Kinder im Internet: Angebote, Nutzung und medienpädagogische Perspektiven


Christine Feil

 In: Diskurs 1/2000

   


Das Internet ist noch immer eine innovative Technologie mit der weitreichende Veränderungen für Gesellschaft und Ökonomie verbunden werden. Die hohen Erwartungen an den globalen Markt werden bereits an Kinder als Qualifikationsanforderungen weitergegeben. Es erstaunt deshalb nicht, daß das Internet generell weniger als ein Element im Medienensemble der Kinder angesehen wird, denn als Arbeitsmittel, das den Erwerb grundlegender Fertigkeiten erfordert. Folglich wird es eng mit dem Lernen der Kinder in Schule und Freizeit, mit Chancengleichheit und zu fördernder »Internetkompetenz« verknüpft. Bildungspolitische Initiativen und kompensatorische Maßnahmen im Freizeitbereich sind bestrebt, möglichst allen Kindern die Chance zu eröffnen, sich mit dem Internet früh- bzw. rechtzeitig vertraut zu machen. Wie ist es jedoch gegenwärtig um den Zugang der Kinder zum Internet bestellt? Wie nutzen Kinder das Internet und werden sie dabei den Erwartungen der Erwachsenen gerecht? Der Beitrag zielt auf eine Bestandsaufnahme und Kommentierung vorliegender empirischer Studien zur Internetnutzung von Kindern ab dem 6. Lebensjahr in Deutschland sowie auf die medienpädagogische Bewertung einiger Ergebnisse. In ergänzenden Kurzartikeln stellen ProjektmitarbeiterInnen das Internetangebot für und von Kindern in Ausschnitten dar.
Inhalt

Forschungspolitische Ausgangslage

Wie viele Kinder haben einen PC und Internetzugang?

Interneterfahrene Kinder sind eine kleine Minderheit

Was tun Kinder im Internet?

Kinder benötigen Unterstützung durch Erwachsene

Ein medienpädagogischer Blick ins Internet

Literatur
 Integrierte Kurzartikel

Kinder-Seiten von Fernsehsendern (M. Drexler)

Kinderhomepages (R. Decker)

Chatten sinnvolle Ergänzung zur real-kindlichen Kommunikation? (C. Gieger)

Kinder-Seiten und Kommerz (S. Schön)

Forschungspolitische Ausgangslage

Wie eng die Entwicklung des Internet mit wirtschaftlichen Erwartungen und Interessen verknüpft ist, zeigt sich unter anderem daran, daß empirische Daten zur Internetnutzung von Kindern zuallererst von Marktforschungsinstituten und Medienforschungsgruppen der Fernsehanbieter erhoben wurden. Deren Forschungsinteresse orientiert sich einerseits an der Eignung des Internet als Werbe- und Verkaufsfläche oder »Marketingtool« und andererseits am konkurrierenden Einfluß des Internet auf die Nutzung klassischer Medien. In universitären Einrichtungen sind repräsentative Untersuchungen zur Internetnutzung der Kinder noch rar (vgl. z.B. Neue und alte Medien 1999). Auch qualitative Forschungsdesigns zu Fragestellungen, die den beobachtbaren Umgang der Kinder mit dem Internet, ihr Navigationsverhalten im WWW, ihre Wahrnehmungs-, Selektions- und Verarbeitungsstrategien, ihr Kommunikationsverhalten bei der Nutzung von E-Mail, Chats und Newsgroups analysieren, sind noch selten (vgl. Gehle 1998 sowie die Beiträge von Aufenanger und Orthmann jeweils in Diskurs 1/2000). Neuerdings geben die großen Anbieter von Websites für Kinder, die wiederum in der Fernsehlandschaft verankert sind, Studien in Auftrag, um das Surfverhalten der Kinder und die »Einschaltquote« ihres Angebots zu erkunden, denn der Konkurrenzdruck und das Interesse, Kinder an die eigene Website zu binden, sind nicht zuletzt wegen der zu legitimierenden Kosten hoch (vgl. für das SWR-Kindernetz: Stampfel/Grajczyk 1999; für Super RTL: Internet-Kids 2000).
Kinder-Seiten von Fernsehsendern
Michael Drexler 

Fernsehsender haben es einfach, ihr Internetangebot bei Kindern populär zu machen: Sie weisen in jeder Sendung darauf hin. Diese Angebote sind vor allem PR-Aktionen, die Kinder an den Sender binden sollen.

Informiert wird über Sendezeiten, Programmkonzeption, Protagonisten, ModeratorInnen u.ä.m. Die Texte werden mit Bildern umrahmt und häufig bunt unterlegt. Ein Bestellbereich mit Merchandising-Produkten ist die Regel. Die Internetseiten der meisten Sender beziehen sich zwar auf die Kindersendungen, sind aber kaum für Kinder geeignet.

Mittlerweile wurde erkannt, daß ein eigenständiges Angebot für Kinder mit interaktiven Elementen sinnvoller ist. Wegweisend war der Südwestrundfunk mit seinem »Kindernetz«, das bei Kindern, Eltern und Pädagogen sehr erfolgreich ist: Nur am Rande werden die Kindersendungen erwähnt, im Mittelpunkt steht die Kommunikation zwischen Kindern über deren Homepages.

Wie wichtig den Fernsehsendern die Zielgruppe Kinder ist, wurde von der »Sendung mit der Maus« demonstriert, die ihren Internetauftritt im März 1999 für eine Sachgeschichte über das WWW nutzte und durch den Intendanten Fritz Pleitgen zelebrieren ließ. Seit Herbst 1999 verspricht der Bayerische Rundfunk, Kinder auf der »Kinderinsel« in einer »werbefreien« Umgebung an »das Internet heranzuführen« und neben Unterhaltung »seriöse bildungsrelevante Elemente« auf »unterhaltsame Weise« zu präsentieren. Super-RTL, der Kindersender schlechthin, kann den Eltern zwar keine Seiten ohne Werbung versprechen, will aber »bewußt helfen« und Kindern anbieten, »den Umgang mit dem noch neuen Medium Internet und seinen zahlreichen Möglichkeiten - auch und gerade zur Entfaltung der eigenen Kreativität - zu erlernen«.

Die Konkurrenzsituation der Sender führt dazu, daß die Websites für Kinder zunehmend attraktiver werden, multimediale und interaktive Elemente enthalten und weniger textzentriert sind. Allerdings ist nicht auszuschließen, daß es nach der derzeitigen Experimentierphase, ähnlich wie bei den Kinderfernsehprogrammen, nur mehr vom Gleichen gibt und meßbare Zugriffshäufigkeiten der Kinder zum Kriterium für Gestaltung und Inhalt werden. Die meisten der neuen Websites der Fernsehsender richten sich an Kinder ab dem Grundschulalter, es werden jedoch auch spezielle Internetangebote für Vorschul- und Kleinkinder entwickelt: Die englischsprachige »Teletubbies«-Seite der BBC für Eltern und Kinder ist ein Beispiel dafür.

