigen; vgl. Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest 1999).
 
Bei einer Reihe von anderen Merkmalen, die mit der sozialen Situation der Kinder zu tun haben, ergeben sich allerdings keine bzw. nur sehr geringe Differenzierungen. Dies betrifft etwa die Frage, ob Geschwister vorhanden sind, welche Familiensituation vorliegt (Eltern oder Elternteile mit Partner gegenüber Alleinerziehenden etwa), oder auch etwa, welcher Nationalität das Kind ist. Hier ist allerdings zu berücksichtigen, daß mehr als 4/5 der befragten Kinder deutscher Nationalität sind. Bei den Nichtdeutschen ist der Anteil der Internetinteressierten geringfügig höher als bei den deutschen. Und auch die soziale Lage der Eltern, etwa angenähert durch den höchsten elterlichen Schulabschluß, trägt bei den Interessen am Internet nur wenig zu Unterschieden bei. Insgesamt sind somit Differenzen bei den soziodemographischen Merkmalen vornehmlich durch den West-Ost-Unterschied, das Geschlecht (insbesondere in Verbindung mit dem Alter) und in geringerem Ausmaß durch das Alter selbst festzuhalten. Letzteres ist wohl auf die geringe Altersspanne der befragten Kinder zurückzuführen.

 

Schule und Internet – zwei unabhängige Engagements?

 
Hat die Schule bzw. haben Merkmale, die mit der Schulsituation der Kinder zusammenhängen, einen Effekt auf das Internetinteresse der Kinder? Da die Altersdifferenz weitgehend mit der Differenz der Klassenstufen zusammenfällt, ergibt dieser Aspekt keine weitere Erkenntnis. Auch durch den besuchten Schultyp ergibt sich kaum eine Differenzierung: Gymnasiasten sind nur geringfügig stärker am Internet interessiert (35%) als etwa Realschüler (32%) oder auch Hauptschüler (33%). Versucht man, schulische Interessen anhand der Bewertung von Schulfächern zu unterscheiden, so findet man wiederum nur geringe Differenzen: Weder eine verstärkte positive Bewertung von naturwissenschaftlichen noch von sprachlichen oder musischen Fächern trägt zu nennenswerten Interessenunterschieden bei. Auch die Selbsteinschätzung der eigenen Schulleistung im Vergleich zu anderen Kindern läßt wenig klare Interessendifferenzen erkennen: Kinder, die sich eher "zu den schlechteren" Schülern zählen – dies sind allerdings nur 5% der Schüler insgesamt –, haben ein etwas geringeres Interesse (27%) als diejenigen, die sich eher zu den "mittleren" bzw. "besseren" zählen (31% bzw. 33%). Auch die von den Kindern wahrgenommenen Zusatzaktivitäten in der Schule (Theatergruppe, Sport, Musik) ergeben keine Unterschiede hinsichtlich des Interesses am Internet. Das Interesse ist bei der Gruppe, die solche Aktivitäten ausübt, nicht wesentlich geringer oder stärker als bei den Kindern, die sich an keinen zusätzlichen Aktivitäten in der Schule beteiligen. Insgesamt findet man also bei den betrachteten Merkmalen, die mit der Schule zusammenhängen, keine deutlichen Differenzen bezüglich des Interesses an den Internetaktivitäten.

 

Das Internet: ein Aspekt der Interessen- und Aktivitätsvielfalt bei Kindern

 
Wie verhält sich das Interesse an der Beschäftigung mit dem Internet zu den Interessen an anderen Dingen bzw. anderen Aktivitäten? Jedenfalls ist es nicht so, daß sich ein erwähnenswerter Anteil der Kinder ausschließlich Internet- oder anderen Computerinteressen widmet. Hingegen interessieren sich Kinder mit solchen Interessen am Internet oft stärker auch für andere Freizeitbeschäftigungen. So besuchen internetinteressierte Kinder Musikkonzerte häufiger gerne als die anderen Kinder (35% gegenüber 17%), ebenso ist es beim Besuch von Sportveranstaltungen (57% gegenüber 34%). Sie gehen häufiger gerne in ein Jugendzentrum (39% gegenüber 21%) und sie betätigen sich häufiger gerne auf Skaterbahnen oder Gokartbahnen (60% gegenüber 31%). Bei einer Reihe anderer Tätigkeiten gibt es hingegen keine oder nur geringe Unterschiede, etwa beim Musikhören (was mehr als 80% der Kinder gerne tun) oder auch beim Ins-Kino-Gehen, auch dies ist eine Tätigkeit, die der Großteil der Kinder gerne tut, solche mit Internetinteresse sogar etwas mehr (93% gegenüber 85%).
 
