Die visuellen Medien und die Musikmedien spielen im Alltagsleben heutiger Familien eine zentrale Rolle. Medien sind Lebensbegleiter. Im alltäglichen Umgang mit Medien entstehen bei Jugendlichen und Erwachsenen medien-biographische Erfahrungen. Die Jugendlichen suchen das breite Spektrum der Medienangebote (Filme, Sendungen, Musik, Bücher, Zeitschriften, Computer) nach ihren Themen ab; sie wählen „für sich" entsprechende Inhalte aus, die für ihre aktuellen Themen bedeutsam sind, z.B. Arbeit am Selbstbild, Ablösung von den Eltern, Abgrenzung gegenüber den Geschmackskulturen der Eltern, Vater-Suche sowie Freundschaftsbeziehungen. Bei dieser Auswahl ist eine geschlechtsspezifische Themen-Suche festzustellen.

Die qualitative Längsschnittstudie „Medienerfahrungen von Jugendlichen in Familie und Peer-group" wurde von 1992 bis 1998 in 20 Familien durchgeführt. Wir befragten (jeweils getrennt) 22 Jugendliche sowie 19 Mütter und 5 Väter (jeweils getrennt). Die Fragestellungen bezogen sich auf aktuelle Erlebnisse und Themen, aktuelle Geschmacks- und Medienvorlieben, Formen des Medienumgangs und der Mediennutzung, medienbiographische Erfahrungen, (Medien-)Erziehungskonzepte, Kommunikationsstile in der Familie, Netzwerke der Peer-groups sowie (jugend-)kulturelle Praxen und Stile.

Die Ergebnisse dieser Untersuchung widerlegen gängige Annahmen und Vorurteile, die den Jugendlichen und Familien in Sachen Medien unterstellt werden. Dabei zeigt es sich, dass man zu anderen Ergebnissen kommt, wenn man sich durch qualitative Methoden auf die Lebenswelt der Jugendlichen und Familien unmittelbar einläßt und durch einen Längsschnitt biographische Entwicklungen aufzeigen kann.
Die Ergebnisse beziehen sich auf die Familie als System, auf die Jugendlichen selbst sowie auf ihre Erfahrungen in der Peer-group:

  • In den von uns befragten Familien wird täglich über Medien geredet. Die Jugendlichen und Eltern teilen
    ein gemeinsames Interesse an Spielfilmen, Musikstilen und Fernsehserien.
  • In den Familien gibt es über Medien jedoch auch viele Auseinandersetzungen, deren Kommunikationsstil den
    Grad von Nähe und Distanz der Familienmitglieder anzeigt und wie ein Barometer das Familienklima beschreibt.
  • Innerhalb der Familie bildet sich eine "gemeinsame Kultur" heraus, die Ausdruck von "neuen Gemeinsamkeiten"
    zwischen den Generationen ist. Beide Generationen teilen ihr Interesse an der populären Kultur, und bringen
    ihre jugendkulturellen Interessen im Familienalltag zur Geltung. Die Medien haben dadurch die Familie verstärkt
    zu einem „Kulturraum" gemacht.
  • Die Medien erleichtern die Verständigung zwischen den Generationen; wer über Medieninhalte spricht,
    teilt auch etwas von seiner Person mit und möchte damit ein wichtiges Thema von sich ansprechen.
  • Die Jugendlichen lernen von ihren Eltern, wie sie mit Medieninhalten umgehen können (z.B. produktiv oder
    rein rezeptiv), ferner wie Medien behilflich sind, die eigenen Themen und Situationen symbolisch bewältigen
    zu können.
  • Obgleich die Jugendlichen die verschiedenen Medienangebote reichlich nutzen, sind die für sie entscheidenden
    Medienangebote immer auf ihre eigenen (aktuellen oder latenten) Lebenssituationen und Entwicklungsthemen bezogen.
    In ihren Aussagen über „eindrucksvolle" Medienerlebnisse wird deutlich, dass die Medieninhalte insbesondere
    mit ihren Alltagssituationen und Themen zusammenhängen, die sie derzeit am meisten innerlich bewegen und beschäftigen.
    Hierbei treten deutliche Unterschiede einer Mädchenkultur und Jungenkultur hervor.
  • Die Einstellungen der Eltern gegenüber den Medien sowie deren Medienvorlieben („kulturelles Erbe")
    haben einen großen Einfluß auf die Geschmacksbildung der Töchter und Söhne.
  • Verständnis und Toleranz von seiten der Eltern für die Medienerfahrungen von Jugendlichen sind ausschlaggebend
    dafür, wie die Töchter und Söhne mit Medien umgehen (werden). Dabei spielt der Stil der gemeinsamen
    Gespräche eine wichtige Rolle: Ist er eher diskursiv, eher assoziativ, oder eher normativ? Ist er eher einschränkend
    oder fördernd, mehr vorgebend oder mehr zur eigenen Meinung ermutigend? Ein diskursiver und eher ermutigender
    Stil ist für die Bildung eines gewinnbringenden Medienumganges förderlich.
  • Medienerlebnisse in der Pubertät haben eine prägende Wirkung für den späteren Umgang mit
    Medien- und Kulturangeboten. Dies zeigen die medienbiographischen Erfahrungen der Eltern. Ihre Erfahrungen als
    Jugendliche bestimmen, wie sie bei den eigenen Kindern ihre (Medien-)Erziehungskonzepte umsetzen. Dabei entstehen
    Erfahrungen, die bei der Wahl der Jugendlichen für jugendkulturelle Szenen entscheidend sein können.
  • Spielfilme und Stars sind Spiegel für die eigene Identität, für die Arbeit am Selbstbild, für
    die Selbstvergewisserung. In der Pubertät ist Mediennutzung aktive Auseinandersetzung mit sich selbst und
    der Umwelt. Insgesamt fördert der Medienumgang bei Jugendlichen den Prozeß der Selbstvergewisserung,
    der Eigenständigkeit sowie der Bewußtwerdung.
  • Die Jugendlichen nutzen alle Medien. Doch der Stellenwert der verschiedenen Medien verändert sich im Laufe
    der Pubertät/Adoleszenz. Insbesondere das Fernsehen nimmt im Laufe der Pubertät ab. Die Bedeutung von
    Musik nimmt dagegen stetig zu. Ebenso wird der Besuch von Kinos immer wichtiger, gerade auch in Zusammenhang mit
    den Freundschaftsbeziehungen. Der erste gemeinsame Lieblingsfilm hat eine symbolische Bedeutung für ein Paar,
    da er das Besondere der gemeinsamen Beziehung sowie der gemeinsamen Medienvorlieben unterstreicht.
  • Medienthemen sind Bausteine für die Freundschaftsbeziehungen. Sie dienen in den Peer-groups als „Gesprächs-Ouvertüren"
    und erleichtern den Zugang oder Eintritt in die Gruppen. Gemeinsamer Mediengeschmack ist nicht entscheidend für
    den Bestand einer Freundschaftsbeziehung; doch er verstärkt das gemeinsame Erleben, verringert Konflikte und
    bereichert die Beziehung.
  • Die Netzwerke der Gleichaltrigen sind eigene soziale Orte, in denen verstärkt ein Diskurs über mediale
    und kulturelle Angebote stattfindet. In den Peer-groups beziehen sich die Jugendlichen auf die vielfältigen
    Angebote jugendkultureller Stile und Szenen. Eine Teilnahme an diesen manifestiert außerfamiliale Kulturen
    der Lebensführung, die sich von den jeweiligen "Familienkulturen" unterscheiden, diese aber auch
    ergänzen und erweitern.
  • Die von uns befragten Jugendlichen benutzen die verschiedenen Medien (Fernsehen, Musikhören, Computern,
    Lesen, Telefonieren) auf selbstverständliche Weise; doch am wichtigsten ist ihnen vor allem eines: möglichst oft und intensiv mit ihren (besten und festen) Freunden und Freundinnen zusammen zu sein. Dafür möchten
    sie stets mehr Zeit haben.

Die Ergebnisse zeigen, dass die Jugendlichen und deren Eltern aus dem Umgang mit Medien einen persönlichen Gewinn und einen sozialen Nutzen ziehen können. Die Medien, insbesondere aber auch das Fernsehen, haben für einen Großteil der Eltern trotz mancher Bedenken eher eine „familienintegrierende Wirkung" sowie „entwicklungsfördernde Funktion".
Das Projekt „Medienerfahrungen von Jugendlichen in Familie und Peer-group" ist beendet.
Die Ergebnisse sind in einem Abschlußbericht enthalten, der Ende des Jahres 1999 als Band 2 der Reihe „Medienerfahrungen von Jugendlichen" im Verlag Deutsches Jugendinstitut erscheinen wird.

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+49 89 62306-324
Deutsches Jugendinstitut
Nockherstr. 2
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