Links zu den erwähnten Angeboten

Vor dem Hintergrund, daß die Zahl der erwachsenen Online- bzw. Internetanwender in Deutschland seit Anfang 1997 von 4,1 Millionen auf 11,2 Millionen bis Mitte 1999 angestiegen ist (vgl. ARD/ZDF-Arbeitsgruppe Multimedia 1999, S. 401), stehen auch in der Kinderforschung die Fragen im Mittelpunkt: Welche Kinder haben an welchen Orten, mit welchen Personen, mit welchen Interessen Zugang zum Netz? Michael Schmidbauer und Paul Löhr, die zu den versiertesten Rechercheuren und Dokumentatoren auf dem Gebiet der Kindermedien und Medienpädagogik mit Kindern gehören, beklagten Ende 1998: »Weder hierzulande noch anderswo sind Studien aufzutreiben, deren Ergebnisse zumindest die Fragen beantworten könnten: Wie umfangreich ist die Gruppe der Kinder, die einen Internet-Zugang haben und diesen auch nutzen? Welchen Internet-Angeboten widmen sich die Kinder vornehmlich? Sprechen diese Angebote die Spiel- und Lerninteressen der Kinder in besonderer Weise an? Sind die Bedenken berechtigt, die Eltern, Pädagogen, Politiker und, nicht zu vergessen, der Jugendschutz gegen den Umgang der Kinder mit dem Internet und seinen Offerten vorbringen?« (Schmidbauer/Löhr 1998, S. 4). Die Autoren schätzten damals, daß wohl nicht mehr als ein halbes Prozent der 8- bis 11jährigen häufig im Internet anzutreffen seien. Sie führten die Forschungslücke darauf zurück, daß einerseits die geringe Anzahl der interneterfahrenen Kinder dem Thema die forschungspolitische Brisanz nähme und andererseits die Forscher der immerwährenden alten Fragen an ein neues Medium überdrüssig seien, die sich auf Gefahren und Nutzen, sinnvollen Umgang und zu erwerbende Kompetenzen konzentrierten. Die Situation hat sich seither nicht grundlegend verändert. Heute werden Kinder aber, unabhängig von der kommerziellen oder nicht-kommerziellen Orientierung der Institute, in Befragungen zur Nutzung eines gesamten Medienensembles immerhin auch nach ihren Interneterfahrungen befragt. Bei der Auswertung der Teilpopulation der interneterfahrenen Kinder sind jedoch die Fallzahlen so gering, daß auf detaillierte quantitative Analysen bei den jüngeren Altersgruppen verzichtet werden muß. Deshalb liegen gerade für Kinder zwischen 6 und 10 bis 12 Jahren nur die einfachsten Basisdaten vor.


Wie viele Kinder haben einen PC und Internetzugang?

In den meisten Studien wird davon ausgegangen, daß insbesondere bei jüngeren Kindern der Medienumgang von der Medienausstattung des elterlichen Haushalts abhängig ist. Im Zusammenhang mit der Internetnutzung ist dann wichtig, ob ein Haushalt über einen PC verfügt, die Kinder zu ihm Zugang haben und ob ein Modem bzw. Internetanschluß vorhanden ist. Obwohl die Daten der repräsentativen Untersuchungen auf der Basis unterschiedlicher Altersspannen gewonnen werden, kann festgehalten werden, daß ca. 50 % der Kinder und Jugendlichen zwischen 6 und 17 Jahren im elterlichen Haushalt Zugang zum PC haben. In der Altersgruppe der 6- bis 13jährigen verfügen bereits ca. 13 % der Kinder über einen eigenen Computer (vgl. KIM '99), bei den 6- bis 17jährigen steigt der Anteil auf ca. 20% an (vgl. KVA 1998, 13-3; KIM '99; Neue und alte Medien 1999, K14, S. 25). Die meisten Computer im Privatbereich sind jedoch für einen Besuch des Internet nicht ausgestattet. In der Studie »Neue und alte Medien im Alltag der Kinder und Jugendlichen« wurde auf Basis der 1997 erhobenen Daten festgestellt, daß 9 % der Computer in den Familienhaushalten einen Internetzugang hatten und lediglich 1 % der Computer, die im Besitz von Kindern und Jugendlichen zwischen 6 und 17 Jahren waren (ebd. 1999, S. 23). Auch wenn die Anzahl der erwachsenen Internetanwender in rasantem Tempo steigt, scheint sich der Trend zum Netzzugang in der Medienausstattung von Haushalten, in denen jüngere Kinder leben, nur mit gebremster Kraft durchzusetzen. Die Zahlen sind zwar ansteigend, aber nach den Erhebungen des Medienpädagogischen Forschungsverbunds Südwest verfügten auch 1999 laut Angaben der Erziehungspersonen erst 8 % der Haushalte mit Kindern zwischen 6 und 13 Jahren über einen Online-Anschluß. Notwendigerweise ist deshalb die Anzahl der Kinder mit Interneterfahrung in der jüngsten Altersgruppe zwischen 6 und 8 Jahren sehr gering, da diese überwiegend nur zu Hause oder auch am Arbeitsplatz der Eltern Zugang zum Internet erhalten. Bei den 9- bis 11jährigen spielt der Anschluß im Haushalt der Freunde, bei den 12- bis 14jährigen dagegen in der Schule und im Internet-Café das es zunehmend auch für Kinder auf nicht-kommerzieller Basis gibt als Zugangsort eine bedeutendere Rolle (vgl. Neue und alte Medien 1999, S. 45).


Folgt man den Forschungen zu den erwachsenen Internetnutzern, dann sind außerhäusige Interneterfahrungen ein Motiv, sich einen Internetanschluß auch zu Hause anzuschaffen. Im GFK-Monitor wurde nach der 4. Erhebungswelle festgestellt, daß innerhalb von sechs Monaten die Anzahl der Internetnutzer um 2 Millionen angewachsen war. 9,9 Millionen der zwischen 14- und 59jährigen (22 %) nutzten zumindest gelegentlich das Internet, wobei in der Altersgruppe der 14- bis 19jährigen jeder Dritte zumindest gelegentlich ins Netz ging. Aufschlußreich ist: »Nach wie vor überwiegt die Außer-Haus-Nutzung. 6,1 Millionen Menschen nutzen das Internet außer Haus. Dem stehen 5,7 Millionen Personen gegenüber, die von zu Hause aus nutzen« (GfK Medienforschung 18. August 1999). Die ARD/ZDF-Arbeitsgruppe Multimedia bemerkte, daß die Anzahl der Internetanwender zwar steigt, aber der relative Anteil der Personen, die das Internet ausschließlich zu Hause nutzen, weitgehend konstant bleibt. Dennoch sind die wachsenden Zahlen auf die private Nutzung zurückzuführen. Denn 1999 und dies ist im Zusammenhang mit den Bemühungen der Schulen und Freizeitinstitutionen, Kinder an das Internet heranzuführen, von Interesse haben sich in der Bevölkerung ab 14 Jahren vor allem diejenigen einen privaten Onlinezugang angeschafft, die am Arbeitsplatz, an der Universität oder in der Schule Zugang zum Internet haben, demnach bereits über Interneterfahrung verfügten (vgl. ARD/ZDF-Arbeitsgruppe Multimedia 1999, S. 401 ff.).