Im Fragebogen der Untersuchung wurde darüber hinaus der Versuch unternommen, Unterschiede in den Präferenzen für bestimmte Aktivitäten zu ermitteln. So wurden die Kinder nach der "Beschäftigung, die Dir zur Zeit besonders wichtig ist" gefragt, um danach verschiedene damit zusammenhängende Aspekte wie Intensität dieser Beschäftigung, persönliche Bedeutung, sozialer Kontext, Anlaß oder Ursprung dafür zu erfassen. Auf diese Weise erhält man eine Übersicht über die Relevanz oder Zentralität von Tätigkeiten bei den Kindern. Die Angaben, die ohne Vorgaben gemacht werden konnten, wurden anschließend zu einander ähnlichen Aktivitätsgruppen zusammengefaßt. Die Gruppierungen umfassen Hauptbeschäftigungen in Bereichen wie Sport (hierbei v.a. Fußball), Freunde und Zusammensein mit Freunden, Hobbys technischer oder gestalterischer Art, Beschäftigung mit Tieren, mit dem Computer, Lernen und Engagement oder Medienkonsum. Diese inhaltlichen Gruppen von wichtigsten Aktivitäten der Freizeitgestaltung der Kinder ergeben aber keine bzw. nur geringe Differenzierungen hinsichtlich der Internetinteressen. Selbst die Gruppe der Kinder, die den "Computer" als Hauptbeschäftigung angeben, liegt mit 37% nur wenig über dem Gesamtwert. Zum Vergleich: Bei den Kindern, die das Fußballspielen präferieren, liegt der Wert bei 35%. Kinder, die sich hauptsächlich mit "Lernen, Arbeit, Engagement" beschäftigen oder auch mit "Tieren" sind etwas, aber nicht wesentlich weniger als der Durchschnitt am Internet und dessen Möglichkeiten interessiert (28%). Insgesamt sind also die inhaltlichen Schwerpunkte der aktuellen Beschäftigungen bei den Kindern kein Kriterium, nach dem ein starkes Interesse am Internet differenziert werden kann.
 
Anders sieht es aus, wenn man versucht, ein Maß für die Vielfalt der Interessen 10- bis 14jähriger Kinder zu bilden und dieses mit dem Internetinteresse in Beziehung zu setzen. Hierzu wurde die Anzahl der Nennungen aufsummiert, bei denen die Kinder "das tue ich sehr gerne" anhand einer Vielzahl von Aktivitäten (insgesamt 20, ohne die auf den Computer bezogenen Tätigkeiten) angegeben haben (wie z.B. Basteln oder Handwerken, Tagebuch schreiben, Musikinstrument spielen, Dinge reparieren, Musik hören, Sport treiben, Malen oder Zeichnen, Radio hören). Hierbei findet man nun einen relativ starken positiven Zusammenhang: Während sich die Gruppe derjenigen Kinder, die eine geringe Interessenvielfalt zeigt, eher auch weniger für das Internet interessiert, zeigt sich ein stärker ausgeprägtes Internetinteresse bei den Kindern mit einer deutlich breiteren Interessenvielfalt (vgl. Abbildung 3). Das gilt auch, wenn man etwa nach dem, was die Kinder "gerne lesen" fragt und eine ähnliche Summe bildet (gefragt wurde nach Büchern, Heften oder Zeitschriften, Tageszeitungen, Illustrierten für Erwachsene, Comic-Heften und Bravo oder ähnlichen Zeitschriften für Kinder und Jugendliche), oder nach Aktivitäten außer Haus (hierbei waren als Orte, zu denen die Kinder "gerne hingehen", Kino, Museum für Kunst, Jugendzentrum, Zoo, Kinderdisco, Museum für Technik, Freizeitclub, Skaterbahn oder Gokartbahn vorgegeben). Bei außenorientierten Kindern ist der Zusammenhang mit dem Internetinteresse sogar am stärksten: Die Kinder, die an solchen Aktivitäten vielfältig interessiert sind, also etwa gerne ins Kino, aber ebenso gerne in ein Jugendzentrum, eine Kinderdisco, einen Freizeitclub u.a. gehen, sind auch zu einem höheren Anteil am Internet und seinen Möglichkeiten interessiert.
 

