Ausgangssituation

In Deutschland lebten zum damaligen Zeitpunkt gegenwärtig etwa 3,2 Millionen Muslime (Spuler-Stegemann 2002). Aufschlussreich war, dass ca. ein Drittel der in Deutschland lebenden Muslime ihre Religion auch praktizierten und sich in ihrem Alltag darauf bezogen, während ein Drittel deutlich säkularisiert war. Zwischen diesen Polen bewegte sich ein „unentschiedenes“ Drittel, das gelegentlich muslimisch-religiöse Praktiken lebt und spezifische Traditionen beibehielt, im Alltag aber weitgehend säkularisiert war (Kandel 2004).
Die anhaltend schwierige arbeitsmarktliche Situation von Familien mit Migrationshintergrund, insbesondere derjenigen, die aus dem gering qualifizierten „Gastarbeiter“-Milieu entstammten, fixierte ihre Positionierung in unteren sozialen Schichten. Damit überlagerten sich Phänomene sozialer mit ethnizitätsbedingten Ausgrenzungserfahrungen. Im DJI-Kinderpanel wurde deutlich, dass scheinbar ethnizitätsbedingte Probleme, wie etwa Sprachdefizite, viel stärker auf soziale Deklassierung als Ethnizität zurückzuführen sind (Alt 2006, hier insb. Betz 2006). „Typisch türkisch“ oder „typisch muslimisch“ stellt sich in genauerer sozialwissenschaftlicher Analyse als „typisch bildungsfernes Milieu“ heraus. Während bei der einheimischen Bevölkerung 22 Prozent über die Hochschulreife verfügten, traf dies bei den türkischen Migranten nur auf neun Prozent zu. Auch die junge Generation hatte noch nicht viel aufgeholt, bei den Einheimischen hatte sich bei den 25 bis 35-Jährigen der Bildungsstand Hochschulreife mit 40 Prozent fast verdoppelt, während er bei der türkischen Kohorte noch bei 14 Prozent lag (Bildungsbericht 2006). So wunderte es nicht, dass türkische zu 54 Prozent bei den unteren 10 Prozent der Haushaltsnettoeinkommen zu finden waren, während dies nur für sieben Prozent der Einheimischen zutraf (Alt 2006).
Festzuhalten war, dass das Bild der türkischen Familie (verheiratet, kinderreich und mit männlichem Alleinverdiener) der Situation deutscher Familien bis in die 1970er Jahre hinein entsprach. Bekannt war das Phänomen muslimisch-türkischer Familien sich in Familienformen, Scheidungsverhalten, Kinderzahl rasch an die einheimische Bevölkerung anzupassen, bildungsferne und sozialökonomisch prekär lebende Familien wiesen jedoch ein deutliches Beharrungsvermögen auf (Spuler-Stegemann 2002). Daher stimmte es besonders bedenklich, wenn bei den 20- bis 26-Jährigen die türkischen Erwachsenen im Vergleich sowohl mit den einheimischen als auch mit allen anderen Migrantengruppen die schlechtesten Quoten an Bildungsbeteiligung aufwiesen (24 Prozent Türk/innen gegenüber 40 Prozent gesamt). Dramatisch hoch war die Quote der Nichterwerbspersonen in dieser Kohorte, also die weder in Ausbildung, noch erwerbstätig noch erwerbslos gemeldet war, also in der Familie verschwand. Dies betraf sechs Prozent der Deutschen ohne Migrationshintergrund, aber 22 Prozent der türkischen jungen Erwachsenen, bei den jungen Türkinnen allein waren es sogar 37 Prozent (Bildungsbericht 2006).

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