Für Eltern kann dies bedeuten, daß nicht nur mit der zunehmenden Anzahl interneterfahrener Kinder, sondern auch durch Schule und Freizeitinstitutionen der soziale Druck steigt, ihren Kindern den Netzzugang zu ermöglichen. Denn bei der Computerbeschaffung zeigt sich bereits das Phänomen, daß selbst medienskeptische Eltern nach den Aussagen der Marktforschung unter Kaufzwang stehen: »Der Computer wird akzeptiert als zu unserer Zeit gehörig, und ging es früher eher darum, daß Eltern ihren Kindern per Computer einen Startvorteil verschaffen wollten, ist es heute eher so, daß die Eltern einen Startnachteil vermeiden wollen« (Mulitmedia Youth '99, S. 19). Spätestens nachdem der Übergang von der Grundschule in die Sekundarstufe I vollzogen ist, hält der PC Einzug ins Kinderzimmer, denn etwa im 11. Lebensjahr steigt die Zahl der Computerbesitzer unter den Kindern sprunghaft an. Nahezu übereinstimmend zeichnet sich der Trend ab, daß die 12- bis 14jährigen unter den Kindern am häufigsten die Möglichkeit haben, zu Hause einen Computer zu nutzen, weil in dieser Altersgruppe der Computerbesitz der Kinder mit dem der Eltern kumuliert (vgl. Multimedia Youth '99). Beim Internet wird sich die Sorge der medienkritischen Eltern um die Zukunft ihres Kindes vermutlich wiederholen, denn wiederum wird das Internet aus Konkurrenzgründen beschafft: »Die oft leistungsorientierten Eltern versprechen sich für ihre Internet-Kids bessere Chancen in der Ausbildung und beruflichen Zukunft und geben deshalb ihr >Ja< zum Internet-Anschluß und bezahlen die Surfabenteuer ihrer Kinder.« (Internet-Kids 2000, S. 1)

Unter dem Aspekt der Lebensperspektiven in einer Kommunikations- und Informationsgesellschaft wird demnach das Problem der Chancengleichheit von Kindern auf eigentümliche Weise reformuliert, denn die soziale Schere wird weniger vor dem Hintergrund tatsächlicher sozialer Ungleichheit als vielmehr vor dem potentieller technologischer Entwicklungen reflektiert: Wenn Eltern einen Computer kaufen, damit ihr Kind den Anschluß nicht verliert, zeugt dies einerseits vom Mißtrauen in die Qualifikationsleistungen des Bildungssystems und andererseits vom sozialen Druck, den ein bereits computerisierter Alltag im Umfeld ihrer Kinder ausübt. So mag sich der Anspruch, mit den Entwicklungen Schritt zu halten, an der Verfügung der Kinder über einen Computer mit Analog-Modem oder ISDN-Karte materialisieren, auch wenn im Medienalltag der Computer nicht nur das Lernen der Kinder, sondern auch den Lerninhalt weitgehend auf das Handling des Geräts oder des Computerspiels reduziert und im Internet weniger nach Information als vielmehr nach Spiel, Spaß und Spannung gesucht wird.

Nun eilt dem Internet, ganz jenseits dessen, was der kindliche und erwachsene »Anwender« mit ihm tut, sein guter Ruf voraus. Obwohl vielfach als Müllhaufen charakterisiert, steht es dennoch für Wissen, Information, Kommunikation. Es verspricht zudem ungeahnte technologische, ökonomische und gesellschaftliche Entwicklungschancen. Das Internet repräsentiert weltweit verknüpftes Wissen, das zu jeder Zeit und an jedem Ort abrufbar ist. Als Informationsressource ist ihm von vornherein trotz einer ganzen Reihe an Kinder- und Jugendschutzproblemen hohe pädagogische Akzeptanz garantiert: Im Unterschied zu den anderen Medien setzt es per se den aktiven Nutzer voraus, der in der Lage ist, nicht nur einen Computer zu bedienen, sondern sich im World Wide Web zu orientieren, Wesentliches von Unwesentlichem zu unterscheiden, Interessantes aufzuspüren und nach Bedarf auch wiederzufinden. In diesem Zusammenhang kehrt das Thema Chancengleichheit zu seinem Kern, den Zugangsmöglichkeiten von Kindern zum allgemeinen, gesellschaftlichen Wissen und ihrer Teilhabe an ihm zurück. In Schule und Freizeitpädagogik entstehen vor diesem Hintergrund sowohl groß angelegte als auch kleine Initiativen, die darauf zielen, die Kinder für eine Zukunft mit dem Internet »fit« zu machen, und die zudem versuchen, den Ausschluß von Kindern von Wissen und Information zu verhindern. Die sozialen Hürden sind hoch, ein heimischer Internetzugang erfordert nicht nur die notwendige Geräteausstattung, sondern auch die Begleichung der laufenden Kosten. Darüber hinaus sind die Kinder auch dies unterscheidet das Internet von anderen Medien wie dem Fernseher oder Kassettenrecorder weitgehend auf Hilfe und Unterstützung interneterfahrener Eltern (oder Geschwister) angewiesen.

Interneterfahrene Kinder sind eine kleine Minderheit

Angesichts der Medienausstattung der Haushalte ist es wenig erstaunlich, daß in allen Untersuchungsberichten festgehalten wird, daß nur ein sehr geringer Teil der Kinder, die einen Computer nutzen, ins Internet geht. Auch wenn Zugangsmöglichkeiten außer Haus bestehen und viele Kinder gerne mal ins Internet schauen würden, ändert sich nichts an der Tatsache, daß das Internet noch kein Alltagsmedium für Kinder ist: »Für die meisten der Kinder und Jugendlichen ist das Internet zur Zeit noch so eine Art Wundertüte: Keiner weiß so ganz genau, was drin ist, aber jeder möchte gerne reinschauen« (Multimedia Youth 1999, S. 46). In der Studie »Neue und alte Medien« (1999) wurden Kinder und Jugendliche zwischen 6 und 17 Jahren gefragt, ob und auf welche Weise sie Kenntnis vom Internet haben. 12 % aller befragten Kinder und Jugendlichen gaben an, das Internet bereits selbst genutzt zu haben, 13 % haben es nur gesehen, 43 % haben davon gehört, es aber nie genutzt oder gesehen und 32 % aller befragten Kinder und Jugendlichen war das Internet unbekannt. Unterschiede zwischen ost- und westdeutschen Kindern und Jugendlichen wurden nicht festgestellt, aber zwischen Mädchen und Jungen. Mädchen ist das Internet eher unbekannt, sie haben es seltener gesehen oder genutzt als Jungen. Es sind vor allem die Jugendlichen, die den Löwenanteil der Interneterfahrenen stellen, während sich bei den Kindern das Internet als Medium noch kaum etabliert hat (vgl. Abb. 1).