 
Insgesamt zeigt sich also ein klarer positiver Zusammenhang zwischen Internetinteresse und weiterer Interessenvielfalt. Es muß dabei noch einmal hervorgehoben werden, daß die Daten keine Auskunft über den tatsächlichen Zeitaufwand der Kinder für ihre Tätigkeiten geben, sondern lediglich über die subjektiven Äußerungen der Kinder zu dem, was sie "sehr gerne tun". Die Realisierbarkeit der Interessenvielfalt stößt in der Realität natürlich an zeitliche Grenzen. Aber der Zusammenhang ist doch so deutlich, daß zusammenfassend festgehalten werden kann: Interessen am Internet tauchen bei Kindern weniger isoliert als vielmehr im Kontext anderer Interessen auf. Sie sind somit in ein umfassenderes Interessensetting eingebettet und werden damit zugleich relativiert.
 
Gestützt wird eine solche Sicht durch einen weiteren Beleg. Die Kinder wurden auch danach gefragt, bei welchen Organisationen oder Vereinen sie "regelmäßig aktiv" sind. Dabei wurde eine Vielzahl von Vereinsaktivitäten aufgeführt, von Tanzgruppen über Sportvereine und Theatergruppen bis hin zu Kinder- und Jugendgruppen einer Organisation (z.B. Rotes Kreuz, Feuerwehr, Pfadfinder u.a.). Hier wurde also nicht nach Interessen oder Wünschen, sondern nach konkreten und "regelmäßigen" Aktivitäten gefragt. Die Angaben beleuchten damit die Freizeitaktivitäten von Kindern in einem zusätzlichen und möglicherweise realistischeren Sinn der zeitlichen Beanspruchung. Die Ergebnisse zum Engagement in verschiedenen Vereinen zeigen keine klare Dominanz, etwa dergestalt, daß bei der Gruppe der Kinder, die in einem der Vereine aktiv sind, der Anteil der Internetinteressierten besonders hoch oder niedrig ist. Hingegen führt die Betrachtung, welche sich auf die Anzahl der Vereine (es wurden 16 Möglichkeiten vorgegeben) bezieht, in denen die Kinder aktiv sind, wieder zu einem Ergebnis ähnlich dem oben berichteten. Kinder, die sich wenig oder gar nicht in Vereinen betätigen, haben eher unterdurchschnittliche Internetinteressen – Kinder hingegen, die sogar in mehrfacher Weise in Vereinen oder Organisationen aktiv sind (19% der Kinder sind in mindestens drei Vereinen aktiv), zeichnen sich auch durch ein höheres Interesse am Internet aus (vgl. Abbildung 4).
 

 
Auch wenn man etwa nur Sportvereine betrachtet, erhält sich dieser Zusammenhang – wobei wiederum zu beachten ist, daß die tatsächliche Inanspruchnahme durch einen Verein gar nicht erfaßt wurde. Gefragt wurde nach "regelmäßigen Aktivitäten" in einem solchen Verein. Aber eben auch die Vielfalt sportlicher Vereinstätigkeit (Tanzgruppe/Ballett, Reitverein, Tennisclub, Turnen/Gymnastikverein, Judo/Karateverein, Schwimmverein, Tischtennisclub, Leichtathletikclub, Fußballverein) geht zugleich auch mit dem Interesse am Internet bei den 10- bis 14jährigen Kindern einher – eine Darstellung wie in Abbildung 4 für alle Vereine ergibt sich auch bei Berücksichtigung nur der angesprochenen Sportvereine. Der Anteil der Internetinteressierten ist also bei den Kindern, die sich in mehreren Vereinen betätigen, höher als bei denen, die in einem oder in keinem aktiv teilnehmen. So läßt sich mit den hier betrachteten Daten festhalten: Internetinteresse hat nichts mit isolierter Computerfixierung, sondern umgekehrt mit Interessenvielfalt, die insbesondere auch körperliche Betätigungen umfaßt, zu tun.

