Was bedeutet Qualität in der pädagogischen Arbeit mit jungen Menschen in stationären Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe? Wie kann sie trotz der Komplexität und Vielschichtigkeit des Feldes einrichtungsübergreifend beschrieben werden? Diese und andere Fragen beschäftigen seit mehreren Jahrzehnten die Fachwelt. Es gab in den letzten Jahrzehnten vielfältige Ansätze, Qualität stationärer Hilfen zu beschreiben, um sie auch gegenüber Interessierten in Politik und Öffentlichkeit transparent darstellen zu können.

Das Projekt „Gute Heime“ knüpfte an die Qualitätsentwicklungs- und Qualitätssicherungsdiskurse der letzten Jahrzehnte an. Das Forschungsprojekt hatte zum Ziel, wesentliche Dimensionen zur Beschreibung der Qualität stationärer Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe herauszuarbeiten. Diese Qualitätsdimensionen mussten sowohl der Komplexität des Feldes als auch der Vielschichtigkeit der Einrichtungen Rechnung tragen. Dabei wurden weder neue Qualitätsanforderungen definiert, noch ein weiteres Qualitätsmanagementsystem entwickelt. Vielmehr wurden die bisherigen Erkenntnisse und Diskussionen zur Qualität stationärer Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe systematisiert und verdichtet, so dass am Ende die Dimensionen bzw. Einflussebenen benannt werden konnten, zu denen im Kontext von Qualitätsbeschreibungen Angaben gemacht werden sollten. Dabei wurde nicht der Anspruch erhoben, dass diese Dimensionen ausreichend sind, das spezifische Profil jeder einzelnen Einrichtung umfassend abzubilden. Vielmehr sollten diese Qualitätsdimensionen Orientierungen über Leistungen und Möglichkeiten einer Einrichtung bieten. Von den Projektergebnissen können die AdressatInnen der Hilfen zur Erziehung, die Jugendämter, die Einrichtungen selbst sowie die politischen Entscheidungsebenen profitieren.

Am 31.12.2016 waren über 95.000 Kinder und Jugendliche in einem Heim oder einer anderen betreuten Wohnform untergebracht (Statistisches Bundesamt 2017). Die vorübergehende oder langfristige Unterbringung in einem Kinderdorf, einer Wohngruppe oder einer anderen Form stationärer Hilfen ist für manche junge Menschen eine wichtige Möglichkeit günstige Entwicklungsbedingungen für ihr Aufwachsen zu erhalten. Vor diesem Hintergrund spielt die Qualitätsdebatte eine bedeutende Rolle. Es wurden verschiedene Qualitätsentwicklungssysteme in den stationären Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe implementiert. Dabei fanden u.a. intensive Auseinandersetzungen über die Bedeutung und Messbarkeit von teils abstrakten Qualitätsdimensionen statt. Heute gibt es ein Nebeneinander vieler verschiedener Ansätze zur Qualitätsbeschreibung.

Hier setzte das im November 2016 gestartete Projekt „Gute Heime – Möglichkeiten der Sichtbarmachung der Qualitäten stationärer Hilfen zur Erziehung“ an. Im Kooperationsverbund zwischen dem Deutschen Jugendinstitut e.V., dem Deutschen Verein und der Bertelsmann Stiftung wurde dieses Forschungsprojekt ins Leben gerufen. Das Projekt entwickelte sich aus dem Modellvorhaben „Kein Kind zurück lassen!“ und wurde durch das Land Nordrhein-Westfalen, den Europäischen Sozialfond und die Bertelsmann Stiftung finanziert.

Ziel des zweijährigen Forschungsprojekts war die Herausarbeitung wesentlicher Dimensionen zur Beschreibung von Qualität in stationären Einrichtungen. Dabei wurden keine neuen Qualitätsanforderungen definiert, sondern implizite und explizite Annahmen über Einflussfaktoren auf Qualität aus unterschiedlichen Perspektiven herausgearbeitet. Die Ergebnisse des Projekts sollen u.a. dazu beitragen, dass Einrichtungen ihr jeweiliges Qualitätsprofil besser beschreiben können und so für die AdressatInnen und die Jugendämter ein plastischeres Bild der Einrichtungen entsteht. Dies soll auch die Wissensbasis der AdressatInnen zur Ausübung ihres Wunsch- und Wahlrechtes erweitern.

Qualität ist ein komplexes und multiperspektivisches Konstrukt (vgl. Merchel 2005, S. 686). Um sich dem Qualitätsbegriff sowie den -dimensionen zu nähern, wurde im Rahmen des Forschungsprojekts ein mehrstufiges Vorgehen mit unterschiedlichen Zugängen gewählt:

1.    Umfassende Auswertung der Fachliteratur und -diskurses (national und international) zu Qualitätsdimensionen und bestehenden Qualitätsentwicklungssystemen

2.    Befragung der unterschiedlichen Akteure im Feld zu ihrer Perspektive auf Qualität

3.    Dokumentenanalyse, z.B. von Qualitätsentwicklungsvereinbarungen und Rahmenverträgen

Die Literaturrecherche begann mit wissenschaftlicher und praxisorientierter Literatur. Des Weiteren fand eine gezielte Internetrecherche auf einschlägigen Plattformen, Homepages von Verbänden, Organisationen, Einrichtungen, Behörden und Institutionen statt. Über diverse Suchmaschinen wurde nach spezifischen Fachbegriffen und Stichworten (auch international) gesucht. Aktuelle Jahrgänge von Fachzeitschriften der Sozialen Arbeit wurden nach relevanten Beiträgen gesichtet. Die Literatur-Datenbank umfasste zum Ende des Projekts 619 Titel.