Auch andere Untersuchungen machen deutlich, daß das Internet erst auf dem Weg ist, ein Alltagsmedium für Kinder zu werden. Der Medienpädagogische Forschungsverbund Südwest hält fest: »Gerade vier Prozent der computererfahrenen Kinder geben an, mindestens einmal pro Woche im Internet zu surfen, weitere neun Prozent sind seltener als einmal pro Woche online (was 6 % aller Kinder entspricht)« (KIM '99, S. 3). Die Nutzung des Internet durch Kinder ist noch derart selten, daß bei den Auswertungen auf Nutzungszeiträume wie beispielsweise »mindestens einmal im Monat« zurückgegriffen wird, um überhaupt nach Altersgruppen spezifizieren zu können. Obwohl die Ergebnisse stark variieren und wegen des Alterszuschnitts und der unterschiedlich gewählten Basis kaum vergleichbar sind, zeichnet sich als Tendenz ab, daß das Einstiegsalter etwa bei 10 Jahren liegt. Jungen starten etwas früher ins Internet als Mädchen, letztere entwickeln aber mit zunehmenden Alter ein fast gleichermaßen starkes Interesse für das Internet.

Der Vollständigkeit halber werden hier die unterschiedlichen Daten angeführt: In der Studie KIM '99 liegen den errechneten Zahlen die PC-Nutzer als Basis zugrunde. Demnach nutzen auch wenn nur selten 3 % der 6- bis 7jährigen, 5 % der 8- bis 9jährigen, 13 % der 10- bis 11jährigen und 23 % der 12- bis 13jährigen das Internet. Sowohl das Institut für Jugendforschung als auch iconkids & youth international research rechnen getrennt nach Mädchen und Jungen. Das IJF kommt auf der Basis Computernutzer bei den 6- bis 8jährigen Kindern auf eine Nutzerquote von 13 % bei den Jungen und von 4 % bei den Mädchen; iconkids & youth rechnet auf die Altersgruppe hoch demnach haben jeweils 2 % der Jungen und Mädchen in der Altersgruppe der 6- bis 8jährigen Kinder Interneterfahrung. Ähnliche Differenzen sind bei der ebenfalls noch zu den jüngeren zu zählenden Altersgruppe der 9- bis 11jährigen zu entdecken: KICS (1999, S. 19) zählt 22 % der Jungen und 16 % der Mädchen zu den Interneterfahrenen, während Multimedia Youth (1999, S. 39) 15 % bzw. 8 % ausweist. In den höheren Altersgruppen scheinen schon allein aufgrund der Fallzahlen bzw. des allgemein hohen PC-Besitzes die Ergebnisse zuverlässiger zu sein: Etwa jedes vierte 12- bis 14jährige Kind, das einen Computer nutzt, war schon mal im Internet (vgl. auch Feierabend / Klingler 1999, S. 621). In Erhebungen zu den Freizeitinteressen von Kindern der Klassen vier bis sechs ergibt sich aus der Grundauszählung, daß 22 % der Mädchen und 37 % der Jungen angaben, in ihrer Freizeit gerne im Internet zu surfen (Projekt »Lebenswelten als Lernwelten« 1999). Vor dem Hintergrund der anderen hier referierten Ergebnisse, sind diese Zahlen kritisch zu prüfen. Möglicherweise stehen sie nicht für eine regelmäßige Internetnutzung, sondern spiegeln die Attraktivität des Mediums wider. Das Transferzentrum Publizistik und Kommunikation, das für Super RTL bei 120 interneterfahrenen Kindern Daten erhoben hat, stellt im Februar 2000 nahezu für alle Studien fest: »Man findet derzeit Internet-Kids unter 9 Jahren noch selten, ab 10 Jahren steigen die Chancen an, jedoch erst ab 13/14 Jahre kann vorsichtig von einer >Surf-Generation< gesprochen werden« (Internet-Kids 2000, S. 2).
Als Beispiel und Anhaltspunkt für die Verteilung nach Geschlecht können hier die Daten, die iconkids & youth bezogen auf die Basis aller Kinder in der jeweiligen Altersgruppen errechnet hat, dienen:

Diese Zahlen scheinen mädchenspezifische Internetprojekte zu rechtfertigen, wobei aber auch bei den Jungen nur in Einzelfällen von einer entwickelten Internetkompetenz ausgegangen werden kann. Die Kontakthäufigkeit der Kinder, gleichgültig ob Junge oder Mädchen, ist durchschnittlich viel zu gering, um spezifische Kompetenzen zu erwerben, wozu etwa die strategische Suche, gezielte Selektion und Navigation, Kenntnis über die Informationsquellen und deren Vernetzung sowie ein interessengeleiteter Umgang mit den interaktiven Möglichkeiten des Netzes gehören. Die meisten der interneterfahrenen Kinder gehen einmal pro Monat oder seltener ins Netz. Die Nutzungsdauer pro Tag beträgt aufgrund der geringen Nutzungshäufigkeit selbst dann, wenn man die höheren Altersgruppen hinzunimmt bei den 9- bis 17jährigen durchschnittlich lediglich 6 Minuten. Zum Vergleich: Auf Basis der Nutzer des jeweiligen Mediums sieht die gleiche Altersgruppe pro Tag durchschnittlich 104 Minuten fern, hört 68 Minuten Radio, 59 Minuten Musik (MC/CD) und liest 21 Minuten in einem Buch (vgl. Neue und alte Medien 1999, S. 47 und S. 28). Auch die Ergebnisse aus der Untersuchung von 9- bis 14jährigen »Internet-Kids«, bei der auf Repräsentativität zugunsten von Einzelfallanalysen verzichtet wurde, sind hinsichtlich der Häufigkeit und Dauer der Internetnutzung wenig spektakulär: Kinder gehen ein- bis zweimal wöchentlich für ca. 30 Minuten ins Netz, die Nutzungshäufigkeit steigt mit der Erfahrung auf drei- bis viermal wöchentlich an. »Nur jene Kinder, die sich systematisch mit den Möglichkeiten im Internet beschäftigt haben, verlängern ihre gezielten Surfaktivitäten auf eine Stunde und mehr pro Sitzung. Andere kommen über die chaotischen Besuche nie hinaus« (Internet-Kids 2000, S. 2).

Die Entwicklung des Internet, offensive Werbestrategien, sinkende Kosten, zunehmende nicht-kommerzielle und kommerzielle Webangebote speziell für Kinder und nicht zuletzt pädagogische Maßnahmen und Projekte, die den Einstieg der Kinder ins Internet erleichtern und fördern wollen all dies wird dazu beitragen, daß in Zukunft nicht nur mehr Kinder das Internet nutzen, sondern daß diese auch einen größeren Anteil ihres Zeitbudgets dafür aufwenden werden und aufwenden müssen, gerade wenn sie lernen wollen, das Internet »vernünftig« zu nutzen.

Was tun Kinder im Internet?

Kinder nutzen nahezu alle Dienste, die das Internet ausmachen: Sie surfen, chatten, mailen nur kinderspezifische Newsgroups gibt es noch selten. Kinder gestalten das Web aktiv mit, sie hinterlassen in Schreibwerkstätten, in Gästebüchern, auf Pinnwänden ihre Spuren, sie beteiligen sich an Diskussionsforen und sie gestalten eigene Hompepages, zumeist dann, wenn die Provider diese kostenlos an Kinder offerieren, und Erwachsene das Vorhaben der Kinder unterstützend begleiten (vgl. Stampfel/Grajcyk 1999).