 

Zusammenfassung

 
Internetinteressen, wie sie hier betrachtet wurden, sind nicht mit der zeitlichen Nutzung des Internet gleichzusetzen, wie sie in Mediennutzungsstudien untersucht wird – wobei bei Ergebnissen über diese Medium allemal genau darauf zu achten ist, was in den Angaben zur "Internetnutzung" tatsächlich gemessen wurde (sich im Internet "bewegen" können, das Medium zumindest gelegentlich nutzen, sich eine angegebene Anzahl an Stunden oder Minuten damit – ununterbrochen – beschäftigen usw.). Bei der hier an die 10- bis 14jährigen gestellten Frage nach den Dingen, "die Du sehr gerne machst", ergaben sich jedenfalls Zusammenhänge mit dem Geschlecht, mit der Region des Aufwachsens in den alten bzw. in den neuen Bundesländern, und insbesondere mit der Aktivitätenvielfalt der Kinder und ihrem Engagement in Vereinen oder Organisationen. Versucht man, diese Zusammenhänge insgesamt darzustellen, um auch Gruppen mit dem niedrigsten bzw. höchsten Anteil an solchen Interessen zu identifizieren, so ergeben sich, vereinfacht, die in Abbildung 5 dargestellten Werte.
 

 
Das Interessen- und Aktivitätenspektrum wurde aus der Kombination von vielfältigem Interesse an Freizeitbeschäftigungen sowie mehrfacher Aktivität in Vereinen konstruiert. "Gering" bedeutet hier also, daß das Interesse der Kinder an unterschiedlichen Betätigungsmöglichkeiten wie auch die aktive Teilnahme in Vereinen gar nicht oder nur in geringem Maße ausgeprägt ist. "Mittel bzw. hoch" hingegen ist das Interessen- und Aktivitätenspektrum bei Kindern, wenn diese entweder sehr vielfältig interessiert sind oder sich in mehreren Vereinen betätigen, oder in beiden Aspekten eine große Vielfalt aufweisen. In der Verbindung mit dem Geschlecht und dem Aufwachsen in den alten bzw. neuen Bundesländern zeigt sich danach, daß das geringste Internetinteresse (10%) bei den Mädchen in den neuen Bundesländern mit nur geringer Interessen- und Aktivitätenvielfalt vorliegt. Die Gruppe mit dem höchsten Interesse (50%) sind die Jungen mit hoher bzw. mittlerer Vielfalt in ihren Interessen bzw. Aktivitäten; dabei gibt es bei diesen keinen nennenswerten Unterschied, ob sie nun in den alten oder den neuen Bundesländern aufwachsen.
 