Schaubild: Literaturrecherche

In der Interviewstudie wurden drei unterschiedliche Akteursperspektiven auf Qualität stationärer Einrichtungen erhoben. Die Innenperspektive wurde von Fachkräften auf allen Ebenen stationärer Einrichtungen (Gruppenarbeit, gruppenübergreifender Dienst, Leitung) repräsentiert und die Außenperspektive wurde mittels Befragungen von Fachkräften bei Jugendämtern, Landesjugendämtern, freien Trägern und Fachverbänden erfasst. Als dritte Perspektive wurde die Ebene der AdressatInnen einbezogen. Hierzu wurden mit jungen Menschen, die in stationären Einrichtungen leben und lebten, sowohl Einzelinterviews als auch Gruppendiskussionen geführt. Eltern von Kindern die in stationären Einrichtung leben wurden ebenfalls interviewt.

Schaubild: Übersicht der bereits geführten Interviews.

Der dritte methodische Zugang stellte die Analyse verschiedener qualitätsrelevanter Dokumente im Hinblick auf die darin enthaltenen Qualitätskriterien, deren Konkretisierungsgrad und Ausgestaltung dar. Dabei wurde zwischen einrichtungsbezogenen, gesetzlich vorgeschriebenen und weiteren Dokumenten unterschieden. In einem ersten Schritt wurden Einrichtungskonzepte und -leitbilder vor allem der interviewten Heime auf die bestehende Sichtbarmachung ihrer spezifischen Qualitäten analysiert. Anschließend erfolgte eine Stichprobenanalyse der Qualitätsentwicklungsvereinbarungen und Leistungsbeschreibungen nach § 78b SGB VIII sowie der entsprechenden Rahmenverträge. Dabei wurden neben den von den interviewten Einrichtungen zur Verfügung gestellten Vereinbarungen auch Dokumente weiterer Heime, die dem Projekt z.B. in Kooperation mit einem Landesjugendamt vermittelt wurden, gesichtet und ausgewertet. Ebenso flossen vorhandene Ergebnisse aus bestehenden Untersuchungen zu den Vereinbarungen und Rahmenverträgen (vgl. Dürbeck 2015; Münder und Tammen 2003) in die Analyse mit ein. Fachlichen Empfehlungen der Landesjugendämter und weiterer Qualitätsdokumente, wie z.B. Qualitätsrahmen oder -anforderungen von Verbänden oder Agenturen, wurden gesichtet und fachliche Empfehlungen tiefergehend analysiert.

Die Ergebnisse der drei Forschungsstränge – Literaturrecherche, Befragung und Dokumentenanalyse – wurden abschließend zusammengeführt, um daraus zentrale Qualitätsdimensionen abzuleiten, die geeignet sind, Qualitätsprofile zu beschreiben.

Das Forschungsprojekt wurde durch einen fachlichen Beirat begleitet, dem folgende Mitglieder angehörten:

  • Frau Birgit Brochhagen-Beier, Stiftung "Die gute Hand", Institut für Qualität in Erziehungshilfen - quer, Kürten
  • Herr Dr. Peter Büttner, Projekt PETRA GmbH & Co. KG, Schlüchtern
  • Herr Jörg Freese, Deutscher Landkreistag, Berlin
  • Frau Carolin Krause, Dezernat für Soziales, Bildung und Gesundheit der Bundesstadt Bonn
  • Herr Hubert Lautenbach, AWO Bundesverband e.V., Berlin
  • Herr Prof. Dr. phil Joachim Merchel, Fachhochschule Münster
  • Herr Michael Mertens, Graf Recke Stiftung, Düsseldorf
  • Herr Prof. Dr. Olaf Neumann, Alice Salomon Hochschule Berlin
  • Herr Hans Scholten, Jugendhilfezentrum Raphaelshaus, Dormagen
  • Frau Dr. Kerstin Schröder, Amt für Kinder, Jugendliche und Familien - Jugendamt, Nürnberg
  • Herr Dr. Florian Straus, Institut für Praxisforschung und Projektberatung, München
  • Herr Norbert Struck, Der Paritätische Gesamtverband e.V., Berlin
  • Herr Wolfgang Trede, Jugendamt - Landratsamt Böblingen
  • Frau Prof. Dr. Ulrike Urban-Stahl, Freie Universität Berlin
  • Herr MinDirig. Manfred Walhorn, Ministerium für Kinder, Familie, Flüchtlinge und Integration des Landes Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf

Dürbeck, Werner (2015): SGB VIII. Kinder- und Jugendhilfe ; Kommentar. 5., überarb. Aufl. Hg. v. Reinhard Wiesner. München: Beck

Merchel, Joachim (2005): Qualitätsentwicklung. In: Dieter Kreft und Ingrid Mielenz (Hg.): Wörterbuch Soziale Arbeit. Aufgaben, Praxisfelder, Begriffe und Methoden der Sozialarbeit und Sozialpädagogik. 5., vollständig überarb. Aufl. Weinheim, München: Juventa Verlag, S. 684-688

Münder, Johannes; Tammen, Britta (2003): Die Vereinbarungen nach § 78 a ff. SGB VIII. Eine Untersuchung von Leistungs-, Entgelt- und Qualitätsentwicklungsvereinbarungen. Eine Studie im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Verein für Kommunalwissenschaften. Berlin.

Statistisches Bundesamt (2017): Kinder- und Jugendhilfe. Hilfe zur Erziehung außerhalb des Elternhauses. Online verfügbar unter: https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Soziales/Kinderhilfe-Jugendhilfe/_inhalt.html, zuletzt geprüft am 25.03.2019

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