Kinderhomepages

Regina Decker

Im Alter von etwa neun Jahren beginnen Kinder eigene Homepages zu gestalten. Diese bestehen häufig nur aus einer einzigen Webseite, sind bunt und einfach zu bedienen. Selbstprogrammiert sind sie auf Familien- und Schulhomepages zu finden, aus Vorlagen zusammengestellt auf Kinderwebsites, wie z.B. bei Pixelkids oder im SWR-Kindernetz.

Der Aufbau ist bei allen Kinderhomepages ähnlich. Der Steckbrief zur eigenen Person oder Familie mit Illustrationen, eine Linksammlung sowie die Darstellung der Hobbys und Interessen fehlen selten: Lea hat auf ihrer Homepage einiges zu ihrem Lieblingstier, dem Schwein, gesammelt, Daniel stellt seine selbstgeschriebenen Geschichten vor und bei Marina dreht sich alles um Diddl. Der Wunsch nach Kontakt zu anderen ist das Hauptmotiv für die eigene Homepage, denn fast alle Kinder suchen E-Mail-Freunde oder bitten um Einträge ins Gästebuch.


Manche Homepages sind sehr aufwendig und professionell gestaltet, dies läßt auf die Hilfe von Eltern und älteren Geschwistern schließen. Einfacher ist es für Kinder, vor allem ohne Programmierkenntnisse, eine Seite bei den Betreibern von Kinderwebsites einzurichten. Diese stellen einen Homepageservice zur Verfügung, der neben dem Webraum standardisierte Vorlagen für Hintergrund, Bilder und Schrift enthält.

Die Auswahl der notwendigen Homepage-Elemente ist tatsächlich kinderleicht, lediglich der Text muß selbst erfunden und geschrieben werden.Viele Kinder nehmen solche Angebote mit Kommunikationsmöglichkeiten in Anspruch: Das Kindernetz ist Standort von derzeit ca. 20.000, Pixelkids von ca. 300 Kinderhomepages.

Bei den genannten Spezialisten für Kinderwebsites ist die Berücksichtigung des Kinder- und Jugendschutzes selbstverständlich. Im Gegensatz dazu sind Kinderhomepages, die unter den Adressen kommerzieller Dienstleister zu finden sind, nicht unproblematisch. Der Dienstleister stellt z.B. kostenlosen Webraum, Anleitung zur Homepagegestaltung, Gästebücher zur Verfügung, um auf den jeweiligen Seiten Werbebanner zu plazieren. Die Eltern als Homepagebesitzer haben weder auf ihrer eigenen noch auf der Seite ihres Kindes Einfluß darauf, welches »Produkt« beworben wird. Folglich ist es möglich, daß auf der Kinderhomepage für »Lack und Leder«, einen Online-Einkaufsservice oder auch eine Partnervermittlung geworben wird.

Die eigene Homepage ist Kindern nur zeitweise wichtig. Eine kontinuierliche Aktualisierung findet selten statt: überholte Links und Altersangaben, unvollendete Krimis und Geschichten sind häufig. Linas Gruselseite ist eine Ausnahme: »Da ich nur noch ganz selten im Internet bin, kann ich auf E-Mails auch nur selten antworten. Deshalb habe ich mich entschlossen, die E-Mail-Adresse erst einmal abzustellen. Wenn ich wieder mehr Lust auf Internet habe, kommt sie wieder drauf.«



Adressen:

http://www.kindernetz.de
http://www.pixelkids.de
http://www.boerde.net/ total/schweine (offline)
http://privat.schlund.de/ A/Atschie/daniel.htm (offline)
http://www.rak-online.de/ marina/diddl01.htm (offline)
http://www.rare.de/lina


Der Schwerpunkt der Internetnutzung liegt bei den jüngeren Kindern notwendigerweise auf dem Surfen und Spielen, da sie noch nicht über hinreichende Schreib- und Lesefertigkeiten verfügen, die man für die Kommunikation im Netz benötigt. Dies gilt selbstverständlich auch für die Nutzung des Internet als Informationsquelle, der für Kinder etwa ab dem 12. Lebensjahr wachsende Bedeutung zukommt. Eindeutig altersabhängig ist das Mailen, das ebenfalls mit steigendem Alter an Relevanz gewinnt. Hier zeigen sich auch geschlechtsspezifische Differenzen: Mädchen mailen häufiger als Jungen, während diese tendenziell Spiele präferieren (vgl. Neue und alte Medien 1999, K 39 , S. 46; KICS '99, Chart 24 und 25).

Alle Daten sind nicht nur aufgrund ihrer kleinen Basis, sondern auch aufgrund der prozentualen Besetzung der Zellen mit größter Vorsicht zu interpretieren. Gerade die jüngeren Kinder scheinen nicht genau angeben zu können, was sie im Internet machen: Obwohl die Variablen in etwa alle Aktivitäten abdecken, die im Internet möglich sind, ist in der Studie »Neue und alte Medien« (1999) die Kategorie »anderes« bei den 6- bis 8jährigen mit 42 % besetzt, sie fällt mit zunehmendem Alter auf 26 % bei den 9- bis 11jährigen, auf 17 % bei den 12- bis 14jährigen und auf 10 % bei den 15- bis 17jährigen ab (vgl. ebenda K 39; S. 46). In der Studie KICS '99 zeigt sich dieses Problem ebenfalls, aber auf völlig andere Weise. Dort wurden die 6- bis 14jährigen nach ihren Lieblingsseiten befragt. Die 6- bis 8jährigen und die 9- bis 11jährigen präferieren demnach http://www.kinderkanal.de, aber der Kinderkanal ist eher eine Online-Programmzeitschrift denn ein Angebot für Kinder. Vermutlich kennen die Kinder die Adresse aufgrund der unentwegten Hinweise während und nach den Sendungen. 12- bis 14jährige nennen http://www.diddl.de, eine virtuelle Seite zu einem Produkt mit erheblicher realer Präsenz auf Heften, Schultaschen u.ä.m. Die kinderspezifischen Angebote im World Wide Web, die es in zunehmendem Umfang gibt, sind demnach bei den Kindern noch nicht angekommen. Dies hat weniger mit deren mangelnden Attraktivität zu tun, als vielmehr damit, daß Kinder und Jugendliche unter 14 Jahren nicht in der Lage sind, mit den Suchmaschinen im Internet umzugehen. Die Systematik der Portalseiten, die Rubriken und Stichwortkombinationen verlangen ein relativ ausgebildetes Abstraktionsvermögen, um zu verwertbaren Suchergebnissen zu kommen. Da bloßes Rumklicken nur zufällig zu interessanten Websites führt, handhaben Kinder das World Wide Web auf eine Weise, die mit dem Begriff »Surfen« mehr als unzutreffend beschrieben ist: »Fündig werden sie meistens nach dem Muster www.name.de/com, sie verwenden dabei Begriffe aus dem alltäglichen Umfeld Marken, Verpackungsangaben, beliebte Figuren und Personen aus der Medienwelt, Stars, Fernsehsender usw. Immer wieder verlieren sie sich in den Weiten des Netzes und müssen erfolglos in ihre Browservoreinstellung zurückkehren« (Internet-Kids 2000, S. 1). Sollten weitere Studien diese »Suchstrategie« von Kindern im Internet bestätigen, dann relativiert sich einmal mehr die These, wonach die medien- bzw. computerkompetente Kindergeneration in Sachen neue Technologien den Erwachsenen überlegen ist.