Sieht man dieses Ergebnis vor dem Hintergrund anderer Untersuchungen zur Lebens- und Freizeitgestaltung von Kindern, so können verschiedene sozialisationsrelevante Aspekte zur weiteren Erklärung der Unterschiede in den Internetinteressen herangezogen werden: Eltern unterstützen die Selbständigkeitsbestrebungen bei Jungen nicht unbedingt stärker, aber früher als bei Mädchen, mit der Folge, daß ein außenorientiertes Aktivitätsspektrum bei Jungen häufiger als bei Mädchen anzutreffen ist. Hinzu kommt, daß sich die Freizeitinteressen von Jungen und Mächen nach wie vor am deutlichsten im Bereich der Technik unterscheiden, dies kommt sowohl in der stärkeren Hinwendung der Jungen zu den Computerspielen als auch zum Fernsehen zum Ausdruck (vgl. z.B. Fuhs 1996, S. 150 ff.). Insofern kann ein ausgeprägteres Internetinteresse bei Jungen als ein "lediglich" weiteres Glied in dieser Kette geschlechtsspezifischer Interessen gedeutet werden. Schwieriger ist es, das unterschiedlich ausgeprägte Interesse am Internet von ost- und westdeutschen Kindern zu interpretieren. Einerseits unterscheiden sich ost- und westdeutsche Kinder bereits durch ihre praktischen Interneterfahrungen (vgl. Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest 1999), andererseits sind die Freizeitaktivitäten ost- und westdeutscher Kinder durch infrastrukturelle Unterschiede geprägt: "In Ostdeutschland ist die Vereins- und Terminkindheit noch weniger etabliert, und die Befragten sind beispielsweise durch Mithilfe im Haushalt" – wovon insbesondere die Mädchen betroffen sein dürften – "noch stärker in die Familie eingebunden. Während für ostdeutsche Kinder eine Freizeit ohne Verein noch zur Regel gehört, sind Kinder und junge Jugendliche ohne Vereinsmitgliedschaft in Westdeutschland zu einer Minderheit geworden" (Fuhs 1996, S. 156). Der Aktionsradius ostdeutscher Kinder scheint aus strukturellen Gründen geringer als jener der westdeutschen zu sein, wenn man die institutionalisierten Freizeitmöglichkeiten in Betracht zieht. Für die Entwicklung breit gestreuter Interessen könnten sich allerdings informelle Strukturen als gleichermaßen tragfähig erweisen. Mit Blick auf das Internet muß jedoch festgehalten werden, daß sowohl eine qualitativ hochwertige Computerausstattung vonnöten ist als auch ein Träger der laufenden Kosten. Eine Freizeitinfrastruktur – wie z.B. Internetangebote in Freizeiteinrichtungen, Bibliotheken oder Horten – könnte demnach in der Lage sein, das Internetinteresse der Kinder zu fördern. Vermutlich ist die Konstitution von Interessen im Allgemeinen zwar vom Anregungsniveau, im Besonderen aber auch von den Möglichkeiten ihrer Realisierbarkeit bestimmt: Kinder wollen ihre Interessen – zumeist gemeinsam mit Freunden – verfolgen. Die Ergebnisse des Projektes "Lebenswelten als Lernwelten" werden darüber weiter Aufschluß geben.

 

Literatur

 
Burkhard Fuhs: Das außerschulische Kinderleben in Ost- und Westdeutschland. Vom kindlichen Spielen zur jugendlichen Freizeitgestaltung. In: Büchner, Peter/ Fuhs, Burkhard/ Krüger Heinz-Hermann (Hrsg.): Vom Teddybär zum ersten Kuß. Wege aus der Kindheit in Ost- und Westdeutschland. Opladen 1996, S. 129 - 158
 
Feil, Christine: Kinder im Internet. Angebote, Nutzung und medienpädagogische Perspektiven. In: Diskurs 1/2000, S. 15 - 24
 
Iconkids & Youth: Multimedia Youth 99. Ergebnisse und Thesen zur Nutzung von PC und Internet von Kindern und Jugendlichen in Deutschland. München 1999
 
KidsVerbraucherAnalyse 2000. Junge Zielguppen 6 bis 17 Jahre. Egmont Ehapa Verlag (Hrsg.), Stuttgart 2000
 
Lipski, Jens: Lernen und Interesse. Entwurf eines theoretischen Bezugsrahmens. In: Projekt "Lebenswelten als Lernwelten": Informelles Lernen in der Freizeit. Erste Ergebnisse des Projektes "Lebenswelten als Lernwelten". Projektheft 2. Deutsches Jugendinstitut. München 2000, S. 5 - 9
 
Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest: Kinder und Medien 1999. Kernergebnisse. Baden Baden 11. Oktober 1999
 
Projekt "Lebenswelten als Lernwelten": Informelles Lernen in der Freizeit. Erste Ergebnisse des Projektes "Lebenswelten als Lernwelten". Projektheft 2. Deutsches Jugendinstitut. München 2000

 

 

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