Kinder benötigen Unterstützung durch Erwachsene

Die Nutzung des Internet bzw. des Browser setzt nach dem gegenwärtigen Entwicklungsstand hohe Computerkompetenz voraus: Bloß »schon drin« zu sein, wie Boris Becker in Fernsehspots dem lachenden Publikum versichert, nützt wenig, wenn Kinder nicht in der Lage sind, Audio-, Video- und Textdateien herunterzuladen und auf dem eigenen Computer wiederzufinden, wenn benötigte Zusatzprogramme auf einer Firmenhomepage gesucht, auf dem Computer installiert und manchmal gar konfiguriert werden müssen. Erschwerend kommt hinzu, daß nicht nur weitgehende Sicherheit in den Basisqualifikationen Lesen und Schreiben, sondern auch rudimentäre Englischkenntnisse erforderlich sind, da selbst die deutschen Angebote für Kinder häufig in Englisch getitelt werden: »fun-online«, »kids-online«, »3dimencity«. Nach Gehör »fanonlein« in die Suchmaschine oder ins Adressierfeld getippt, führt zu enttäuschenden Ergebnissen, wobei die Kinder nicht in der Lage sind, die Fehlerquelle zu erkennen. Es ist deshalb wenig erstaunlich, daß 60 % der Kinder zwischen 6 und 14 Jahren angeben, Hilfe beim Umgang mit dem Internet zu benötigen. 35 % der Kinder und Jugendlichen erhalten diese von ihren Eltern, 19 % von ihren Freunden, 10 % von ihren Geschwistern, 4 % von anderen Verwandten und lediglich 2 % von Lehrkräften (vgl. KICS '99, Chart 21). Orientierungsprobleme im Internet scheinen auch unter älteren Jugendlichen verbreitet zu sein. In einer amerikanischen Beobachtungsstudie zum Navigationsverhalten von Schülern, die bereits die Highschool besuchen, wird z.B. festgehalten, daß die Schüler kaum in der Lage seien, das Internet als Informationsmedium zu nutzen, weil sie weder über Suchstrategien verfügten noch Kenntnis davon hätten, wie Informationen ins Internet gelangten (vgl. Fidel u.a. 1999). Dieses Ergebnis ist ein Hinweis darauf, daß der unbefangene Umgang der Kinder mit dem Medium nicht mit Medien- bzw. Internetkompetenz verwechselt werden sollte. Ein erheblicher Schulungsbedarf für einen adäquaten und kritischen Internetumgang ist nicht nur bei Kindern, sondern auch bei vielen Eltern und Lehrkräften zu vermuten. Schließlich ist das Internet in Deutschland noch »im Kommen«. Der Markt reagiert darauf mit dem alten Medium Buch eine stattliche Anzahl von Internet-Ratgebern für Kinder, Eltern und Lehrkräfte wird angeboten. Ob Kinder jedoch in der Lage sind, diese Bücher ohne Hilfe von Erwachsenen oder ohne technische Vorkenntnisse zu nutzen, ist eher zweifelhaft, da auch ein Internetführer für Kinder nicht ohne Fachsprache und englisches Vokabular auskommt.

Chatten sinnvolle Ergänzung zur real-kindlichen Kommunikation?
Christoph Gieger

Das englische Verb »to chat« steht für »plaudern«, »schwatzen«, für eine Kommunikationsform im Netz. Knapp 50 virtuelle Räume (»Chats«) vom Typus Internet Relay Chat, Webpage-Chat, Visual Virtual World Chat wurden im März/April sowie Juli/August/September 1999 von uns teilnehmend beobachtet und nach Themen, Kommunikationsverlauf und Nutzerkreis analysiert. Trotz der mit Selbstauskünften generell einhergehenden methodischen Probleme können einige Tendenzen aufgezeigt werden.

Die Analyse ergab, daß Chatrooms unabhängig vom Angebotstypus bei den 6- bis 14jährigen noch keine große Rolle spielen. Das Chatten geht erst mit 14 Jahren richtig los. In diesem Alter verfügen die Heranwachsenden über genügend Computererfahrung, um die zum Chatten notwendigen Programme aus dem Internet herunterzuladen; sie besitzen auch hinreichend schnelle Lese- und Schreibfertigkeiten, um die Kommunikation im Fluß zu halten, haben zudem rudimentäre Englischkenntnisse, um sich der »Akronyme« (englische Wortkürzel, z.B. gr8 2 CU = great to see you) und ausreichende Tastaturerfahrungen, um sich der »Emoticons« (Symbole, z.B. :-) = ich freue mich) zu bedienen, die für die Kommunikation im Chat charakteristisch sind. Chats für Kinder und Jugendliche werden von unterschiedlichen Anbietern mit unterschiedlicher Zielsetzung verfügbar gemacht: z.B. zur Förderung der Medienkompetenz, zur Käufer- und Zielgruppenbindung, zur Information und Beratung, als Fanforum. Dennoch sind fast alle Chats »themenfrei«, d.h. die Chatter finden bzw. bestimmen ihre eigenen Inhalte. Hauptmotive sind Kontaktaufnahme (Leute kennenlernen), Unterhaltung und Spaß, wobei sich der Großteil beim Chatten um den Flirt dreht. Auf Kinder wirkt der Sprachduktus fremd, weshalb nur in einzelnen Chats schon achtjährige Kinder anzutreffen sind. Festzuhalten ist, daß es bisher nur wenig Chats zu kinderspezifischen Themen gibt (kindersache.de).

Derzeit werden hauptsächlich die kommerziellen Chats im World Wide Web genutzt (z.B. funonline.de). Dies verdeutlicht einmal mehr die Notwendigkeit der Erziehung zur Medienkompetenz mit dem Ziel: Kinder und Jugendliche zu befähigen, Motive und Interessen der Chatanbieter kritisch zu hinterfragen, dahinter stehende Absichten wie beispielsweise Produktwerbung und Käuferbindung zu erkennen. 

Die Nutzung der Chats erfolgt vorwiegend im Freundeskreis, teilweise im Internetcafé. Die Regeln der Kommunikation (»Chatiquette«) werden häufig nicht eingehalten verbale Ausfälligkeiten sind keine Seltenheit. Aber auch dann, wenn beim Chatten eine pädagogische Begleitung nicht gesichert ist, ist das Lernpotential zur Entwicklung sozialer Kompetenzen nicht zu unterschätzen: Über Chatangebote haben Kinder und Jugendliche Zugang zu Altersgenossen in aller Welt und können Freundschaften schließen, die ihre Fortsetzung in E-Mail-Freundschaften oder sogar im wirklichen Leben finden. Sie sind beim Chatten geradezu gezwungen, sich mit neuen Perspektiven und alternativen Meinungen anderer auseinanderzusetzen unbestritten eine wichtige Voraussetzung für Toleranzentwicklung. In organisierten Lernprozessen eignet sich der Chat besonders für den Einsatz im Fremdsprachenunterricht; Kleingruppen-Chats mit Vertretern einer Muttersprache fördern die Lernmotivation. Dies gilt in besonderem Maße für leistungsschwache Schüler, die befreit vom Zeitdruck der Unterrichtssituation und der sozialen Kontrolle eines ganzen Klassenverbandes, engagiert an diesen neuen Lernsituationen teilnehmen. Angesichts solcher Möglichkeiten kann Chatten durchaus eine sinnvolle Ergänzung zur Face-to-Face-Kommunikation von Kindern und Jugendlichen sein.

Einige Chat-Links

http://www.kindersache.de
(»Schwatzraum« der Infostelle Kinderpolitik, Berlin. Moderierter Kinder-Chat)
http://www.funonline.de (offline)
(»Fun Online Chat« der Egmont Mediengruppe. Gutbesuchter Chat für Kinder und Teenager)
http://www.giga.de (»Chat« der GIGA-Community, Fox Inetractive Media GmbH)
http://www.virtuellewelt.de
(»Cyberland-Chat« der Bildungsstätte »wannseeForum«. Von Jugendlichen gestalteter Graphikchat)
http://www.kijuchat.de (offline; Domainrückgabe)
(»KiJu Chat« der FHO Emden. Beratungschat für Kinder und Jugendliche)

Ein medienpädagogischer Blick ins Internet

Da das Internet für Globalisierung sowie für den Wandel der Gesellschaft zur Informations- und Kommunikationsgesellschaft steht, verfolgt die Medienpädagogik heute primär das Ziel, Kinder auf eine Zukunft mit qualitativ neuen Anforderungen vorzubereiten. Dabei geht es zunächst darum, ihnen überhaupt einen Zugang zum Internet zu verschaffen. Beim Surfen durch das deutsche Webangebot für Kinder kann festgestellt werden, daß die medienpädagogischen Aufgaben vielfältig sind: Bislang wird Kommunikation groß-, Information eher kleingeschrieben: Die Einträge in den Gästebüchern schwellen an, biographische Steckbriefe werden ins Netz gestellt, Kleinanzeigen von Gesucht-Gefunden bis zur E-Mail-Brieffreundschaft werden an virtuelle Pinnwände geheftet, im Chat wird rumgeblödelt, geflirtet und kaum diskutiert. Sachthemen, aufbereitet für Kinder, sind in deutscher Sprache selten zu finden. Selbst vielversprechende und Kindern oft empfohlene Adressen, die zum Beispiel zu Museen, Zoos oder klassischer Kinderkultur führen, lassen weithin ein Desinteresse an verständlichen Informationen für Kinder erkennen und signalisieren mithin einen erheblichen Beratungsbedarf. Damit Kinder das Internet mit all seinen Funktionen nutzen können, werden Moderatoren im virtuellen Raum benötigt, welche einerseits die Kommunikation der Kinder »live« begleiten und andererseits »geschützte« Kommunikationsräume für Kinder anbieten.
Kinder-Seiten und Kommerz


Sandra Schön

Das weltweite Computernetz ist kommerzialisiert auch die Seiten für Kinder: Viele Buchautoren, Fernsehsender, Hersteller von Süßigkeiten und Spielzeug sind online mit Kinderseiten präsent, um das eigene Produkt an das Kind zu bringen. Die Marketingstrategien sind dabei unterschiedlich: Der Kinderkanal und McDonald's belassen es bei einer Produktinformation, Kellogg's setzt kurzweilige Spiele ein, bei Milka gilt es, eine virtuelle Milka-Kuh zu hegen und zu pflegen, Kraft Jacobs Suchard bieten Kinder eine eigene E-Mail-Adresse, schließlich sind bei den Ottifanten nicht nur Otto Waalkes Witze zu hören, sondern auch gleich gegen Nachnahme zu bestellen. Andere kommerzielle Anbieter von Kinderseiten haben Kinder nur mittelbar als Zielgruppe: Auf dem Bauernhof von Volkswagen bellen Hunde, Miele stellt das Jugendmagazin »TipTop« sowie ein witziges Spülmaschinenspiel ins Netz.

Erstaunlich ist, daß ausgerechnet von Medienpädagogen der »Fritz-Kids-Club« (Grosso-Magnet-Handelskette) oft empfohlen wird, welcher sich selbst als »Beispiel für ein erfolgreiches Kinder- und Jugendmarketing« beschreibt.

Auch private und gemeinnützige Seiten sind keineswegs immer werbefrei: Sobald sie kostenlose Dienstleistungen z.B. ein Gästebuch nutzen, werden im Gegenzug Werbebanner eingeblendet. Kommerzielle Interessen sind auf privaten und gemeinnützigen Seiten nicht immer auf den ersten Blick erkennbar: Buchempfehlungen für Kinder führen häufig gegen Provision zur Online-Bestellmöglichkeit beim Buchhändler Amazon. Der Verkehrsexperte des Österreichischen Rundfunks Helmi gibt im Auftrag des Kuratoriums für Verkehrssicherheit nicht nur Verkehrssicherheitstips, sondern offeriert auch diverse Merchandising-Produkte: Helmi als Kuscheltier, Helmi-Rucksack und Helmi-Tasse.

Werbung auf Kinderseiten ist gang und gäbe. Hinweise, daß Eltern die Bestellung für ihren beschränkt geschäftsfähigen Nachwuchs meist gegen Nachnahme oder Vorauskasse vornehmen müssen, fehlen manchmal schlichtweg. Alles in allem ist der Kinder- und Jugendschutz auf den Angeboten für Kinder im weltweiten Rechnernetz unterentwickelt.

Links zu den erwähnten Angeboten

http://www.kinderkanal.de
http://www.mcdonalds.de
http://www.kelloggs.de/kids/index.htm (offline)
http://www.milka.de
http://www.coole-schule.de (Kraft Jacobs Suchard) (offline)
http://www.ottifant.de (Otto Waalkes)
http://www.autolernwerkstadt.de (Volkswagen) (offline)
http://www.tip-top.de (Miele) (offline)

Nicht zuletzt werden Fragen des Kinder- und Jugendschutzes im Internet, die sich bislang nur auf Pornographie und Volksverhetzung konzentrieren, umfassender diskutiert werden müssen: Das Internet ist eine riesige multimediale Werbe- und Verkaufsfläche, von der die gesamte Internetgemeinde profitieren will. Wer schon selbst nichts zu verkaufen hat, nutzt zumindest Websites und Gästebücher, die von den Providern kostenlos zur Verfügung gestellt werden. Sponsoring und Provisionsangebote sind marketingstrategisch vielversprechend: Sie werden nachgefragt, weil sie einerseits die Internetkosten für private Anbieter minimieren und andererseits ein wenn auch nur potentielles Geschäft versprechen (sog. benefitting). Die Folge davon ist, daß auf nicht-kommerziellen Kinderseiten und Webringen sowie auf den »Homepages« von Kindern »Bannerwerbung« zu finden ist. Es handelt sich dabei um Werbeflächen mit Links zur werbenden Firma, oft gezielt zu den großen Handelsketten mit Waren für Kinder (z.B. http://www.myToys.de). Falls mit wechselnden bzw. dynamisch austauschbaren Werbeeinblendungen gearbeitet wird (»Bannerrotation«), führt ein »Klick« in das Feld auch schon mal zu nicht gerade jugendfreien Angeboten. Der Link auf den virtuellen Buchladen amazon.de hat sich beinahe wie ein Bazillus auf dem deutschen Webangebot verbreitet und läßt nicht nur auf »Brandmarketing«, sondern auch auf Monopolisierungsversuche schließen. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, ob und wie sich Gesellschaft und Politik auch unter Gesichtspunkten des Kinder- und Jugendschutzes zu den wirtschaftlichen Interessen im und mit dem Internet verhalten will. Denn selbstverständlich gehört es zu den Aufgaben der oben zitierten Marktforschungsinstitute, ihre Daten im Kontext des Kinder- und Jugendmarktes zu interpretieren und ihren Auftraggebern Hilfestellung für ihren »Auftritt« im Netz zu geben. Um das Problem zumindest ansatzweise anzudeuten, seien einige ausgewählte »Basisanforderungen« für kommerzielle Websites genannt: »Greifen Sie die Core Needs der jeweiligen Altersgruppe auf und nutzen Sie diese, um für Ihr Angebot Relevanz zu erzeugen.« »Etwas Pädagogik kann nicht schaden insbesondere bei Jüngeren. Kinder brauchen Argumente gegenüber ihren Eltern.« »Insbesondere bei Kindern: Nette Presenterfiguren helfen Sympathie zu schaffen.« »Rechnen Sie aber damit, daß die meisten nur schauen wollen. Liefern Sie Inspirationen für den Kauf, erzeugen Sie konkretes Interesse. Nennen Sie Adressen von Geschäften für den realen Kauf.« (Multimedia Youth '99, S. 57 - 61) Moralische Empörung über das marketingtechnische Kalkulieren mit Kindern ist in einer Gesellschaft unangebracht, die Kinder schon längst als Marktfaktor akzeptiert und hofiert. Das Internet ist lediglich ein weiterer entwicklungsfähiger Baustein im Medienverbundsystem, der Pädagogen herausfordert, hinter dem virtuellen Raum die ökonomische Realität zur Kenntnis zu nehmen. Die Anarchie des Internet ist durch seine Eingemeindung in die Sphäre des Geschäft längst gezähmt: Spätestens seit öffentlich wurde, daß Computer, die von einem Prozessor des Typus Intel Pentium III »behaust« sind, serienmäßig mit »Raum« für Personenprofile und Wirtschaftsspionage ausgestattet sind (vgl. z.B. Persson, in: c't 1999, S. 16), ist klar, daß die Kommunikation im globalen Netz auch an die politische Leine gelegt werden kann. Kinder müssen demnach nicht nur auf den Umgang mit der neuen Technologie vorbereitet werden, sondern vor allem auf die kritische Auseinandersetzung mit seinen Inhalten und der Technik, die diese transportiert: Das Internet konfrontiert MedienpädagogInnen somit nicht nur mit neuen, sondern auch mit ihren genuinen und alten Aufgaben.

Literatur

ARD/ZDF-Arbeitsgruppe Multimedia: ARD/ZDF-Online-Studie1999: Wird Online Alltagsmedium? Media Perspektiven 8/1999, S. 401-414

Aufenanger, Stefan: Die Vorstellungen von Kindern vom virtuellen Raum. Diskurs 1/2000

Coole Profis: Die Medienrealität der Kinder. Neues über Mediennutzung, Medienerinnerungen und die Einstellung zur Werbung bei Kindern, Kids und Jugendlichen. Egmont Ehapa Verlag, Stuttgart 1997

Fidel, Raya et al.: A Visit to the Information Mall: Web Searching Behaviour of Highschool Students. In: Journal of American Society for Information Sciences, Jg. 50, Heft 1, 1999

Feierabend, Sabine / Klingler, Walter: Kinder und Medien 1999. Ergebnisse der Studie KIM '99 zur Mediennutzung von Kindern. Media Perspektiven 12/1999, S. 610-625

Gehle, Tobias: Kinder im Netz. Internetnutzung zwischen 6 und 13 Jahren. Diplomarbeit. Universität Dortmund 1998 (http://www.netz-kids.de)

GfK Online-Monitor - 4. Untersuchungswelle: Präsentation der zentralen Ergebnisse. GfK Medienforschung. Frankfurt 18. August 1999 (http://www.gfk.cube.net, offline)

IJF-KICS-Studie (Kinder, Internet, Computer und Spielekonsole) '99. Kinder und Teens 6-14 Jahre. Institut für Jugendforschung. München 09/1999

Internet-Kids - die Faszination des Unverstandenen. Neue Grundlagenstudie über kindliches Surfen im Internet. Pressemitteilung. Transferzentrum Publizistik und Kommunikation, München - Super RTL, Köln, Februar 2000 (Bericht erscheint ca. April 2000)

KidsVerbraucherAnalyse (KVA): Junge Zielgruppen 6 bis 17 Jahre. Egmont Ehapa Verlag, Neuauflage, Stuttgart 1997 und Stuttgart 1998

Kinder und Medien (KIM) 1999. Kernergebnisse. 11. Oktober 1999. Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest (MPFS). Baden-Baden 1999

Multimedia Youth '99. Ergebnisse und Thesen zur Nutzung von PC und Internet von Kindern und Jugendlichen in Deutschland. iconkids & youth international research, München April 1999

Neue und alte Medien im Alltag von Kindern und Jugendlichen. Deutsche Teilergebnisse einer europäischen Studie. Autoren: Krotz, Friedrich et al.; Hans-Bredow-Institut für Medienforschung an der Universität Hamburg (Hrsg.), Hamburg April 1999

Orthmann, Claudia: Kommunikation von Kindern im Internet. Diskurs 1/2000

Persson, Christian: Pentium-III-Seriennummer doch »weich« einschaltbar. In: c't 5/1999, S. 16

Projekt »Lebenswelten als Lernwelten«: Freizeitinteressen von Schülerinnen und Schülern. Grundauszählung. Deutsches Jugendinstitut, München 1999 (unveröffentlicht)

Schmidbauer, Michael / Löhr, Paul: Internet-Kompetenz für Kinder. TelevIZIon 11/1998, 1, S. 4-14

Stampfel, Sabine / Grajczyk, Andreas: Internet für Kinder: Das SWR-Kindernetz. Ziele, Inhalte und Nutzung eines öffentlich-rechtlichen Internetangebotes. Media Perspektiven 12/1999, 12, S. 635-640

 

© Deutsches Jugendinstitut e.V. 2000